Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 1(5 des „)sraelit". euilleton Die Sescbicbte zweier Eeict>cn$feine. Bon Arthur Kahn. (Schluß.) Sind arme Leute im Ort, wo man kann eine Mizwe tun, indem man unter ihnen die Interests verteilt, never mind zehn Leute, da müßte der Raw, der Chasen, der Lehrer, der Schochet, der Scharms und die Chewra kadischa die Hälfte bekommen und die andere Hälfte an die Leute verteilt werden, die auf unsere Gräber gehen an unserem Todestag. Ig td»t right? (richtig) oder soll ich da oben liegen, verschollen und vergessen, nie mehr genannt, wie ein totes Tier, was ich nicht w.Ü vergleichen mit toten Leuten?" „Recht hast du, alter Freund," stimmte Lion bei. „Aber, sei mir's machetich würde es da noch bester machen.". Hier blieb der Sprecher stehen und verstellte den beiden Begleitern den Weg. „Well?“ frug der Amerikaner. „Wie? Das will ich gerade erklären. Ich Hab' mein ganzes Leben lang alles um mich herum beobachtet und bei vielen Gelegenheiten über das Warum und Wieso nachgegrübelt. Es kommt immer auf dasselbe heraus .... Die ganze Welt war aufrührisch, als nach Erfurters Tod seine und der Frau Schwesters- und Bruderskinder sich wegen der Erbschaft verfeindet und verklagt und verläumdet und wegen ein paar hundert Taler für Mazewes und so weiter sich herumgebalgt hatten, bis ein großer Chillulhaschan entstanden war und die Jiddesaunim sich hineingemischt haben. Da haben viele Leute behauptet, so was wäre nicht vorgekommen, wenn Erfurter Kinder hinterlaffen hätte. Stuß! Kinder sind auch nicht mehr dankbar bei uns. Ob man fünfzig oder hunderttausend hinterläßt oder garnichts; das macht die Liebe nicht größer und nicht kleiner. Narren, jawohl Narren sind die Menschen, die jahraus und jahrein auf ihren paar Trumpeln') fitzen, voller Angst, daß sie mit ihren Zinsen nicht auskämen und sie ihr Kapital mitnehmen könnten nach Aulam habbo. Da versagen sie sich einmal da was und dort was und haben noch eine dumme Freude dran, wenn sie mal ihre Zinsen nicht ganz aufgebraucht haben . . . Wenn sie nur bedenken wollten, wieviel größer das Naaches der Erben istein Naaches in dem nicht das kleinste bischen Liebe, sondern nur der Jezer Horroh, die Geldqler und der Eigennutz mitspielen." „Ibat is right, that is right!1*2) nickte sinnend und zustimmend Mosche Mendel. „Du bist ein großer Philosoph, hat (aber) was soll ein Mensch machen, der viel kortune gemacht Hat- und Hat Kinder oder Hat Verwandte, was nötig Haben zu kriegen das Geld?" „Ist denn jeder Vater und Onkel auf die Welt gekommen, um eine Jerusche zu Hintersassen? Ist das der Zweck des Geborenwerdens und Daseins?" frug Lion erregt mit den Händen fuchtelnd zurück. „Gibt's denn nicht auch noch brave und dankbare Menschen? nicht auch noch Kinder und *) verächtlicher Ausdruck für Vermögen. *) Das ist wahr. Mischpoche bei denen die Hinterlassenschaft nicht die Hauptsache ist?" frug Herzchen Strauß schüchtern. „O, ja", gab Lion zu. „Doch kann die Liebe, die Dankbarkeit, meinetwegen auch die Pietät, bet fünfhundert Talern gerade dieselbe sein, wie bei dreißigtausend. Ich will das zugeben, aber je höher hinauf die Summe steigt, desto tiefer hinab sinkt die Liebe und Dankbarkeit". „Well“, ergriff der Amerikaner wieder das Wort, „so sag mir die consequence, was meint, was man soll draus lernen". „Du sollst deine Consequenz gleich hören", erwiderte Moses Lion prompt. „Du hast doch meinen Onkel Jiesche, sichrono liwrocho, gekannt und meine Tante Sorle, die im lichten Gan Eden wandelt? Mein Onkel Jiesche ist als junger Mensch nach Frankfurt gekommen, hat klein, ganz klein angefangen,'Tags über gehandelt und gearbeitet und Nachts gelernt und wie er die Sorle geheiratet hat, ist er, ein Tag nach der Chasne, in die Bickur Chaulin und Hachnosas Kalle Ehewra eingetreten. Ein Jahr später in die Kabronimchewra und gerade so hat meine Tante Sorle getan, die alles nachmachte was ihr Mann tat, weil es ihr gefiel und gut war und sie ihm in allem gleich sein wollteim Tun, im Denken und Fühlen und ihr Mann sollte nichts an ihr wahrnehmen, was ihm hätte fremdartig oder chasw'scholom schmerzlich sein können. Mit einem Wort, auch die Tante Sorle war eine altfränkische Frau, ein Esches chajil".. „Pfui. . ." Befremdet sahen die beiden Zuhörer auf. Was sollte das Pfui? „Seid mirs mochelaber die Galle steigt mir in die Höh, wenn ich an die jetzigen Judenweiber denke, l'hawdil, ein Vergleich mit meiner Tante Sorle, im Gan Eden. Ich denk' grade an meine Schwiegertochter, im Stan's gesagt. '1 Mein Sohn wollte ein jüdisches Haus führen, wollte seine Kinder als religiöse Jehudim erziehen. Und sie hat ihm alles versprochen: Kaschrus, Schabbes Jomtes und dann ging die Srefe (Brand) an. Erst nach ewigem Zank und Streit ist kein trefenes Fleisch mehr ins Haus gekommen, erst nach jahrelangem Zwist hat sich mein armer, törichter Sohn den Schabbes erzwungen. Aber die Kinder? Sie schreiben am Schabbes, nicht nur in der Schule, sondern in seiner eigenen Wohnung, hinter verschloss neu Türen, wird jeden Schabbes ein Chillul über den andern begangen. Aber nicht nur daß mein armer Dummkops sich darüber innerlich grämt und kränkt, bestärkt diese Jscho roh die Kinder in diesen Awehres und wo sie hingeht und htnkommt zu ihrer trefenen Mischpoche, wo's kein Gott, keine Emune, keine Spur Jüdischkeit gibt, setzt sie sich hin und ißt Trefes. Und wenn sie heimkommt, küßt sie ihn mit ihren trefenen Lippen, an denen noch das Schinkenfett klebt. Ha, ha, ha, ha, sie hat ihn ja so gern, sie liebt ihn, eine Lieb,' die langsam töteterst innerlich auSbrennt, fchaber usnmgger ist . . . Moses Lion hat mit zunehmender Erregung gesprochen, zuletzt mit zitternder Stimmen die Sätze yervorgestoßen und jetzt warf er wütend, kaum seiner Sinne mehr mächtig seinen Stock zur Erde, als werfe er eine giftige Schlange von sich. Erstarrt und erschreckt blieben die Begleiter vor diesem Wutausbruch Lions stehen und sahen sich sprachlos an. „Es mußte einmal heraus", entschuldigte sich Lion und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem fahlgelb gewordenen Gesicht. „Es mußte endlich mal heraus", murmelte er noch einigemal und bückte sich um den Stock wieder aufzuheben. Herzchen' Strauß betrachtete mit ängstlichen Augen die Veränderung, die an Lion vorgegangen l) dem Stein geklagt, soviel wie leider Gottes. und wie dieser heftig zitterte. „Wozu sich so aufregen!" meinte er begütigend. „Dann wolltest du von deinem Onkel Jiesche und Sorle erzählen und nicht von deiner Schwiegertochter." „des, yes, von Jiesche, den ich auch noch gekannt habe", setzte der Amerikaner beschwichtigend hinzu. „Und wir sind bald wieder in der Stadt, hurry upü" (eile ein bischen). „Laßt mich erst ein bischen verschnaufen" bat, immer noch heftig atmend, Lion. „Also, wo Hab' ich doch gehalten? Ja, also, mein Onkel Jiesche führte ein wahrhaft jüdisches Leben, und hatte auch Maffel in seinem Geschäft und seiner Familie und arbeitete sich mit den Jahren empor und wurde immer vermögender, . obgleich er reichlich, sogar über fein Jecholaus hinaus Zdoko verteilte und trotzdem er von früh Morgens bis spät in die Nacht fein Geschäft versah, immer noch genug Zeit fand, allen Mizwes die uns vorgeschrteben find, nachzugehen. So was ist auch heute noch nichts Rares in Frankfurtdas liegt, scheint's, dort in der Luft. Als nun mein Onkel Jiesche sechzig Jahre alt geworden und halb Frankfurt und vielleicht zwanzig verschiedene Chewras und Anstalten ihn beglückwünschten, sagte er Abends zu seiner Sorle und den Kindern — ich war auch dabei — in seiner vergnügten, freundlichen Art: „Hakodosch borchu, hat mich wie Jaakow owinu in Allem und mit Allem gesegnet. Er hat mich in Ehren und Erfolgen sechzig Lebensjahre erreichen lassen. Dafür will ich ihm dankbar sein. Geschäfte will ich nicht mehr betreiben, das müßt Ihr Jungen jetzt allein besorgenich will ruhig leben, mich meines Lebens auf meine Weife noch so lange erfreuen, als mir der liebe Gott in seiner Gnade schenken wird. Von meinen Zinsen allein kann ich mit meiner Sorle nicht leben, und für andere Mitmenschen mitsorgen, wie wirs gewohnt find. Nun, Ihr Kinder, was denkt Ihr wohl, was euer Vater nun machen wird? Nun ich will euch kein Rätsel aufgebenmit eurer Mutter Hab' ich es auch schon ruhig und weislich überlegt. Ihr kriegt mein Geschäft wie es heute dasteht und ein Drittel vom Baarvermögen - reichlich genug um es noch zu vergrößern. Als ich angefangen habe, hatte ich neunundneunzig und acht Achtel Prozent weniger gehabt, wie Ihr heute. Ihr seid doch nicht dummer als ich war? Zudem habt Ihr ein Geschäft gelernt, ich aber Hab' als armer Jung von blutarmen Ellern vorher gar nichts von einem Geschäft erlernt. Wenn Ihr mit dem, was ich euch heute übergebe, nicht weiterkommt, dann nutzen euch die andern zweidrittel Geld die ich für mich behalte, auch nicht viel mehr. Jetzt hört zu, Ihr Kinder," fuhr dann Onkel Jiesche fort, „ich werde leben wie seither, jedenfalls nicht schlechter, vielleicht aber etwas besser und vielleicht auch mehr gebrauchen, für Gemilus chesed. Langen die Zinsen dann nicht, dann will ich jedes Jahr vom Kapital fünf- oder sechshundert Taler aufzehren. Dann aber ist in dreißig Jahren mein Kapital aufgezehrt und ich bin dann neunzig und eure Mutter vierundachtzig Jahr' alt. Wenn wtt's erleben, was dann?" Weiter hat mein Onkel Jiesche gar nichreden können. Die Kinder find in die Höh' get sprungen, haben ihn umringt und durcheinander geschrien und getobt. Der Jude, der Schimme, der Nathe, das Sawelchen und die Mamel und die Hindel haben sich an seinen HalS gehängt und einer lauter wie der andere gerufen: „Doppelt soviel mußte du für dich und die Mutter brauchen und bis zu hundert Jahr mußt du mtt der Mutter gesund zusammen leben." Nun? mein Onkel Jiesche hat mit warmen Händ gegeben und mit sehenden Augen, hat tausend Freuden von seinem Geld gehabt, hat nicht nach seinem Leben, sondern in seinem Leben die Wirkung von seinem Vermögen miterlrbt. Und wie hat er verstanden die Menschen zu beglücken! * LafiäiÜft