Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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6. April 1911._ Ortes ergab sich von selbst, weil Jerusalem noch immer das Zentrum für talmudisches Studium in der Türkei geblieben ist und berufene Lehrkräfte hier am leichtesten *it finden sind. Der Kursus ist als 4jähriger gedacht und soll 2 Klassen mit je 2 Jahrgängen haben. Ter Lehrplan gestaltet sich wie folgt: "1, Jahrgang. Bibel: Pentateuch mit Kommentaren, Jesajas, Sprüche mit Kommentaren. Talmud: kursorisch, 2 Traktate ans Moed, statarisch, 1 Traktat aus Nsikin. Mischna: Sseder „Zeraim", Pirke Aboth mit Kommentaren. Religionswhilosophie: Chobath-Halebaboth. Jüdische Geschichte und Literatur: Babil. Exil bis zur Zerstörung des 2. Tempels. Hebr. Sprache: Grammatik und Aufsatz. Arabisch, Türkisch, Deutsch, Rechnen und Raumlehre, Allgem. Geschichte, Geographie, Synagogale Gesänge. 2. Jahrgang. Bibel: Megiloth mit Kommentaren, Jeremias, Jecheskel mit Kommentaren. Talmud: kursorisch, 1 Trakt, aus Kodoschim, stat. Chulin mit Kommentaren. Religionsphilosophie: Emunoth wedeoth des Saadiah Gaon. Mischnah: Sseder Teaharoth und Meimuni. Jüdische Geschichte und Literatur: Jabneh bis zum Schluß der Gaourschen Periode. Hebräische Sprache: Syntax und Aufsatz. Tecisoren: Tur- und Schulchan-Aruch. Arabisch, Türkisch, Deutsch, Rechnen und Raumlehre, Allgem. Geschichte, Geographie, Synagogale Gesänge. "3. Jahrgang. Bibel: Dodecapropheten, 'Hiob und Psalmen, Repet. und histor. Ueberblick. Talmud: 2 Trakt, aus Nesikin, stat. l Trakt, aus Noschim. Mewo Hatalmud (Einleit. i. d. Talmud), Midrasch Auswahl. Religionsphilosophie: Cusari und More-Nebuchim. Hebräische Sprache: Aramäische Grammatik, hebr. Aufsatz. Jüdische Geschichte und Literatur: Gaonim bis Joseph Caro. Tecisoren: Tur- und Schulchan-Aruch. Arabisch, Türkisch, Deutsch, Rechnen und Raumlehre, Allgemeine Geschichte, Geographie, Gesang. 4. Jahrgang. Talmud: kursorisch 1 Traktat aus Jeruschalmi, stat. Chulin mit Kommentar. Homiletik mit Homilet. Hebungen. Religionsphilosophie: Ueberblick über die gesamte jüd. Religionsphilosophie. Jüdische Geschichte und Literatur: Neue und neueste Geschichte, hebräische Literatur. Tecisoren: Jore-Deah und Eben-Ha'eser. Arabisch, Türkisch, Deutsch, Naturkunde, Allgem. Geschichte, Mathematik und Physik, Geographie. Bereits am 10. Mai konnte der Rabbinerkursus eröffnet werden. Gegenwärtig zählt der Rabbinerkursus mit Borbereitungsstufe 27 Zöglinge. Als 'Talmudlehrer wurdxn für den Rabbinerkursus die Herren Rabbiner Benzion Abraham Koenka und Beuzion Usiel gewonnen. Rabbiner Koenka, der Herausgeber der talmudischen Zeitschrift „Hameasseph", ist als hervorragende talniudische Kapazität auch im Auslande angesehen, und wie Verschulden und Strafe. Darf man da das Schicksal noch mehr herausfordern, indem man pompös begräbt, den Verstorbenen durch Uebergabe auf einen konfessionellen Friedhof mit einem neuen Glauben quasi identisch erklärt, wo mau doch der neu erworbenen Religion noch weniger traut, als der alten abgelegten? Und alle Leute erfahren ganz plötzlich, daß der Tote getauft war. Jedenfalls wird^ man mißtrauisch, wenn die Beerdigung „in aller Stille" stattgesunden hat. Weißensee wird iit Gedanken sofort ausgeschaltet — also, geschmadt! Und da hat man doch, um dies zu verheimlichen auch nach erfolgtem „Uebertritt" — wie ft in und harmlos das klingt! — immer noch Steuern an die jüdische Gemeinde gezahlt, ja, sogar tapfer gegen die bösen Konservativen mitgewählt!! Ja, es gibt sogar Fälle, wo die Judentäuslinge, um Verwandte und Erblasser zu täuschen, am Rofchhoschono sich Sitze in den Synagogen mieten, um die unfaire Sache zu verheimlichen und keinen materiellen Schaden zu erleiden. Stirbt nun da unerwartet eine jugendliche, getaufte Person, da stellt es sich häufig heraus, daß auch die älteren Anverwandten sich den Kindern zuliebe, und, weil das dann in einem Auswaschen hingeht, haben gleich mittanfen lassen. Solcher Fall, — kein vereinzelter! — hat sich erst vor einigen Wochen zugetragen, wo es kein Mensch sich hätte träumen lassen, daß die alte Dame — Witwe — getauft war und in „a l l e r Stille" christlich begraben wurde. So erklärt sich ganz von selbst, warum Leute, die im Leben nicht so leicht auf eine äußere Ehrung verzichteten und überall, wo es galt bemerkt zu werden und hervorzutreten, beim Begrabenwerden auf Geräuschlosigkeit Wert legen. Sollte Schamgefühl dabei im Spiel sein? . . _Der JSraelN._ Rabbiner Usiel ist sowohl als talmudischer Gelehrter wie auch als gewandter Redner in weiten Kreisen bekannt. Neben den beiden genannten Hauptlehrern unterrichten am Rabbinerkursus auch die Lehrer unseres Seminars M. Pines, Tr. Rabin und M. Lipschlltz. Wie zeitgemäß die Begründung des Rabbinerkursus war, beweisen die fortgesetzten Anmeldungen von auswärts. Von den Schülern des Rabbinerkursus sind drei aus der Jeschibah in Äldriannopel, einer aus der Jeschibah in' Saloniki. Ein Schüler aus Philippypel mußte in die Vorbereitungsstufe kommen. Das geht über das im „Israelit" Berichtete noch wesentlich hinausdenn hier ist nicht mehr bloß von einem immer noch als Provisorium oder Probeversuch deutbaren Stadium die Rede, sondern die Angelegenheit ist danach in allen Teilen destnitiv erledigt, das Lehrerkollegium ernannt, der auf 4 Jahre berechnete Lehrplan festgelegt und die Zöglinge strömen herbei! Bon einem Mißverständnis kann keine Rede seinweder der Verlauf der Generalversammlung einerseits, noch anderseits die klare Sachlage, die der Bericht mitteilt, lassen eine andere Darstellung, als sie hier geboten wurde, zu. Man steht vor einem Rätsel! In diesem Augenblicke erscheint es daher ausreichend, die Tatsachen zu verzeichnen und sie sprechen zu lasten. Denn die Vereinsleitung darf das Recht für sich beanspruchen, angesichts des Befremdens, das diese unaufgeklärten Widersprüche hervorgerufen haben, durch objektive Aufklärung irrtümlichen Erklärungsversuchen, seien sie entschuldigender oder verurteilender Art, ihrerseits zuvorzukommen. Anderseits darf aber auch die Oeffentltchkeit die Forderung erheben, daß diese Klarstellung der Verhältnisse seitens der Vereinsleitung unverzüglich erfolgt. Daß es in diesem Augenblicke unangebracht wäre, wie in Aussicht genommen, in eine meritorische Behandlung der Seminarfrage einzutreten, liegt auf der Hand. Muß es nach dem augenblicklichen Stand der Dinge ja sogar problematisch erscheinen, ob denn von einer „Seminarfrag e" überhaupt noch zu reden ist. Nachschrift. Um die Klärung der Angelegenheit zu beschleunigen und der Leitung des Hülfsverelns Gelegenheit zu geben, gleichzeitig mit dem Erscheinen des Artikels sich dazu zu äußern, sandte ich Abschrift desselben an Herrn Dr. Paul Nathan. Aus seinem Ant-, wortschreiben teile ich folgendes mit: „Ihren Brief vom 29. März fasse ich in dem freundlichen Geiste auf, in dem Sir ihn geschrieben haben. . . . Ich erlaube mir bas, was ich zu sagen habe. Ihnen zuzustellen, mit dem Anheimgeben über meinen Brief in einer Weise zu verfügen, der der Sache nach Ihrer Ansicht als entsprechend zu erachten ist.Tas Vorgehen des Hilfsvercins ist keineswegs ganz plötzlich eingeleitet worden, sondern seit zwei Jahren wird .die Angelegenheit bereits im __Rr. 14. Seite 5 Orient und auch innerhalb der europäischen Judenheit erörtert. Tie jüdische Presse Europas hat über die Absichten des Hilfsvereins wiederholentlich berichtet, und ich bin einigermaßen überrascht, daß ein Unternehmen, das bereits über drei Bi: net Jahr besteht, plötzlich eine für mich überraschende Beurteilung bei Ihnen findet. Hervorheben möchte ich ganz besonders, daß in Jerusalem in engster Angliedcrung an bestehende Verhältnisse ein Rabbiner-Kursus vom Hilfsvcrein der deutschen Juden ins Leben gerufen worden war. Der .Hilfsverein betrachtet diesen Kursus als ein V o r st a d i um für die G r ü n - düng e i »i’ s Rabbi n? r - Seminare, das zur Zeit nicht b e st e h t, und das erst demnächst entstehen soll. Ist der Augenblick gekommen für diese Neugründnng, so würden wir zur Ueberwachung dieses Institutes ein .Kuratorium einsetzen. . . . , das nach meiner Ansicht insbesondere aus angesehenen Rabbinern Rußlands, Deutschlands und des Orients bestehen müßte, und dieses Kuratorium hätte über die Gestaltung des Lehrplans am Seminar, wic über den Geist, in dem das Institut zu leiten, die Normen aufzustellen und tre Ueberwachung des Beschlossenen zu übernehnren. ... Ich weiß, daß die Gesamtheit meiner Kollegen im Hilfsverein meinen Standpunkt durchaus teilt. . . . Die Befürchtung, daß Persönlichkeiten mit mangelnder Kompetenz die Leitung des zu gründenden Rabbiner-Seminars in die Hände bekommen werden, kann ich zerstreuen, denn ich bin überzeugt» daß das K u r a t o r i u ni, dem schließlich die Ueberwachung des Instituts unterstellt werden wird, sich a u s M ä n n e r it z ii f a nt nt ensctze n w ir d, g e g e it deren Berufu n g auch Sie nichts einznwenden haben dürften." Diese Ausführungen des Herrn Dr. Paul Nathan, die denselben Geist echtliberaler und die religiöse Neberzeugung respektierender Gesinnung atmen, der bisher derBeremsleitung die Achtung und das Vertrauen aller Kreise sicherte, sind mit Dank zu begrüßen. Ob die Oeffentltchke't um den Rabbtnerkursus wußte oder nicht, erscheint unwesentlich gegenüber der Feststellung, daß zwischen dem an bestehende Verhältniffe d.h. die sephardische Chachamimschule sich anlehnenden Kursus und einem erst noch zu begründenden Seminar scharf unterschieden wird. Die Erklärung, daß die Vereinsleitung den Kursus als Vorstadium des Seminars ansehe, verliert dadurch an Gefahr, daß man vorerst an der Ueberzeugung festhallen darf, daß die zentnerschweren Bedenken, welche eine Prüfung des EndprojektS durch die berufenen Stellen — auch nichtorthodoxe, wie wir überzeugt sind — enthüllen werden, sich als stark genug erweisen werden, um den Hilfsverein vor diesem verhängnisvollen Schritt zurückzuhalten. Daß es in diesem Punkte der Vereinsleitung an sachkundigem Rat gefehlt hat und dafür Unberufene ihre Hand dabei im Spiel hatten, das verrät dem Kundigen auf den ersten Blick der mehr als groteske „Lehrplan", den wir oben zum Abdruck brachtet:. Und auf dieselbe Fehlerquelle deutet auch die Abnormität eines auf vier Aber Taufenlassen ist doch längst keine Schande mehr! Oder doch? Nun sehen wir schon ettvas klarer, warum in neuester Zeit so viele Leute mit jüdischen Namen und voll denen man sonst keine Bescheidenheit erwartete, auf die letzte Ehre sogar verzichten, um sich in aller Stille begraben zu lassen. Sie und die Hinterbliebenen können das auch leicht erreichen, denn die neuen christlichen Glaubensgenossen gehen ja ohnehin nicht mit, wenn getanfte Juden begrabenwerden. Und Schiwwe sitzt man in beiden Lagern, bei Juden und bei Christen nicht: man ehrt den Wunsch der Verstorbenen. Sie können in aller Stille begraben werden. 'Pessachwallfahrt der marokkanischen Juden. In N a z z a n, das neben dem Flusse Sebu und der Stadt Nazar liegt, befindet sich die letzte Ruhestätte des Zeitigen Mannes Abbi Amram. Die Juden von Larache, Aleazar, Aszila, Mekincz, selbst von Fez pilgern zu seinem Grabe. Vom ersten Omertage angesangen, bemerkt man eine Bewegung unter diesen Juden, die sich zu langen Karawanen von Tausenden von Pilgern gruppieren. Ta das sehr verehrte Grab sich nicht in Nazzan selbst, sondern einige Kilometer von der Ortschaft entfernt befindet, führen die Besucher Proviant für mehrere Tage mit sich. Jung und Alt, vom Großvater bis zum Enkelkind, alles zieht hin, um dort in Zelten zu lagern und die ganze Zeit in frommem, inbrünstigen Gebet ztr verbringen. Im letzten Jahre sind 6000 jüdische Pilger zu dem Grabe des Rabbi Amram gezogen. Tie betreffenden Familien holen ihren -reichlichen Proviant hervor, es werden Hammel geschlachtet, sowie Wein und Feigenlitör kredenzt. Nach dem reichlichen Mahle und dem hieraus folgenden langen Schlafe geht der Zug an den neben dem Grabe befindlichen sumpsartigen Teich „El agua del santo" (Wasser des Heiligen) genannt, vorüber. (Die kinematographische Bibel.) Tie Newyorkcr Sektion des „Council os Jewish women in Amerika" ist auf eine originelle Idee gekommen, um der weiblichen jüdischen Jugend in Amerika einige Vertrautheit mit der Bibel beizvbringen. Tie genannte Organisation veranstaltet von Zeit zu Zeit kinematographische Vorstellungen aus der Bibel, die der jüdischen Jugend frei zugänglich sind. Tiefe Darstellungen sind immer den einzelnen jüdischen Festen angepaßt. So führt die erste eben jetzt veranstaltete Serie dieser Vorstellungen aus Anlaß des herannahenden Pessachfestes den Titel: „Tas Leben Moses". Diese S^rie enthält Bilder aus dem Leben Mosis, von seiner Geburt bis zu seinem Tode. Tie bildlichen Darstellungen halten sie strenge an die Ueberlieferung. Diese originelle Art, der Jugend d:c Lehren der Bibel beizubringen, hät in Amerika großen Anklang gefiindeir. iFremdwörter im Reichstage.) Mehrere Reichstagsabgeordnetc regten jüngsthin an, alle Fremdwörter in der Geschäftsordnung abzuschaffen. Mit treffender Ironie bemerkte darauf der sozialdemokratische Abg. Geck: „Dann solle man ztr allererst die Antisemiten und die R e f o r m p a r t e i ans dem Hause entfernen" i i i i ■i •3 A i i«ä