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Der Israelit · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Was kann nun der gesetzestreue jüdische Lehrer für die schulentwachsene Jugend tun? — Oberstes Ziel und Endzweck muß bleiben — Menschen zu erziehen, die innerlich gefestigt, stark genug sind, das Wort zur Wahrheit zu machen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen"; die das Erbe ihrer Väter verteidigen durch tätiges, rühriges Beispiel, für es wirken durch Wort und Schrift. — Diesbezüglich wird es die nächste Aufgabe des Lehrers gegenüber der schulentlassenen Jugend sein, die erworbenen Schulkenntniffe zu vertiefen, auf eine umfangreiche, praktische Betätigung des Gelernten zu zielen und das religiöse Wissen zu erweitern. Praktisch wäre dieses vielleicht in Form eines Fortbtldungskursus, — ich denke dabet in erster Linie an die „höhere Schulen" besuchenden Schüler einer Religionsschule, natürlich unter Vermeidung jeder Bürokratie — zu erreichen. Wo solche nicht zustande zu bringen sind, z. B. wegen mangelnder Beteiligung oder mangelnden Interesses, müßte der Lehrer den Eltern, bet denen er Entgegenkommen und Verständnis voraussetzen darf, den Vorschlag machen, ihre Kinder in Privatstunden im jüdischen Wissen fortbilden zu lassen. Die erwerbstätige, schulentlassene Jugend wäre insbesondere an Sabbaten und Freitagabenden durch regelmäßiges „Lernen" für religiöses Leben zu begeistern und zum Selbststudium anzuregen (Nascht, Dtnim, Tenach würden den nächstgeeigneten Stoff bilden). Knaben und Mädchen gemeinsam sollte der Lehrer durch Vorträge mit der jüdischen Geschichte und Litteratur bekannt machen,- auch wären diesen diejenigen Gebete, zu deren eingehender Behandlung die Schule keine Zeit ließ, mit der ganzen Schönheit und Erhabenheit ihres Inhalts näher zu bringen. Neben der direkten religiösen Einwirkung könnte der Lehrer die Jugend an bestimmten Abenden in „Jugendvereinen" sammeln, in welchen Vorträgen, Diskussionen, Spiel und Musik miteinander abwechseln würden. Natürlich könnte ein solcher Verein nur dann wahrhaftes religiöses Innenleben atmen, wenn sein Leiter selbst ein stark ausgeprägt innerlich lebendiger Jehudi wäre. Auch hier wird das Vertrauen der einzelnen Mitglieder zum Leiter ein fördernder Faktor der Erziehungsarbeit sein. Der Ton der Regie muß eine Wärme wiederspiegeln, die aus einer Religiosität und Ueberzeugungstreue entspringt, die allein geeignet ist, Gegenliebe und Begeisterung zu erwecken. In Verbindung mit den Jugendvereinen müßten Bibliotheken geschaffen werden. Bei der Auswahl der Bücher müßte das Moment bestimmend sein, durch den Inhalt derselben für die angestammte Religion zu begeistern und in weiterer Folge die Leser und Leserinnen zu aufrichtiger glaubensstarker Betätigung anzueifern. (Verlag der Bibliothek des jüd. Volksfreundes in Köln, Jüd. Volksschriftverlag Frankfurt a. M.) Bon der Bibliothek sollten auch die Landbewohner Nutzen haben, die den Segen eines jüdischen Gemeindewesens entbehren müssen. An der Hand von Vorträgen aus der jüd. Geschichte und Ethik werden auch die jüdischen Jugendvereine der Weckung des jüdischen Selbstbewußtseins dienen müssen, aber nur in Verbindung mit dem gleichzeitigen Bestreben, eine Renaissance der religiösen theoretischen und praktischen Beteiligung unter der Jugend herbeizuführen. Wir verlangen von Nichtjuden, daß sie unseren „jüdischen Glauben" respektieren, nun, dann müssen wir Lehrer die Jugend mit dem Geiste dieses Glaubens voll und ganz erfüllen, um der Individuen selber wegen, um des Judentums wegen, das führende Männer benötigt. In demselben Sinne wären in Mädchenvereinen mit klubartigem Charakter die jungen Mädchen geistig und gesellig zu „Persönlichkeiten" zu erziehen. Solche brauchen wir mehr wie einst. Soll uns doch die weibliche Jugend später Mütter und Erzieherinnen liefern, die ihren Häusern den Stempel echtjüdischen Geistes aufzuprägen verstehen) sie sollen ihre Kinder zu gottesfürchtigen Menschen heranbilden, auf daß das, was uns als Poesie längst entschwundener Zeiten anmutet, wieder allgemein leibhaftige Gestalt annehme, nämlich in alter Herrlichkeit wieder erblühe ein inniges wahrhaft religiöses Familienleben. — An die jüdischen Abiturienten der höheren Schulen müssen seitens des Lehrers väterlichfreundschaftliche Ermahnungen gehen, dahin, sich nicht auf den Universitäten von denjenigen beirren zu lassen, die es für taktisch richtiger halten, das Judentum zu verleugnen, aber auch nicht von denjenigen, die das^jüdische Volkstum, losgelöst von der jüdischen Religion, in jugendlicher Leidenschaft als das zu erstrebende und zu vertretende Ideal hinstellen. Nein und nein! Ihnen muß der Religionslehrer empfehlen, gewiß alles Gebotene in sich aufzunehmen, aber, in sich nur zu verarbeiten zu einem wahren Jehudi-Mensch, zu einer einheitlich freien jüdischen Menschenpersönlichkeit! Kein Lehrer sollte versäumen, in dieser Beziehung den „Bund jüdffcher Akade- I miker" zu empfehlen, der an den Universitäten I Berlin, München, Straßburg Marburg, Heidet berg und Würzburg seine Vereine hat. In sozialer Beziehung nun muß und kann der Lehrer ebenfalls seinen Einfluß mannigfach geltend machen. Die erste Etappe auf diesem Teilgebiet der Fürsorge bildet für den Lehrer die — Berufsfrage seiner Schüler. Der unmittelbare Uebertritt eines Schülers von der Schule in das praktische Leben (Geschäft, Werkstatt und dergl) ist die. erste gefährliche Klippe, von deren glücklichen Umsegelung die ganze zukünftige religiöse Führung des jungen Menschen beeinflußt wird. Und welcher Gleichgiltigkeit, welchem Mangel an Verantwortlichkeit seitens der Eltern begegnet hier das Auge und Ohr des jüdischen Lehrers. Alle möglichen Fragen (Beanlagung, Lehrzeit, Kosten, Aussichten auf späteres Fortkommen) werden mit ihrem „Für" und „Wider" eingehend erörtert, aber über die Sabbatheiligung setzt man sich erhobenen Hauptes hinweg — obwohl man hier und da selbst Sabbat hält, nicht im entferntesten wähnend, welch köstlichen Schatz, welch wunderbares Kleinod man der Kind,erserle raubt — auf Nimmerwiedersehen. Nun hier muß der Lehrer mit Geschick und Fleiß &ex Erhaltung des Sabbatgedankens dienen, hier darf der Lehrer keine Zeit, keine Mühe scheuen, um durch entsprechende Einwirkung auf die Eltern, durch Hinweis und persönliche Vorstellungen bet den zuständigen Institutionen (wie Schomre Schabbos-Berein, Verein der Sabbatfreunde) den oder die Knaben in den sabbathelligenden Geschäften unterzubringen. Diesbezüglich wäre persönlicher Eintritt des Lehrers in einen der genannten Vereine erwünscht, wenn sich nicht anderseits — und das wäre ja das Empfehlenswertere — die Gründung einer Ortsgruppe des B. d. S. im Wirkungskreis des Lehrers ermöglichen ließe. Einer tatkräftigen Unterstützung durch den Lehrer bedürfen auch die Lehrlings- und Mädchenheime, in welchen erwerbstätigen jungen Leuten und Mädchen gegen mäßigen Pensionspreis Kost und Logis gewährt werden (Marburg, Frankfurt a. M., Breslau). Wir befinden uns in dieser Hinsicht noch in den Anfangsstadien, immerhin wird bei fleißiger Werbearbeit und wahrem Interesse für die heilige Sache manche ersprießliche Arbeit auch seitens des Lehrers zu leisten fein. — Eine verständige, zartfühlende Vorstellung des Lehrers bei den Eltern der Kinder würde für diese manche Berufsarten erschließen, gegen die heute eine gewisse Abneigung besteht. In diese Kategorie würde Erlernung eines Handwerks gehören, für die Mädchen der ärmeren Klassen die Ausbildung als Köchinnen und der Dienstbotenberuf (Jüdische aushaltungs - Schule Frankfurt a.. M. und reslau). Gerade für solche Mädchen kann deu Eltern

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