Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1911)
- Date
- 1911-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«rttt 4 «r.17 -et aber oft genug der Thora gänzlich der Rücken gekehrt und die Treue zum Gesetze gebrochen wird. Wtr haben diesen Zustand mit verschuldet, indem wir bis anhin schwiegen und nicht nach Mitteln trachteten, dem steten Schwinden des Thorageistes entgegenzuwnken. Sollen wir noch weiterhin die Hände in den Schoß legen und ruhig mit zusehen, wie die Flammen immer mehr um sich greifen und das galizische Judentum bis auf den Grund zerstören?" — Es ist ein Schrei aus eines Mannes Herzen, dessen Leben und Wirken ganz seinen Brüdern gehört, ein Hilferuf, der nicht achtlos verhallen kann. So wissen denn bereits galizische Blätter von einer demnächst auf Grund obigen Aufrufes stattfindenden Konferenz zu melden, an der sich sämtliche Rabbiner und Chasstdimrabbis, sowie eine große Anzahl angesehener gesetzestreuer Laien beteiligen werden. Auf der Tagesordnung steht vor allem die Erziehungsfrage. Zur Verbesserung der Jeschiwaus und Chedarim, die unbeschadet ihres altjüdischen Charakters nach modernen Begriffen auszubauen sind, zur Einrichtung von Handwerkerschulen, nach Art wie sie in Palästina von gesetzestreuer Seite erhalten werden, liegen bereits bestimmte Vorschläge und bis ins einzelne und kleinste ausgearbeitete Pläne vor. Aber auch rein wirtschaftliche Fragen werden einen hervorragenden Platz in den Verhandlungen einnehmen. Wir können unseren galizischen Gesinnungsgenossen nur Glück zu diesem mutigen Anlauf wünschen und der Hoffnung Ausdruck geben, daß es den mit der Lage vertrauten Männern gelingen möge, der galizischjüdischen Bevölkerung neue Wege zu weisen, die aus der geistigen und teilweise auch aus der materiellen Not hinausführen. Das Üargon-Menttmi. Die historische Bewegung Israels in der Diaspora verfolgt gleichzeitig eine zwiefache Richtung. Gleich unserem Planeten, der Erde, welcher sich um seine Axe und zugleich um die Sonne bewegt, hat auch unser Volk, seit esseine staatliche Autonomie eingebüßt hat und unter verschiedenen Nationen zerstreut ist, überall eine wtnztze Minorität bildend, in politischer, sozialer, *) Bon hochgeschätzter jüdischer Seite in Rußland geht uns obiger Artikel zu, den wir, obzwar wir uns nicht in allem mit dem Autor einig fühlen und zugeben müssen, daß man in einzelnen Punkten, besonders inbezug auf die Stellung, die hier der hebräischen Sprache im jüdischen Leben zugewtesen wird, auch anderer Meinung sein kann, doch mit Rücksicht auf seinen aktuellen Inhalt, wie auf seine vornehm sachliche Form unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. _ Der Israelit._ ökonomischer und allgemein-kultureller Beziehung ein gemeinsames Leben mit dem Volke geführt, welches ihm ein gastliches Heim gewährte und es in die Zahl seiner vollberechtigten Bürger ausgenommen hat, und zu gleicher Zeit hat» es nie aufgehört, den kulturnationalen Interessen Israels mit idealer Hingebung zu leben. Treu der prophetischen Mahnung Jeremias an unsere Verfahren im babylonischen Exil, hat das Judentum überall dort, wo ihm nur die Möglichkeit gewährt wurde, regen Anteil an dem politisch-ökonomischen Gedeihen und kulturellen Fortschritte seines jedesmaligen Vaterlandes genommen und zu gleicher Zeit hat es nicht unterterlassen, seine jüdisch-nationale Individualität zu wahren und für die gedeihliche Entwicklung ihrer urwüchsigen Natur, ihrer providentiellen Bestimmung gemäß, bestmöglichst Sorge zu tragen. Die Grenze zwischen Ctvttät und Nationalität bewußt und unbewußt, ich möchte fast sagen instinktiv, streng einhaltend, hat Israel, bei all seinem hingebenden Patriotismus, in richtiger Erkenntnis, oder im sicheren Gefühle seiner nationalen Würde und seines historischen Berufes als mp '121 o'iro ri2)vv sich vor völliger Assimilation mit seiner vaterländischen Umgebung höchlichst in Acht genommen und betätigte ein ebenso eifriges Interesse für das Wohl seines Vaterlandes wie für die nationalen Güter der Judenheit. Nach dem Borbilde Josephs haben die Großen in Israel zu allen Zetten wie Daniel, Esra, Nehemte in Babylonien, Philo in Alexandria, Chos tbn Saprut, Samuel ibn Nagdilla, Isaak Abarbenell in Spanten, Moses Mendelsohn in Deutschland, Moses Montefiore und Samuel Montageu in England und noch viele andere sich ebenso als hochverdiente Bürger ihres Vaterlandes, wie als treue opferfreudige Söhne ihres Volkes bewährte Und was die großen Männer in Israel bewußt, das tat das Volksganze unbewußt, weil, wie es im Talmud heißt, «m ttb in'tt Der Genius des jüdischen Volkes hat es gewissermaßen miKön K'"i7pSDK2 geschaut, daß nur wenn der Jude seine Treue gegen sein Vaterland und gegen sein angestammtes Volk bewährt, daß nur dann Israel als besondere, eigenartige Nation, als o'oyn nVi3D oy sich erhalten und seine nationalen Kräfte .entwickeln, seinen großen historischen Beruf, seine erhabene kulturelle Mission als DW HK erfüllen kann. Sobald aber der Jude das Gleichgewicht zwischen seinen vaterländischen und national-jüdischen Interessen verliert und den einen oder den anderen den Vorzug gibt, dann ist es um seine historische Stellung unter den Nationen, als eine Nation saa generis, als eine Nation, welche sua sponte ba$ Mittelglied zwischen Na- ' ' MM?» welche in sich das Bewußtsein trägt, daß sie im Dienste der Menschheit steht/ getM?Ms ist wohl kein Zufall, daß Israel eine Natickc im eminenten Sinne des Wortes, vielleicht noch in weit höherem Maße und mit einer unvergleichlich tiefer ausgeprägt nationalen Individualität als so manche andere Nation, sich ohne jene drei zur Erhaltung und Entfaltung des vattonalen Wesens notwendigen Bedingungen, nämlich: der politischen Autonomie, des historischen Territoriums und der nationalen Sprache, sich vorzüglich erhalten und seine eigenartigen urwüchsigen nationalen Kräfte und Fähigkeiten entfaltet hat. Daß Israel keine bloße religiöse Genossenschaft, sondern ganz und gar auch eine Natton ist, braucht wohl nicht des Beweises. Zeichnet es sich ja nicht minder als andere Nationen durch die Gemeinschaft der Abstammung und des historischen Schicksals und somit der Vererbung und der Erziehung in weiterem Sinne aus, welche die Vorbedingung des nationalen Wesens, die Erzeuger jener physiologisch - psychologischen sittlich-intellektuellen Eigenart find, welche die Angehörigen einer und derselben Natton kennzeichnet, sie zu entsprechenden eigenartigen kulturellen Leistungen befähigt, berechtigt und verpflichtet. Daß die Eigenart des jüdisch-nationalen Wesens sich noch heute triebkräftig betätigt, dürfte wohl von keinem Einsichtigen in Abrede gestellt werden. Offenbart sich ja diese unsere nationale Eigenart noch heute in den uralten großen Nattonaltugenden und Fähigkeiten unseres Volkes, wie Nüchternheit, Mäßigkeit, Familiensinn, Barmherzigkeit, Mildtätigkeit, Rührigkeit, emsiger Fleiß, tätige Initiative, dialektische Schärfe, musikalische Begabung rc., welche im Leben und im kulturellen Schaffen der Juden sich manifestieren. Und das alles trotzdem, daß wir Juden seit zwei Jahrtausenden jener obenerwähnten dreifältigen Bedingung zur Konservierung und Evolution etngebüßt haben. Auch in dieser Hinsicht hat sich Israel als eine Natton sua. generis, als ein n*?i2D oy betätigt, welche unser großer Saadta bereits vor einem Jahrtausend in der erschöpfenden Definition, im kurzen und knappen Satze n'rmiro .123'« .iinmtt für alle Zeiten endgiltig charakterisiert hat. Wir sind eben die einzige . Nation V"i*a in« '13 bei welcher Nationalität und Religion zufammenfallen und sich einander bedingen. Israel hat sich im Verlaufe von Jahrtausenden als der einzige Träger der sinaischen min bewährt, und diese Thora eben hat sich ebenso als die einzige Trägerin Israels, als n W13 N8 KIP13 betätigt und nicht bloß als sein einzige raison ä'sws, sondern auch als die elnzige Bedingung seiner Erhaltung und Entwicklung. welcher er all die Märchen über Lehre und Leben der Pharisäer, wie sie von gewisser christlicher Seite verbreitet wurden, restlos widerlegte. Wie schon bemerkt, verkehrte er am liebsten mit den alten Rabbinern, und er äußerte einmal, daß ihm die Gesellschaft eines alten Rabbi lieber sei als die der höchsten Beamten nnd Geistlichen, die täglich um seine Freundschaft buhlen. Tie Lage in Rußland brachte es mit sich, daß die Rabbiner oft genug von dieser Freundschaft Gebrauch machen mußten, und seine Hilfe loar ihnen allezeit sicher. Imttl»ste«eln im Mittelalter. Bon Dr. Jacob Degatt in Berlin. Nicht nur, wer fich für die Wirtschaftsgeschichte der Juden tm Mittelalter interessiert, sondern wer sich mit der mittelalterlichen Ftnanzgeschichte überhaupt beschäftigt, wird es freudig tegrützen, baß vor einiger Zeit eine Schrift erschienen ist, die fich mit den ReichSsteüern der deutschen Judengemetnben von ihren Anfängen btS zur Milte des 14. Jahrhunderts befaßt.*) Trotzdem ich sie zu wiederholten Malm gelesen habe, reizt mich das äußerlich unscheinbare, aber inhaltsreiche Buch immer wieder, mich in die spröde Materie zu vertiefen, um an der Hand von Tabellen etnm Einblick tn ein bis jrtzt gänzlich verschlossenes Gebiet zu gewinnen. An eine schwere Aufgabe war der Berfaffer herangetreten, als er daran ging, ein Spezialgebiet aus der Wirtschaftsgeschichte der Juden im MUtelalter, die Geschichte d.r RetchSsteuern, wenn auch nur *) Bon Dr. Isert Rösel. Heraus gegeben von der »Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentums". Berlin 1910. Verlag von LouiS Lamm. für einen kleinen Zeitraum, zu bearbetten. Schwer war die Aufgabe insofern, als er fast gar keine Vorarbeiten besaß. Denn nicht nur über sein Spezialthema existieren keine Vorarbeiten, auch die allgemeine Ftnanzgeschichte dieser Zeit entbehrt noch der Darstellung. Um so mehr ist es ar zuerkennen, wenn fich der Versager hierdurch nicht abschrecken ließ, sondern fich auf dieses dornige, nicht betretene Gebiet wagte und mit erstaunlichem Fleiß das in vielen Urkunden zerstreute Material znfammentrug und systematisch vlrarbrttete. Wer auch nur oberflächlich das Buch betrachtet, fleht sofort, baß der Verfasser der Aufgabe, die er fich gestellt hat, gerecht geworden ist. Wer aber tiefer tn das Werk eiadringt, erkennt auf Schritt und Tritt den geschulten Historiker, der die Fülle von Stoff in knapper, gedrängter, jedoch überffchtttcher Weise bewältigt. Strenge Sachlichkeit und Selbstzucht veranlagen ihn nur hie und da zu manchen Problemen persönlich Stellung zu mhmen. Er überläßt es dem Leser selbst, dte Folgerungen aus den Resultaten zu ziehen. AuS dielen Bausteinen führt er ein einheitlich geschloffenes Gebäude auf und — mit einer einzigen Ausnahme — bleibt kein Punkt uneröuert, der für das Verständnis der aufgerollten Fragen, wenn auch nur indirekt, von Wichtigkeit ist. Der Versager hat eS aber auch verstanden — und dafür find wtr ihm zu ganz besonderem Danke verpflichtet — die Darstellung so lebendig und klar zu gestatten, daß wir vollständig die Sprödigkeit des Stoffes vergessen. Wtr wollen in großen Zügen die Hauptergebnisse der Arbeit vorführen. ES kann nicht unsere Ausgabe sein, eine erschöpfende Darstellung der gewonnenen Resultate zu geben. An einigen besonders markanten Stellen werden wtr zeigen, weich eigen, ümltche Beleuchtung die Wirtschaftslage der Juden im Mittelalter durch die Geschichte der Judensteuer erfähtt. Versetzen wtr uns tn die dunkelste Epoche der jüdisch-mtttelatterltchen Geschichte, m dte Zen vom Ausgang des Kreuzzuges btS zum Schwarzen Tod. Es ist dies jene Zeit, in der die Reichsgewalt bereits anfängt durch die aufstrebenden Territorialheeren und emporblühenden Stätte eine Schwächung zu erfahren. In diesem Kampf der LandeSfürsten, sowohl der geistlichen wie der weltlichen, mit der Reichsgewalt um Erweiterung ihrer Rechte und später der Städte um Unabhängigkeit vom Reich und Landesberrn spielen dte Juoen a'.S Wertobjekt eine bedeutende Rolle. Denn einen wesmtlichm Bestandteil der Macht sowohl des Reich« auch später der Bundesstaaten und der Städte bildet daS Besteuerungsrecht, und als Objekt dieses Rechts kamen die Juden in hohem Maße in Betracht. Sie waren eine stets ergiebige Einnahmequelle und das Judenregal war deshalb ein wertvolles Gut. Seit Beendigung der Kreuzzüge waren dte Juden als Kammerknechte in ein direktes Abhängtgkettsverhättnls zum König getreten, der fie gegen Ausschreitungen des Pöbels tn Schutz nahm, dafür aber von ihnen Abgaben in Form von regelmäßigen Steuern und außerordentlichen Deiträmn erhob. Die Entwicklung der Judensteuer dürfte fich tn folgender Weile vollzogen haben, die tm großen und gan.en von der Entwicklung der Sttuerim allgemeinen nicht wesentlich abweicht. Zunächst wurden aus äußerlichen Gründen Geldforderungen an die Juden gestellt. Brauchten ste belsptelsweise in einem bestimmten Einzelsalle den Schutz des Königs oder wurde einem Juden ein Verbrechen zur Last gelegt, so mußte dte jüdische Gemeinde für dte G.währung deS Schutzes eine Summe Geldes entrichten oder zur Abwendung der Strafe eine Geldbuße leisten. Später zog man die Juden einfach zur Getoletstung heran, wenn Geldbedarf vorlag, und da dieser Zustand tm hetttgen römischen Reiche deutscher Nation chronisch wurde, entwlckette fich eme regelmäßige Besteuerung der Juden. Dte regelmäßige Sttuer scheint mtter Friedrich ll. bereits