Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1911)
- Date
- 1911-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Hält der Jud/ nur Mk att seiner 'Zvv min, dann möge er leben in Wem beliebigen Staate, mit Leib und Seele-seinem Vaterlande ergeben sein und seine vaterländische Sprache zu seiner Muttersprache machen, die Existenz seiner jüdischnationalen Individualität und ihre natürliche Evolution wie die Eigenart ihrer Produktivität, ihres Lebens, Wirkens und Schaffens ist, vor jeder assimilierenden Auflösung gesichert. Antiochus Epifanes, Hadrian und ihre Nachahmer haben das Wesen des Judentums weit richtiger erkannt als unsere heutigen jüdischen Nationalisten, wenn sie ihre Axt an die religiöse Wurzel Israels legten, als sie gegen dasselbe ihren Vernichtungsfeldzug unternommen haben. Unsere min verfügt über ein unabsehbar reiches Arsenal der intensiv wirksamsten Mittel, welche zur Genüge die Wahrung und Entfaltung des jüdisch-nationalen Wesens sichern, obzwar das keineswegs ihr einziges Ziel ist. Im Interesse des engeren Anschluffes an ihre vaterländischen Mitbürger und zur ersprießlicheren Beteiligung an den Bestrebungen des gemeinsamen Vaterlandes haben die Größten und Besten unseres Volkes nie beanstandet, ihre vaterländische Sprache zu ihrer Muttersprache zu machen und ihre geistige Produktivität in derselben zum Ausdruck zu bringen, während sie unsere ursprüngliche nationale Sprache, die hebräische, zum BHpn erhoben haben. Für das religiöse Leben und Schaffen des Juden, in welchem sein nationales Wesen am intensivsten sich manifestiert, soll das Hebräische als Nationalsprache auch fernerhin dienen. Das religiöse Empfinden, das religiöse Forschen und Lehren soll für alle Zeit national bleiben und Gemeingut .der jüdischen Gesamtheit sein, zu welchem Zwecke die .hebräische Sprache sich am meisten : eignet. Sind einmal die Juden nur insofern 'eine Nation, als sie an der Religion Israels Festhalten, so soll diese letztere ihren adäquaten Ausdruck in Israels nationaler Sprache, in der k Sprache Moses und der Propheten finden. Aber auch damit nehmen es die Großen in Israel nicht immer genau. Sie haben nicht selten der Gemeinverständlichkeit der vaterländischen Sprache die nationalen Privilegien der hebräischen Sprache zum Opfer gebracht. Haben ja Philo, Aristobal, Saadia Gaon, Bachia ibn Pakkuda, Jehuda Halevy, Mendelsohn, R. S. Hirsch u. d. g. viele ihrer großartigen Schöpfungen religiösen Inhalts in ihrer vaterländischen Sprache geschrieben? . (Fortsetzung folgt.) Zur tage 1* Iewrale«. Fräulein Annie Landau, die bekannte Leiterin der Evelina de Rothschild Sehool in Jerusalem, die zurzeit ihren Ferienaufenthalt in London hat, machte in einem interrffanten Interview dem Herausgeber des „Jewish Chronicle" höchst beachtenswerte Angaben über die Lage und Verhältnisse in Palästina, deren teilweise Wiedergabe wir uns mit Rücksicht auf die jüngsten Ereignisse im heiligen Lande nicht versagen möchten. „In Jerusalem scheinen, so berichtete die Dame, tatsächlich trostlose Zustände zu herrschen, deren Ursachen teils auf natürliche, teils auf wirtschaftliche Umstände zurückzuführen sind. Zunächst handelt es sich um eine durch die schlechte Ernte hervorgerufene wirtschaftliche Misere. Besonders war im letzten Jahre die Gerstenernte sehr schlecht, wodurch natürlich die Preise der Lebensmittel immer mehr in die Höhe stiegen. Jetzt kostet die Milch in Jerusalem 1 Shilling (1 Mk.) per Pint (etwa % Ltr.) und die Butter 4 Shilling per Pfund. Diese Preise sind für die Bevölkerung fast unerschwinglich. Bier Monate vor meiner Abreise hielt ich den Gebrauch von Butter für so verschwenderisch, daß ich mich nur mit trockenem Brot begnügte. Diese hohen Preise find auch auf die Dürre zurückzuführen, die von letztem März vorigen Jahres bis zur zweiten Woche des Januar dieses Jahres andauerte. Es gab allerdings zu Rosch Haschono einige leichte Regenfälle, die aber zu jener Zeit nutzlos, ja sogar schädlich waren. Fünfjährige Kinder in meiner Schule fasteten einen ganzen Tag, damit es Regen gäbe. Und die anderen Konfessionen drangen in die Juden, in erprobter Weise den wohltuenden Regen durch ihre Gebete herabzustehen . ." Jnbezug auf die eingetretene Krisis berichtete Fräulein Landau folgendes: „Es besteht tatsächlich in Jerusalem eine wirtschaftliche Krisis, die die Lage der dortigen Juden unerträglich gestaltet. In den anderen Steilen des Landes sieht es etwas besser aus, aber auch dort ist die Lage nicht besonders erfreulich. Was die Lage im Heiligen Lande noch wesentlich verschlimmert hat, war die unglückliche Aktion mehrerer jüdischen Institute. Das alte sowohl wie das neue Greisenheim, wie auch die Jeschiboth und andere Anstalten hatten Wechsel in Umlauf gebracht, um sich aus den Schwierigkeiten herauszuhelfen. Diese Wechsel hatten den Nominalwert von 100 Franken. Sie waren mit 10, 12 oder 15 pCt. verzinst und sollten nach einem Jahre fällig sein. it «elfte 5 Die Geldmakler kauften sie für 80 Franken Per Stück und zogen hiervon noch 33V* PCt ab. Diese Leute gaben die Wechsel an andere Personen weiter, hauptsächlich an arme Witwen, die die hohen Zinsen anlockten. Als die Wechsel fällig waren, konnten die Anstalten weder Zinsen noch Kapital bezahlen. Sie suchten mit neuen Wechseln ihren Verpflichtungen nachzukommen. Das konnte natürlich nicht auf lange Dauer so weitergehen. Die Stadt bekam diese gesetzwidrige Spekulation endlich satt und so mußte das Unvermeidliche schließlich eintreten. Die Anstalten lösten ihre Wechsel nicht ein. Die Insassen des Heimes wurden auf die Straße gesetzt und die Jeschiboth stellten ihre Zahlungen an Lehrer und Schüler ein. Vervollständigt wurde das Elend als sich jetzt die Staatsbehörden der Sache bemächtigten. Die Gerichtshöfe erklärten die Käufer der Wechsel nicht nur ihres Geldes verlustig, sondern auch als strafbar, weil sie ungesetzliche Dokumente gekauft hätten. Vor 3 Wochen wurden zwei Leiter des einen Heimes aus diesem Grunde arretiert. Unter den armen Leuten, die all ihre Mittel durch die Krisis verloren haben, herrscht großes Elend. 600 Insassen der beiden Heime, welche für ihre Aufnahme in die Anstalten jeweilig gewisse Summen zu zahlen hatten, wurde vorübergehende Hilfe geleistet. Vor dem Zusammenbruch hatte der Leiter nach allen Teilen Europas Telegramme gesandt, in denen er um Hilfe anflehte. Die „Deutsch-Holländische Palästinaverwaltung", die von den Zuständen erfahren hatte, überwies 10,000 Mark an vertrauenswürdige Personen mit der Ordre, drß den Insassen des Heimes sofort Hilfe zuteil werde. Es wurde jetzt noch mehr Geld gesammelt. Aber was später geschehen wird, weiß man noch nicht. Solche Vorfälle verschlimmern natürlich das ohnehin in Jerusalem herrschende Elend ganz ungemein."- Ueber den Eindruck der jungen polittschen Freiheit auf die niederen Bevälkerungsschichten Palästinas äußert sich Fräulein Landau folgendermaßen : „Als die Revolution ausbrach und die Konstitution brachte, war das Volk in Jerusalem voller Entzücken über dieses neue Wort. „Hooriah", „Hooriah"! (Freiheit) hörte man aus jedermanns Mund. Aber allgemein wurde als „Freiheit" Zuchtlosigkeit! angesehen. Der Pöbel hatte den Begriff der Freiheit gründlich mißverstanden. Während der ersten Woche der Verfassung marschierte der Mob von Stadt und Land auf den Marktplatz in Jerusalem und veranstaltete zu Ehren des neuen Regimes eine Feier, die darin bestand, daß man die von den armen Marktleuten feilgehaltenen Eier zerschlug,- einm führt gewesen zu sein, denn tv.r besitzen aus dem Jahre 1241 ein wertvolles BerzeichntS von Reicksstädten und RetchSjudensteuern. Dieses BerzeichntS bildet die eigentliche Grundlage der vorliegenden Arbeit. Da es jedcch nickt sämtliche Städte enthält, mußte das lückenhafte Material mittels sorgfältiger Durchforschung der Urkunden der einzelnen Städte ergänzt werden. Nach Angabe der Steuerliste betrug die Reichseinnahme aus der Besteuerung der aufgeführten Judengemeinden 857 Mark Silber, d. h. etwa 206000 Mark nach heutigem Gelbe. Für jede Zeit, wo der Wert des Geldes ungleich höher war alS heute, bedeuten diese 206000 Mk. eine recht beträchtliche Summe. Dazu kommt noch, daß eine große Anzahl steuerkräftiger Gemeinden, z. B. Würzburg tn dem Verzeichnisse fehlen, daß also in Wirklichkeit der Steuerertrag noch höher war. Dies war jedoch nur die ordentliche, regelmäßige Jahre? steuer. Außerdem wurde bet jeder Gelegenheit von den Juden eine außerordentliche Steuer erhoben. Wenn der König Geld zu einem Kreuzzuge benötigte, dann erpreßte er es von dm Juden. Welcher Mittel ftch zuweilen die Herrscher bedient«, um von ihren Kammerknechten Geldsummen herauSzupresftn, die geradezu unerschwinglich waren, find bekannt. Wir brauchen nur an die Gefangerssetzung des Rabbi Meir von Rothenburg zu erinnern. Wie klein erscheint unS von diesem Gesichtspunkt a«S betrachtet die Gestalt so manches KrtegShelden. Namentlich unter Rudolf von HabSeurg und Ludwig dem Bayern erreich« die außerordentlichen Steuern eine enorme Höhe. Eine klare Vorstellung von ihrer Bedeutung rrlangen wir erst, wenn wir sie mit der regelmäßigen JayreSsteuer vergleichen. In RegenSburg betsptefSwetse betrug die Jahressteuer der Juden 200 Psd. Heller, die außerordentliche Steuer in demselben Jahre 1000 Pfd. In Kolmar machte die Jahressteuer 60 Mark Silber aus, die außerordentliche Steuer 4000 Pfd. Heller. Kann eS unS unter dies« Umständen Wunder nehmen, daß die Juden damals fich gezwungen sahen, bet der Geldverlethung hohe Zinsen zu nehmen? Sie mußten ja ungeheure Summ« aufbringen, und wälzten naturgemäß die ihnen auferlegte Last auf die übrige Bevölkerung ab, ein Borgang, der an die hkUte allgemein bekannte Erscheinung der Steuerabwälzung erinnert. Sie selbst hatten von ihrem Erwerbe nur geringen Nutzen, denn von allen Setten wurden ste zu finanziellen Leistungen he angezogen. Nicht nur das Reiche Oberhaupt, auch die übrigen Großen suchten fie für sich auszubeuten. Schon vor dem Interregnum begann das Streb« der geistlichen Fürsten um Erweiterung ihrer Macht und durch ihren Einfluß auf den König gelang es ihnen, tn vielm Gegenden das Jubenregal au fich zu bringen. ES erwuchs ihnen aber bald ein starker Gegner in den weltlichen Fürsten. Dte Könige, welche tn steter Gelbverlegen-eit fich befanden, sahen stch gezwungen, die Juden als Einnahmequelle zu Verpfändern und da ste nur in lettenen Fällen dazu kamen, da» Pfand wieder einzulvsen, ging allmählich die Besteuerung auf dte LavbeSlfixften über. Dies hinderte aber trotzdem dm König nicht, auch diese verpfändeten Juden mtt autzerorbmtlichen Steuern zu belasten. Reben den Landesherren traten als dritte Macht die Städte auf. Der wirtschaftliche Aufschwung der Städte hatte auch eine Bermehrung der städtischen Ausgaben zur Folge. Da waren e» wiederum dte Juden, welche zu Geldleistungen herangezogen wurden. Rach langen Kämpfen erhielten die Städte das Recht, die Juden zu besteuern, teils in Form von Schutzgeldern, teils in Form der Erhebung von Abgaben bet der Aufnahme jüdischer Bürger oder beim Wegzuge derselben. Währeuv die außerordentliche Steuer ganz von der Willkür des Königs abhing und aus diesem Grunde nicht selten unverhältnismäßig hoch war, wurde die regelmäßige Steuer auf Grund eine» UeberetnkommeaS zwischen dem König und der Judengemetnde festgesetzt. DaS Abkommen wurde in der Regel für eine bestimmte Zett getroffen. Ueber die Höhe der Judensteuern existieren nur Angaben in dem bereits erwähnten BerzeichntS Von 1241 und außerdem in einer Aufstellung über bieRetchSeinkünfte im Speyergau, die Heinrich V1IL im Jahre 1309 veranlaßt. ES gelang jedoch dem Berfaffer auf Grund eingehender Urkundenfoifchung, über dte Höhe der Judmsteuern tn 45 Städten Ausschluß zu geben, und da fich seine Untersuchungen auf den Zeitraum von 1241 bis 1348 erstrecken, können wir gewissermaßen dte wirtschaftliche Entwicklung der damaligen Judengemetnden verfolgen. ES hat im Berlaufe eines Jahrhunderts eine beträchtliche Steigerung der Steuerertrügnisse in den einzelnen Gemeinden stattgesunden. Während um dte Mitte de» 13. Jahrhunderts nur 3 Gemeinden mtt 100 Mark und darüber besteuert waren, waren es unter Ludwig dem Bayern bereits 10. Wir dürfm allerdings nicht außer Acht lasten, daß in vielm Fällen nicht jo sehr die wtnschastliche LeistungSfähigkeU als vielmehr da» finanzielle Bedürfnis der Fürst« für die Höhe der Besteuerung maßgebend gewesen ist. An dieser Stelle möchte ich auf einen Mangel Hinweisen, der meiner Auffassung nach dem Wirke anhastet. Wir vermissen vollständig etnm Bergleich zwischm der RetchSjuden- und RetchSstäbtesteuer und find daher nicht in der Lüge, uns eine Vorstellung darüber zu bilden, welchen Anteil dte Summe der Judmsteuer an der gesauunten Steuersumme auSmacht. Der Berfaffer hat Dtefcn Mangel auch gemerkt und führt als Begründung für die Unterlassung jeder Bergletchung folgendes an: Zunächst erwähm er die Lückmhoftigk. it dis vorliegenden Materials, dann aber nimmt er zu d.eser Frage Gullung mtt den Worten: Eine Gegenüberstellung der Reichsjuden- und ReichSpädtesteuern erscheine zwecklos, weil