Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448819--66470-2494633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 12. No. 15. die Notwendigkeit der Erlernung eines Berufes nicht eindringlich genug empfohlen werden. Sie werden auf diese Weise am ehesten vor Gefährdung ihres sittlichen Lebens geschützt und vor Verführung bewahrt bleiben. Ich möchte an dieser Stelle den Anwesenden die materielle und ideelle Unterstützung der Freien orthodoxen Bereinigung ganz besonders ans Herz legen. Töchtern wohlhabender Eltern endlich würde sich nach beendeter Schulzeit — durch entsprechenden Hinweis in Mädchenvereinen — ein großes Feld sozialer Mitarbeit erschließen (Armenpflege, Kindergarten, Ferienkolonien und Zedokoh würden einige der Gebiete sein). Das sind die Aufgaben, die die Gegenwart an den jüdischen Lehrer stellt. Ich verkenne nicht, daß Berge von Schwierigkeiten sich vor unsere Aufgaben türmen, sie werden abzutragen sein,- Beharrlichkeit wird auch hier zum Zrele führen und wahrlich, dieses Ziel zu erstreben, eine Generation heranzubilden, die aufrichtige Trägerin des „jüdischen Glaubens" ist — nun, ich wähne, das ist eine Arbeit, des Schweißes der Eltern wert. Kannst du, Lehrer, nicht allein alle diese Aufgaben erfüllen, nun, so suche Verbindung mit gleichgesinnten Männern und Frauen, und euren gemeinsamen Bemühungen wird der Erfolg nicht fehlen. So wirst du ein wahrer Erzieher der Jugend sein zum Segen des einzelnen Individuums, zum Segen und Heil des Judentums! Zum Lob und Preis des Höchsten! vir derrlrcde« fcftrcr. Unter diesem Titel geht eine statistische Aufstellung durch die Blätter, die wir nachstehend unter Bezugnahme auf unseren Artikel „Ueberproduktion" in der jüngsten Nummer von „Erz. u. Lehre" hiermit veröffentlichen. Sie bietet einen sprechenden Beleg zu dem dort Gesagten, und wir können uns deshalb jeder weiteren Bemerkung in dieser Sache enthalten. „275 neue Lehrkräfte — das ist daS Ergebnis der diesjährigen Entlastungsprüfungen an den hessischen Lehrer- und Lehrertnnenv lbun« sanstalten. Diese Zahl Überl risst bet weitem die Anzahl der neuen Schulamtskandidaien der sämtlichen Javre seit Bestehen des neuen hesfischen Schulgesetzes. Kaum zwei Drittel dieser jungen Leute dürfte im Laufe dieses Jahres noch auf eine dienstliche Verwendung im hessischen Schuldienste rechnen können, zumal noch eine ganze Anzahl junaer Lehrerinnen aus stüheren Jahren hierauf vergeblich wartet. Angesichts dieser Ueverproduktion erscheint es nur allzu begreiflich, daß seit Jahresfrist nicht las geringste mehr von der früher als so notwendig erachteten Ein ichtung eines 4. hesfischen Lehrerseminars v.rlauiei. Bon den 875 neuen Lehrpersonen find 172 Lehrer und 103 Lehrerinnen. Bon den elfteren wurden 49 am Lehrerseminar zu Friedberg, 47 zu Alzey und 37 zu BenShetm entlasten. Die übrigen 39 find Abiturienten des Pädag. Kursus zu Darmpadt. Bon den 104 Lehrerinnen kämm Sv am Lehrrrirmenfeminar für Volksschulen zu Darmpadt und 17 an der Lehrerinnenbildunasanstalt der „Engl. Fräulein" zu Mainz, 38 am Lehrerseminar für's höhere Lehrfach zu Darmstadt und 18 an der gleichen Anstalt zu Mainz zur Entlastung." Zolle« die Wische« Trauen dar TleUcbporscbcn erlernen? Bon Lehrer TranSlateur in Miltenberg. DaS Porschm oder Entabern des Fleisches hat bekanntlich dm Zweck, daS in den Adern befind tche Blut zu entferne» und erisillt somit einen Teil deS biblischen, wiederbalt etngeschärften Verbotes des Blutgenustes. Das. Porschm (v"n hebr. EHE — absondern) soll, wie daS Salzen und Etnwöstern, rin möglichst blutleeres Fleisch liefern. Während nun die meisten jüdischen Frauen auch in weniger orthodoxen Kreisen das Salzen und Wässern selbst besorgm, trifft man sehr wenige Hausfrauen, die imstande find, auch d^s Porsche« zu besorgen. In größeren Gemeinden ist wohl ein besonderer Fletschporscher zur Bewättgung eines großen Konsums angeftellt. Wie fleht eS aber in kletnm und mittleren jüdischen Gemeinden in dieser Bezithung auS? Dort find eS rnlweter rin paar ältere Leute, die aus der guten altm Zeit die Kunst des PorjchenS in die Neuzeit herübergereitet haben, oder — dteS ist der bequemste Weg — ist eS der Reltg onSli hrcr, der zu diesem Ehrenamte hcrangezogen wird. Manche Metzger, die nur jüdische _ Der Israelit. Kundschaft haben, lasten nun daS Fletsch tm ganzen Viertel porschm, was nicht viel Mühe verursacht. Allein diejenigen Metzqer, die auch auf christliche Kundschaft reflektieren müssen, wollen daS Fletsch nicht durch daS Porsche» „verschmden" lasten, und so bleibt der jüdtsct en Hausstau, die nicht das Glück hat, einen porfchkundtgen Gatten zu tefitzen, nichts anderes übrig, als zu d m Reltgtonslehrer und Schächter zu gehen. Daß diese letztere Art des „Siückporschens" sowohl für die Hausfrau und für den Leh. er oder Schächter zeitraubend und höchst umständlich ist, liegt klar aus der Hand. Wäre es da nicht ratsamer, wenn jede jüdische Hausfrau selbst das Porschm deS Fleisches ebenso wie das Salzen und Wässern besorgen wü.de? DaS Po scheu ist durchaus keine Kunst und erfordert keine besondere theoretische oder praktische Borbildung. Jede tüchtige, in häuslia er Arbeit gewandte Dame, welche die etnzelmn Teile des Fleisches kennt, wirb in ein paar Stunden bet aufmerksamer Beobachtung leicht die zu entcdernden Stellen stoben und die Blutadern mit geschiffter Fraumhaoh entfernen, rascher und ficherer als manch; ungelenkige Männerhand. Nun hört man oft die Behauptung, die Frauen bür trn vom reltgion-gesetzlichen Standpunkte aus nichr porschm. Ties ist jedoch ein Verhängnisvoller Irrtum, da nirgends in den maßgebenden Entscheidungsjchriften das Verbot ausgesprochen ist, daß die Frauen kein gletsch porschm dürfen. ES ist doch eine feststehende Tatsache, daß die Frauen daS Salzen und Koschermachen deS FftischeS, sowie das Entsemen der verbotenen Gkflügelteile, daS Porschm des M'cker fettes, der Mtl?, des Magens und sonstiger innerer Teile mit größter Gewissenhaftigkeit und Sorgfclt erledigen Es wäre doch eine nicht zu rechtfertigende Austestung, wellte man der Frau einerseits volles rellg öses Vertrauen schenken, indem man das von ihr gepor schte Gr flöget oder innere Teile wie Milz, Magen usw. ruhig geniest, während man sie andererseits nicht für fähig halftn wollte das übrige Fleisch zu mtadem. Während in ftüherer Zeit in jeder jüdischen Gemeinde mtndistenS ein jüdischer Metzger wovme, der das ganze Koscherfleisch entweder im Biertel oder stückweise porschte, hat sich das Bild zu Ungunsten der kleinen Gemeinden verschoben, da man dort noch selten einen jüdischen Metzger trifft. Freilich, die Tamm der Großstadt haben's bequem! Das Fleisch wird ihnen vollständig „koschergemacht" verkauft oder ins Haus geschickt, so daß eS direkt gekocht werden kann. Allein so wenig sich eine jüdische Mutter, die gern und freudig ihre jüdischen Pflichten erfüllt, durch dieses moderne Hilfsmittel der Zeitersparnis veranlaßt sehen wird, ihre Heranwachsende Tochter nicht theoretisch und Praktisch einzuiühren in daS Koschermachen deS Fleisches, so wenig so >te die jüdische Hausfrau fich einer Hilfe Person betm Fletschporschen bedienen. Ich glaube, daß ein guter Teil altjüdischer Häuslichkeit und Frömmigkeit durch die Verbannung der nirSö mitö des Fleischsalzcns in dem Metzger laden verloren geht. In diem Sinne wäre es Pflicht der Rabbiner und Lehrer, ote Frauen über das Fleischporschen auszuklären. Demnach ist die Frage, cb die jüdischtn Frauen das Fleischporschm erlernen sollen, meinem Ermessen nach emschteden zu bejahen. Wenn auch der KretS der religiösen Vorschriften für die Frau ein beschränkter ist, so ist ihnen ouf diesem Gtbute ein Spielraum gelastm, der manche Mt che F au mit wahrer Freude an praktisch religiöser Belätigurg erfüllen wird. Zadrcsderlchte. Die Bezeichnung „Musterländle" für das Großherzogtum Badm hat schon einen etwaS ironischen Beigeschm'ck angenommen, besonders wenn eS fich um jüdische Angelegenheiten handelt. Heute sind wir nun in der angenehmen Loge, von einer Einrichtung zu berichten, die unS nach mancher Richtung hin al« mustergültig erscheint; wir meinen die Regelung der jüdischen Waisenpflege. Es liegt unS brr 23. Jahresbericht des Landcsveretns zur Erziehung iSr. Waisen im Großherzogtum Badm für daS Rechnungsjahr 1909 vor. Wir entnehmen demselben folgende Mitteilungen.' 108 Kinder waren in Pflege gmvmmen; davon waren S bet geeigneten Famuten, 2 Knaben in der ErzfthungSanstalt in Ahftm, rin Knabe in der Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Berlitz untergebracht. Die übrigen sind unter Gewährung von ErztehungSbeiträgen bet ihren Eltern, Müttern bezw. Verwandten geblieben. An Mitgltederbeittägen, Spenden und Zinsen wurden insgesamt 25452 Mk. vereinnahmt, für Berpflegungs» und BerwalrungSkostm ca. 16000 Mk. verausgabt. ES wurden also, wie der Bericht ausdrücklich hervorhebt, nicht nur alle Ansprüche befriedigt, sondern auch ein recht beträchtlicher Ueberschuß erzielt, sodaß die Zeit nicht allzu fern erscheint, in der die Zinsen des vorhandenen Vermögens, daS schon hmte 26t 404 Mk. beträgt, hinretchm, um die Kosten für die gesamte Watsenpflege aufzubringen. Wenn wir diesen Jahresbericht mit denen verschiedener Waiienhäuser vergleichen, so kommen wir zu ganz überraschmdm Ergebnissen. Na h Vorstehendem bettagen die Ver» pfleaungsbefträge pro Kind 150 Mk., dagegen bewegen fich die VerpflegungSkosten für die in Waisenhäusern untergebrachten Kindern, wenn man auch die Zinsen der AnstakSge« bäude in Anschlag bringt — was rechnerisch ja durchaus nötig ist — innerhalb der Grenzen von 600 bto 100 Mk. Die 12. April 1911. badtjchm Juen ersparen also dadurch, daß sie die sogenfreie Pflege, die vom ptzdogogischen Standpunkt aus entschieden zu empfr hlen ist, der Anstaltspflege dorzieben, eine recht beträchtliche Summe, die auf annähernd 400C0 Mark zu veranschlagen ist. Es hat uns nun recht gefreut, daß die Synode kürzlich wettere 12000 Mk. für die jüdischen Lehrer und Landgemeindm in das Budget eingestellt hat. Aber die Herren Synodalen hät-en ganz unbedenklich noch ein bißchen tiefer in den Säckel greifen dürfen. Die badischen Juden ersparen ja an der Waisenpflege viel mehr, als sie auS der Zentralkasse für Religionslehrer verwenden. SiicdekZtda«. Ausgewählte Stücke der hebräische« Bibel für den Ueüersetzuugsuttterricht mit Ueberfchrtfter j Gliederung und Anmerkungen und mit Wörterbuch, Grammatik und alphabetischen Wörterverzeichnis von M. Abraham, Berlin, und Th. Rothschild, Eßlingen. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Für Religionsschulen, in denen dem bebrätschen Unterrtcl t nur eine geringe wöchentliche Stundenzahl gewidmet und infolged sten auch nur ein Teil deS Pentateuchs behandelt werden kann, ist das vorliegende Werkcken durchaus zu empfehlen. Sein wichtigster Teil, daS Wörterbuch, das auch gesondert bezogen berog-n werden kann, ist nach den gleichen Grundsätzen behandelt, wie bas tm selben Verlag erscheinende Wörterb ch zu einer Auswahl hebräischer Gebete und Psalmen des Herrn Kollegen Abraham, Berlin. Was nun die Auswahl der Stücke selbst anlangt, so kann man zuweilen anderer Meinung sein alS die Herren Verfasser. Wir lind überzeugt, daß jeder, der das Werket en benützt, die Aufnahme dieses oder jenes StückeS, das ihm besonders lieb und wert ist, wünschen wird. Aber im allgemeinen find die Verfasser ihrem Grundsätze, auf der eimn Seite, in anberracht der geringen zur Verfügung stehenden Zeit, weises Maß zu batten, auf der anderen Seite die verschiedenen Gatmngcn des biblischen St ffes zu berückfichltgen, gerecht geworden. Wir sehen ls besonders als einen Vorzug on, daß sie an dem historischen Sioffe des Pentateuchs, der ja feinem Inhalt nach im biblischen Geschichtsunterricht aussüdrlich behandelt wird, nicht a zu sehr k.ebten und mehr Öen gesetzlichen Teil berücksichtigt haben. Einige Kopuel haben fich fteiltch eine arge Zerstückelung gefallen lasten müssen. Das bringt für dlejentgen Schulen, in denenden Schülern der Pentateuch selbst in die Hand gegeben und nur daS Wörterbuch benutzt wird, — und das sollte eigentlich überall der Fall sein — einige Verwirrung hervor. Bel einer Neuauflage wäre das zu vermeiden. Die Verfasser beabsichtigen, ein nach gleichen Grundsätzen bearbeitetes Merkchen folgen zu lasten, das auegewähite Stücke aus den anderen Büchern der heiligen Schrift enthalten wird. Zprecbrsal. Gesch. Redaktion! In Nr. 1 Ihres gesch. Blattes vom 5. Jan. finde ich den äußerst nützlichen Gedanken der Gründung einer jüdischen Leihbibliothek dargelegt. Ich möchte daran erinnern, daß eine B bliothek mit Postversandt geeignet wäre, das große jüdische Schrifttum des Mittelalters neu zu beleben. So z. B. schlummern in der hiesigen Bibliothek der Kultusgemeinde viele Hunderte vrn Werken großer zumeist in Amsterdam, Venedig, Padua, Konstanunopet gedruckt. Die Gottlob meist noch gesetzt - trcue Bevölkerung der Provinz verfügt nicht über solche Auswahl und das großstädtische Publikum bringt bekanntlich jüdischen Werken leider kein oder nur wenig Interesse entgegen. Eine solche Leihbibliothek, die solche, heute noch vielfach erhältliche Werke sammeln möchte, würbe zweifellos ben orthodoxen Rabbinern und Lehrern eine fehnltchst erwünschte und unbezahlbare Gelegenheit zur Fortentwicklung bieten und gleichzeitig das unter den größten Gefahren, Entbehrungen und Mühen verfaßte und gesammelte Schrifttum des Mittelalters vor sicherem Verfall stützen. WaS jedoch die Fürsorge für unsere Jugend betrifft, so könnten so manche auf dem Wege des E'öfc* fiKT* geführt mb zurückgeführt werden, wenn sich aus gesetzeklreuen Kreisen ein Verband gründete, der das Verlagsrecht der üb rzeugendsten und markantesten Stellen aus den Werken unserer großen Lehrer V'l des letzten Jahrhunderts erwirbt (aus D’b'Tlfl 3*1*111 Nllll, 19 Briefe von S. R. Hirsch, Utf# Hfl von Dr. Mendel Hirsch, Reden von S. Meßner, I. Hildesheimer, Aufsätze aus den Jahrgängen des „Israelit") und dasselbe sreigtbt oder durch billigen Selbstverlag diese kostbaren Güter in einem oder mehreren Sammelwerken den Minderbemittelten und der Großftadtjugend tn geeigneter Weise zusührt Hochachtungsvoll Wien, 9. Schewat. L. Grünhut.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.