Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-05-04 · Heft 18 (4.5.1911) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 18 (4.5.1911)
Date
1911-05-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448822--66535-2494701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 18. No. 19. Der JSraeltt. 11. Mai 1911 beruf berührenden Fragen zu erörtern. Gerührt dankte Herr Rabbiner Dr. Brader den Lehrern, die unter Aufwand von Zeit und mancherlei Opfern erschienen seien, um in ernster Weise und gleicher Gesinnung über das Wohl und Wehe der jüdischen Volks- und Religionsschule zu beraten — und damit auch über das Judentum Westfalens, denn dieses stehe und falle mit der jüdischen Schule. Der auf gleicher Basis tätige Lehrer sei es, der dem Rabbiner in dem schweren und oft entmutigenden Kampfe gegen Indifferentismus und Unwissenheit wieder neue Schaffenskraft gebe. Hier in Westfalen müssen Rabbiner und Lehrer gemeinsam den Geistespflug in der thoradürren und steinigten Erde dahinziehen, um das von Vorgängern Gepflanzte zu erhalten und neue Samenkörnchen in die nur mit Einsetzung der ganzen Persönlichkeit gezogenen Ackerfurchen zu streuen. Mit besonderem Nachdruck betonte der Rabbiner, daß zwar immer die Qualität des Wissensstoffes der Quantität vorzuziehen sei, — er wolle aber gleichwohl nicht versäumen, uns westfälische Lehrer ganz besonders zu warnen, den nur spärlich und mit einigen Stunden zugemeffenen Religionsunterricht stofflich ins Uferlose zu erweitern. Unsere Devise müsse sein.- „Wenig, aber gut." Unserer Tätigkeit müsse immer und immer wieder das Motto ausgeprägt sein, den Blick der jüdischen Jugend wiederum auf die Hochburg der jüdischen Ideale zu lenken. In überzeugender und packender Weise plädierte Herr Rabbiner Dr. Brader für die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes unter Berücksichtigung der in Westfalen in Betracht kommenden 3 Schulsysteme, der Volks-, der Religions- und der Filialschule. In Anbetracht der verschiedenartigen Verhältnisse, unter denen jeder einzelne Lehrer zu arbeiten habe, könne das auf jeder Stufe zu erreicheude Ziel nur ein ganz bescheidenes sein, und deshalb schlage er zur Ausarbeitung einen NormalmirrirrralleHlplau vor. Einstimmig wurde diesem Vorschläge beigestimmt. Zur Ausarbeitung dieses Normalminimallehrplanes wurde eine Kommission eingesetzt, die die Fertigstellung des Lehrplanes in, Plenum innerhalb von 2 Monaten durchführen soll, um ihn bei der nächsten Ende Juni d. I. ftattstndenden Versammlung zur Diskussion zu stellen. Die Anregung, eine Einheit auch bei den Schulbüchern herbeizuführen, wurde lebhaft begrüßt. Aus Opportunitätsrücksichten wurde aber eine diesbezügliche Aussprache für eine spätere Versammlung zurückgestellt. Nach solchen Stunden ernster Tätigkeit verwandelte sich das Versammlungslokal in ein herrliches „Tischlein deck dich". Bei Kaffee und vielen süßen Schöpfungen der Backkunst kam auch die Gemütlichkeit zu ihrem Rechte. Wahn gehegt, daß es ihr gelingen könnte, ihren Gatten non der Nichtigkeit aller moralischen Grundsätze, wofern diese nicht aus religiösen beruhen, zu überzeugen und ihn mit Herz und Seele Jude werden sehen, doch längst hatte sie diese Hoffnung aufgegeben. Sie war Weib, Weib im reinsten Sinne des Wortes. Der ganzen Welt wäre es nicht gelungen, sie in ihren Grundsätzen wankend zu machen, aber um einen andern zu überzeugen, dazu bedarf es mehr als der eigenen Festigkeit. Doch selbst wenn sie dieses „mehr" besessen, Artur gegenüber hätte es ihr wenig geholfen. Er liebte sie noch immer aufs zärtlichste) in ihrer Gegenwart vermied er alles, was ihr auch nur das geringste Aergernis hätte bereiten können. Sprach sie mit ihm darüber, so gab er ihr stets recht. Wie hätte er sich auch mit ihr in dogmatische Streitigkeiten einlassen, wie ihr in dem widersprechen können, was ihr, wie er wußte, höher als das Leben galt? Groß ist die Macht der Liebe, doch größer die der Gewohnheit) es gibt nur eine Macht, die größer ist als diese, das ist die Macht der Neberzeugung. Arabella hatte es nicht bemerkt, daß Artur raschen Schrittes sich ihr genähert und fuhr zusammen, als er sie nun plötzlich anredete: „Habe ich dich erschreckt? Das ist mir leid, verzeih. Aber ich freute mich so sehr, als ich Der darauffolgende Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Brader über die Haftarah vom 8. Tage Pessach war ein Muster von Exegese. Unter der geschickten Hand des Vortragenden gewann die spröde Materie frisches Leben. Durch sprachliche und sachliche Erklärungen teils persönlicher Forschung und teils infolge fleißigen Studiums aus dem einschlägigen Gebiete übermittelte er eine solche Fülle von Gedanken, daß jeder sich gestehen mußte, heute etwas gelernt zu haben. Bei einer Aussprache über die Berufstätigkeit des Lehrers wurde besonders hervorgehoben, daß der Schiur-Vortrag eine wunde Seite sei. Der Rabbiner wies daraus hin, daß der freie Bortrag immermehr Anhänger finde, bittet aber, über die bisherigen Lern-Seforim nicht lieblos den Stab zu brechen. Die Gedanken in ihnen müßten nur von dem Schiur-Vortragenden verarbeitet und daun frei vorgetragen werden. Der Midrasch soll dabei aus pädagogischen und didaktischen Gründen möglichst im Vordergründe des Vortrages stehen. In Kürze gab noch der Rabbiner zwei Beispiele eines Schiur-Vortrages : 1. Eine freie Bearbeitung eines Midrasch, 2. die Verwendung des Seligsbergschen vorzüglichen Lernbuches, min ■MK Herr Rabbiner Dr. Brader stellte, um den Lehrern bei der Wahl der zur Vorbereitung des Schiur-Vortrages erforderlichen Seforim einen Anhaltspunkt zu geben, für die nächste Versammlung eine ausführliche Würdigung der 2">rv—in Aussicht. Erst in vorgerückter Stunde trennte man sich von der d*dw Gtr1? nrtoc I. A.: Lehrer Gustav Bär-Genien. Live traditionelle und neuzeitliche jüdisch Pflichtcn»Jluffa$$uii0. £cn Dr. Dt. Neuwirth in Berlin. I. Der Priestersegen (Lckilufz.) Fassen wir kurz die Hauptpunkte unserer Ausführungen zusammen, so sehen wir, daß in dem Priestersegen zwei Hauptgedanken zum Ausdruck kommen. Einerseits deuten viele Bestimmungen darauf hin, daß der Priester ein Gesandter Gottes sei, der den Segen Israel zu überbringen hat. Andererseits wird ihm, dem Priester, die Würdigkeit für dieses Amt erst von im Hause hörte, Du seiest hier im Garten, daß ich eilte, Dich aufzusuchen. Hat Dich das Gehen nur nicht zu sehr angestrengt? „Du hälft mich immer für viel schwächer als ich bin," entgegnete Arabella gezwungen lächelnd, „ich bin ja kaum dreißig Schritte gegangen, wie hätte das mich anstreugen sollen?" „Aber nun nintmst Du meinen Arm, da wirds doch besser gehen, ich bin ja Deine natürliche Stütze. Wie fühlst Du Dich denn im Freien?" „Ich danke Dir, ich fühle mich hier sehr wohl," und doch atmete sie so tief, als würde sie seufzen, „so wohl wie seit lange nickt. Ihr stets Gesunden wißt es gar nicht, was es heißt, frische Luft einatmen." „Wenn Du sie entbehren mußt, da weiß ich wohl, was das heißt. Doch beinahe hätte ichs vergessen. Doktor Müller ist mir begegnet, er wird Dich morgen besuchen, was meinst Du, wohin er Dich schicken möchte?" „Nun?" „Nach Ostende." „Nach Ostende? Seebäder sollte ich nehmen?" „Das weiß ich eigentlich nicht, ob das seine Ansicht ist, ich glaube, daß Du vorläufig nur die frische stärkende Seeluft genießen solltest." „Papa, Mama, ein Armer ist da, gebt mir Geld!" Artur griff unwillkürlich in die Tasche, aber er Seiten des Volkes zuerkannt: man bescheinigt ihm gleichsam, daß er hierfür würdig sei. Mit anderen Worten, bei der Erteilung des Prieftersegens kommt die zwiefache Verantwortung des Priesters zum klaren Ausdruck, Gott und seinem Volke gegenüber. In der Bibel wird der Priester geradezu der "*on niN3X "ffrOö,, „der Engel Gottes der Heerscharen (Mal. 2, 7, vgl. Koheleth 5, 5 "jK^cn ■?«) genannt. Aehnlich jedem anderen Boten Gottes konnte und durfte der Priester nur die Worte zum Volke sprechen, die ihm von Gott vorgeschrieben. Der Priester ist der Erwählte Gottes. Jedoch geschah diese Wahl nicht ausdrücklich ivegen besonderer sittlicher Größe, wegen außerordentlicher moralischer Kraft, die nur dem Priester eigen war) wegen dieser Eigenschaften wurde wohl ein Prophet berufen. Vielmehr hat Gott einen Stamm dazu eikoren, daß dieser sich nur den, Gottesdienste widmen und die „Würdigen" darunter sollten daun den Dienst am Altar verrichten. In diesem Sinne imb aus diesem Grunde war jeder Gemeinde in Israel anheimgegeben, darüber zu urteilen, ob der von der Geburt aus zum Gottesdienst bestimmte Priester für diesen Dienst auch würdig sei. Wird doch ausdrücklich besohlen //’)n££Hp')„ und du sollst und mußt ihrr heiligen (;nzi) M DKiP po .'W (Jebamot 88 b). Ebenso haben die Priester selbst genau untersucht, wer für diesen Dienst würdig sei. (Bergt, ausführlich Midot ö, 4.) Ob der beiden eben genannten Momente darf auch der Priestersegen als solcher, als der einzige Ueberrest vom Heiligtum angesehen werden) jede Rüttelung daran bedeutet nicht nur eine Negierung einer göttlichen Institution, vielmehr einen Bruch mit der Zukunft Israels, in der einst ebenfalls die Priester als die Vermittler zwischen Gott und Israel dastehen werden und eine Verachtung der Vergangenheit, in der die Priester den Dienst im Heiligtum verrichteten. II. Das Kaddischgebet. Eines der wichtigsten Bestandteile unserer ganzen Liturgie wie sämtliche öffentlichen Gebete bildet unverkennlich das Kaddischgebet: ein Wunsch und eine Bitte, der Name Gottes möge allüberall erkannt und verherrlicht werden.- Sein unvergleichlich großer W:rt und seine große Bedeutung für das religiöse Bewußtsein, seine eminente, immanente Kraft und Macht zur Durchdringung und Durchwirkung des ganzen Ich des Jehudi mit den erhabensten Ideen, mit göttlichen Gedanken, wird in den verschiedensten Variationen und in mannigfachster Art zum Ausdruck gebracht. So erzählt N. Jose, daß besann sich rasch. „Führe den Armen in die Küche, Kind, laß ihm dort zu essen geben." „Warum willst Du ihm denn kein Geld geben, Papa?" „Weil heute Sabbat ist." „Aber heute Morgen hast Du doch der armen Frau Geld gegeben?" Ich? was fällt Dir ein. Emil, wo hättest Du das gesehen?" „Oben vom Fenster aus, Lenchen hat mich festgehalten." Errötend wandte sich Artur ab. „Du irrst Dich, Kind y „O nein, Papa, ich irre mich nicht, ich habe es gut gesehen, ein großes Stück Silbergeld hast Du ihr gegeben, und da hat die Frau geweint und Dir so die Hand geküßt und hat gesagt „Gott lohne es Ihnen," und da habe ich Lenchen gefragt, warum sie das sagt, da hat Lenchen gesagt, weil sie unglücklich wäre und Papa hätte ihr geholfen. Und Papa wäre so gut und Hülse allen armen Leuteu." Ein tiefer Seufzer entrang sich Arabellens Brust. Wäre ihr Gatte ein böser herzloser Mensch gewesen, es wäre vielleicht ihr möglich gewesen ihr Kind in ihrem Sinne zu erziehen, so aber verzweifelte sie fast daran. * * „Wie finden Sie meine Frau, Herr Doktor?" sprach Artur zu dem Arzt, der eben den gestern versprochenen Besuch abgestattet und nun von Artur begleitet das Zimmer seiner Patientin verlassen hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.