Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Ht.i4 _ wöchte ich noch an alle diejenigen, welche einzelne Anstalten bisher unterstützt haben, die Bitte richten, ihre diesjährigen Beiträge wieder zn zahlen, denn eine plötzliche Einstellung der Unterstützung würde auch die noch nicht zusamnrengebröchenen Anstalten ruinieren. Aber bei der Zahlung möge man erklären, daß man künftige Unterstützung von der Neuordnung der Verhältnisse durch die europäischen Verwaltungen abhängig mache." Von 9er Behandlung 9er deuffdien Juden in Bußland. Wieder einmal kam die Behandlung der deutschen Reisenden jüdischen Glaubens in Rußland im Deutschen Reichstag zur Sprache. In der Sitzung vom 31. März wies Abg. Kämpf (Fortschr. Vp.) auf die allerhand Schikanen und Beschränkungen hin, denen deutsche Juden in Rußland unterworfen sind. Diese Sonderbehandlung der Juden werde von den deutschen Behörden indirekt dadurch gebilligt und gefördert, daß diese immer wieder den russischen Aemtern Auskunft über die Konfession des Reisenden geben. Diese Klagen sind nicht neu. Erst jüngsthin wurden sie wieder, wie von uns mitgeteilt, vom Verbände reisender Kaufleute Deutschlands dem Auswärtigen Amte mit der Bitte unterbreitet, für die Beseitigung aller Ausnahmebestimmungen, die das russische Paßgesetz für die ausländischen Juden vorsieht, etnzutreten. Die Antwort, die dem genannten Verbände auf seine ausführliche Denkschrift vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes geworden ist, stellte leider eine Abhilfe nicht in Aussicht. Sie ist gewisiermaßen stereotyp, diese Antwort, und ist auch in gleicher Form in der letzten Reichstagssitzung an Kämpf ergangen: Man könne in die russische innere Gesetzgebung nicht eingreifen. Das ist gewiß richtig. Allein es handelt sich doch dabei nicht minder auch um eine Sache der internationalen Vereinbarung, die mit dem Handelsverträge im engen Zusammenhänge steht. Und daß dies auch unter Umständen die Auffassung der russischen Regierung sein kann, beweist am besten der Erfolg, den die Vereinigten Staaten Amerikas auf diesem Gebiete errungen haben. Die amerikanischen Auslandspäffe werden in Rußland seit einiger Zeit auch bei Juden rückhaltlos und ohne jede aus dem innerrussischen Judengesetze resultierende Einschränkung anerkannt. Nur sträubt sich Rußland noch dagegen, auch den Juden, die n Amerika ohne Wissen und Willen Rußlands feit gegen den To den erst recht nicht glauben läßt. Tie Sache von dem Vorbild der Pflichterfüllung, rastlosen Fleißes, väterlicher Fürsorge für das Personal u. a. m. erweckt nur noch in den Herzen ganz naiver Leser Glaube. Tie Schablone ist schon so verbraucht, daß sie wie ein Wandmuster oder eine Tapetenrolle wirkt, die sich stets alte paar Handbreit wiederholt. Und seitdem ich einmal aus dem Nachhauseweg von einer Beerdigung mit eigenen Ohren sehr böse Nachreden über den eben begrabenen Chef aus dem Munde der Angestellten, mit denen ich die gleiche Straßenbahn benutzte, vernommen habe, über denselben Chef, der als Vorbild der Geschäftstugenden für einen Prinzipal in dem Anzeigeteil über den grünen Klee gelobt worden war, wurde mein kindlicher Glaube an Che.ss- resp. Prinzipaltugenden arg erschüttert. Als so dir Verkäufer, Kontoristen usw. von der Schinderei, Ausbeuterei, vom Hochrnut und vielen anderen unschönen Zügen, als in der Stadtbahn Leute, denen man am Zylinderhut am Werktag erst recht den biedern Arbeiter ansah, rauchend, lachend und Witze machend überhaupt Nicht mehr an den soeben begrabenen Chef und Arbeitgeber zu denken schienen, hatte ich Zeit enug, mir ein neues Bild über den mir inr Leben ekannt gewesenen Großkaufmann zu machen. Eine volle Zeitungsseite tiefer Trauer in mindestens sechs bis acht Einzelannoncen. So was imponiert. Ta kriegt man zum erstenmal heraus, welche Zeitriesen neben uns einherwandeln ohne daß wir zuvor eine blasse Ahnung davon hatten; was jedenfalls nur an unserer eigenen Kleinheit und geistigen Beschränktheit liegt. Und warum werden wir nicht schon bei Lebzeiten all der Tugenden inne, die ganz urplötzlich wie Pilze aus den Todesanzeigen hervorschießen? Warum? wieso? _Der JSraeltt._ ihre russische Staatsangehörigkeit zugunsten der amerikanischen aufgegeben haben, volle Freizügigkeit in Rußland zuzubilligen. Für Deutschland aber scheiden solche Fälle fast vollständig aus. Hier handelt es sich fast ausnahmslos um echte deutsche Bürger, deren Vergehen es lediglich ist, jüdischer Konfession zu skia. Darum darf doch trotz dem Mangel an bestimmter Zusage nach dieser Richtung erwartet werden, daß vom Auswärtigen Amte wenigstens der Versuch einer Regelung entsprechend den Wünschen der deutschen^ Handelskreise gemacht wird. ver Rabbin«rkur$u$ «ier tziitt- Vereins in Jerusalem. Bon Dr. Ed. Biberfeld in Berlin. Am Schluffe meines Artikels über den „Hilfsverein der deutschen Juden" in Nr. 12 des „Israelit" gab ich der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Vereinsleitung, bevor sie in einer Angelegenheit von so unabsehbar großer Tragweite, wie der Gründung eines Rabbinersemtnars in Jerusalem vom Projekt zur Ausführung schritte, sicherlich der Oeffentlichkeit uüd den berufenen Instanzen Gelegenheit, ihre Bedenken und ihre Vorschläge zur Sache zu äußern, geben und erst auf Grund des so gewonnenen Ersahrungsmatertals ihre Entschließung für oder wider treffen werde. Diese Auffassung war damals nicht nur berechtigt, sondern sie war allein berechtigt: 1. nach der Fassung des auf diesen Punkt sich beziehenden Passus in der von der Vereinsleitung der General-Versammlung unterbreiteten „kurzen Uebersicht",' 2. nach den Erläuterungen, die in offiziellem Aufträge Herr Dr. Paul Nathan zu diesem Punkte gab Und schließlich doch nicht zuletzt 3. auf Grund der Antwort, welche der Vorsitzende, Herr D. James Simon auf die Anfrage des Herrn Dr. M. Hildesheimer erteilte. Alle diese offiziellen Enunziationen der Vereinsleitung ließen nur die Deutung zu, daß den Ereignissen in keiner Weise vorgegriffen werden solle und das Projekt das Stadium der Vorbereitung noch nicht überschritten habe. Trotzdem hat sich nachträglich diese Auffassung als irrig herausgestellt. Die Redaktion des „Jsralit" hat bereits meinem Artikel den Nachsatz angefügt: „Soweit wir unterrichtet sind, ist das Rabbiner-Seminar in Jerusalem bereits eröffnet." Diese Informationen, die mir bis dahin be- Weil der Verstorbene eben zu bescheiden war, und deswegen alle gerühmten Vorzüge in sich verschloß: Niemandem ei kenntlich, als der allernächsten Umgebung, die, höchst wahrscheinlich von dem bescheidenen Chef eidlich darauf eingeschworen war, nichts bei seinen Lebzeiten davon zn verraten, erst im Falle seines Todes damit loszulegen. Ta hat man die Bescherung von der Bescheidenheit! Warum haben denn in solchen Fällen, d. h. wenn ein so großer mit allen Menschen- und Geschäftstngenden erblich belasteter Zeitgenosse dahin geht, nicht auch die eiedlos vielen gemeinnützigen Vereine, Gesellschaften rc. denr Gefühl der Trauer in den Zeitungen Ausdruck verliehen? Tie Bescheidenheit.des Verstorbenen, auferttgte ihnen Schweigen. Er beugte bei Lebzeiten Allem vor, ivas je einen Wohltätigkeitsverein zur Indiskretion hätte verleiten können. Also ist die Bescheidenheit doch eine Zierde. Wäre der Große, der in der Morgenausgabe als Toter beim Frühstück — gelesen, bewundert, beklagt und am nächsten Morgen wieder vergessen wird, kein so bescheidener Mensch gewesen, so wäre er vielleicht — die Mittel hatte er im Leben ja dazu — in einen oder zwei Tutzend Vereine eingetreten, was oft bis zu hundert Mark pro Jahr kostet, dann hätten sich ja ein viertel bis zn einem Tutzend Vereine zusammengetan und hätten dem Toben einen Nachruf gewidmet, und, wenn sie schon modern-jüdisch gesinnt sind, einen schönen Kranz mit Schleife gespendet. Wie also ans diesen Betracht,rügen zu ersehen ist, ist das mit der Bescheidenheit rm Leben und Tode so eine Sache mit wenig Lichtseiten. Wenn aber die Bescheidenheit gewisser Leute, die im Leben keineswegs durch diese Tugend vorbildlich, 6. «prü 1911 dauerlicherwetse vollständig unbekannt waren, standen zu den oben skizzierten Ergebnissen der Generalversammlung in so unversöhnlichem Gegensatz, daß sie als unverbürgt und unglaubwürdig erscheinen mußten. Leider entsprechen sie aber nur zu sehr den Tatsachen. Der demnächst erscheinende Geschäftsbericht des Hilfsveretns für 1910, in dessen Aushängebogen ich inzwischen Einsicht zu nehmen Gelegenheit fand, bestätigt vollinhaltlich, was der Redaktion deS „Israelit" mitgeteilt wurde, und geht darüber sogar noch hinaus. Unter der Überschrift „Rabbinerkursus des Hilfsvereins der deutschen Juden in Jerusalem" weiß derselbe folgendes zu berichten: „Tie politische Umwälzung in der Türkei geht auch an den jüdischen Gemeinden nicht spurlos vorüber, deren Organisation und Institutionen dringend einer Verbesserung bedürfen, wenn die Juden nicht in der sozialen und kulturellen Entwicklung wie hinsichtlich ihrer Vertretunasorgane hinter den andern Elementen des Reichs Zurückbleiben und der Vorteile der Verfassung in dem ihnen zukommenden Maße teilhaftig werden sollen. Insbesondere ist auch der Mangel an Rabbinern fühlbar, die geeignet wären, die Interessen der Gemeinde nach innen und aüßen, wie es erforderlich ist, in weiterem Maße zu vertreten als es bis jetzt der Fall war. Das Amt des Rabbiners in der Türkei ist nicht allein ein .religiöses. Ter Rabbiner ist nicht nur allein geistiger Führer der Gemeinde, sondern auch ihr Vertreter bet allen Behörden. Um dieseni doppelten Amte gerecht zu werden, muß er einerseits gründliches biblisches Wissen, tiefes religiöses Empfinden und andrerseits ein solches Maß von profaner Bildung und praktischem Sinn besitzen, daß er auch nach außen zum lvürdigen Repräsentanten der Gemeinde qualifiziert ist. Einlebhaftes Bedürfnis nach solchen Rabbinern besteht im ganzen türkischen Orient. Gleichzeitig dringt in .den Gemeinden die Ueberzeugung durch, daß ihre religiösen Anstalten, die Talmud Thora-Schulen, nicht inehr aus dem niedrigen Niveau verbleiben dürfen, auf dem sie bisher gestanden haben und daß eine Reorganisation Hieser Anstalten ohne qualifizierte Neligionslohrer unmöglich ist. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der hebräische und der Religionsunterricht in vielen Schulen der Türkei nur deshalb in, argen ist, weil der sogenannte Chacham (Rabbiner) in den meisten Fällen weder System in seinem Wissen hat, noch selbst die elementarsten Kenntnisse in der Methodik besitzt. Es ist ihm deshalb unmöglich, den Schülern Liebe für seine Unterrichtsfächer und Achtung für seine Person einzuslößen, und seine didaktischen und erzieherischen Erfolge müssen trotz der relativ nicht geringen Stundenzahl, welche im Lehrplan für die religiösen Fächer angesctzt ist, minimal bleiben. Herr Tr. Paul Nathan studierte bei seinen wiederholte» Besuchen im Orient diese Verhältnisse gründlich und nahm Fühlung zu den führenden Rabbinern der Türkei, um in Uebereinstimmung Mit ihnen auch eine Lösung dieser für die Entwicklung der orientalischen Judcnheit überaus wichtigen Fragen anzubahnon. Das Mittel, den Gemeinden in wirksamer Weise Zu Hilfe zu kommen, war. bald gefunden. Es wurde vom Hilfsverein zunächst ein kleiner Rabbinerkursus in Jerusalem eröffnet. Tie Wahl des eher durch eine ganz gegenteilige Löbcnsbetätigung oft unangenehm geworden, so weit geht, daß sie sich beim Tode in aller Stille beerdigen liehen, so macht das stutzig. „Die Beerdigung hat in aller Stille st a tt ge fu n den." Mit der Zunahme der I u d e n t a u f e n mehren sich a u ch d i e Fa l l e, wo die Beerdigungen in aller Sti$X r stattfinden. Merkt Ihr den Braten? Und die Deutung? Sie liegt auf der Hand und wir sind, weil es ja so interessant ist, der Verlogenheit und Heuchelei des Tausjudentums die Maske abzureißcn, dem Tatbestand nachgegangen. Fälle, die sämtlich in Berlin ermittelt worden sind, machen uns mit wenigen Worten klar, warum Leute, von denen wirs sonst gar nicht gewohnt sind, bei einem Todesfall in ihren Familien plötzlich so rätselhaft bescheiden werden. Sie kriegen plötzlich und gegen ihren Willen einen Anfall von Scham, daß ihre Kinder in der Wiege schon von ihnen, den „jüdischen" Eltern — getauft worden sind. Bet zwei Gelegenheiten pflegen die Menschen bescheiden zu werden: nämlich beim Konkurs und bei Sterbefällen. Mit dem Sterben ist es so eine eigne Sache, aus der man nie so recht klug wird und keine Auskunftei hat, die bisher eine zuverlässige Information zu geben vermocht, wie diese heikle Sache dann weitergeht, während bei einer Pleite die Tinge schon erklärlicher werden. Selbst die größten Skeptiker und Mleswisser, Leute, die an nichts und Niemand glaubten, werden in Sterbenssachrn zurückhaltend, oft sogar abergläubisch. Mit dem Aberglauben, der mit Religiosität nichts gemeinsam hat, kommen die Zweifel, sobald der Tod anpocht. Tann glauben selbst die Lauftuden an etwas.