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Der Israelit · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette « Nr. is_ des Endes der Zeiten. Auch dem Gesetz wird einst die Sehnsucht der Menschheit entgegenwallen. Es wird der Menschheit die Erkenntnis erblühn, daß das Formalprinzip der Sittlichkeit, wenn auch in Gott als Vorbild fundiert, besten Falles nur dos heiße Streben nach gutem, d. h. allgemein gültig richtigem Verhalten zu geben vermag, aber nicht im Stande ist, einem ganzen Leben, am Maßstab der Ewigkeit gemessen, Inhalt und Bedeutung zu verleihen. Es wird die ganze Nichtigkeit und Hohlheit der von Menschen sich selbst gesetzten Aufgaben erkannt und das brennende Verlangen nach von dem Setzer der Ethik gestellten Einzel au fga b en rege werden. „Gesegnet Gott Tag für Tag, möge Er uns zu tragen geben! Er ist der Gott, der unserem Sein Inhalt verleiht." Dieses brünstige Gebet, Aufgaben von Gott zu empfangen, deren Erfüllung höchste Seligkeit verbürgt und das Leben, am Maßstab der Ewigkeit gemessen, lebenswürdig macht, dieses Gebet, das den Lippen des Juden sich jeden Tag entringt, es wird dann auf den Lippen aller sein. Und. wieder wird dann das Judentum der Menschheit einen Gott zu schenken haben. Und wenn daun — das letzte Mal — die Pforten der Menschengesellschaft sich heben, wird Gott als König, d. h. als Gesetzgeber etnziehn und Israels Gesetz, allzu lang verkannt, das Reich der Zwecke verwirklichen. Liberaler Judentum. Ein Bvrtrag von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. .(Schluß.) XV. Ich bin am Schlüsse meiner Ausführungen. Ich weiß es, daß ich trotz der umfangreichen Darlegungen noch manches, noch vieles nicht gesagt habe, was hätte gesagt werden können. Ich weiß es, und es ist Ihnen sicher auch nicht entgangen, daß mancher Punkt, daß manches Problem nicht berührt oder nur unvollkommen erörtert wurde. Aber es liegt im Wesen des umfasienden Themas, daß es in der knapp bemessenen Zeit eines Vortrages nicht erschöpfend behandelt werden kann. Und nun gestatten Sie mir noch ein kurzes Schlußwort! Ich will darin, obwohl das eigentlich nahe läge, nicht eingehen auf die Bewegung, welche ein starkes Gegengewicht gegen die Bestrebungen der „Vereinigung für das liberale Judentum" bildet, auf den Zionismus, und auch nicht auf den Antisemitismus. Aber auf eins möchte ich in aller Kürze Hinweisen. Wir dürfen den Liberalismus nicht bloß _Der JSraelit._ als einen aktiven Faktor, sondern müssen ihn auch als ein passives Produkt der gegenwärtigen Zustände begreifen. Wir vergeben unserer Sache nichts, sondern können es zugestehen, daß er auch in einem gewissen Sinne als Gebilde eines Selbsterhaltungstriebes zu bezeichnen ist, freilich eines geschwächten, sekundären Selbsterhaltungstriebes, ohne Opfergedanken und darum ohne Zukunft, irregeleitet und irreleitend und die wahre Selbstei Hali ung des Judentums gefährdend. Aber wir müssen uns fragen: Wie kam man denn überhaupt auf den widerspruchsvollen Gedanken ein Judentum ohne „Jüdischkeit" konstruieren zu wollen? Nun, der sogenannte Zeitgeist hat es veranlaßt. Aber dieser Zeitgeist ist doch nicht ein intern jüdischer, sondern ein interkonfessioneller Geist! Er hat zwar auf alle Religionsgemeinschaften in auflösendem Sinne gewirkt, aber doch nirgends so stark nnd nirgends so verheerend wie innerhalb des Judentums. Wieso kommt das! Das resultiert aus den wirtschaftlichen Verhältnissen der Juden Deutschlands, aus der Einseitigkeit ihrer Berufsstellungen, aus ihrer Anhäufung in den auflösend wirkenden Großstädten. Das hat den Jndiffercntismus, und das hat dcnLiberalismus jo anwachsen und so groß werden lassen, und das hat dem gesetzestreuen Judentum so viele Bekenner entfremdet. Haben wir Vertrauen zu dem allmächtigen Lenker der Menschengeschicke und dem ewigen Hüter Israels! Er wird sein Volk nicht untergehen lassen. Die gottgewollte Entwicklung der äußeren Verhältnisse war es, welche zur Zeit der großen Krisen Israels, welche zur Zeit der Zerstörung des ersten Tempels, zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels eine innere Neubelebung und Kräftigung des Judentums hervorrief. Und eine Entwicklung der äußeren Verhältnisse wird es sein, welche das Judentum der Gegenwart zur Selbstbesinnung führen wird. oia' *0 run „Siehe nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels." Laborernuo! Lasset uns arbeiten! Ein jeder in seinem kleinen Kreise! Nicht in dem Geräusch, das wir machen, nicht in der Sensation, die wir erregen, liegt der Wert unserer Leistungen. N21V2 mp v'pytt 'P 1CN PD '5 .oamiaa n'nn nn&aai op»na pym nmi „Denn so spricht der Ewige, Gott, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe werdet Ihr gerettet werden, in Stille und Vertrauen ruht eure Kraft." (Jes. 30, 15). 12. Aprll 1911, Laboreinus! Arbeiten wir! In der stillen geräuschlosen unscheinbaren Pflicht des Tages! Denn das ist das Höchste. In den kleinen kümmerlichen Verhältnissen unserer zum Teil weltverlorenen Gemeinden! Suchen wir das gesetzestreue Judentum zu Ehren zu bringen, nicht durch trügerisches und eitles magna, loqui, sondern durch ostentationsloses ernstes magna vivere. Erheben wir unser Amt durch Selbstverleugnung und Opferfreudigkeit, durch wahre Demut und wahre Liebe! Dann wird unsere armselige Alltagsarbeit einen unendlichen Wert erhalten und reich gesegnet sein. Audiatur...? Bon Dr. Arthur Kahn. Es kam anders als ich vermutete. Die „Steinigung" auf meinen Artikel: „Generalboykott" ist, abgesehen von ein paar anonymen Flegeleien unmittelbar Beteiligter, ausgeblieben. Hingegen ist außer einem längeren „Rechtfertigungsschreiben" auch ein Brief eingelaufen, der auch aus Billigkeisgründen schon, nicht auf die Seite gelegt werden darf, ohne wenigstens teilweise hier wtedergegeben zu werden Der Schreiber gehört zu jenen wenigen dem Judentum Entfremdeten, die noch Einsicht und Ehrgefühl genug besitzen, die Ausführungen im „Generalboykott" im „Prinzip" zu billigen. Auch gehört der Briefschreiber, nach Form und Inhalt zu urteilen, zu der unstreitig gebildeten Klasse von Juden, die man unter allen Umständen ernst nehmen muß, weil er logisch denkt und, obgleich er dem positiven Judentum entfremdet ist, einsichtig genug geblieben, nicht nur die Berechtigung, sondern auch die Notwendigkeit des konservativen Judentums einzusehen. Was er hiervon schreibt, soll ein anderes Mal besprochen werden) hier nur, was wichtiger ist zu erörtern. Durch Zufall will er den besagten Artikel zu Gesicht bekommen haben, und er fühlte sich daraufhin veranlaßt, einen ziemlich langen Brief an mich zu richten, mit dem Anheimgeben, bet Wahrung der, ja selbstverständlichen, Diskretion für seinen Namen, aus seinem Schreiben das mir wesentlich Erscheinende zu publizieren. Die soll hiermit geschehen. „ . . . . Ich bin wohl aus dem Judentum ausgetreten, weil ich die Konsequenzen aus meiner Erziehung und meiner daraus resultierenden Lebensweise bis zum letzten Schluß ziehen wollte. Ich will auch nicht leugnen, daß der Uebertritt zum Christentum von mir in Erwägung gezogen worden ist. Da ich aber jetzt, nachdem ich für den Austritt und Uebertritt durch Ihren Artikel mittelste, 'fl der letzte Buchstabe des Alphabets istaber noch nicht aufmerk>am gemocht wurde darauf, daß flp^ „die Lüge" die drei letzten Buchstaben des Alphabets Hat. mit Ausschluß des fl, da es bereits in ntiK „Wahrheit" steht Dazu stehen die Utzten drei Buch' abm in aischer Reihenfolge (-flpp und nicht Enp). Das will vielleicht besagen: Schon im Worte flp^ ist „die Lüge" ange'-eutet und die drei letzten Buchstaben mußten dazu notgedrungen herhalten, dieses Wort zu bilden. '' nVPÜ PÖDK1 #,PIK '2 fllÖK 8^ ,/Jch werde nicht sterben, sanier n erleben und verkünden Gottes Taten. „Nach HtrschS Psalmenkommen: ar bezieht sich dieser Satz auf das Volk Israel und feine Unsterblichkeit. Wenn man es aber auf den E nzr-lmenschen bezieht, versteht man nicht recht, wie der sagen kann: Ich werde nicht sterbe»^ sondern lecen, da alles Q'OVP P2 Allein wir sagen: nöO 21VP und so möchte ich denn die Stelle so auffass n: N cht ein Armer möchte ich sein, der gleichsam tot ist, sondern leben will ich und so leb.n können, daß ich die Taren Gottes stets erzählen kann, sodaß ich mit Hab und Gut tätig fern kann für fl und 'fl flL?F!2, denn PO' g züchtigt hat mich i"pfl zwar durch norTRÖ pPID’/ aber ^fl] fllö^i der völligen, zum Nichtstun gegenüber 'fl verurteilten Armut hat er mich nicht preisgegeben. vrr Lenr riebt ein..? Der Lenz zieht ein! Das Land jauchzt ihm entgegen, Aus starrem Wintersroft erlöst der milde Lauf Des Frühüngswinds, statt kaltem Schnee fällt Regen Und taut die ssingefronnen Schollen fröhlich auf. Tie Sonne kommt! Mit leuchtend warmen Strahlen Grüßt sie die Welt ,die ihr entgegenlacht Und schon beginnt ihr Pinsel bunt zu malen Tie Blumenköpfchen, die der Rain emporhebt facht. Ta wird es hell auch in den Menschenherzen Und alles Trübe uns'res Lebens weicht zurück, Es lösen sich die alten bösen schmerzen Und bess're Zeiten sieht der neubelebte Blick. Jetzt lösen sich so viele bange Sorgen Und goldne Hoffnung zieht belebend in die Brust. Tem frischen, jungen Tag folgt da ein schön'res Morgen Und Milde fasset uns und Gilt' und Lebenslust. Toch nicht in alle Herzen trägt die Freude Ter schöne junge Lenz auf seiner Siegesbahn. Seht Ihr nicht dort die gramgebeugten Leute? Faßt Euch da nicht der Menschheit Jammer an? O, eilet und lindert das Elend, die Not, Tie Menschen zu lieben befiehlt uns ja Gott. Tann blaut erst der Himmel, dann , tönt Lerchenschlag Und dann erst erlebt ihr den schönsten Frühlingstag. *) Wurde als Prolog von Frl. Luise Münz.am Feste der Brockensammlung „Peah" in Nürnberg am 19. März vorgetragen. Mmpeiu. Bon Rabkirer Dr. Ansbacher in Labifchau. Als ich vor kurzem an einem Montagmorgen einem Gottesdienst in einer nitttleren Gemeinde Norddeutschlands beiwohnte, beobachtete ich bet dem Zurvllen der Sefer Thora, daß der mit Mtzwas Geliloh Betraute die mit Seide benähte Sette der „Wimpel" nach außen, die mit Leinen gefütterte nach innen wickelte. Ich mackte i-n darauf aufmerksam, daß es üblich sei, bet Geltloh die schönere Seite nach innnen zu bringen, verbrach dem betreffenden Herrn auch auf seine Frage hin, ihm nach Beeuoigung deS Gebetes die Begründung dieses Mtnhags anzugebkn. Nach Schluß des letzten Kaddtsch verwies ich meinen Mandanten auf O'P'ON '0/ wo dies vorgeschriebe» sei unter Bezugnahme auf die Bretter der Stlstshütte, die v o n t n n e n mit Gold belegt, die Vorhänge, deren künstlerische Stickereien ebenfalls nach innen gebracht wurden. „Aber sehen Sie mal, Herr Rabbiner," meinte daraus der Aufklärung heischende Synagogennachbar, „sieht es nicht besser aus, wenn beim Herausnehmen der Thora dem Publikum die zweifellos doch viel ästhetischere Sette des Thorabandes zu Gesichte kommt als bas gewöhnliche, schon durchgertebene Futter?" „Ja, mein lieber Herr," war meine Antwort, „damit haben Sie meines Erachtens Die moderne Anschauung über unser heiliges Judentum so treffend bargestellr, wie es kaum an einem anoeren Beispiele bester möglich tst. Das ist eben das Grundübel, an dem unser religröses Leben heutzutage so sehr krankt, daß man ängstlich darauf bedacht tst, vor allem der Außenwelt zu imponieren, durch ästhetische Eindrücke ein günstiges Urteil abzuge- -- rT'~~-y fiTli VTiiiiufcTfi

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