Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der JSraeltt Ro. 14 Seite 8 «. April 1911__ Wicklung nach links zu verhüten, geschweige denn, daß es ihm gelungen wäre, ein lebendiges, kraftdurchströmtes, bewußt-gesetzestreues 7N1?>-Judentum in seinem Kreise zur Entfaltung zu bringen. Die nt-"»'' des englischen Oberrabbinats ist reiner Zufall, und es wäre unter diesen Umständen nicht zu verantworten, wollten sich die aufstrebenden orthodoxen Gemeindegruppen der unbeschränkten rabbinischen Jurisdiktion des künftigen Chief Rabbi unterstellen. Man sollte glauben, daß auch Dr. Adler, der doch wahrlich für seine Person nichts mehr zu erstreben hat, und der im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung gewiß schon manchmal mit ehrlicher Sorge über die Spanne der eigenen Amtsführung hinausgeblickt hat, man sollte glauben, daß Dr. Adler selbst eine möglichst kraftvolle Organisation der wahrhaft gesetzestreuen Elemente Englands lebhaft wünschen und fördern müßte. Wir glauben in der Tat aufrichtig an die Möglichkeit dieses Zusammenwirkens, wenn wir auch durchaus nicht wünschen, daß die in Leeds geschaffene Organisation dadurch etwa ihre Tatkraft und ihr Selbstvertrauen schwächen, ihre stürmische Arbeitslust retardierend beeinfluffen lassen sollte. Manches in der Konferenz zu Leeds hat die „gebildeten" Kreise in England und wohl auch im übrigen Westeuropa ein wenig erschreckt und abgestoßen. Wer wird auch so unverblümt ehrlich den jüdischen Ehefrauen das der äußeren Erscheinung predigen, den darin nachsichtigen Männern das Vertrauen, kündigen! Shocking! Und nun gar die Philippika gegen das Theater, gegen 71^2^2 rc., Dinge, über die man ja sicherlich verschiedener Meinung sein kann, ohne den Boden des Religionsgesetzes zu verlassen. Wir müssen unsrerseits gestehen, daß uns diese Kategorie von Beschlüssen ebensowenig pessimistisch gegenüber der neuen Organisation stimmt wie die manchmal etwas urwüchsigen Formen, in denen sich die Verhandlungen vollzogen. Gegenüber den Kulturfragen wird die rechte Stellung zweifellos allmählich von selbst gewonnen werden, zumal auch die kleine, aber intellektuell wertvolle Gruppe der deutschen Gesetzestreueu Londons offenbar kräftigen Einfluß auf die Organisation gewinnen und es ihr gewiß gelingen wird, etwas vonl Geiste S. R. Hirschs als kostbares Angebinde in die Organisation hineinzmragen. Gerade die von der Zeit geradezu geforderte Verschmelzung dieses Geistes mit dem kolossalen jüdischen Besitz des Ghettos an Traditionswerten und Menschenmaterial wird für England wie für Amerika alles Heil bedeuten. Hoffen wir, daß es unseren englischen Brüdern an Männern nicht fehlt, die genug Organisationstalent, Einsicht und Tatkraft zur Durch-! Hoch das Brautpaar! Morgen wird das Geld verteilt; der Messias ist erschienen!" * * * Monate waren seit dem Ereignis vergangen - glückliche Tage für das Brautpaar. Ter gute Bater war versöhnt, lernte auch den zukünftigen Lohn schätzen und lieben. Nun sollte ein Platz gekauft werden, um eine Fabrik herzustellen, doch das Verbot war noch nicht ganz ausgehoben und kein Befehl an die Behörden gelangt. Man kam um die Heiratsbewilligung ein. Tec Bescheid war ablehnend. Fischl ging mit seinem Schwiegersohn zum Oberamtmann und bat und flehte, da ja doch der Kaiser sein Wort gegeben hatte. „Was", schrie der Amtmann, „erlaubt Ihr Inden Euch für Geschichten! Man kennt Eure Schliche. Ich muß schriftlich eitlen Befehl haben. Leht, daß Ihr hinauskommt!" Endlich ließ er sich erweichen. „Ihr, Fischl, seid ja nicht wie die andern, habt schon manchem der nnfrigen Gutes getan. Auch der Pfarrer schätzt Euch und hat Euch stets gelobt. Ich werde ein Gesuch oit die Kanzlei iit Wien seitden und hören, was an der Sache ist." Trostlos gingen sie nach Hause. Ein (vesuch! Das kann Jahre lang dauern, bis es den Weg macht. Doch am anderen Tage ließ der Amtmann durch den Schreiber sagen, Rebekka solle das (besuch unterschreiben, wenn sie schreiben könne. Wie sollte der Kaiser, der auf seiner großen Reise so viele Menschen sieht, an irgend ein Judenmädchen denken! Rebekka kam, und ihre bezwingende Schönheit, die jetzt durch die Trauer noch erhöht war, rührte auch das Herz des Mannes, und weniger schroff, als sonst seine Art war, sagte er: führung des begonnenen Werkes besitzen, das dann zugleich — sobald die Gemüter sich einmal beruhigt haben — ein Werk des Friedens sein und den Massen der Gesetzestreuen erst die Möglichkeit geben wird, ihre Eigenart in sozialen und politischen Dingen organisiert in den Dienst der englisch-jüdischen Gesamtheit zu stellen. Kochmntvöscha«. vie Katastrophe in Jerusalem. Ein deutscher Akademiker, der Palästina seit Jahren kennt und erst kürzlich von dort zurückkehrte, schreibt uns: „Das Wilnaer Wochenblatt „Haolam" bespricht in der Nummer vom 29. März die augenblickliche traurige Lage in Jerusalem. Der Artikelschreiber ist anscheinend gut unterrichtet über den Zusammenbruch der verschiedenen Anstalten und über die furchtbaren Folgen der Katastrophe. Und was schlägt er zu ihrer Linderung vor? — Nichts! Dagegen benutzt er die gute Gelegenheit, seine politischen Gegner anzugreifen und diejenigen, die helfen wollen, durch Diskreditierung an ihrem Rettungswerke zu hindern. Im Kampfe der Nationen gibt es Momente, die den Gegensatz vergessen und die Gegner nur als Menschenbrüder sich fühlen lassen. Bei allen furchtbaren Katastrophen, von denen einzelne Völker im Laufe der letzten Jahre heimgesucht wurden, war immer der eine Lichtblick: das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich in solchen Zeiten über Grenzpfähle hinweg geltend machte. — Und bei uns Juden'?! In Jerusalem ist eine Krisis ausgebrochen, wie sie seit der jüdischen Neubesiedelung Palästinas noch nie gewesen. Hunderten von Familien, Hunderten von Greisen und Greisinnen droht der Hungertod, wenn von auswärts keine Hilfe kommt. Man sollte meinen, alle jüdischen Kreise, ohne Unterschied der „politischen" Partei sollten einmütig zusammenstehen zur Rettung ihrer Brüder. Doch nicht genug, daß der Artikelschreiber im Haolam sich abseits stellt vom Rettungswerke, sucht er dieses durch hämische Verdächtigungen noch zu hindern. Das richtet sich selbst! Zweifellos sind seit Jahrzehnten in Jerusalem und im Auslande schwere Fehler begangen „Ihr sollt den Kaiser an sein Wort mahnen, damit Ihr den Jungen heiraten könnt, steht da." Rebekka überflog dieses Gesuch. Alles was darin stand, war verkehrt nnd schlecht abgefaßt, Sie sollte das unterschreiben? Lieber weiter dulden. Zitternd stand sie da und große Tränen flössen ihr ans den Angen. Run wurde der Amtinann nngednldig. „Wird's bald?! Euch Inden kann man nie genug tun - gibt man Euch den Finger, dann wollt Ihr die ganze Hand. Schreibt!" herrschte er, „oder es wird garnicht abgeschjckt! Was einem das Judenpack doch immer zn schaffen macht!" Ta reichte er ihr die Feder, und sie tailchte sie in das volle Tintenfaß nnd goß den ganzen Inhalt über das Papier und noch werter. Ta kannte der Zornige keine Grenzen, nnd wäre nicht der Schreiber gewesen, den das arme Mädchen dauerte, es wäre ihr übel ergangen. Tiefer hatte die Tür ausgemacht und sie hinansgeschoben. (Schluß folgt.) SegrSbnkre in aller Stille. Bon Dr. Arthur Kahn. Bescheidenheit wurde früher als eine Tugend gerühmt, die den Menschen ziert. In neuerer Zeit wurde diese schöne Eigenschaft etwas schärfer unter die Lupe genommen und auf ihren praktischen Nutzen hin gewissenhaft gepriift. Ta stellte sich denn heraits, daß die Bescheidenheit eine sehr unrentable Erscheinung iei, für die man weder einen anständigen Titel noch einen Orden kriege, aus der man nicht einmal einen anständigen Paletot herausschneiden kann. Zwar predigten die Leute, welche die wichtige Entdeckung von worden. Die Verwaltungen der großen Jnstitute, von denen mittelbar die Existenz Tausender abhing, hatten eine Schuldenwirtschaft schlimmster Art etabliert. Was jetzt gekommen ist, mußte kommen. In der deutsch-holländischen Palästinaverwaltung kam man ja bereits vor einigen Jahren zu der Ueberzeugung, daß eine gründliche Reform nötig sei, und man schuf eine ständige europäische Vertretung in Jerusalem, um die Dinge mit eigenen Augen zu sehen. Nnd dieser Vertretung ist es in der Tat zuzuschreiben, daß nicht Hunderte von Menschen buchstäblich verhungerten. Schreiber dieser Zeilen war vor einigen Wochen in Jerusalem, gerade beim Zusammenbruch des ersten oer drei Altenhäuser. Der Leiter hatte die Alten einfach ihrem Schicksal überlassen. Brot und Geld waren nicht da. Bon den etwa 300 Insassen der Anstalt waren etwa 200 völlig mittellos, die Kräftigeren unter ihnen kamen am Sabbat in die Synagogen, um zu flehen: laßt uns nicht verhungern! — Die leitenden Männer Jerusalems waren ratlos und — im geraden Gegensätze zu den Behauptungen des „Haolam" — mau wollte diesmal alles vertuschen und verschleiern. Kein Hilferuf sollte n ach dem Ausland dringen. An dieser Schweigepolitik waren und fini weite Kreise interessiert. Ta erklärte der Leiter der deutsch-holländischen Palästinaverwaltung sofort, das; er für die laufende Woche den Alten die notwendigsten Lebensmittel geben und durch telegraphische Verständigung der Verwaltung in Europa für die nächsten Wochen die Darbenden in dem genannten Altenhaus sowie in den übrigen Anstalten, vor den: Verhungern zu schützen suchen werde, daß aber dazrl volle Offenheit notwendig sei. Natürlich ist das nur eine Hilfe für den Augenblick. Aber die schlvere, schwere Sorge ist für weiter: Was tun, um das Trümmerfeld nuszuränmell und für die Zukunft solchen K a t a st r o p h nt vorzubeuge n? Eine völlige Umgestaltung der Jerusalemer Verhältnisse ist unbedingt geboten. Doch kann sie schon aus materiellell Gründen nicht allein von deutschen Palästinafreunden ausgesührt werden. Hierzu müssen alle Länder der Diaspora, besoirders Deutschland. Rußland, England, A meitfa und Ungarn gemeinsam arbeiten. Eine dahinzielende Konferenz der Vertreter aller Palästinafreunde wird hoffentlich einen gangbaren Weg finden. Doch für den Augenblick ist zu beherzigen : Wenn ein &au& brennt, mutz mau zuerst die Menschen vor dem Fenertode retten, dann erst kann man an ihre w e i t e r e Z u k n n f t d e n k c n. Zum Schluffe der Unrentabilität der Bescheidenheit wachten, diese Tugend andere n Zeitgenossen und am liebsten solchen, die sich zu uonknrrenteil in irgend einet NN liebsamen LrK'ise zu entwickeln drohten. Ehrgeizige Leute, denen es weniger um einen niateriellen als um einen gesellschaftlichen Vorsprung zn tun war, hatten es dann auch bald heraus, daß ein bescheidenes Wesen zwar kein Vorwurf ist, aber nicht in den Mund der Leute, und noch weniger „in die Zeitung bringt". Ja, wer richtig in den Zeitungen zn lesen versteht, muß sogar zngeben, daß man durch Bescheidenheit so weit herunterkommen kann, daß man nicht einmal beim Abschied von dieser schönen Welt in die Zeitung kommt. Halt, das stimmt auch nickt. Während ich diese Gedanken über die Bescheidenheit niederschreibe, mache ich die Wahrnehmung, daß die Bescheidenheit im Tode — oder nach demselben — gar nichts mit dieser im Leben so brodloscn Tugend zn tun hat. Ich denke ans Sterben, das ja schließlich auch den anmaßendsten, dünkelhaftesten und hochnäsigsten K^rl zum Schweigen und zur Bescheidenheit zwingt. Und gerade hier stößt man gegenwärtig sehr büusig ans die denkbar größten Widersprüche. Tenn wo bleibt den» die Bescheidenheit wenigstens angesichts des Todes, wenn man in dein Inseratenteil einer Zeitung liest, etwa wie folgendes: „Heute verschied usw. Herr X. :c. Tie tieftranernde Familie." Tann folgten mit einiger Saüändernng das Büropersonal, die Meister der Fabrik, das Arbeiterpersonal, die Prokilristen, die Herren Sozinse, oder die Aktionäre 2C. :c. Häufig füllen solche Todesanzeigen ganz' Seiten einer Zeitung, was gerade alich nicht von der Bescheidenheit der Beteiligten spricht und an T a n k b a r-