Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1911)
- Date
- 1911-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Verfassers nicht zustimmen? Oder, wenn er das letzte Ziel unserer heutigen Erziehung in die Worte zusammenfaßt: „Jetzt handelt eS sich vorzugsweise darum, 'wieder eine Generation heranzuztehen, bet der nicht Lebensgenuß das höchste Ziel ist, und die nicht daS geistige Erbe ihrer Bäter dafür hingibt. ES gibt nichts Wichtigeres jetzt in allen Kulturländern." so werden sich die religiös Gebildeten in allen Kulturländern so vollkommen dazu bekennen, daß sie ganz darüber vergessen, daß für den Verfasser dieses Postulat eine Frucht seines spezifisch -christlich-protestantischen Standpunktes ist. Es ist ebenso gut eine Frucht ihres katholischen, jüdischen, oder islamitischen Standpunktes. Sie erblicken darin deshalb mit Recht den Beweis für das Gemeinsame, das allen Konfessionen und Religionen eigen ist, u. d sind dem Verfasser Lafür im Herzen dankbar. Deshalb wird sich auch kein Unbefangener an der Wärme und Entschiedenheit stoßen, mit welcher Verfasser seinen christlichen Standctunkt betont und ihn als den besten hinstellt. Das ist seine innerste Ueberzeugung. Es ist daher sein Recht, ja seine Pflicht, dieser Ueberzeugung fortwährend Ausdruck zu geben, zumal der Verfasser sich doch naturgemäß zu allernächst an seine eigenen Religionsgenossen wendet. Bet der Schonung, Duldung, ja rückhaltlosen Anerkennung alles Guten und Wahren in anderen Konfessionen und Religionen, der man in den Schriften Hiltys allenthalben begegnete, würde sich eine solche Bemängelung doppelt und dreifach kleinlich ausnehmen. Es möge aus dem vorliegenden Buche nur e i n hierhergehöriges Zitat folgen. Es handelt sich dort um die Frage, was eigentlich das zu erstrebende Gute und das zu mindernde Schlechte sei und daß dies doch durch eine positive Gesetzgebung bestimmt sein müsse. In der Antwort, daß dies auch bei verschiedenen Völkern geschehen sei, heißt es dann: „Am besten geschah es bei dem Volke der Israeliten, dessen Zeh gebot noch immer die zweckmäßigste kurze Zusammenfassung der Moral ist, und dessen Pcvph.'ten und Lieder noch jetzt unsere Gefühle gegenüber dem ewigen Gott am besten ausdrücken. Es ist dies ein Volk, das deshalb, trotz seiner unrichtigen Entwicklung in einem großen Moment seiner Geschichte und der dadurch eingetretenen Versteinerung, noch immer lebt, während alle anderen gleich zeitigen Völker des Altertums untergegangen stnd, und das einst — davon bin ich überzeugt — seine leitende Stelle wiedergewinnen w'.rd. Aus ihm ist auch hervorgegangen und konnte allein her Vorgehen diejenige menschliche Personifikation des göttlichen Geistes, die wir mit Recht unseren Herrn und Befreier nennen." Aber der Verfasser geht noch einen Schritt Kleine» Feuilleton. Zun Iadlreittttge Dr. Ccbmann$. (Am 24. Nissan.) Daß der Begründer dieser Zeitschrift noch immer in unserer Mitte lebt und wohl leben wird für alle Zeiten, das hat das eben abgelaufene Jahr, das uns von seinem irdischen Wallen wiederum um eine Zeitspanne entfernte, unwiderlegbar dargetan. Tenn in weiteren Kreisen des gesetzestreuen Judentums empfand man, unabhängig von einander das Bedürfnis, den Lebenslauf des großer» Mannes in der Schilderung festzuhalten. Während nun eine Darstellung für die Jugend sich unter der Presse befindet, ist eine Biographie für die große Zahl seiner voltjährigen Verehrer weben in der Kaufsmannschen Buchhandlung erschienen. Fast schien es uns bei Beginn der Lektüre, als sei auch diese der Jugend geweiht, aber je weiter wir verdrängen, um so mehr empfunden wir, daß eine Beschreibung des Lebens Tr. Lehmanns nicht gut anders gegeben werden könne. Denn Tr. Lehmann hat nur ein Alter von 59 Jahren erreicht und in seiner Jugend lagen die Wurzeln seiner Kraft. So erfahren wir denn ans den beiden Heftchen, die seinen Sohn Tr. Ion Lehmann zum Verfasser haben, von seinem Elternhaus, seiner Studienzeit, seinem Brautstand, von der Begrünwetter. Weil ihm das wahre, einfache Christentum der sicherste Weg zum Lebensglück ist (S. 108), weil ihm der richtige Weg zur Gottesnähe ohne Zweifel, seitdem es besteht, durch das Christentum geht (S. 222), wett ihm die beste menschliche Lehranstalt für die Grundsätze des Wahren und Guten auf der Erde die christliche Kirche ist (S. 305), deshalb hat er ein ganzes Kapitel der Beantwortung der Frage gewidmet, warum denn die Menschen nicht zum Stifter fceS Christentums kommen, wenn er doch allen, selbst den Gesunkensten unfehlbar hilft. (S. 162.) Der Verfasser gibt auf diese Frage eine Antwort, die er aber, wohl weil sie ihm selbst nicht vollkommen genügt, mit der Bemerkung begleitet, daß er noch nach einer anderen suche. Daß diese Frage an alle Menschen, also auch an uns Juden gerichtet ist, wird deutlich ausgesprochen, gelegentlich der bereits zitierten Stelle, welche den richtigen Weg zur Gottesnähe als durch das Christentum gehend, bezeichnet. Dort heißt es weiter: „ES ist jetzt schwer geworden, für Leute, die es kennen, auch auf einem enteren Pfade fich dem göttlichen Wesen wirksam zu nähern; es ist das zunächst eine große Frage der Zeit für die gebildeten Israeliten und Bekenner des Islam." G. 222. Es sei hier an die milde Feinheit erinnert, die uns Israeliten nicht die Möglichkeit absprtcht, die Gottesnähe auch ohne das Christentum zu erlangen/ nur schwer ist es. Und die Schwierigkeit besteht nur für Leute, die das Christentum kennen und dennoch auf einem anderen Wege die Nähe Gottes zu erreichen suchen. Würden wir — so meint der Verfasser — das Christentum kennen, wie es hier geschildert wird, so ist dem Verfasser gar nicht zweifelhaft, daß wir Israeliten uns dazu auch bekennen würden. Diese Auffassung hat mit Bekehrungssucht und den gewöhnlichen Missionsbestrebungen nichts gemein. Sie wurzelt in der Hochachtung des Christentums und Judentums. Auf Grund der letztern steht es, wie bereits erwähnt, dem Verfasser fest, daß das israelitische Volk seine leitende Stellung wieder gewinnen wird. Auf Grund der letzteren steht es dem Verfasser nicht minder fest, daß nur das Christentum zu einer solch leitenden Stellung befähigt. Einmal muß sich also, nach der Ueberzeugung des Verfassers, das israelitische Volk für das Christentum entscheiden, es ist dies für ihn nur eine Frage der Zeit, und er glaubt von seinem Standpunkt im Interesse des israelitischen Volkes selber seinen Gebildeten die Frage nahelegen zu sollen, warum sie nicht die einstige unrichtige Entwicklung wieder gut machen, sich endlich für den leichteren Weg des Christentums entschließen und so die Versteinerung aufheben wollen, in der sie seit zweitausend Jahren leben. düng seiner Gemeinde in Mainz, von seiner literarischen Tätigkeit in ihren ersten Anfängen und von seiner hieraus erwachsenen Führerschaft für die gesetzestrene Jndenheit seiner Zeit. Freilich tonnte in so eng gezogenen Grenzen, wie sie zwei Bündchen der Jüd. Volksbücherei bilden, nicht auf die einzelnen Phasen der Lehmannschen Tätigkeit, ans deren Aufzählung zugleich eine (beschichte des gesetzestrene»» Judentmiis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden tväre, eingegangen werden: es konnten nicht die Besonderheiten der . Lehmannschen Weltanschauilng, seines R'eligionsshstemS dargelegt werden —das letztere haben iuir in dem Gedächtmsartikc'l. vor zwei Jahren an dieser Stelle zu skizzzieren versucht — auch manches über seine Wirksamkeit für die Allgemeinheit der Glanbensbrüder ohne Unterschied der Parteirichtnng haben wir vermißt, das altes aber soll kein Tadel für die überaus anziehend geschriebenen Büchlein sein, es sali nur hier gesagt sein, um einem Späteren einmal die Anregung zu geben, die Lebensbeschreibung des ragenden Mannes nach dieser Richtung weiter anszubauen. Für heute möge es »ms gestattet sein, da von der (Jugendzeit Lehmanns die Rede »var, ei»»en Brief S. Kohns, des berühmten Ghettoschilderers wiederzugeben, den dieser im Jahre 1897 an den älteren Söhn Tr. Lehmanns richtete. Ter Verfasser des „Gabriel" schrieb: Prag, 20. Dezember 1*97. Geehrter Freund! Ich denke sehr oft an meinen unvergeßliche» Freund, Ihren verewigten Vater, aber vorgestern abend, Freitag abend, ist rnir die Erinnerung an ihn mit solcher Macht vor die Seele getreten, daß ich rnich tief erschüttert Diese Frage vor aller Welt ^uns üon so wohlwollender, maßgebender Seite in so verbindlicher Form vorgelegt, erfordert eine öffentliche, freimütige Antwort. Es gibt darauf für den von seinem Judentum durWrungenen Juden manche sehr naheliegende. MH scheide diese aber hier aus. Die folgende freurwschaftliche Auseinandersetzung möchte die Antwyrt auf diese Frage nicht ausschließlich vom Standpunkte des Judentums, sondern vom Standpunkte dieser „Briefe" aus geben. Sie will in aller Kürze die hier von dem Verfasser selbst geltend gemachten Vorzüge und Lichtseiten des Christentums Revue passieren lassen, um an ihnen selbst zu zeigen, warum diese Momente für den Israeliten nicht ausreichen, sein Heit im Christentum zu suchen. Seite 8 heißt es: „Nach der Auffassung deS Christentums, welche der Protestantismus n»ch verschärft hat, hat auch jede einzelne Menschenseele einen unvergleichbaren Wert und' handelt es sich wett weniger darum, ein allgemeines Du chschntttsmaß von Zivilisation herbeizufüh en, was vielen j tzt als das Erziehung sideal erscheint, als möglichst viele einzelne Menschen von der Stufe der Tierheit, in der wir dieses Leben betreten, in die wahre Mcnschemvürde hinüber zu führen und in ein direktes, bewußtes Verhältnis zu dem Prinzip alles wahren Lebens zu bringen, womit wir das Leoben verlaffen sollen." Wenn ein so bewährter Kenner des Christentums den unvergleichlichen Wert jeder einzelnen Menschenseele als eine. Auffassung des Christentums bezeichnet, so darf man das als feststehende Tatsache hinnehmen. Aber diese Wertschätzung ist nicht minder eine Auffassung des Judentums, dessen Bekenntnisschriften des alten Testaments Htlty wie wenigen sonst geläufig waren. Daß der Vater der Menschheit die ganze Menschheit durch eine Flut von der Erde tilgt und eine einzige Familie rettet, daß er aus der gesamten Menschheit später wieder eine einzige Familie erwählt und darauf verzichtet, ein allgemeines Durchschnittsmaß der Zivilisation herbetzuführen, sondern sich auf die Nachkommen dieser Familie, das israelitsche Volk beschränkt, daß selbst dieses Volk infolge seines Abfalls, Gott aufgegeben, nur den einen Moses zu erhalten und die ganze Bestimmung dieses Volkes auf ihn zu übertragen bereit ist (2. B. M. 32. 10.), daß selbst für das Ende der Zeiten von diesem erwählten Volk nur ein kleiner Rest die Treue bewahren, „einer aus je einer Stadt und zwei aus einer ganzen Familie", diese und eine ganze Reihe anderer Tatsachen dürften doch als hinlänglicher Beweis dafür gelten, daß diese Auffassung des Christentums dem Judentum von seinen ersten Anfängen an eigentümlich war längst vor dem Bestehen des Christentums. S. 30. „Bessern und aufctchten kann man fühlte. Es »var cm eine»» 24. .Dezember abends, ich glaube des Jahres 1 *5! — es ist seitdem uahcz»» ein halbes Jahrhundert in de»»» Zeit ströme dahin geflossen — Ihr Vater seligen An denkenS, »var damals ein junger, blühender Mann ii» der Fülle jugendlicher Kraft prangend, war damals bei uns, eigentlich bei meinen teure» Ellern geladen. Es war ein kleiner, geinütlicher, nur a»»s süns Personen bestehender Kreis, von denen die Mehrzahl, drei, »nein Vater, mein.' Mutter und Ihr Vater aus den» Leben geschie den und nnr, — lehawdil ben chajim lamessim —meine Frau und ich noch unter den Lebenden »veilen. Ihr Vater las uns ein vvn ih»n ver faßtes Traina vor und inde»»» ich dies nieder schreibe, glaube icl» den junge»», hochgeivachsene» Mann mit den rosigen Wangen, dem »veichc» Flaume, de»»» freundlichen Lächeln um die vollen roten Lippen, dem anziehenden Mienenspiel seines geistreichen Gesichtes vor mir zu sehen, de» Klang seiner sonoren, wohlklingenden Stimme zi» höre»», als »värs vor einer Stunde erst ge schehen. Allerdings wäre »nein Vater selige»» Angedenkens, »venu er noch lebte, schon III Jahre, meine Mntter seligen Angedenkens 9* Jahre, aber Ihr Vater seligen Angedenkens, der »im» 5 dis (5 Jahre jünger als ich war, wurde durch Gottes unersorschlrchen Willen i»»initten eines zielbewußten Lebens, inmitten erfolgreicher Tätigkeit von nachhaltiger, dauernder Wirkung abbcrnfen. Sein Werk hat ihm mit Gottes Beistand überdauert, wird in seinem Sinne fortgeführt, sein.Andenken für immer in gesegneter Erinnerung fortleben. Ter Titel des Dramas, das er uns vorlas, »var mir noch vor einigen Jahren erinnerlich,