Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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12. April 1911. Der JSraeltt. Nr. 15. Sette 5 ganz neue Gesichtspunkte gewonnen habe, ich mich auch der Macht Ihrer Argumente gar nicht entziehen will, schiebe ich einstweilen meinen Uebertritt zum Christentum noch hinaus. Das bedeutet allerdings nicht, daß ich diesen Schritt überhaupt nicht tun werde, weil mir das Christentum ebenso gleichgiltig ist wie das Judentum und die Religion als solche beim Glaubenswechsel der Israeliten ohnehin gar nicht weiter in Betracht kommt,' es ist doch nur eine Formalität. Die christliche Geistlichkeit interessiert sich auch gar nicht für eine christlich-religiöse Ueberzeugung der Juden und weiß jedenfalls auch, daß eine solche gar nicht bei den jüdischen Täuflingen in Frage steht. Die protestantischen Geistlichen besonders, das weiß ich aus Erfahrung von mir nahestehenden Fällen, sind auch sehr, sehr entgegenkommend und nicht so fanatisch wie die katholischen, die sich immer noch so stellen, als verlangten sie von den israelitischen Convertiten christliche Religion und Glauben an das, was sie selber nicht glauben. Im anderen Falle würden sie denn doch nicht so frivol mit ihrer eigenen Religion Fangball spielen . . . Ich bin bis zu meinem sechsten Lebensjahr, in das der Tod meines orthodox gewesenen Großvaters mütterlicherseits fällt, ebenfalls religiös erzogen worden. Ging mit meinem Großvater jeden Freitag und Sonnabend in den Tempel und durfte nichts essen, was nicht ganz bestlmmt koscher war. Ich glaube mich zu ererinnern, daß auch die israelitischen Feiertage bet Lebzeiten meines Großvaters alle streng innegehalten wurden. Ich erinnere mich aber, 2aß meine Mutter, außerhalb der Familie nicht so streng lebte und sehr häufig in nichtisraelitischen Restaurants und auf Reisen in christlichen Hotels lebte, wie die meisten übrigen Israeliten. In meinem siebten Lebensjahr bekamen wir, ich und meine beiden jüngsten Schwestern, zum erstenmal einen Christbaum und Bescherung. Meine jüngeren Geschwister fanden das wunderschön und dachten nicht mehr daran, daß es bei Großvaters Lebzeiten nie vorkam. Ich verwunderte mich aber doch sehr darüber, besonders daß meine Mutter so viel Mühe und Sorgfalt auf die Weihnachtsfeier verwendete. Nach und nach wurden bei uns gar keine israelitischen Feiertage mehr gehalten und der Ruhetag auf den Sonntag verlegt. Ich sah dann bis zu meiner Konfirmation keine Synagoge mehr, meine beiden Schwestern haben, so viel ich wenigstens weiß, nie einen israelitischen Gottesdienst gesehen. Auch konfirmiert wurden sie nicht. Warum ich noch zu meinem fünfzehnten Lebensjahr es wurde, geschah hauptsächlich aus den nachdrücklichen Wunsch meines Vaters, der, soviel ich mich entsinne, es auch gar nicht ungern gesehen wtnnen, unaeachNt der für daö innere Wesen cadurch entstehende Nachteile. Ja, die verkehrt gewickelte Wimpel, fie bildet nicht nur einen vielleicht nur geringen Vorstoß ge^en den in ei' em alte jüdischen Sefer angegebenen Minhag, fie charakterifiert leider das Judentum von heute gegen das altüberlieferte, auf den inneren Wert des Hauptgewicht legende. Baut heute eine Gemeinde eine Synagoge, so spielen die Romantik des Stils, die Harmonie der Formen die Farbenpracht der Ausstattung rc. die Hauptrolle. Wie selten hören Sie von einer Synagoge den Vorzug rühmen, daß etwa der Almemor in der Mitte sei, daß man den Borbeter und Baikoreh bis in den letzten Winkel vernehme, daß stch dort jeden.Morgen so und soviele Minjontm zum Beten einfinden? Wie oft dagegen, daß der Tempel ein herrlicher Bau sei, die wunderbare Akustik, das Gestühl echt Eben, die großartige Damengalerte, die kostbare Orgel, der vorzügliche Chor mit „christlichen" Dirigenten usw.! Und durch dieses „Schau-Judentum" wird das wahre Wesen unseres heiligen Glaubens immer mehr verwischt und verdrängt. Das ganze Wesen deS jüdischen Lebens, das ein ununterbrochener Gottesdienst sein soll, w rd auf die Synagoge und den einige Stunden wöchentlich währenden Gottesdienst konzentriert. Die Repräsentanten dieses modernen Bekmntntsses find dementsprechend vo.nei mltch „Kultuöbeamte", zum Zweck der Abhaltung von mehrstündigen Andachten angestellt. Auch hier muß nach dem Prinzip der „verkehrt gewickelten Wimpel" darauf geachtet werden, daß man dec Außenwelt eine schöne Sette zeigt. Eine repräsentative Erscheinung, ein guter Redner auf der Kanzel, einerlei, ud sein Leben mit keiner Lehre im Einklang steht oder nicht. Bor einigen Wochen las man in einem Inserate einer nicht einmal zu den großen zählenden Gemeinde ein Rabbtnergesuch, in dem von den Bewerbern Lebenslauf mit Bild verlangt wurde. (Bon nK*WT m/VT oder hätte, wenn, manches erhalten geblieben wäre, wie zu Lebzeiten meines Großvaters. Da er aber die ganze Erziehung meiner verstorbenen Mutter überließ, zudem geschäftlich ungemein überbürdet war, so kümmerte er sich schließlich nicht mehr darum, was mit uns im Familienkreis geschah, soweit es das Judentum betraf. .. Meine Mutter dachte über das Judentum nicht besonders günstig und über die frommen Juden denkbar gering. Bei Gesprächen über den Antisemitismus, die gelegentlich bei Gesellschaften unvermeidlich zu sein scheinen, behauptete meine Mutter häufig, daß die Israeliten es selber verschuldeten, wenn sie von den Nichtisraeliten verachtet wurden . . . Die meisten israelitischen Damen, die in meinem Elternhaus verkehrten dachten ebenfalls nur sehr gering von Religion und habe ich dabei allmählich die Ueberzeugung gewonnen, daß die israelitischen Damen überhaupt alle Athet st innen sind (??), d i e Israelitinnen nach ihrem Uebertritt zum Christentum wieder viel gläubiger wurden . . . (??) Nun, sehr verehrter Herr Doktor, möchte ich Sie ganz höflich fragen, wie können Sie in so unerhörter Weise gegen Israeliten Vorgehen, die doch weiter nichts tun, als die Konsequenzen aus Ihrer Erziehung zu ziehen? Mit welchem Recht verlangen Sie von uns, die wir fast ganz ohne religiöses Vorbild erzogen worden sind, daß wir bei einer Religionsgenoffenschaft verbleiben sollen, die nns im Grunde des Herzens ganz gleichgiltig ist? Meine verstorbene Mutter, die eine sehr gebildete Frau war, sagte stets zu uns, wir sollten nur Menschen sein, nur Menschen, und da seien wir völlig genug für uns und unsere Nebenmenschen. Genügt Ihnen das nicht? Und Sie fordern Ihre Glaubensgenossen auf, diejenigen Israeliten, die aus dem Judentum austreten, zu boykottieren! Warum machen Sie denn alle die Tausende von Israeliten, die gleich mir und meinen Geschwistern fast ganz religionslos erzogen worden sind, denen das mosaische Glaubensbekenntnis fremd und gleichgilttg ist, für den Erztehungsmodus ihrer Eltern verantwortlich? Sind denn diese Tausende alle so schlecht und verächtlich, wie Sie hinzustellen belieben? . . . (Tat ich das? Der Vers.) Als ich Ihren Arlikel zu lesen bekam, hielt ich Sie für einen fanatischen Rabbiner, deffen Beruf es ist, alle herunterzureißen, die anders denken und leben als Sie. Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich auf meine Erkundigungen, daß Sie von Beruf Arzt, Naturforscher, Schriftsteller usw. sind. Hätte ich nicht gleich in Erfahrung gebracht, daß Sie ein sehr geachteter und im Umgang ebenso toleranter Mensch seien, der auch in den Kreisen der freier denkenden streng religiöser Lebensführung war mtt keiner Silbe die Rede) Desgleichen muß der'zweite Funktionär vor allem ein guter Kantor (zu deutsch Sänger) sein, ob derselbe den Inh ilt der gesprochenen Gebete versteh?, ob er mit Andacht im Herzen den Fürsprecher der Gemeinde repräsentiere, wer fragt in den modernen Grvtzgemeinden danach? Wenn wir uns erinnern, wie eS früher allerorts Minhag war, heute leider nur noch in einigen „altmodischen" Killes üblich ist, daß jeder Knabe mtt Bollrndung eines seiner ersten Kin erfahre die mtt seinem Namen und Geburtstage bemalte Wimpel zur Synagoge m bringen, und mit seinen schwachen Händchen die Sefer Thora beim Zurollen nach Kräften za umfassen pflegt, um stch frühzeitig an das „Festhalten" an deren Ja hall zu gewöhnen, wie heute dagegen in vielen Gegenoen nur die Gemeinde einige „Bänder" anschafft, als ob fie der in die Brüche gehenden Treue zum Gesetze notdürftige Verbände anlegen wollte, so scheint es mir, als spi gelte sich das Judentum von einst und jetzt in diefen scheinbar so harmlosen und doch so vieljagenden Minhogim wilder. Die kleinen Wimpelträger dürsten wohl die mode nen Bandagenfabrikanten in ähnlicher Weise beschämen, wie die alten Fahnenträger des überlieferten Judentums, die Begeisterung fürs jüdische Leben mit ihren inhaltsreichen Deroschaus und Schturtm, mit der gewiffenhaftkn Macht über Schechttoy und Mikwah weckten, gegen die von der Neuzeit verehrten großen Redner abstechen, die mit der allmonatlichen salbungsvoll.n Predigt zum „Ablab" des Rauich-Choudeschbenfchcs mit Borträgen in den Ltteraturver?inen u. dergl. das Judentum zu retten vermetnen. Ich habe einmal die Beobachtung gemacht, daß eine in etne größere Gemeinde neueren Stils verlaufene „altmodische" buntbemalte Wimpel, weil fie so sehr lang gewesen sei, in zwei Teile getrennt wmde. Aber lachen Israeliten sich allgemeinen Ansehens erfreuten, so hätte ich diese Zeilen nicht brieflich, sondern in einer Zeitung an Sie gerichtet. Ich hätte Ihnen nachgewiesen, daß Sie sich an die falsche Adresse wendeten, als Sie die Israeliten, die sich vom Judentum abwenden, als so minderwertig hinftellten. Als ein Mann der Wissenschaft hätten Sie doch viel logischer gehandelt, wenn Sie erst einmal zu ermitteln gesucht hätten, woher es kommt, daß so viele Israeliten „judenmüde" sind. Und ich, der ich nur ein simpler Kaufmann bin, hätte Ihnen zugerufen: lakawws! Wenden Sie doch einmal Ihre Blicke auf die Erzieherinnen der Jugendin Ihrem speziellen Fall auf die israelitischen Frauen!!! . . ." In den letzten Ausführungen gebe ich dem Briefschreiber recht. Deshalb gebe ich seine Ausführungen hier auch wieder. Daß der Schreiber aber mich vielfach mißverstanden und den Kern der Sache gar nicht berührt, benimmt seinen Zeilen nichts von dem Wert, den gewisse jüdische Kreise, die sich in Versammlungen über die Judentaufen so entrüsten, doch auch anerkennen müssen. Weitere Kommentare erübrigen sich von selbst. Lfe-Q. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsch«« Metch. keprZsenlsnlensibung. E. Rs. Kertt«, 26. März. Die versuchsweise Einrichtung eines Predigtgottesdienstes am 1. Freitag Abend der Wintermonate stand auch heute wieder auf der Tagesordnung. Die Meinung des ersten Redners, Herrn Emil Pincus, ging dahin, daß der Versuch, einen solchen in der Lindenftraße einzurichten von Segen sein werde. Man möge etne kurze liturgische Andacht abhalten und den Hauptwert auf die Predigt legen. Herr Aron Hirsch Sie nicht übcr meine Kleungkettskrämeret, die dies etwa für ein so grcßes Verbrechen hält! Diese scheinbar harmlose Teilung spricht Bände. Weil etwa eimm der ^ynagozenbesuchec daö Umwickeln etne Btertelm i nure za lange währte, mußie stch das arme Stnäbkin, dessen fromme Matter vielleicht eigenhändig die Wimpel ausgearbettct, tessen Bater es vor Jahren.mir freudigem Stolze und süßer Honnung zur Sefer Thora führte und das Ez Chajrm festhal.en ließ, mußte sich das fromme Söhnchen gefallen lassen, daß der ihm in der Aufschrift gewidmete Wunsch - nöirfri min*? 'n!D"PttSl Gott lasse ihn groß werden zu ThorakenntniS, Eheglück und guten Werken — von seinem Namen erbarmungslos abgerissen wurde! Kinnzetchner dre Halbierung der Thorahülle nicht die Strömung des liberalen Judentums, die von allen jüdischen Gesetzen und Institutionen stch mit der Hälfte abfindet, vom Sabbat nur den zweistündigen Gorresdier st, von den Speisegesetzen nur die dem Zeitgeist nicht widerstrebenden, vom Rausch Chaudesch die Ankündigung usw. anerkennt. Doch genug für heute. Finden Sie es noch lächerlich, die schönere Gerte der Wimpel, wenn fie auch von keinem hebräischen Buchstaben geziert, nachinnen statt nach außen zu bringen?"- (Die Krankheiten der Juden.) Ueber dieses Thema führte Tr. A l b u in einem Vortrag vor dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" folgendes aus: Tie Körpergröße der Juden hat sich in allen Kulturländern um 5 bis 10 Ztm. vermehrt und demgemäß ist auch ihre Militärdiensttauglichkeit eine bessere, als früher. Tie. Lehre von der Rassenimmnnitnt hat überhaupt vor der Krjtik der