Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 15 Mer JTraeltt. Q'*oy '22 — tief in die Seele gesenkt wurde, kann nicht Sklave von Erscheinungen sein, die vorüberrauschen, ohne nur eine Spur am Bau der Ewigkeit zu hinterlassen, nicht Sklave sein „einem Geiste der Zeit, der im Grunde der Herren eigener Geist ist, in dem die Zeiten sich bespiegeln", U''n WN2P Wir waren Sklaven, konnte der Ghettojude, hinter dessen festverriegelter Türe vielleicht Tod und Grauen lauerten, um bald den heiligen Fami- ' ltenfrieden seiner Sedertafel zu vernichten, mit viel mehr Recht sagen als mancher äußerlich emanzipierte Großjudc, der glänzenden Ehren und Vorteilen sein Inneres und Eigenes, seine jüdische Seele geopfert. Mitten in Gefahr und Not kann der Jude heute noch ein Lied von Liebe, Licht und Freiheit anstimmen, dem das Judentum nicht ein Unglück, auch nicht ein Problem oder eine gewisse philosophische Weltanschauung ist, sondern ein Tell seines Ich, der Inhalt seiner Seele, ein Stück des oberen Lichtes, wie sich der Chassidismus so klar und treffend ausdrückt, das sein Inneres bis in die entlegenste Ecke durchleuchtet und durchwärmt.... Judentum ist Freiheit, Lichtfülle und inneres Rechtsbewußtsein, das raunt uns der Frühling immer von neuem zu, wenn er an unserem Feste uns, nicht wie die Anderen, ins Feld und in den Wald hinauslockt, sondern zu uns kommt und in unser Herz einkehrt. Und ist es auch düster ringsumher, und ist der Boden noch so hart, der jüdische Säemann schreitet unbekümmert weiter und senkt seine heiligen Saaten immer tiefer in die dunkle Erde. Und waren sie auch hie und da umsonst gestreut, die glühende Hoffnung, einst mit der Allmenfchhett das große Fest der Ernte zu feiern,. weicht dennoch nicht von ihm. Denn auf- und vorwärts weist der Gang der Geschichte trotz allem und allem. Mit jedem Volke, das in die Reihe der Rechtsstaaten eintritt, ist ein neues jüdisches Saatkorn aufgegangen. Jedes neue Gesetz, das zum Schutze der von des Lebens Not Bedrängten geschaffen wird, verkündet den Sieg des jüdischen Gedankens. Eine führende Nation schickt sich an, mittels eines Schiedsgerichtes dem Dämon des Krieges die bluttge, den Weltfrieden bedrohende Waffe aus der Hand zu reißen. Der jüdische Säemann hört darin wieder die Zukunftsmusik seiner Propheten, nicht aus dem Munde ewiger Träumer und Weltverbesserer, sondern aus dem praktischer Männer, die von der Vorsehung berufen sind, die Geschicke der Völker zu leiten: „Und sie werden ihre Schwerter in Ackerbaugeräte verwandeln." Darum darf uns das Fest der Befreiung jedesmal mit neuer Siegesgewißheit erfüllen, neuen Mut für die schweren Aufgaben, die unserer noch harren, einflößen. Frei im Bewußtsein der Gottesgebundenheit, glücklich im Vollbesitze der unveräußerlichen Rechte auf die Mitarbeit an der Menschheit besserer Zukunft, so finde uns das Fest des Frühlings, des Rechtes und der Freiheit, jeden auf seinem Posten, gerüstet für die Forderungen des Tages. TpK2 itoi D'3¥2n. Schon streben aus der dunklen Erde die jüdischen Saaten und treiben ihre Blüten dem Lichte entgegen. — Darum l1? '2)1 'n'jn Völp Auf zur Arbeit, zum Siege! ■mm Mochmrmöscha«. Sfolypin und die nationalen Kurien. Stolypin bleibt. Und es ist fast etwas wie Freude, mit der man in den jüdischen Kreisen Rußlands die Kunde von dieser unvorhergesehenen Entwicklung der politischen Dinge aufnimmt. Nicht etwa als ob Stolypin ein großer Freund und Beschützer der Juden wäre, von dem zu erwarten sei, daß er ihnen in ihrem Kampfe ums Recht beistehen würde. Allein man weiß von Stolypin, daß er, wenn auch sein Sinn auf die Erhaltung des bestehenden Regimes gerichtet ist, doch gerade kein Freund der Gewaltpolitik sein dürfte. Unzählige Gesetze sind unter ihm zur wirtschaftlichen Unterdrückung der Juden erlassen worden, alte drückende Judengesetze sind mit neuer Schärfe in Kraft getreten, die Ausweisungen haben zeitweise riesige Dimensionen angenommen und die Ausnahmebestimmungen verschiedenartige Bereicherung erfahren. Aber, das muß Stolypin zugute gehalten werden, er hat den Pogromen Einhalt geboten. In gleicher Weise, wie er den Terrorismus auf der linken Seite zu Boden gedrückt hat, hat er ihn auch auf der extremen Rechten verpönt und aus der Politik ausgeschaltet, wodurch er sich oft geung die Feindschaft der Verbändler zugezogen hat. Zudem kennt Stolypin die Wünsche und Bedürfnisse der Juden. Mehr als einmal hat er jüdische Deputationen empfangen, die er, wenn er ihnen auch nur selten bestimmte Versprechungen machte, doch immer anhörte. Man darf immerhin hoffen, daß, wenn die Duma demnächst über die wichtigsten Le- __12. April 1911 bensfragen der russischen Judenheit: das Ray onprojekt und das Sonntagsruhegesetz zu Gerichte sitzen wird, man im Premier einen Mann finden wird, der sich weniger von Haß und Leidenschaft als vielmehr von den Interessen der Bevölkerung — der jüdischen wie der christlichen — leiten läßt. Die Namen, die als Nachfolger Stolypins genannt worden sind: Kokowzöw, Treptow usw. sind als erbitterste Reaktionäre bekannt, die wohl wenig dazu berufen sein dürften, dem jüdischen Rechte eine Gaffe zu schaffen. Darum darf der Sieg Stolypins, wenn er auch letzten Endes ein Sieg der Reaktion ist, von jüdischer Seite nicht bedauert werden. Ein Sieg der Reaktion ist der Sieg Solnpins deshalb, weil er über den Kopf der Duma hinw?g und nach dreitätiger Einstellung der Konstitution errungen worden ist. Die Regierung wollte die nationalen Kurien in den Städte Verwaltungen haben. Die Duma wollte von diesem Kurien-System, das sich in der Fassung der Regierung als eine kommunale Entrechtung der kleinen Nationalitäten darftellte, nichts wiffen. Da verfuhr man nach echt russischer Art. Man schloß die Duma drei Tage und machte das Gesetz ohne die Volksvertretung. Hinterher mochten die Kadetten und Oktobristen nach Herzenslust interpelliren und protestiren. Die Regierung hat das ihrige getan und Stolypin, der mit dem Entwürfe hätte fallen müssen, bleibt. Nun ist das Kuriensystem in der Verwaltung auch keine jener Einrichtungen, die den Juden im Rayon zugute kommen. Die nationalen Minoriräten werden bei diesem Verfahren, wie schon gesagt, so ziemlich an die Wand gedrückt. Und wenn auch die Juden in vielen Polnischen und russischen Städten numerisch die Majorität bilden, so sorgt ein anderes Gesetz dafür, daß im Sinne der Verwaltung diese Majorität in eine Minorität verwandelt wird. Also gibt auch der Tatbestand, der die Unterlage für den Sieg Stolypins bildet, den Juden keinen sonderlichen Grund zur Freude. Nichtsdestoweniger muß das Verbleiben Stolypins an der Spitze der Regierung mit Befriedigung erfüllen. Die kommunale Entrechtung der Juden wäre, das hat das neue Städteverwaltungsgesetz in Polen gezeigt, auch ohne Hilfe der Regierung und ohne nationale Kurien zustande gekommen. Stolypin möchte man aber gerade jetzt, da über das Schicksal der russischen Judenheit in der Duma entschieden werden soll, am Regierungstische nicht missen. 18 Hai gelö Lav den run 190 na! nist Ju! poli mei sehr cs I mer fra; Mo Sö die len wn lan die Sc hat wu An' mei Hei Ha En rat gut rirr täte ihr Re. rcli tik disr Fü ren ihr. sich der Al die jüd St du ziso Wc Kleine» Feuilleton. llebekka. (Ans den Aufzeichnungen meiner Mutter) Don I. Oppenheim. (Schluß.) Ju derselben Nacht, im tiefsten Dunkel verließet, drei Gestalten das Ghetto. Jede nach einer anderen Richtung, daniit es nicht auffallen sollte. Altes mußte geheini^ bleiben. Tann trafen sie einige Stunden von den, - Städtchen entfernt an einem bestimmten Ort zusammen und bestiegen einen Reisewagen, der sie nach Wien führte. Dort angelangt, begaben sie sich in die Hofburg, wo der Kaiser die Audienzen erteilte Jede Woche hatte Alles Zutritt, es hieß der Kontrollmorgen. Ta durste jeder selbst seine Bitte dem Kaiser Vorträgen. Die Bittenden bildeten zu beiden Seite» Spalier. Tiefe, erwartungsvolle Stille herrschte. Aller Augen waren der Tür zngewendet, durch welche der Kaiser erscheinen sollte. Am untersten Ende der langen Reihe stand Rebekka mit ihrem Bater und Rräntigam. Sie wagten kaum zu atmen. Da trat der Kaiser ein. Freundlich grüßte er, die Bittschriften da und dort entgegennehn.end und mit seiner gewohnten Milde all die Wünsche -anhörend. Endlich kain er in die Nähe der Bittenden. Sic standen stumm und tief gebückt und kein Laut kam aus ihrem Munde. Tie liebliche Gestalt Rebekkas erhob sich, die Hände ausstreckend, bittend und flehend. ihre schwarzen, tränennmflorteil Auge,, auf den Slaifcr gerichtet, rief sie „Gnade!" Sofort hatte sie der Kaiser erkannt, denn sein Gedächtnis war ein außerordentliches. „Was ist Euch geschehen?" Rebekka war nahe daran, llmznsjnten, doch faßte sie, dnrcli den liebevollen Empfang ermuntert, bald Mut und trug dem Kaiser klar und ruhig ihr Anliegen vor. „Euch soll geholfen werden. Bevor ihr zu Hanse sein werdct. ivird der Befehl schon dort sein. Wie das doch alles langsam geht", sagte der Monarch noch zu sich selbst, und wie Trauer flog es über sein edles Antlitz. „Und mm" - sagte er wieder zu Rebekka gewendet, „Gott helfe Euch weiter, ich freue mich mit Euch, Nicht immer ist es dem Kaiser vergönnt, glücklich zu machen und Allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber gedenkt dieser Stunde und seit milde, nachgiebig und barmherzig und haltet Frieden mit allen Menschen." Mit Jubel wurden die Reisenden zu Hause begrüßt. Ter Narr lies ihnen fast eine Meile weit entgegen, in Lumpen gehüllt, als wärs zu Purim, wie er sagte: „Ten Ham an haben wir und sachte jetzt die Mütze gezogen vor dem Juden Mordechai." Tie Hochzeit ivnrde bald gefeiert und nicht nur die ganze Gemeinde, alle Honoratioren des Städtchens, an der Spitze der Herr Oberamtmann, zierten die Tafel. Ter Vorsteher Fischl öffnete die Speicher und nicht nur die jüdischen Armen, nein, das ganze Städtchen, die umliegenden Dörfer, alle durften teilnehmen an der Freude, alle wurden reichlich beschenkt. Es hieß, im Namen des Kaisers, dessen Wunsch es war, daß alle ohne Unterschied des Glaubens einig sein sollten in Leid und Freud. Zivei Fahre waren vergangen. Tie Fabrik warb erbaut und viele jüdische nild christliche Arb.'U > fanden ihr Brot und arbeiteten fleißig. Fischt une sein Sohn waren geehrt und geschätzt, und so glücklicb Ihr höchster Wunsch ward ihnen erfüllt. Rebekle bekam einen Sohn. Irr ihrem Glücke dachten sie zunächst an du unvergeßlichen Kaiser. Ein Bote wurde nach Wien in die Hoskanzlei gesandt, mit der Bitte, ob sie den Knaben „Joses" nennen dürfen, nach dem Kaisern „Ta schauen Tie her", sagte der Kaiser zu Rosenberg. „Run bin ich, den so manche für ein n Ketzer halten, sogar Gevatter bei einem Juden knäblein. Sie kennen ja das Ehepaar. Antwort n sie ihm, daß ich ihnen stets gewogen bleib, ebenso »reinem Patcchn Senden Sie ihnr mein Bild und diesen Ring für die Frau Gerbermeisterin " Das Bild des geliebten Kaisers wurde hochg halten von Geschlecht zu Geschlecht. Tie Inden ehrten i» iiueirdlicher Tankbarkeit den großen Kaiser, den Men scheu sch ützer mtb erzählen noch allen Geschlechtern vo» dem hochherzigen Erlöser, dem Befreier von falschen Vorurteilen, von Truck, Verleumdung, gegenseitiger Anfeindung des Glaubens. Und wie Voltaire ihn einst mit Spott „den König von Jerusalem!" nannte, so bleibt dem edlen Kaiser, der bei Allen in wahrhaft treuer Erinnerung steht, der Name eines der Unsterblichen. Unersetzliche». Gedankensplitter. Bon Rabbiner Dr. Neuhaus in Oftrowo. Bet fHlfl und rni31?/ in der bekannten Mtfchna in JTDK die von den drei Dingen spricht, auf denen die Welt beruht, zeigt uns das Vorgesetzte ',1 daß und ftiw grd gib! fori erst ö'l ehr N2 deri zu An, t2"; Wt, wäl jüd dur aut wes ihm bor mm köw nick ist *•. m