Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1911)
- Date
- 1911-03-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448817--66423-2494584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Studium des Gesetzes zu treten brauchten, um die Welt und ihr Uebei zu vergessen und im tiefsten Frieden des Gemütes ganz in Gott und seine Weisheit sich zu versenken, wenn er dies Bild Israels als des typischen Ge lehrten- Volks entrollt, da klingt es leise in seinem Innern, da wird ihm das Herz warm, da vermag er noch ganz mit seinem Volk zu fühlen, da ist er mit seinen Sympathien ganz — unser. Aber das Tragische an ihm ist, daß ihm die Einheit von Lehre und Gesetz, die zu einander sich verhalten wie Form zu Inhalt, dergestalt, daß man die Form ohne Inhalt zwar denken, niemals aber erleben kann, daß ihm die Einheit von Lehre und Gesetz, die das Gesetz zur ewigen, gleich göttlichen, gleich a xriori'schen Erfüllung der Form deklariert, für sein allzu tief in die Moderne getauchtes wissenschaftliches Bewußtsein für immer verloren gegangen ist. Nach ihm muß jede Gegenwart'sich selbst ihr praktisches Judentum aus Gott als Vorbild der Sittlichkeit gestalten, und wenn der Väterart das Gesetz adäquat war, muß der Nachgeborene mühsam der ausgehöhlten Form neuen Inhalt zu werben suchen. So läßt Cohen vom Judentum nichts bestehen als sein ethisches Formalprinzip und hat damit den radikalsten Bruch mit dem historischen Judentum vollzogen. (Schluß folgt.) Liberales ZittKatiim. Ein Bortrag von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. XIV. Die „Vereinigung für das liberale Judentum" sagt in ihrem Programm: die Lehre müsse deshalb mit dem Leben ausgeglichen werden, damit nicht „ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entstehe." Die Verfasser des Programms hätten gut daran getan, sich diesen Satz genauer zu überlegen, da er eine tatsächliche Unrichtigkeit enthält. Es ist einfach nicht wahr, daß dem Judentum ein Gegensatz zwischen Lehre und Leben fremd sei. Ein Satz der Thora lautet z. B.: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Soll diese Lehre ausgestrichen werden, weil sie nicht restlos in das einen kräftigen Selbsterhaltungstrieb fordernde Leben übersetzt werden kann? Soll sie ausgestrichen werden, weil, um ein Beispiel von zahllosen anzuführen, kein Kaufmann gewillt sein wird, seinen nächsten Konkurrenten so zu lieben wie sich selbst, und ihm zu Liebe seinen Laden zu. schließen, damit der Nächste ein besseres oder überhaupt ein Geschäft mache?!Drr AsraAtt. Soll das Wort des Jesajas: „Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Feld an Feld rücken", ausgestrichen werden, weil Juden, orthodoxe und liberale, sehr erheblich am Terrainmarkt beteiligt sind. Soll der biblische Spruch ausgestrichen werden: „Wer Getreide zurückhält, den verfluchen die Leute, aber Segen kommt über das Haupt dessen, der Getreide verkauft," weil es der Getreidebörse nicht einfäüt, statt nach der Konjunktur, sich nach den Sprüchen Salomonis zu richten? Soll das Wort des Amos: „Wegen der drei, ja vier Sünden Israels will ich's nicht rückgängig machen, weil sie für Geld den Rechtschaffenen verkaufen und den Armen um eines Paars Schuhe willen," soll dieses Wort ausgestrichen werden, weil darin Pfändungen und Zwangsverkäufe bei armen Schuldnern für sündhaft erklärt werden, das Leben aber darüber hinweggeht? „Leicht bei einander wohnen die Gedanken, Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Soll unser Leben mit seiner Niedrigkeit und Gebrechlichkeit, mit seinen durch die harten Tatsachen des Daseins und des Daseinskampfes erzeugten egoistischen Trieben und Betätigungen die heiligen und reinen Gedanken der Lehre auslöschen? Nein! Dem Judentum ist der Gegensatz von Lehre und Leben nicht fremd. Die Institution des Versöhnungstages dokumentiert die Tatsache dieses Gegensatzes: die Notwendigkeit der Versöhnung setzt die Unentrinnbarkeit vor der Versündigung voraus. In mannigfachsten Variationen wird es in unseren heiligen Schriften und Gebeten wiederholt: „Dein, o Gott, ist die Gerechtigkeit und unser die Beschämung des Angesichts." Der Gegensatz zwischen der göttlichen Erhabenheit und der Armseligkeit des Menschenlebens, zwischen Ewigem und Vergänglichem, zwischen Ideal und Wirklichkeit besteht im Bewußtsein des Judentums in seiner ganzen Kraft. Das Bewußtsein dieses Gegensatzes, das Bewußtsein menschlicher Unvollkonlmenheit soll aber nach der Lehre des Judentums nicht zu einer tatenlosen Weltentfremdung, nicht zu einer trübseligen Weltvernetnung führen, sondern zu einem rüstigen und freudigen Vorwärtsstreben, soll unseren Willen befruchten, daß wir an unserer Höherentwicklung und Selbstvervollkommnung arbeiten. Die Ausgleichung von Lehre und Leben darf nicht durch ein Herabziehen des Ideals versucht werden, sondern soll dadurch erfolgen, daß das Leben durch das Licht der Lehre erleuchtet und der Lehre immer näher gebracht werde. : - ' ,sr -: ' V . 80 Mrz HM? Die Gefahr der liberalen Partei liegt darin, daß der Gesichtspunkt verschoben wird. Wie sich der einzelne Jude mit der Beobachtung des Religionsgesetzes zurechtfindet und mit dessen Verletzung abfindet, das muß seinem Gewissen überlassen bleiben. Aber das Gewissen kann und muß geschärft werden. Das Prinzip der liberalen Partei jedoch ist geeignet, die Schärfung des Gewissens zu verhindern, ja unmöglich zu machen, da sie jede subjektive Willkür und Bequemlichkeit sanktioniert und jede Uebertretung des Religionsgesetzes mit ihrem Plazet versieht. Ihre Methode ist um so verführerischer, als sie mit dem den Juden von der Politik her sympathischen Worte „liberal" operiert und durch diese mißverständliche Vokabel die Herzen irritiert. Ihre Methode ist um so verführerischer, als sie die gefährliche Selbstzufriedenheit der einer Vervollkommnung sehr Bedürftigen hervorruft, beschönigt oder fördert, indem sie zu ihnen sagt: „Ihr braucht nicht mehr gute Juden zu werden/ ihr seid schon gute Juden." Und nun schallt ihr leicht das Lob aus jedem Munde zurück. Sie entwirft ein Ideal vom Judentum, das so geartet ist, daß der, welcher sich vielleicht selbst für einen noch sehr verbefferungsfähigen Juden gehalten hat, nun meinen kann, in ihm sei das Ideal des Judentums schon verkörpert, in ihm sei das schon erfüllt, was für die Gesamtheit erst von der Zukunft erhofft werde. Der einzeln e liberale Jude kann durch die persönlichen Qualitäten, die er hat, uns herzlich sympathisch sein/ er kann auch, wiy ruip nm< nysft, ein Segen und ein Glück für das Judentum sein und sich hohe Verdienste darum erwerben. Aber der Liberalismus als Prinzip, als Partei ist eine Gefahr für das Judentum. Die Gefahr ist eine nur relative, so lange nur eine relative Anzahl von Juden diesem Prinzip huldigt. Würde es aber der „Vereinigung für das liberale Judentum" gelingen, das gesetzestreue Judentum in Deutschland bis auf die letzte Seele auszutilgen, so wäre das ein unausdenkbarer Zustand. Der Wert einer Bestrebung kann am anschaulichsten an der Vorstellung der Verwirklichung des Zieles gemessen werden. Denken wir uns das Ziel der liberalen Bestrebungen erreicht, denken wir uns, daß in Deutschland alle Juden in ihrer Lebensführung das alte Judentum bis aus den letzten Rest über Bord geworfen hätten, und wir werden nicht zweifelhaft darüber sein, daß das der Anfang vom Ende des deutschen Judentums wäre. (Schluß folgt.) Kleine» Feuilleton. Rebekka. (Ans bcn Aufzeichnungen meiner Mutter i Bon I. Oppenheim. (Fortsetzung.) Sodann lies; sich der Kaiser in die Synagoge geleiten und sich alles erklären; und als er aus der Synagoge ging, sagte er, sich an den Rabbi wendend: „Jcb wiederhole nochmals, daß ich keinen bürgerlichen Unterschied kvcgcn Glanbensansichten bestehen lasseu will. Aber, da möchte ich noch fragen, obs wahr ist, däß ihr euch noch für das allein anserwählte Bolk haltet und alle Anderen aeringschätzet, weil sie nicht eures Glaubens sind?" „Hoher Herr," erwiderte der Rabbi, „es ist unser Gesetz nur für denjenigen verbindlich, der uls Jude geboren ist: wir suchen nie einen andern zu bekehren, und es wäre höchst vernunftwidrig und gotteslästerlich, wenn Juden jenen geringschätzen wollten, der seine eigenen Gesetze noch liebt und unseres nicht will, das auch ihn nicht will." „Ich achte diese Treue, sie ist die höchste Tugend", sagte der Kaiser zufrieden niekend, „und man muß zugeben, daß ihr Juden sie unter tausendjährigen Martern bewahrt habt." Nun gab er das Zeichen zum Aufbruch. Ta siel sein Ailge auf die Treitreppe des Hauses Fischl, wo dicht gedrängt die Frauen standen. „Nun habt ihr Wünsche? Ihr schweigt?" Tiefen Worten folgte ein unbeschreibliches Gedränge, ein Sumnlen und Sausen; keine wagte den Mund aufzutun. Ta trat Rebekka hervor. Die schöne, edle Mädchengestalt beugte sich tief errötend und sprach mit vernehmlicher Stimme und festem Tone: „Tie höchste Verehrung hat kein Wort." ,.Ei, mein Kind, Tu verstehst zu schmeicheln." Der Kaiser und seine Begleiter waren betroffen von ihrer Anmut und Schönheit. „Man schmeichelt der Sonne nicht, wenn man ihr still dankt, daß sie ihr Lieht über alle Geschöpfe leuchten läßt." - „Wie heißt Tn", sagte der Kaiser, gefesselt von dein Lie^eiz des Mädchens. „WWka, Majestät!" „lltw^wer ist Tein Vater?" „Ich bin es,.Majestät", sagte der Vorsteher Fischl, Nährend Rebekka tief geneigt vor ihm stand. Er winkte ihr, sich zu erheben. „Ich habe einen Wunsch an Dich, Rebekka: Zum Zeichen, daß ich Dein Volk, das Jahrtausende lang mißhandelte und verachtete, wertsehütze und liebe, sowie alle meine Untertanen, zum Zeichen dafür, laß' mich Tir einen Kuß auf Deine reine Stirne drücken — ich wißt ihn Dir nicht rauben, sondern Tn mußt ihn mir aus freien Stücken geben." „Ich will", sagte die Jungsran und bot ihre Stirn dem Kaiser zum Kuß. „So schnell?" frug der Kaiser. „Tu scheinst mir sonst stolz und spröde zu sein." „Ich küsse nicht den Mann, den Menschen, sondern die hohe Gnade des Kaisers." „Ta danke ich", lächelte der Monarch. „Du bist gewiß schon verlobt?" „Zu dienen, Majestät." Das kvar eine Ueberraschnng für den Vater sowohl, wie für die ganze Gemeinde — und staunend blickten sie um sich. Alles drängte sich hinzu, um zu hören, „Doch nicht etwa mit einem von diesen hier?" Ulld der Monarch deutete aus die allerdings nicht gerade schönen Gestalten der armen Dorsgeher. Ta zeigte sie mit dem Finger auf einen schönen, schlanken, jimgen Mann, der ganz im .Hintergründe stand und nicht kvagte, hervorzutreten. „Wann heiratest Tn?" „Wenn es Eure Majestät erlauben lverdcn." „Ich? Wie ist das zu verstehen? Warum soll dies von mir abhängen?" „Weil man meinem Bräutigam die Niederlassung verweigert. Nach dem Gesetz soll ja die gabt der jüdischen Familien nicht vermehrt werden, sie soll dieselbe bleiben, itnd mein Bräutigam hat schon einen verheirateten Brüder." „Mein liebes Kind! Tn erinnerst mich eben an eine Bestimmung, die uns daran zweifeln läßt, ob die Gesetze von Menschen oder von Dämonen gegeben kverden. Doch sage mir: Ist Dein Bräutigam auch ein Trödeljude? Wie kannst Tn Deine Hand einem Me'nsrhen geben, der sich mit Schachern und Trödeln abgibt und ehrvergessen sich überall verspotten läßt, nur um einen Gewinn zu erhoffen?" „Das ist's eben", sagte das Mädchen. „Mein Bröntigam ist ein Gerber. Er hat das Handwerk im Ausland erlernt, denn hier zu Lande nahm ihn kein Meister auf, weil er Jude ist. Nunmehr schließt ihn wieder die Zunft aus und verwehrt es ihm, sein Handwerk zu betreiben." „Ich aber gestatte es sofort!" ries der Kaiser. Dann fuhr er lächelnd fort: „Mir ist es lieber, Ihr wendet Euch festen Berufen zu, als. daß Ihr dem