Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-05-04 · Heft 18 (4.5.1911) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 18 (4.5.1911)
Date
1911-05-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448822--66536-2494702
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ler Mraeltt. Seite 19 No. 19. 11. Mai 1911 ___ ihm das Kaddischresponsum: „Es werde der große Name hochgepriesen ewig und immerdar" aus einer Ruine Jerusalems entgegentönte Berach. 3s). Der Sinn dieses Ausspruches ist, daß, nachdem auch das Heiligtum aufgehört, der Jude angewiesen ist, durch Heiligung des Gottesnamens den Opstrdienst zu ersetzen. R. Jochanan dagegen meint: Wer diese Gebetsformel in seiner vollen Wahrheit ausspricht (iro?2ü), dem werden sogar die Sünden des Götzendienstes verziehen (Sabb. 119a). llnd schließlich heißt es im Namen des R. Josua b. Lewi, daß ihm auch deswegen die bösen Verhängnisse vernichtet werden (ibid.), während diese Lobpreisung nach Rab den Grund zum Bestand der Welt bildet (Sota 49t. Dieser Hoch- und Wertschätzung entsprechend sicherte man dieser Lobpreisung einen Platz nicht nur nach jedem größeren Absatz und Abschluß der einzelnen Abteilungen der Gebete, wie ja bekanntlich dies noch heute geschieht, vielmehr wird das Kaddisch nach verschiedenen öffentlichen und feierlichen Veranstaltungen gesprochen. So soll man nach dem Ossiot des R. Akiba ('rmK) nach einem öffentlichen Lernvortrag ein Kaddisch sprechen. Der Traktat Sophriru ordnet diese Gebetsformel zum Abschluß von Begräbnissen an (19, 12 k Der Grund für diese unvergleichlich hohe Bewertung und die mannigfache Verwendung des Kaddischgebets ist ganz einfach darin zu suchen, daß der Jude sein ganzes Tun und Lasten, alle seine Taten und Unternehmungen nur in Beziehung auf Gott, nur zur Heiligurtg und Erhöhung Seines heiligen Namens ausüben und vollenden solle. Dieser Zweck und dieses Ziel der menschlichen Willensäußerung soll im Falle, daß zehn Jehudim gemeinsam eine Handlung ausführen, die stillschweigend auch die Heiligung Gottes zum Ende hat, laut und vernehmbar zunt Ausdruck gebracht werden. Durch das öffentliche Beten, Lernen und bei Beerdigungen nach vorher rezitierten Versen — auch hierbei muß die ganze Begleitschaft unzweideutig anerkennen, daß nur Gott es war, der das betreffende herbe Geschick über den Menschen kommen ließ — trägt man zur Verherrlichung Gottes bei. Man setzt sein ganzes Ich für eine Zukunft ein, in der der Name Gotles verherrlicht, allgemein anerkannt und gepriesen werden wird. Oder man bemüht sich, den Inhalt des Kaddischgebetes zu erfüllen und zu verwirklichen. Welche Bewandnis hat aber das Kaddischsagen für Waisenkinder, und warum ist es üblich, daß die männlichen Nachkommen und nicht auch die weiblichen dasselbe vortragen. Unseres Erachtens ist vielleicht folgender Grund hierbei maßgebend gewesen: Wenn man nämlich die „Sie wünschen meine Ansicht über den Zustand Ihrer Frau Gemahlin zu kennen/, entgegnete der Doktor, „ich dachte soeben, mit Ihnen darüber zu reden." Aber er zögerte noch und sah den Andern mit einem eigentümlichen Blicke an. „Warum reden Sie nicht, Doktor?" rief Artur ängstlich. „Sie halten ihn doch nicht für bedenklich?" „Das heißt," erwiderte der Arzt, „ich würde lhn für durchaus unbedenklich erklären, wenn nur Frau von Lilienfeld in heiterer Gemütsstimmung wäre." „Ja, das ist eben das Fatale, daß meine Frau, seitdem sie kränkelt, fast allen Zerstreuungen unzugänglich geworden ist." „Sie mißverstehen mich, Herr von Lilienfeld, Zerstreuungen sind es gerade nicht, die ich Ihrer Frau Gemahlin empfehlen würde, aber —". „Rtzben Sie frei, Herr Doktor, ich bitte Sie dringend darum, es gibt nichts auf der Welt, was ich scheuen würde, wenn es meiner Frau zuträglich sein könnte." „Um so inniger bedaure ich, darüber mit Ihnen reden zu müssen, aber meine Pflicht als Arzt gebietet es mir. Wir Aerzte sind oft gar schlimm daran, die leidende Menschheit vertraut sich uns an, doch sollen wir zuweilen Nebel bekämpfen, die ganz außerhalb unseres Bereichs sich befinden, und daß dieses wenigstens zum Teil Verteilung der natürlichen Schätze auf Länder und Staaten näher betrachtet, so wird einerseits die göttliche Vorsehung und die göttliche Borbestimmung augenscheinlich, andererseits die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit betreffs Charakters, Gesinnung und natürlicher Anlagen unter den Menschen verständlich und erklärlich. Um den Gedanken durch ein Beispiel zu belegen. Wenn ein Land sämtliche Produkte und sämtliche Bodenschätze, alles nur irgendwie in einem Lande verwendet wird, hervorbrächte,' man wäre also in keiner Weise auf das Ausland angewiesen, so wäre die Befürchtung vorhanden, daß sich dies Land von der übrigen Menschheit abschließt - bedarf es doch derselben nicht. Ist dies erst bei jedem Land und bei jedem Staat der Fall, so gäbe es bald nicht eine Menschheit, vielmehr unzählige. So aber hat Gott die natürlichen Schätze wohlweislich verteilt, damit die Völker und die Nationen auf einander angewiesen, von einander abhängig seien. Diese Tatsache der Verteilung bewirkt somit, daß es nur eine Menschheit gibt. Dieses göttliche Gesetz aus die menschlichen Individuen übertragen, erzielt, daß nicht ein jeder zu einem jeden Beruf und Arbeit Geschick und Talent besitzt. Wäre ein jeder mit reichen Geiftesgaben ausgeftattet, so würden sich nicht, allzu viele z. B. zur Tischlerarbeit hergeben. , Nur weil ein jeder Mensch anders geartet, andere Geistesanlagen besitzt, konnte es die Menschheit auf den zahllosen Gebieten der Kultur zu der jetzigen Stufe der Zivilisation bringen. Jedes Land und jeder Mensch hat somit seine besonderen Aufgaben zu lösendas Individuum hat seinen natürlichen und geistigen Anlagen entsprechend einen besanderen Anteil zu der Vollendung der sittlichen Welt beizusteuern. Auch jede Familie hat ihr besonderes sittlich-religiöses Gebiet, auf dem sie sich betätigen und zu dem sie der ihr bestimmten Lage und ihren Verhältnissen gemäß ihren Pflichtteil der Menschheit leisten soll und muß. So wird schon von unseren Stammvätern berichtet, daß eine jede Familie mit anderen sittlich-hohen Eigenschaften ausgeftattet war. In Abrahams Hause wurde die Mildtätigkeit in besonderem Maße gepflegt (vergl. den Midr. z. Genes. 18, 1). Isaak zur Bereitstellung als Opfer bestimmt, widmete seine ganze Zeit der "rm^p,, dem Gottesdienst (Genes. 24, 63). „Und Isaak ging gegen Abend auf das Feld um zu beten." Und Jakob endlich zeichnete sich durch ruhige Ertragung seines herben Geschicks, durch Ergebenheit in Gott und geduldige Zufriedenheit aus (vergl. Genes. 31, 6 u. B. 40). Aehnlich diesen Vorbildern muß und soll auch jede echt jüdische Familie ihre besonderen Ideale, auch bei Frau von Lilienfeld der Fall ist, scheint mir außer allem Zweifel." „Sprechen Sie deutlicher." Ihre Frau Gemahlin leidet, leidet häufig sehr, aber noch mehr als ihr Körper scheint ihre Seele zu leiden, und daß dieses Seelenleiden das Körperliche, wenn auch nicht gerade veranlaßt, so doch sicherlich vergrößert, das steht fest." „Also Sie behaupten die außerordentliche Schwäche meiner Frau, alle die Schmerzen über die sie freilich nicht klagt, die sie aber dennoch oft so sehr martern, seien nur die Folgen eines leidenden Gemüts?" „Verzeihen Sie, Herr von Lilienfeld, das habe ich nicht gesagt. Die Wechselwirkungen der Seele und des Körpers aufeinander sind eben so groß als unerklärlich. Wer könnte z. B. sagen, warum das Blut den Wangen entweicht, wenn den Menschen, doch eigentlich nur die Seele, Schrecken ergreift? Warum der Geist nicht denken kann, wenn das Gehirn angegriffen ist? Oder woher es kommt, daß Menschen, die viel Kummer haben, an Herzübeln zu leiden pflegen? Doch unsere Erfahrung lehrt uns, daß dem so ist. Das heiterste Gemüt kann durch körperliche Schmerzen verbittert werden, aber auch der stärkste Köxpcr kann durch Seelenleiden ein siecher werden." (Fortsetzung folgt). die zu erfüllen sie sich zur Pflicht machen muß, ihren eigenen Vorsätzen, die zu verwirklichen sie alles daran setzen und ihren ihrer Individualität entsprechenden Vornahmen, die sie in Taten umzusetzen bestrebt sein muß, haben. Welcher Mensch jedoch könnte und dürfte, sogar auf dem Sterbebette, behaupten, er habe all die Pflichten, die ihm zu erfüllen oblagen, erfüllt, all die „Familien -gelübde und sittlichen Erschwerungen, die zu beobachten ihm vorgeschrieben, genau ausgeführt?" Eines der Familienhäupter stirbt: Vater oder Mutter segnet das Zeitliche/ sollen nun durch dieses Mißgeschick für ewig und immer die Ideale des Vaters, die Vorsätze der Mutter aussterben, wofür war denn all die die Sorge der Kindererziehung? Aus diesem Grunde soll der Stammhalter der Familie, der Träger ihres Namens, der Sohn geloben, den Namen Gottes zu heiligen, zu erhöhen und zu preisen. Das Kaddischgebet ist eine Ermahnung, eine Aneiserung und eine Aufmunterung, die nicht vollendeten und erfüllten Grundsätze und Ideale der Eltern zu verwirklichen, auszuführen. Denn durch diese Tat allein wird der Name Gottes verherrlicht, durch das Pslichtbewußtsein, die Sittlichkeit in der Welt immer mehr und mehr zu vermehren, so daß ein jeder seinen Anteil dazu beiträgt, einen Stein in den ewigen Bau einzufügen. Sowohl aus allgemeinen Gründen der Zurückhaltung der Frauenwelt als auch darum, weil eine Tochter mit ihrer Verheiratung Mitglied einer anderen Familie und in diese eingereiht wird, liegt ihr eine solche Pflicht nicht ob oder richtiger ist es für sie nicht immer möglich, die Ideale der eigenen Familie hochzuhalten. (Vgl. Kidd. 30 b). kV# s'K V'tt "1N-»TI V3K1 ICK tTK„ trat?;Kr m ixvn iöik KirwD hitk stk pK hwk ,nwj7} rra PL'O V'K V'n nc n"K ".rrVy onrw manttr riso rwp? nT3 ps*D Das Kaddischgebet ist kein Flehen für die Toten (vergl. „Die Vorschriften" für die Trauerzeit, S. 17, erschienen in der Bibliothek des Jüd. Volksfreundes, Heft I), für die lieben Heimgegangenenes ist vielmehr eine Aufforderung an uns, den Namen Gottes, das Licht, welches aus ihm strömt, in die weite Welt zu tragen. Und nur indirekt spricht auch dieses Lobgebet zu Ehren der Toten. Wenn wir nämlich ihre unerfüllten Ideale zur Ausführung bringen, so bleibt ihr Andenken ewig, ihr Name erlischt nicht. (Bgl. den Ausspruch unserer Weisen „yi "nv irK D^n -vc^n p -pcpcn.) Und jährlich, wenn der Sterbetag kommt, muß der Sohn prüfen, ob er bereits die Vornahmen und Gelübde der Eltern erfüllt und verwirklicht habeuntersuchen soll er, ob „für ihn noch das Seelenlicht der Heimgegangenen flackert, ob es für ihn noch nicht erlöscht ist ("<: ncrca). Die Prüfung soll am „Maßstabe" des Kaddischgebetes vorgenommen werden, um zu sehen, wie weit er sich sittlich vervollkommnet har. (Fortsetzung folgt.) Die Disposition in den heiligen Schriften. Bon Dr. M. Munk in Lemberg. (Fortsetzung). „Heilig sollt ihr sein", trotzdem ihr einen Körper habet, dem ihr Genüsse zuführen müßt, damit er denksähig bleibt, „denn ich, euer Gott, bin heilig". Wer sich zur Heiligkeit erziehen will, schlage folgenden Weg ein: I. Erziehung zur Heiligung der Tat. A. Vers 3. Gehorsam gegen die Eltern und Sabbatruhe. Diese beiden Gebote sind ein gutes Erziehungsmittel. Sie gewöhnen einen dazu, nicht gleich das zu tun, wan man momentan für richtig hält, und bereis ten so die Reinheit des Geistes, das vorurteilslose Denken, vor.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.