Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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D«e LSwEt. 12. April 1911. Kette 6. Nr. 15 betont, daß er gern für jede Angelegenheit, die junge Leute dem Judentum erhalte, eintrete. Ein besonderer Gottesdienst könne aber verschieden beurteilt werden, er wünsche nur eine belehrende Predigt über das Judentum. Herr Gehetmrat Blumenthal wünscht einen Nachmittaggottesdienst, er halte die späte Abhaltung des Freitag-Abendgottesdienstes für eine Störung der Familienfeier. Herr Oskar Tietz sieht dagegen in dem späten Freitag Abendgottesdienst die Wünsche vieler Angestellten, die keinen Familienanschluß haben, erfüllt. Herr Professor Blaschke ist für gottesdienstliche Veranstaltung mit Predigt, besonders für Gesang des Mismor schir lejaum hafchabath, des Sprechens des Schmäh, Ktddusch und Kaddlsch. Herr Justizrat Cohn weist auf den Montefiore-Verein hin, der für solche Zwecke geeigneter erscheine. Eine sehr lebhafte Debatte, begleitet von uferlosen Mißverständnissen, erhebt sich bei Punkt 12, Bewilligung von Ausgaben für den Bau der Synagoge Fasanenstraße. Herr Architekt Kugnitzky moniert einen Posten der nachträglich bewilligt werden soll für eine Firma, die durch Nichtarbeiten am Neujahrs- und Bersöhnungstage entschuldigt werden will. Herr Kugnitzky erklärt, da die Inhaber der Firma Juden seien, so sei es selbstverständlich, daß das in dem Kostenanschlag hätte berücksichtigt werden müssen. Er habe die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. gebaut, woselbst auch am Sabbat nicht gearbeitet wurde, dort habe er das gar nicht anders erwartet. Wenn auch dieser Schadenersatz auch jetzt gegeben werden müsse, so stelle er für die Zukunft den Antrag derartiges zu vermeiden. Es folgten nun verschiedene Reden, die aus Raummangel nicht wiedergegeben werden können. Zur Herstellung eines Vokabulariums für den Religionsunterricht werden 130 M. bewilligt, an den „Verein für Statistik der Juden" 1000 M., für jüdische Wanderarmenfürsorge 2500 M. und die Erhöhung des Kapitals der „Michael-Holzman-Stiftung" als Ehrung des aus dem Amte scheidenden Direktors auf 5000 M. wird beschlossen. Keidelverg, 9. April. Vor sechs Wochen erst hat die „Talmud-Thora-Kommission" des „Bundes jüdischer Akademiker" ihren Aufruf an die akademischen Jünger zu einem talmudischen Fertenkursus in Heidelberg ergehen lassen, und heute schon ist der letzte der Thora- Beflissenen, die sich am Neckarstrande zusammengefunden hatten, heimwartsgezogen. Die Grundsteinlegung einer jungen Institution von hoffentlich dauernder Bedeutung ist vollzogen. Obwohl der Weckruf diesmal viel zu spät, unmittelbar vor Eintritt der akademischen Ferien, ergangen war, hatten sich doch sieben Bundesbrüder zusammengefunden, und sie haben es nicht bereut, daß sie gekommen sind. In täglicher 6—8stündiger gemeinsamer Geistesarbeit haben die jungen Leute nicht nur ihr Wissen bereichert, sondern, was mehr bedeuten will, durch Konzentrierung aller geistigen Kräfte auf mm "HD1? Lust und Freude zur Weiterarbeit, vertieftes Verständnis und Vielseitigkeit der Betrachtung für ihre talmudischen Studien geschöpft. Und in den Stunden des Feierns haben sie die Kräfte in Gottes freier Natur gestählt, an der Frühlingssonne sich gelabt und so vier Wochen lang ein Leben echter jüdischer Jugendfreude genossen. Voll Dankbarkeit blicken die Teilnehmer zu dem zielsicheren Lehrer und Führer auf, der es so trefflich verssi ht, den geistigen Gehalt des „Lernens" hinetnzutragen in die Gemüter der Jugend. Gewiß werden diejenigen, die diesmal sich in Heidelberg zusammenfanden, wiederkehren, sobald die Ferienzeit grüßt und mit ihnen viele neue gleichdenkende Genossen, denen es diesmal wegen der Kürze der Zeit nicht »lehr möglich war, dem Rufe nach Heidelberg zu folgen. Zu jeder weiteren Auskunft ist die „Talmud- Thora-Kommission" des Bundes, Weberstraße 6, zu Heidelberg, gern bereit. Dessau, 7. April. Der Anhaltische Landtag, in dem sonst die politischen Wogen nicht gerade hoch gehen, sah vorgestern eine kleine, aber ziemlich scharfe Judendebatte. Anlaß dazu gab eine Rede des Abg. Dr. Cohn, der namens der Fortschrittlichen Volkspartei für die von der Regierung angekündigte Wahlrechtsvorlage dieVerminderung der privilegierten Mandate des Großgrundbesitzes verlangte. Das brachte den konservativen Abgeordneten v. Trotha in Harnisch, der in sehr aggressiven Rede behauptete, daß namentlich das „Berliner Tageblatt", das er als ein Judenblatt dahinstellte, das Christentum bekämpfe. Die fortschrittlichen Abgeordneten Art'l und Dr. Cohn, und für die nationalliberale Partei die Abgeordneten Pfarrer Baumecker und Dr. Leonhardt wiesen diese grotesken Angriffe nachdrücklich zurück. Abgeordneter Dr. Cohn erklärte, daß die deutschen Juden Deutsche mit allen Rechten und Pflichten seien und bleiben wollten. Er betone besonders, daß die deutschen Juden und ihre Organisationen als solche Einfluß auf das „Berliner Tageblatt" nicht hätten, und daß die Redakteure desselben ihre Artikels als Staatsbürger selbst vertreten. Von Angriffen aus das Christentum sei im „Berliner Tageblatt" nichts zu merken, und wäre dies der Fall, so würden diese von jüdischer Seite genau so wie von christlicher als grobe Taktloflgmodernen Forschung nicht standhalten können. Wenn die Juden im Mittelalter von Pest, Aussatz, und Cholera weniger betroffen wurden, so ist die Ursache dafür darin zu erblicken, daß sie, in den Ghettos eingeschlossen, den Verkehr mit der infizierten Bevölkerung ängstlich mieden. In der Neuzeit ist bei den Juden eine geringere Sterblich^- keit an den Erkrankungen der Atmnngsorgane, besonders der Tuberkulose, aufgefallen. Ter Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, daß die Inden zumeist in günstigeren hygienischen und materiellen Verhältnissen leben und vom Alkohol abstinent sind. Sonst sind die Juden nach Ausweis zahlreicher Statistiker nur im Vorteil in der Säuglingssterblichkeit, offenbar weil es weniger uneheliche jüdische Säuglinge gibt, und jüdische Kinder auch bei den Armen gewöhnlich sorgfältigere Pflege haben. Tie Juden erreichen im allgemeinen ein höheres Alter ans verschiedenen Gründen, u. a. tveil sie weniger in lebensgefährlichen Berufen und Betrieben tätig sind. Der Mangel einer Arbeiterschaft unter den Jiiden beeinflußt in mannigfacher Hinsicht die Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik günstig. Ebensowenig aber wie sie einen besonderen Schutz gegen irgendwelche Krankheiten besitzen, haben sie auch eine besondere Disposition für gewisse Erkrankungen, wie ihnen immer nnchgesagt wird. Tie angeblich größere Häufigkeit der Zuckerkrankheit bei den Juden ist statistisch keineswegs einwandfrei erwiesen; sie wird wahrscheinlich dadurch vorgetäuscht, daß die im allgemeinen um ihre (Gesundheit stets ängstlich besorgten Juden gerade diese Krankheit besonders fürchten und infolge ihrer relativen Wohlhabenheit häufiger Aerzte konsultieren. Unzweifelhaft häufiger bei den Juden sind nur die Nerven- und Geisteskrankheiten, mit Ausnahme derer, die aus Alkoholismus beruhen — eine Folg» der jahrhundertelangen Verfolgung und Unterdrückung der Juden, ihrer -ausschließlich geistigen Tätigkeit und schließlich in der noch inuner unter iljueu w?it verbreiteten Verwandtenehe. Tie nervöse Disposition der Juden ist keine angeborene, rasseneigentümliche, sondern allmählich erworben, geschichtlich bedingt. Tie Ausrottung dieses Rassenfehlers ist nur zu erwarten durch eine methodische körperliche Erziehung der Jugend und durch Ausnahme körperlicher Berufstätigkeiten, systematische. Abhärtung des Körpers gegen alle verweichlichenden Einflüsse usw. (Woher die Sorgen?) In einer alten hebräischen Schrift, deren Borderblatt keine Auskunft über den Verfasser gibt, befindet sich, wie uns Herr Tr. Winkler- Mainz mitteilt, folgender hübsche, von echt jüdischem Optimismus zeugende Vierzeiler: "QJJf 71-2 E», E« 'CT dd - . Hi? rprp Vfnjqgrn '<* pip nitii ip-Dtf Zu Tel lisch lautet das (tzedichtchen in freier lieber* setzimg etwa so: Was war, ist verflossen, Was kommt, bleibt verschlossen. An Gottes Hilfe kann's nie uns fehlen, Woher dann die Sorgen, die uns quälen? keit empfunden nnd mißbilligt werden. Die anderen genannten liberalen Abgeordneten unterstützten Herrn Dr. Cohn in seiner Abwehr der antisemitischen Ausfälle aufs kräftigste. Oesterreich. Die velegierlenkonkeren) zur Regelung des iüdifchen „ HJanderbeffels“. Wien, 30. Mörz. Auf Einladung der „Oesterreichisch-Jsraeli tischen Union" versammelten sich am 25. und 26. März d. Js. die Delegierten der (? Red.) österreichischen Kultusgemeinden zu einer Beratung über die Regelung bezw. Einschränkung des jüdischen Wanderbettels in Oesterreich. Zu derselben hatte sich auch der Vorsitzende der „Deutschen Centralstelle für die jüdische Wanderarmenfürsorge" und Präsident des „Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes", Herr Professor Dr. Martin Philippson aus Berlin eingefunden, um, wie er bemerkte, „mit der in der deutschen Organisation gewonnenen Erfahrung seinen österreichischen Glaubensbrüdern zur Sette zu stehen." Namens der „Oesterreichisch - Jsraelitischeil Union" begrüßte Vizepräsident Dr. Ornstein die Versammlung. Nach der Wahl des Büros erstattete Sekretär Siegfried Fleischer das Referat. Redner führte aus, daß die zunehmende Misere des Wanderbettels seit Jahren eine ständige Klage der jüdischen Kultusgemeinden bilde, daß die Ausgaben für den Wanderbettel in keinem Verhältnisse zu den einzelnen Gemeindebudgets stehen und sowohl die Gemeinden als solche, wie auch die einzelnen Mitglieder derselben schwer belaste. Mit den schwärzesten Farben schilderte er ferner „den schwerer: moralischen Schaden und die Steigerung der Gehässigkeit gegen die seßhafte und arbeitsame jüdische Bevölkerung, welcher aus der Tatsache erwächst, daß jahraus jahrein Tausende von Berussbettlern sich im Kreise durch alle österreichischen Kultusgemeinden bewegen." Der Referent stellt folgende Anträge: „1. Errichtung von Ortsarmenkassen für de» Wanderbettel in allen Gemeinden, wo solche noch nirtn bestehen. 2. Zusammenschluß der Ortsarmenkassen zu Pro vinzial- resp. Kreisarmenkassen. j 6. Tie Provinzial- resp. Kreisarmenkassen ko» > stltureren eine Zentralstelle für jüdische Wanderarme» fürsorge in Wien, deren Wirksamkeit sich über da? ganze dteich erstreckt. 4. In den Grenzstädten werden Grenzbureaucerrichtet, deren Aufgabe es sein wird, die eintva» dernden Armen auf ihre Würdigkeit und Bedürftigk, ii zn sichten. - 5. Tie Mitglieder jeder einzelnen Kultusgemeini» verpflichten sich, Hausbettleru keine Unterstützung I gewähren, sondern einen Teil des bisher hierfür aus gewendeten Betrages freiwillig an die Ortsarmenkasstl abznführen . I 6. Jede Ortsarmenkasse führt vier Fünfteile ihrer! Einnahmen an jene Provinzial- resp. Kreisarmenkasst»! ab, zn welcher sie eingeteilt ist. Ter jährliche Beitrae.I der Kultusgemeinden zu den Ortsarmenkassen wird per I zentnell fixiert. Tie Provinzial- resp. Kreisarmenkasst,,! führen von bctt ihnen ans den Ortsarmenkassen z»I fließenden vier Fünfteilen ein Fünfteil an die Zentrall stelle ab. I 7. Tie Ortsarmenkassen bestreiten mit dem ihneul verbleibenden einen Fünfteil die Auslagen in außer» ordentlichen und dringenden Fällen. Tie Provinzrespl Kreisarmenkassen übernehmen die Sicherung der Wanl derarmen nach den oben angeführten Grundsätzen, bei fördern Ans- und Rückwanderer auf der kürzest?»! Linie zur nächsten Provinzial- resp. Kreisarmenkasstl oder zum nächsten Grenzbureau, sorgen für dir Erricl-I tung von Arbeitsstätten und für die Abgabe arbeite« fähiger Wanderarmen an dieselben und befördern nmD ländische Wanderarme, soweit sie hilfsbedürftig sink>Z in ihre Heimatsgemeinden. I 8. Tie Zentralstelle sorgt dafür, daß die in ihstl Heini atsgcmeindc beförderten Wanderarmen dastlb« als Ortsarme, eventuell mit Hinzuziehung der tomV munalen Armenpflege unterstützt werden. Sie subvenV tioniert leistungsschwache Proviuzialkassen ^nd Grenz« burcaus, führt Verzeichnisse über die Professionsdett« kv und vermittelt den Austausch dieser und sonstig-« Mitteilungen zwischen den Provinzialrassen. Sie wach» darüber, daß einheimischen Armen außerhalb dies Wohn» sitzes keine Unterstützung gewährt wird und vermittcl» den Verkehr mit den politischen Behörden, wenn es Um um die Erringung von Aufenthaltsbewilligungen süV ausländische Arme handelt. Aufgabe der Zentralstes wird es auch fein, einen Zentralarmenftmd aus Auwei»