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Der Israelit · 1911-05-11 · Heft 19 (11.5.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 19 (11.5.1911)
Date
1911-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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bette 2. Sk. 19 9r Jsraeltt. 11. Mat 1911 chen und den Beruf vindizieren, an einer Stätte, wo auf dieser Basis errichtete „Talmudschulen blühen und Talmudgelehrte in unverminderter Zahl" herangebildet haben und heranbilden, ein neues System an die Stelle des erprobten alten zu setzen und diese Stätten zu einem Felde für einen Versuch zn wählen, der die Prognose des Mißlingens an der Stirn trägt und unter den Trümmern seines früheren oder späteren Zusammenbruchs existenzberechtigte Kulturen zu vernichten droht, die trotz äußerer, leicht zu beseitigender Mängel sich prinzipiell Jahrhunderte bewährt haben? Dürfen zur Rechtfertigung dieses Versuches europäische Verhältniffe, die Lehren und Erfahrungen, die man dort aus dem Seminarsystem gezogen hat, herangezogen werden, wobei einmal zugegeben sei, daß diese Ergebnisie durchwegs befriedigen und für die Zweckmäßigkeit des Systems Zeugnis oblegen? Nun, schon ein nüchternes, rechnerisches Exempel mahnt von dieser Vergleichung ungleichartiger Verhältniffe überaus zwingend ab. An keinem der europäischen Seminare ist der Choschen Mischpat Lehregenstand. Mit gutem Grund - denn das Geiet des mosaischen Zivilrechts mit seinen Verzweigungen in allen Beziehungen des Gesellschaftslebens der Menschen ist von so ungeheurem Umfange und stellt, dank des reichen Ausbaues, den gerade seine Materien durch die erlesensten und besten Geister gefunden hat, so große Anforderungen schon an das bloße Erkennen des Erkannten, von der Fortentwicklung dieses Gedankenreichs ganz zu schweigen, daß selbst der stärkste Wille daran verzweifeln müßte, für eine Kenntnis auch dieser Disziplin neben den andern erforderlichen Lehrgegenständen Zeit und Raum zu schaffen. Daß dieses Zugeständnis an die Zeitforderungen im Jntereffe der Durchbildung der zukünftigen Rabbiner aufs tiefste zu bedauern ist, darüber herrscht in sachkundigen Kreisen wohl nur eine Meinungist doch gerade das Kapitel von den Dins mamonoth (bürgerliches Recht) schon nach einem uralten Mischnahausspruch für die geistige Schulung und Durchdringung des Lernenden mit der Wesensart der Thorah das allerinstruktivste und dafür wie Prädestiniert. Immerhin ist aber hier der Ausfall dieses Lehrfaches doch wenigstens zu verschmerzen, weil es für die Praxis des Lebens in den modernen Kulturstaaten nicht in Betracht kommt und in dieser Hinsicht z. B. dem Joreh deah völlig nachsteht. Anders im Orient — und übrigens auch in Rußland-Polen, wo für die Juden der Choschen mischpat noch heute geltendes Recht ist und alle Fragen des bürgerlichen Gemeinschaftslebens nur nach seinen Grundsätzen entschieden und behandelt werden. Vermeint die Leitung Aleiner Feuilleton. Die Wische Abteilung der Mene-Jtassfeiinnd in Dresden. 2>üu Rabbiner Tr. Bamberger in Schönlanke. I. Am 6. Mai luitrbe in (Gegenwart des Königs von Sachsen die Hhgiene-AnSstellnng zn Dresden eröffnet. Diese Ausstellung hat für Uns Juden, für die unsere Thora den Grundsatz aufgestellt on3 TH/ besonderes Interesse. Wir freuen uns deshalb auch ganz besonders, daß der Vorstand der historischen Abteilung dieses Interesse bei .uns voraussetzte und in den ersten Stadien des Ansstellungsprojekts sich ufti Mitwirkung von jüdischer Seite bemühte. Zar Vorgeschichte der jüdischen Abteilung sei folgendes erwähnt: Am 3<>. November 1!)0!) erhielt Tr. G r u n w a I d in Wien von dem Vorstand der historischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ansstelluttg in Tresderl HUI in schmeichelhaften Ausdrücken eine Einladung, die (beschichte der Hygiene bei de»l Inden auf her Ausstellung zu vertreten.^In Dresden selbst wurde anerkannt, daß hier die Schwierigkeiten vor allem in der Darstellbarkeit liegen, denn es existierten keine bildlichen oder plastischen Reste vergangener Zeiten wie bei anderen Völkern, die an hygienischen Maßnahmen und Gepflogenheiten lange nicht so reich gewesen sind. In Erkenntnis der Bedeutung des Unternehmens für das Judentum sagte Grundwald zu. Er entwarf einen des Hilfsvereins wirklich im Ernst, in ihrem Seminar Rabbiner ausbilden zu können, die auch dieses Gebiet — was dort die Forderung des Tages ist — neben ben anderen Disziplinen noch souverän beherrschen und dabei auch noch „wiffenschaftlich auf der Höhe" stehen? Uns will die Aufgabe, diesen Lehrstoff in einem Seminarstundenplan, und würde er auch auf 10 Jahre und mehr ausgedehnt, zu bewältigen, nicht eben wesentlich einfacher bedünken als die Quadratur des Kreises. Aber noch an einer zweiten, fundamentalen Schwierigkeit geht das Seminarprojekt achtlos vorüber; das ist der Zwiespalt in der religiösen Entwickelung, der Sephardim und Aschkenasim scheidet. Nicht nur, daß in der praktischen Halachah hier Divergenzen herrschen, die bis in die alltäglichsten Lebensbeziehungen hinein ihre unterscheidenden Merkmale senden - darüber ließe sich eine- Brücke schlagen, wie es ja jederzeit möglich war, daß die führenden Geister beider Lager auch der Gesamtheit gehörten. Aber der Sachverständige weiß, daß tiefer als die Divergenz in diesen Einzelfragen die Verschiedenartigkett der geistigen Entwickelung hüben und drüben zwischen beide Lager einschnetdet - die Gestaltung des Ritus und Kultus, trotzdem sie von einer Wurzel ausging und in den Wurzeln zusammenhängt, hat nach Form und Inhalt, nach Ton und Charakter bei den Sephardim doch ganz andere Bahnen als bet den Aschkenasin eingeschlagendie Literatur des Sephardim, von ihren universalen Koryphäen abgesehen, trägt durchgängig Partikulären Stempel und spiegelt in jedem Zuge die Grundnote des historischen Berufs, den das Sephardimtum für sich in Anspruch nimmt, getreulich wiederja, die ganze Welt- und Lebensauffassung der Einen in ihrer künstlerischen Bedächtigkeit und optimistisch-lebensfreudigen Tendenz steht in so hartem, scharfem Kontrast zu der beweglichen Tatenlust und lebensernsten Resignation der Anderen, daß der Versuch ihrer Verschmelzung oder auch nur ihrer Vereinigung außerhalb der Grenzen des vernünftigerweise zu Erstrebenden liegend scheinen muß. In der Tat Kat wohl noch niemand ernsthaft daran gedacht, die beiden in Amsterdam nebeneinander bestehenden Anstalten in eine Einheit umzugießen, rmd noch bis heute hat nie — auch bei dem Seminarkursus des Hilfsvereins in Jerusalem nicht — ein Aschkenasi in eine sephardische Lehranstalt Aufnahme gefunden. Will der Hiifsverein zu seinen anderen Rtesenaufgaben auch noch die undankbarste von allen auf sich laden, diese disparate Entwicklung, die in gewachsenem Boden wurzelt und der Ausdruck kräftig pulsierenden Lebens ist, aus ihren Geleisen zu werfen und eine künstliche Einheit zu Plan, der mit Begleitbrief an alle jüdischen Gemeinden, Verbände, Mmeen, an Privatinteressenten versandt wurde. Neben Altertum und Mittelalter wollte man auch die Neuzeit vertreten. Er betonte aus sachlichen Gründen die Notwendigkeit, diese drei Teile im Zusammenhang darzustellen, da die im israelitischen Altertum wurzelnden hygienischen Einrichtungen bei den Juden späterer Zeit doch in ihrer historischen Entwicklung durch alle Etappen vorgefiihrt werden müßten. Nachdem im Januar 15)10 mit der AusstcUnngslcitung eine Vcrstäudigung erzielt war, wurden die Programme und Einladungen zur Beteiligung an alle in Frage konnnenden Adressen verschickt. Im Einverständnis mit der Leitung in Dresden wurden auch Leitsätze hygienischen Eharakters aus Bibel, Talmud, MaimonideS und Schnlchan aruch kaligraphisch dargestellt und mit künstlerischen Motiven versehen. Bei der Auswahl der Sprüche standen die Herren Dr. B a in b e r g e r - Schönlante, Deutsch- Breslau, F n n k - Boskowitz und PcrlS-PceS Herrn Tr. Grunwald zue Seite. Tie künstlerische Ausführung besorgte Frau Dr. Hitsch m a n n in Wien. Um die Einheitlichkeit und den Zusanrmenhang der jüdischen Gruppen zu wahren, wollte Gruntvald einen eigenen Pavillon für die AuSstellnng haben (das dafür iu Aussicht genommene Gebäude ivar bereits vorhanden), doch mußte infolge nicht genügenden Interesses und mangeliider Unterstützung auf jüdischer Seite davon Abstand genommen werden. Eine hervorragende Persönlichkeit der englischen Indenheit erklärte, die Ansstetlung sei doch eigentlich Sache der dentscheit und österreichischen Juden und in der Tat war trotz vielfacher Versuche in England nichts zu erreichen. Eine bekannte ainerikanische Größe lehnte ebenfalls nach einer anfänglichen Zusage aus nichtsagendem Vorwände ab. Ebenso Paris,, Ausstellungsmüdigkeit vorschützend. Die großen schaffen, die Stillstand und Stagnation bedeuten muß? Seine Machtmitel gestatten dem „Hilfsverein" den Luxus eines Experimentsaber wir fürchten, daß es in diesem Falle, wenn erst einmal der entscheidende Schritt geschehen ist, nicht mehr beim Versuch bleiben, sondern ein Definitivuni geschaffen sein wird, das nicht mehr zu redressieren ist. . Bleiben unsere Mahnungen und Warnungen unbeherzigt, dann wird in einem Jahrzehnt im Orient auf dem Gebiete des Rabbinertums ein Zustand sich etablieren, der mit dem russischen Kronsrabbinertum große Ähnlichkeit haben wird. Wie diese Kronsrabbiner, denen das talmudische Wissen und alle sonstigen Qualitäten abgehen, die die Maffe des Volkes von seinem Rabbiner erwartet und bei den alten Rabbonim findet, lediglich an den Krücken, welche die Statsautorität ihnen willig leiht, wandeln, ihrer „Herde" aber weniger als nichts bedeuten, so werden auch die „Hilfsvereinsrabbiner" im Orient zuvörderst nichts anderes als Staatsfunktionäre sein und aus dieser autoritativen Stellung die Wurzeln ihrer Kraft schöpfen. Aber wie alle, hinkt leider auch dieser Vergleich! Denn während in Rußland für absehbare Zeiten in diesem Zustand eine Aenderung darum nicht zu befürchten steht, weil einerseits .die Regierung kein Jntereffe daran hat und anderseits die Millionen und Abermillionen der Chassidim und der Jereim und Peruschim jeder Verschiebung sich widersetzen würden, so steht bei der weitherzigen, toleranten Gesinnung der türkischen Regierung zu befürchten, daß sie früher oder später in den „auf der Höhe stehenden" Seminarzöglingen gerade im wohlgemeinten, aber falschverstandenen Jntereffe ihrer jüdischen Bevölkerung die geeigneten und gegebenen Vertreter derselben erblicken und für deren tatsächliche, nicht bloß formale Anerkennung ihre Macht einsetzen wird. Diesen Einflüffen auf die Dauer ein Paroli zu bieten, dazu reicht die Kraft der „altmodischen", zwar talmudkundigen aber auf dem Parkettboden des Salons oder in den Bureauzimmern des höheren Beamtentums allzu ungelenkigen und unbewanderten „Rabbonim" nicht aus. Ihr Reich wird namentlich in der jüngeren Generation von Tag zu Tag an Boden verlieren. Ist es doch ungleich leichter und das Ziel weit schneller zu erreichen, in Religionsphilosophie, Exegese und Geschichte „auf der Höhe" zu sein, als im Talmud, Schulchan-Aruch und den Responsen- und zumal dort Aemter und Ehren winken, die dem „bloß" talmudisch Gelehrten verschlossen sind — wer vermöchte es der ins Leben drängenden, vorwärts strebenden Jugend so arg zu verdenken, wenn sie dem Rabbinerjüdischen Verbände erklärten sämtlich, kein einschlägiges Material za besitzen. Ein Teil der Presse nahm geflissentlich keine Notiz von dem liniernehmen, das bei den anderen Zeitschriften allerdings großes Verständnis fand, namentlich bei dem „Israelit", der einen eigenen Berichterstatter nach Dresden sandte. Besonders hervorgehoben zn werden verdient das Interesse der jüdischen Knltusgemeinde zn Wien, deren Präsident Tr. Alfred Stern und Vizepräsident Hosrnt Tr. Rappaport dnrch ihr warmes Eintreten bei der Kultusgemeinde einen Kredit bis zu JOOi» Kronen erwirkten. Ms eifriger Mitarbeiter verdient auch genannt zn werden: Herr Dozent Dr. Ellbogen in Berlin, dessen Bemühen es zu danken ist, daß, das Berliner Lokalkomitee die Kosten für die Tres dener Lokalbedürfnisse der Ausstellung deckte. Ti Herren Dr. Braun, Dr. Gnttmann-Breslan, Dr. Feucht wanger-Münthen, Tr. Fink in .Hamburg bekundete» ebenfalls dnrch ihre Mitwirkung ihr Interesse. Herr Direktor Ephraim Eohn in Jerusalem beaufsichtigte die Anfertigung der durch den Bildhauer Eohn i» Jerusalem angefertigten Modelle. In Amerika über nahm Herr Pros. Tr. Deutsch in Einciuatti und in Italien .Herr Dr. Morpurgo in Padua die Vertre tung der Sache. Ans Padua trafen auch die ersten Ausstellungsgegenstände, Photographien dtzr Katakomben, der Gß'etti re. ein. Finanziell unterstützten das Gelingen des Werkes außer Wien die Mmeindeu Budapest, Frankfurt a. M., Breslau, .Hamburg, Hannover, Magdeburg. Brünn und andere. Ebenso Frau Dr. Rosa Hersch in Meran und Herr Kommerzienrat B. Hirsch in Halberstadt. Ausstellungsgegenstände stellten auch zur Verfügung die Gemeinden Wien, Worms, Eisenstadt, Dresden, das jüdische Museum zu Wien, Herr .Hugo Bondi in Frankfurt a. M. In Dresden selbst fand die jüdische Abteilung weitgehendes Ent-

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