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Der Israelit · 1911-04-06 · Heft 14 (6.4.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 14 (6.4.1911)
Date
1911-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 14 Der 6. April 1911 dern der englischen Judenheit des 20. Jahrhunderts hinsichtlich einer etwaigen Umgestaltung der Eheqesetzgebung darzulegen habe, und -aß zu dieser Hauptaufgabe die htstorische Darlegung des jüdischen Eherechts nur vorbereitende Einleitung bilden sollte. Er hat die Stellung der (eingeborenen) englischen Juden zu dem Problem auch sicherlich vollkommen korrekt wiedergegeben, und er vergaß leider nur zu bemerken, daß zwischen den Ideen des historischen jüdischen Eherechts und den Anschauungen und Stimmungen der im englischen Eherecht großgewordenen jüdischen Engländer eben eine ungeheure Diskrepanz besteht, über die die Kommission nun vollkommen im Unklaren geblieben ist. Hätte sich der Chies-Rabbi jene Diskrepanz vor Augen gehalten, so würde er auch zu einer anderen Auffassung von dem Verhalten der eingewanderten russischen Rabbis gelangt sein, die es gewiß nicht verdienten, daß man sie in Bausch und Bogen wegen einer in ihren Augen und — zumeist —auch objektiv legalen Handhabung jüdischer Religionsgesetze der strafenden Hand des Staates empfahl. Dieser verhängnisvolle Mißgriff, seinerseits wiederum eine Folge des Gefühlsabstandes zwischen jüdischen Engländern und russischen Juden, hat am meisten dazu beigetragen, die Zeitungsfehde gegen Dr. Adler heraufzubeschwören und die russischen Rabbis zu Märtyrern zu machen. Objektiv betrachtet liegen die Verhältnisse, die den Chief Rabbi zu seiner Anklage veranlaßten, recht kompliziert, und wir können in deren Beurteilung weder der einen noch der andern Seite vollkommen beipflichten. Es gibt zweifellos zahlreiche Fälle, in denen es eine unerhörte Grausamkeit, ja noch mehr einen Anstoß zur Unsittlichkeit bedeutet, wenn man, entgegen den durch das Religionsgesetz gegebenen Möglichkeiten, Ehescheidung oder auch Eheschließung durch die zwangsweise Bindung an das englische Gesetz unmöglich macht. Gesetzliche Einschränkungen, die die Engländer selbst — die Einsetzung der Kommission beweist es ja — als mangelhaft und störend empsinden, können zur geradezu unerträglichen Zwangsjacke werden, wenn man sie schematisch auf eine vom Schicksal über die Erde versprengte unglückliche Bevölkerung anwendet, deren Dasein sich nun einmal nicht in den geordneten Bahnen des englischen Durchschnittsbürgers bewegt. Andererseits bedarf Eheschließung und Ehescheidung der Regel nach unbedingt eines gesellschaftlich-staatlichen Schutzes, den das jüdische Ehegesetz allein seit dem Untergang der rabbinischen Gerichtsbarkeit nicht mehr zu gewahren vermag. Fehlt dieser Schutz, fehlt zum mindesten eine von keinerlei Interesse zu beeinflussende, jeden einzelnen Fall würdigende autoritative Rabbinatsbehörde, deren Sachkunde über allen Zweifel erhaben und deren Unabhängigkeit verbürgt ist, dann kann auch die Wohltat Plage, dann können l'n auch die mim 'pH zu D'aifc aS D'pin werden. Es geht — gerade mit Rücksicht auf den internationalen und fluktuierenden Charakter der englischen Einwanderungsbevölkerung — heutzutage wahrlich nicht an, daß jeder, den ein Beth hamedrasch von zehn Leuten zufällig zum Rabbi kürt, nun ohne weiteres seine Souveränität in allen f'VHpi pfcj stabiliert, zumal in einer Umgebung, in der die öffentliche Meinung als solche gewiß keine Gewähr für die Kompetenz des Gewählten oder für eine Kontrolle seiner rabbinischen Akte bietet. Aus dieser an sich richtigen Empfindung l eraus sind Dr. Adlers Vorschläge vor der Ehescheidunaskommission gemacht worden. Aber der Chief Rabbi hat den Knoten durchhauen, statt ihn zu lösener hat einfach das englische Staatsgesetz an die Stelle des min p*7 gesetzt und durch diese Radikalkur eine fürs Eastend unmögliche Situation geschaffen! Indem das Londoner Beth Din nicht nur für die englischen Autochthonen, sondern auch fürs Eastend mit seinen vielen unglücklichen Existenzen Eheschließung und Ehescheidung von den weltfremden und unnatürlichen Bestimmungen des Staatsgesetzes abhängig zu machen versucht, ohne auch nur Ausnahmen von Fall zu Fall zuzulassen, hat es eine “YQXPl an J’Ktf JTT'TJ na niayb phia*1 erlassen und Zuwiderhandlungen, ja eine gewaltsame Abschüttelung seiner Kompetenz geradezu heraufbeschworen. Aus diesen gegeneinander abzuschätzenden Erwägungen allein ergibt sich schon die Notwendigkeit einer organisatorischen Zusammenfassung der russisch - jüdischen Elemente, denn nur auf Basis einer Organisation kann eine frei gewählte, aus min bestehende rabbinische Behörde fürs Eastend wie für die russisch-jüdischen Einwanderer Englands überhaupt geschaffen werden, eine Behörde, die in ihrem Fühlen und Denken den Massen n ahesteht und die dennoch in hinreichender materieller Unabhängigkeit und Weite des Blickes über die Reinheit der jüdischen Familie zu wachen vermag. Nur so kann zwischen der Anarchie der „rabbig" und dem Schematismus des englischen Ehegesetzes ein gerechter Mittelweg gefunden werden. Zu ähnlichen praktischen Ergebnissen führen die Erwägungen, die sich an den zweiten Konflikt, den Londoner Schechita-Prozeß, anknüpfen. Auch hier sei voran geschickt, daß der Chief Rabbi flch seiner hohen Verantwortlichkeit in nnwa-Angelegenheiten mit Recht vollkommen bewußt ist Kleine» Feuilleton. Rebekka. (Aus den Aufzeichnungen meiner Mutter - Bon I. Oppenheim. (Fortsetzung.) lex Kaiser stieg in den Wagen, und lautlos, stunrm vor Ueberraschnng fhmb die Menge. Tann winkte er seinem Kammerdiener; dieser entnahm dem Wagen einen Beutel und überreichte ihn vom Rabbi. „Ties ist für die Notleidenden", sagte der Kaiser, und schon rollte der Wagen aus dem Ghetto. „Ter Messias ist gekommen!" schrie der Rare. „Vas steht Ihr Alle stumm?! Ruft doch laut: Gelobt sei Gott!" Und er machte einen Purzelsprung. Ta endlich kam Leben in die Ueberraschten, und ein Jubel ertönte so laut und freudig, daß, als der tosicrliche Wagen die Höhe erreichte, der Kaiser noch herunter sah und ein sonniges Lächeln sein edles Gesicht umstrahlte. „Eure Majestät haben Biele glücklich gemacht", sagte Graf Rosenberg. —- Laut weinend siel jetzt Rebekka ihrem Bater um bi v Hals. „Verzeih, mein Bater", rief sie. „Nie hätte ich cs gewagt, etwas gegen Teinen Willen zu tun aussichtslos umt unsere Liebe, die wir ja uns nicht einmal gestanden haben — ich habe gehofft, Gott wird ein Wunder tun, und Tu siehst, Gott hat uns seinen guten Engel geschickt!" Doch der Bater konnte sich damit nicht so rasch einverstanden erklären. Was hatte er für Plärre mit der einzigen schönen Tochter! Ter Beste, Geehrteste, Reichste ward ihm nicht gut genug und nun — ein Gerber! Wohl eine treue jüdische Seele, aber nicht einmal ein Thoragelehrter. Isaak war der Sohn wenig bemittelter, aber sehr braver Eltern. Er hatte viel Geschwister. Ter älteste Sohn übernahm nach dem Tode des Vaters bas Geschäft, den alten Kleiderhandel. Ter ziveite, rin starker, kräftiger Junge, hatte keinen Kopf znm Lernen; so ging er nach seinem dreizehnten Jahre in die Fremde und lernte das Handwerk. Er war sonst ein kräftiger Arbeiter und dazu zeigte er Talent. Als Kind schon war er seiner Schönheit und seiner Stärke wegen sehr beliebt gewesen. Rebekka und er waren Nachbarlinder, und die Kleine spielte gern mit ihm. Er trug sie über Stock und Stein und inachte ihr alle möglichen Spielereien aus Holz. Als er fori mußte, da war es ihm eigentlich nur so schwer, weil er von dem Kinde scheiden mußte und sie weinten - weintet! beide heiße Tränen beim Abschied. Sie wußtin eigentlich nicht warum. „Mußt Tu denn fort?" fragte sic. „Tie Eltern sind tot — ich muß arbeiten — ich will nicht den Sack tragen. Ich bin doch arm - - Tn bist schon und reich — bald wirst Du wich vergessen." „Nie", sagte das Kind. Als er toiederkeyrte — schön, gesund, brav und göltessürchtig, wenn auch ganz anders geartet, tvie die Anderen, da stand es fest bei ihr: sie nimmt nur ihn. Er getraute sich nicht, auch mit annähernd mit ihr zu sprechen. Er kam so selten, nur alle 2—3 Jahre, nach Hause. Sie wurde immer schöner, immer begehrter — wie sollte Isaak es wagen, auch und daß, wenn es in seiner Macht stände, die Dinge „an allen Orten seiner Herrschaft" nach seinem Willen zu lenken, wohl niemand Einspruch erheben würde. Allein es erscheint in der Tat unmöglich, von einem Mittelpunkte aus die ganze Kleinarbeit eines ausreichenden Beaufsichtigungswesens über ein ganzes Reich hin mit der nötigen kritischen Gründlichkeit zu leisten, so daß man durchaus nicht nötig hat, diejenigen als Nörgler und bösartige Ruhestörer zu brandmarken, denen vieles in den offiziellen nnva-Jnftitutionen nicht gefällt und die einer Dezentralisation des rvnttO - Wesen und der größeren Selbständigkeit der einzelnen Rabbinate auf diesem Gebiete das Wort reden. Freilich gilt es auch hier, nicht das Kind mit dem Bad auszuschütten! Die Verhältnisse in New-Aork, über die früher im „Israelit" mehrfach berichtet wurde, zeigen mit erschreckender Deutlichkeit die Gefahr, drein einer schrankenlosen Gewerbefreiheit für das nnwa-Wesen liegt. Wenn erst die Metzger sich Schochtim und „Rabbiner" engagieren — dann gute Nacht Kaschruth! Auch hier also gibt es keinen andern Weg als den der Organisation, der zwischen der Scylla der Zügellosigkeit und der Charybdis, einer den russisch-jüdischen Massen wesensfremden Konsistorialherrschoft hindurchführt, und den die Rabbinerkonferenz zu Leeds ja auch zu beschreiten begonnen hat. Man könnte einwenden, daß angesichts der unbezweifelten Gefetzestreue des derzeitigen englischen Oberrabbiners die zu schaffende Organisation ja ohne weiteres an die Institution des Chief-Rabbi sich anlehnen und dessen Autorität verstärken sollte, könnte darauf Hinweisen, daß die Gemeinsamkeit der religiösen Ueberzeugung zwischen Chief-Rabbi und radbis die Verschiedenheiten des Milieus und der Lebensstimmung zwischen West und Ost genügend ausgleichen solle, ja daß es verhängnisvoll wäre, die auf einander angewiesenen reichen Konservativen der United Synagogues und die wenig bemittelten Orthodoxen der Federation wie der provinzialen Gemeinden organisatorisch auseinanderzureißen. Diese Einwände wären durchschlagend, wenn nicht — dieser traurigen Wahrheit darf man sich nicht verschließen — die Aussicht, den Sitz des englischen Oberrabbinats dereinst von einem an ."lRT und min Dr. Adler ebenbürtigen Nachfolger ausgefüllt zu sehen, überaus geringe wären. Zweifellos geht Dr. Adlers Energie in der Wahrung des gesetzestreuen Standpunktes weiten, einflußreichen Kreisen schon heute viel zu weit. Dem Chief Rabbi steht dabei ein bereits von der Weihe der Tradition umstrahlter Name zur Seite, und dennoch hat er oftmals seine ganze Geschicklichkeit aufbieten müssen, um eine Entnnr mit einem Blicke, sich ihr zu nähern; er, der arme Gerbcrgeselle ohne Aussicht, jemals als Meister sich irgendwo niederlassen zu dürfen in seiner Heimat, als — Jude. Toch sie sah all' das, fühlte das und schwieg. In ihrem innersten Herzen stand es fest, ihm treu za bleiben! Hätte sie eine Mutter gehabt, ihr hätte sie vielleicht ihr Herz öffnen dürfen. Ten Bater konnte sie nicht kränken! Lieber schweigen und dulden. Ta kam mit einem Male das Wunder! — — — Ter Rabbi gebot Ruhe. Er sah und verstand am besten den Kampf der Beiden. „schließt jetzt die Tore. Es ist Zeit zum Abend gebet — und Ihr, Herr Fischl, kommt jetzt auch niit. Eure Gelehrsamkeit und Wohltätigkeit bat Gotl besonders gewürdigt, indem er ein Wunder geschehen ließ. Ihr, seht, der junge Mensch hätte auch nie daran gedacht, die Augen zu Eurer Tochter zu erheben, aber er muß doch ein besonderes Verdienst haben, da er von Gott so begnadigt ward. Unsere größten Gelehrten waren Handwerker. Lernen kann und wird er noch immer — dazu ist es nie zu spät. Ihr werdet sein Bater sein, sein Berater, und ich werde sein Lehrer sein, sagt Maseltow! Glück auf!" Und er nahm die Hände der Beiden und legtc sie in die Hand des Vaters. „Segnet sie, mein Freund, wie ich es auch tue und mit mir die ganze Versammlung." „Maseltow! Glück auf", erscholl es einstimmig. Und nun ging's in den Tempel, und die Frauen t. Heien in ihre Hänser zurück. Sie fürchteten, cs könnte etwas ihr Glück stören, denn draußen herrschte Lärm. Mit Musik, Tanz und Gesang durchzog man im Städtchen die Straßen, um den Tag zu feiern. Ter Narr allein machte seine Sprünge und rief: „Seid froh, Herr Vorsteher, daß Rebekkchen mW nicht

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