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Der Israelit · 1911-03-30 · Heft 13 (30.3.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 13 (30.3.1911)
Date
1911-03-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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30 Marz 1911 Der Israelit. No. 18 Seite 7 jüdischen Beamten anstellt, so erschallt wieder das Lied: Die Regierung will Palästina den Juden verkaufen, weil der und der jüdische Beamte diesem oder jenem Minister beigegeben ist. Unter den Kaufieuten und Industriellen gibt es natürlich auch viele Juden. Wenn sie sich an einem wirtschaftlichen Unternehmen beteiligen dürfen, so sieht man das gleich als ein Komplott mit der Regierung an. Gibt es nun wirklich Leute, die auf dem Boden Palästinas ein unabhängiges Reich gründen wollen oder nicht? Das wollen wir hier nicht untersuchen. Das Geschwätz vom Zionismus ist einerseits nichts als eine Chantage, anderseits ist es ein politisches Manöver, um die Köpfe der Urteilslosen zu verwirren und gegen die Regierung aufzuhetzen." „Jeni Gaseta" führt folgendes aus: Zwar habe der Großwesir geantwortet und sich bemüht nachzuweisen, daß zwischen Zionismus und Anleihe kein Zusammenhang bestehe, doch habe er den Zionismus in seiner wahren Bedeutung verkannt und seine Ideen nur als Ideologien einiger exaltierter Köpfe hingeftellt. Um diese Behauptung zu rechtfertigen, wird der Zionismus — das Judentum empfängt hiebei auch manchen Hieb — als eine große nationale Gefahr für das türkische Reich geschildert. Das andere liberale Blatt, der „Jkdam", zieht auch in den Kampf wider den Zionismus. Es beteuert, daß es keine antisemitische Frage aufrollen wolle, weist aber auf die angeblichen Gefahren hin, die der Zionismus für die Türkei mit sich bringe. Es bedauert, daß der Zionismus Fortschritte gemacht habe und . spendet dem Großrabbiner das Lob, er sei entschieden gegen die Bewegung. Da der Zionismus ein Gedanke sei, der in der Brust von Millionen bereits Wurzeln geschlagen habe, so könne man ihn nur schwer ausrotten, man muffe ihm den Patriotismus entgegenstellen. Der „Sabah" wendet sich direkt an die Opposition und fordert diese auf, sachlicher zu verfahren. Der griechische „ Proodos" bespricht den Zionismus und weift auf den Antisemitismus hin, der in der türkischen Kammer sich bemerkbar gemacht habe. Dieses Blatt protestiert gegen eine solche Bewegung in der Türkei — obgleich der Zionismus nut „ein Nachtrab des deutschen Dranges nach Osten sei". (?) Die Türkei besitze unangenehme Erinnerungen an den jüdischen Unternehmer Baron Hirsch. Das Blatt verlangt Aufklärung über die Punkte, die eine Begünstigung der Juden erkennen lassen. Dann verteidigt die Zeitung die Opposition wider die Angriffe des Tanin und Jeune-Turc. Daß namentlich letztgenanntes Organ bei seiner bekannten juden- und zioniftenfreundlichen Stellung für den Zionismus eintritt und diesen scharf beschützt, darf uns nicht wunder nehmen. Das Erscheinen des „Tiempo" wurde eingestellt, da er in Zahlungsftockung geriet. Ncrlcrstinct. Line Proteffoerssmmlung paläffinenfiMier Sdiriffffeller. Jaffa, 12. März. In einer am 3. März hier abgehaltenen, von fast allen neuhebrätschen Lehrern und Schriftstellern besuchten Versammlung wurde flammender Protest gegen das Odefsaer Palästina-Komitee, welches, wie bereits in letzter Nummer mitgeteilt, dem radikalen „Hapoel Hazoir" die jährliche Subvention entzogen hat, erhoben. Die stürmischen Auseinandersetzungen und die „Abrechnung" mit Odeffa sind in mehr als einem Punkte sehr interessant und dienen zur Kennzeichnung des jnngjüdischen Milieu mehr als spaltenlange Artikel und plastische Schilderungen. Es kamen die verschiedensten Ansichten zum Ausdruck; es ließen sich auch solche hören, die mit den unerhörten Angriffen des „Hapoel Hazoir" auf das Judentum nicht ganz einverstanden waren. Aber alle sprachen sie in hochtönenden Phrasen von der „Freiheit des Gedankens" und von dem „Recht der Presse, unabhängig ihre Ideen zu verbreiten." Keinem der Redner fiel es jedoch ein, in Erwägung zu ziehen, daß eine Organisation, die von jüdischem Gelbe für jüdische Zwecke errichtet ist, nicht dazu da sein kann, religiös-nihilistische Organe, die den heiligen Boden durchwühlen und die Seele der Jugend vergiften, zu unterstützen, und daß unsere Organisationen heute auf jeden Fall wett Besseres zu tun haben, als solche Tummelplätze für niJ'D und rTPS3/ wie sie übrigens nicht allein der „Hapoel Hazoir", sondern auch iwch andere Jerusalemer Organe darstellen, zu erhalten. Nicht unerwähnt darf es bleiben, baß auch die Herren „Professoren" des hebräischen Gymnasiumms, die nach dem Gutachten der zionistischen Leitung in religiösen Dingen eine höchst tolerante und neutrale Stellung einnehmen sollen, sich energisch für das gemaßregelte Arbeiterorgan einsetzen. Einer derselben nennt den Beschluß des Palästina-Komitees eine Dummheit und einen unüberlegten, höchst bedauerlichen Schritt. Ein anderer meint sogar dem Blatt folgendes Zeugnis ausstellen zu können: „Der „Hapoel Hazoir" ist das einzige Organ, das mir großem Ernste die palästinensischen Angelegenheiten beleuchtet. Ist es doch ein Mittelpunkt für die wenigen Schriftsteller des neuen Palästina und mit ihm würde uns ein wertvolles geistiges Zentrum verloren gehen." Jnteressanr ist ferner auch eine Aeußerung des Herrn A.Zioni, die sich mit dem geistigen Vater der Brennerschen Ideen, mit Achad Ha am" befaßt und eine volle Bestätigung Ihrer Ausführungen in dieser Sache enthält. „Das Komitee", so findet Herr Zioni, „durfte wegen eines geschriebenen Artikels seine Unterstützung dem Blatte nicht entziehen. Die Artikel von Achad Haam enthalten eine weit einschneidendere Kritik des Judentums und mußten die Orthodoxen ungleich mehr verletzen als die von Herrn Brenner." Trotzdem fast gar keine Meinungsverschiedenheit in der Versammlung herrschte, verlief sie doch sehr stürmisch, da die Herren sich gegenseitig zu übertönen suchten und in der Diskussion zumeist nur offene Türen einrannten. Endlich kam folgende Resolution zustande, die auch einstimmig angenommen wurde: „Die hebräischen Schriftsteller Palästinas finden die Handlung des Odessaer Palästina-Komitees für ungerecht und unwürdig. Wenn auch vielleicht einige Ausführungen des Blattes nach Form und Inhalt Anlaß zur Kritik geben können, so darf doch andererseits nicht verkannt werden, daß der „Hapoel Hazoir" eine große Aufgave auf dem Gebiete der palästinensischen Kultur vollzieht. Aus diesen Erwägungen erklären die Unterzeichneten Schriftsteller, nach wie vor an der Zeitung Mitarbeiten zu wollen und sie in allen Beziehungen nach Kräften zu unterstützen." Das Odessaer Palästina-Komitee mag aus diesen Protesten ersehen, daß es mit seiner erzieherischen Einwirkung doch eigentlich schon etwas zu spät kommt. Amerika. New Kork, 26. März. Wie jetzt festgesteüt, handelt es sich bei dem Maffenunglück in dem Gebäude der Triangle Shirt Waist Company, bei dem etwa 150 Opfer zu beklagen sind, zum weitaus größten Teil um ein gewanderte russisch-jüdische Mädchen, die in der den Herren Jsaac Harris und Max Blanc gehörenden Blusenfabrik als Arbeiterinnen tätig waren. Auch zahlreiche jüdische Familienväter sind dabei auf gräßlichste Weise ums Leben gekommen. Die Bestürzung in dem russisch-jüdischen Viertel New Uorks ist unbeschreiblich. Viele Familien haben alle ihre arbeitenden Mitglieder und somit ihre Ernährer verloren. Eine größere Hilfsaktion ist bereits eingeleitet. Nlmiscdies. Nürnberg, 25. März. Ein Demenkomitee unter gütiger LeiMng von Frau Dr. P. Münz aus Bad Kisstngen veranstaltete hier am Sonntag, den 19. März, ein Wohltätigkettsfest zum Zwecke des weiteren Ausbaues unserer „Peah". Dasselbe begann nachmittags um 4 Uhr mit vorerst mehr für Kinder berechneten Aufführungen und wurde bis gegen 3 Uhr frü§ durchgeführt. Die Herren Dr. P. M ü n z - Bad Kisstngen und und Bankier W. Ottensooser hatten uns zwei Prologe für das Fest verfaßt, ebenso Frau Dr. Feilchenfeld-Fürth ein F e st s p i e l. Die Durchführung des ganzen Programmes, bas außerdem noch Kabarettvorträge umfaßte, war glänzend und unterhielt das erschienene Publikum — es mögen gegen 700 Personen gewesen sein — ausgezeichnet. Der Borstand der „Peah" benutzte diese Gelegenheit, um nochmals allen, die an dem Gelingen des Festes mttgearbeitet haben, herzlichsten Dank auszusprechen, für ihre aufopfernde Tätigkeit im Dienste unserex Sache. Ganz besondere Anerkennung aber gebührt Frau Dr. P. Münz, unter deren kundiger Organisation und Leitung fich erst das Ganze zu dem entwickeln konnte, was es geworden ist. Wir erzielten bei dem Feste ernen Ueberschuß von ungefähr 2400 Mk., ein Betrag, der uns bet der notwendig gewordenen Erweiterung unseres Institutes sehr zu statien kommen wird. Charlottenburg, 20. März. Obwohl schon seit vielen Jahren das berühmte Polytechnikum hier von Tausenden jüdischer Studenten frequentiert wird, waren bisher nur ganz wenige in Privatpenston wohnende Studierende in der Lage, fich rituell beköstigen zu können. Weder existiert in Chartottenburg ein für die Polytechmker günstig gelegenes, noch billiges, noch überhaupt jüdisches Restaurant und außer den hier wohnenden, am Polytechnikum studierenden jungen jüdischen Lemen, war auch den nicht wenigen an den Musik- und Kunstschulen Studierenden, rituell zu leben, ntcht geboten. Bon der richtigen Erkenntnis ausgehend, daß junge Leute, denen ohnehm kein Zutritt zu jüdischen Familienkreisen offen steht und die durch äußere Verhältnisse dazu kommen, dem vielleicht noch letzten Anker- und Berührungspunkt mit dem Judentum durch Aufsuchen nichtrttueller Restaurants Valet zu sagen, haben einige jüdische Dtänner beschlossen, eine mea8L acsäemics, ein Spetsehaus für jüdische Studierende, überhaupt für jüdische junge Leute ins Leben zu rufen. Das junge Unternehmen soll schon mit Beginn des nächsten Sommersemesters ins Leben treten. Nicht nur in Deutschland allein, sondern auch tm Ausland, das jährlich Hunderte von jüdischen jungen Technikern nach Charlottenburg entsendet, dürfte diese Nachricht mit großer Genugtuung ausgenommen werden. Es wäre daher sehr wünschenswert, wenn die ausländische jüdische Presse von diesem Projekt Nottz nehmen würde. Da der Plan zu diesem Projekte von Männern, wie Jakob T u g e n d r e i ch und Dr. Artur Kahn ausgeht, so braucht wohl kaum hinzugefügt zu werben, baß es sich Ytec ntcht um ein geichästtiches, sondern um ein rein jüdisch-humanitäres Umernehmen handelt. Wenn erst oteser Plan, dem allerdings außerordentlich große Schwierigkeiten im Wege stehen, verwirklicht fein wird, so haben stch die genannten Herren in des Wortes vollster Bedeutung ein unsterbliches Verdienst um die jüdische studierende Jugend erworben. Möge es von Segen begleitet sein! Charlotte »bürg, 27. März. Eine von etwa 800 Personen besuchte Versammlung des „Vereins zur Erhaltung des üöerliefertenJudentums" beschäftigte stch am letzten Montag, den 20. ds. mit den bekannten Auseinandersetzungen der Herren Professoren Dr. K o h l e r, Rabbiner Dr. M a y b a u m und Dr. Walter Rathenau in der „Deutschen Montags- Zeitung" über d.e Judenfrage. Stach einer kurzen Begrüßung gab der Vorfitzende, Herr Wedel, bekannt, daß die drei genannten Herren zur Versammlung besonders etngeladen worden seien, jedoch ihr Nichterscheinen schriftlich entschuldigt hätten. Sodann ergriff der Redner des Abends, Herr Rabb. Dr. Fink, das Wort zu seinem Borttage und unterzog dle Kundgebungen der drei erwähnten Herren einer scharfen und schonungslosen Kritik, die von den Ber-. sammelten durch lebhaften Beifall tu jeder Hinsicht anerkannt wurde. Er widerlegte die Ausführungen des Herrn Prof. Köhler, der den Juden eine Berschmeizung mit der gemanischen Raffe empfahl und die Ansicht vertrat, daß aus einer solchen Btutmischung eine kulturell besonders wertvolle, höher differenzierte Edelrasse Hervorgeyen würde, und warf Herrn Rathenau vor, daß er stch zum Richter in einer Sache ausspiele, von der er nach eigenem Geständnis wenig oder gar nichts verstehe. Herrn Rabbiner Dr. M a h b a u m aber, der in seiner Kundgebung die völlige Verkennung des Judentums und die üverhandnehmende Fahnenflucht beklagte, hielt der Referent vor, daß diese Berhälrntsse mit die Früchte seiner eigenen „reformatorischen" Tätigkeit seien, und er fich daher am allerwenigste« über die schwindende Kenntnis der jüdischen Lehre wundern dürfe. An das Referat schloß stch eine interessante Dtskufston, tn der die Ausführungen des Vortragenden besonders wirksam durch Herrn Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau und Dr. Arthur Kahn unterstützt und ergänzt wurden. Letzterer wies aus die Notwendigkeit einer besseren Jugenderziehung hin. Zum Schluß gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme:

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