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Der Israelit · 1911-03-30 · Heft 13 (30.3.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 13 (30.3.1911)
Date
1911-03-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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30. MS^ 1911 sollten jüdische Gemeinden denken, bevor sie in unverzeihlicher Weise Friedhofsverträge mit Kommunen abschlteßen, die aus Rücksichten der Zweckmäßigkeit am Turnusverfahren festhalten. Wo aber seitens einer neologen Gemeinde darauf kein Bedacht genommen wird — man denke an Gießen — ergibt sich die Pflicht der Gesetzestreuen, mit aller Kraft auf die Errichtung eines eigenen Friedhofes hinzuarbeiten, von selbst. Aas läßt Hermann Loden vom Judentum übrig? Bon Referendar Jlaae Breuer. III. Nun bin ich weit entfernt, die innigen, für den Kundigen geradezu handgreiflichen Beziehungen etwa in Abrede stellen zu wollen, die das Judentum mit der Kantischen Ethik verknüpfen. Ist ja gerade der Jude gewohnt, in freiestem Universalismus in jeder treu gewissenhaften Leistung menschlichen Geistes Offenbarungen göttlicher Weisheit segnend anzuerkennen, und müßte es daher eher Wunder nehmen, wenn die Verwandtschaft des Judentums mit dem Jdeengang eines Genies von Kantens welthistorischer Bedeutung geringer wäre, als sie tatsächlich ist. Im Gegenteil! Wo immer auf Erden echte Weisheit gedacht und wahre Einsicht gewonnen wird, da mag die Vermutung dafür sprechen, daß auch für die jüdische Sache eine Bresche geschlagen und mit dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit auch der jüdische Genius sich zu freuen wohl befugt ist. Die Kantifche Lehre stellt den größten Fortschritt der Menschheit dar, den sie seit Plato und Aristoteles, seit Paulus und Mohamed gemacht, und da sollte Kant dem Judentum wesensfremd sein? Und so stehe ich keinen Moment an, Cohen überall beizustimmen, wo er die Grundzüge Kantischer Ethik im Judentum radiziert findet. Hat ja der mit tiefem Gefühl für das überlieferte Judentum ausgerüstete Philosoph die Bedeutung der Institutionen des Judentums für die theoretische Ethik allüberall mit feinstem Verständnis erfaßt und vor dem Kongreß zur Darstellung gebracht. Wer die Bedeutung des Judentums für die Ethik hätte schildern wollen, er hätte es selbst vom Standpunkt des historischen Judentums aus nicht anders und gewiß nicht besser vermocht, als Cohen, und hätte nur die bibelkritischen Dogmen fortgelaffen, denen offenbar selbst der mit dem ganzen Ernst Kantischer Wissenschaftlichkeit ausgerüstete Mar- ._ Der Israelit_ burger Philosoph schutzlos zum Opfer gefallen ist. Daß der Gott des Judentums auch Gesetz und Vorbild der Sittlichkeit ist, daß mit seiner absoluten Einzigkeit zum ersten Mal in der Welt das Problem der Sittenwelt aufgestellt wurde; daß der Versöhnungstag auch die hohe Lehre von der sittlichen Freiheit, der Sabbat auch das Prinzip sozialer und politischer Freiheit verkündetder Messianismus auch die Idee der Menschheit und damit den Begriff der Weltgeschichte entdeckt und dem Reich der Zwecke inmitten der Sinnen weit die Stätte anbahnt: Wer möchte alldem nicht gehobenen und stolz bewegten Herzens zustimmen, wer nicht dankbar eine erneute Bestätigung der göttlichen Herkunft all dieser Institute des Judentums darin erblicken, daß sie sämtlich auch als Postulate der praktischen Vernunft sich erweisen, die ja selbst aus den Händen dessen hervorgegangen, der des Judentums Stifter ist? Und wer möchte nicht dem Philosophen den die ganze Rede durchtränkenden Enthusiasmus mit inniger Rührung nachfühlen, wenn er vor dem Forum eines erlauchten Weltkongresses namens seiner viel geschmähten und ewig verkannten Gemeinschaft die weltbewegenden ethischen Grundgedanken Kantens als in ihrem innersten Kern jüdisch denunzieren darf und darum das Bekenntnis dieser Gemeinschaft als die Religion der Zukunft zu bezeichnen sich legitimiert hält? Aber Cohen hat sich, trotz seines im Eingang der Rede gegebenen Versprechens, nicht damit begnügt, die Bedeutung des Judentums für die Ethik der Menschheit zu kennzeichnener ist den verhängnisvollen Schritt weitergegangen, der ihm das Recht benahm, im Namen der großen jüdischen Gemeinschaft des Erdballes zu sprechen, der ihn von dieser Gemei nschaft trennte und ihn zum Wortführer einer bloßen abgesplitterten Sekte degradierte: Er hat das Judentum, dessen Bedeutung für die Sittlichkeit er soeben festgelegt, nun völlig in dieser Sittlichkeit als deren in Gott als bloßem Vorbild der Sittlichkeit fundiertem Formalprinzip aufgehen lassen und damit die für den bisherigen sittlichen Fortschritt der Menschheit bedeutungsvollen Momente des Judentums, die doch nur besten eine, und noch dazu allgemein menschliche Seite darftellen, zum alleinberechtigten, wesentlichen Inhalt des Judentums schlechthin deklariert! Aus diesem engen Rahmen mußte ihm mit Notwendigkeit das Gesetz völlig herausfallen: Nachdem ihm Judentum nichts mehr war als eine von Gott als dem Vorbild der Sittlichkeit autonom abgefolgerte Pflichtenlehre, war für das die Autonomie des Individuums aufhebende Gesetz kein Raum mehr. 'fto. 13 Güte 3 So ward ihm das Gesetz das durchaus zeitlich Bedingte im Judentum. Für es suchte und fand er lediglich mildernde Umstände: Er anerkennt, daß das Gesetz „eine Durchdringung des Lebens anstrebte, so daß, wie kein Unterschied zwischen dem Geistlichen und dem Israeliten, so auch überhaupt für das ganze Leben und Treiben kein Unterschied zwischen heilig und profan bestehen bleiben sollte." Er hebt hervor, daß „von dem Begriff der Religion die Vorstellung entfernt werden sollte, als ob sie nur dem Jenseits zu dienen hätte und nicht vielmehr zu allererst dem Diesseits." Es geht ihm „durch das gesamte jüdische Schrifttum die Tendenz, den Schwerpunkt der Religion nicht in den Begriff des Jenseits zu verlegen, sondern ihn im realen Leben des Menschen zu befestigen und zu begründen." So können ihm gerade die modernen Bestrebungen des sogenannten „praktischen Christentums" als Verwirklichung der urjüdischen Devise gelten: „Durchdringung des gesamten Lebens mit den Gedanken und Forderungen, mit den Gefühlen der Religion". Aber rund heraus erklärt er, daß der Anspruch des Judentums in seiner historischen Erscheinung, das gesamte Leben durchaus zu beherrschen, eine „innerliche Fortsetzung der alten Theokratie sei, welche zum Teil der Sagengeschichte angehört" und findet in der „Abstoßung" desGesetzescharaktersden höchsten Fortschritt des Prophetismus. So ist ihm das Judentum nichts als Lehre, und diese Lehre nichts als Symbol und Formalprinzip der Sittlichkeit. Nur die Form ist ihm das Ewige, das Göttliche am Judentum, das Offenbarte, das a priori Gegebeneaber der Inhalt des Judentums, die praktische Durchführung des Formalprinzips, die Erstreckung Gottes auf die Erscheinungen des Lebens, ist ihm durch und durch a posteriori, ist ihm empirische Menschensatzung, in der Zeit geworden und von vorneherein bestimmt, mit dem Wechsel der Zeit zu vergehen. Die Art, wie das historische Judentum Gott durch Vermittlung des Ge setzes zum beherrschenden Faktor aller Seiten und Beziehungen des jüdischen Daseins hat werden lasten, findet er bewundernswert, und er ist weit genug davon entfernt, sie etwa mit all ihrer wunderbaren Gottesinnigkeit in beschränkt rationalistischer Weise verächtlich zu machen, mit überlegenem Lächeln des Modernen sie zu verwerfen. Eine tiefe Sympathie durchzieht die Seele des Philosophen mit dieser Art, an der die Väter mit allen Fasern ihres Wesens gehangen und deren letzte Verzweigungen mit ihrem Herzblut zu schützen sie jederzeit bereit waren/ und wenn er dem Kongreß das Bild der Ahnen entrollt, die, von Mord und Totschlag jederzeit bedroht, verachtet und verfehmt, gleichwohl nur an das zelebriert man den Tempelgottesdienst. Wenn auch * iefe Gewissenhaftigkeit nur äußerer Firniß war, der die innere Herzlosigkeit dem prophetischen Auge nicht verbeigen konnte, man wahrte doch die äußere Form, diese wagte man nicht zu verletzen. So empörend nun diese Werkheiligkett auch sein mag, die als Deckmantel so verwerflicher Bestrebungen gilt, so liegt darin doch eine nicht zu unterschätzende prinzipielle Anerkennung des im Leben geächteten göttlichen Willens. Durch diese Wahrung der äußeren Form innerhalb des Tempels war es den Bessergestnnten wenigstens möglich, ihn als den lrtzten gemeinsamen Punkt zu betrachten, der sie noch mit den abgcfallenen Brüdern v rband. Die Heiligkett, Unverletzlichkeit, die Unterordnung dieser Stätte unter den göttlichen Willen räumte, wenn auch nur formell, selbst der Adgefallene ein. Sie hatten noch einen gemeinsamen Boden: UEHpa DIpÖ- ~ Bet der regenerierenden Kraft, mit der Gott alle seine Institutionen, in erster Reihe aber VttHpl tSHptt ausgcstattet hat, durfte, mußte die Treue der Treuen '22 ^xntp' 'b&o rvoro vnövö fix nat» immer noch der Hoffnung auf eine Rückkehr Raum gestatten. Die Ideale des liberalen Reformjudentums schließen diese Hoffnung fast aus. Was ist dem Juden und Namenjuden gemeinsam heilig, gern einsam verwerflich, w s nicht auch schon der aufgeklärte Nichtjude für h.ilig oder verwerflich fände? Die Gotteshäuser aber, die das unjüdische Lebcn heilig sprechen sollen, tragen ja den Abfall von Gott erst recht an der Stirne. Unj dische Embleme, unjüdtsche Kulte, entziehen dem jüdischen Gotteshause auch äußerlich die letzte Spur eines jüdischen Gepräges, während der dürftige Rest jüdischer Eigentümlichkeit, wie sie fich noch in Inhalt und Sprache unserer Gebete bekundet, dem verhängnisvollen Rotstift verfällt. Zu dieser offiziell und systematisch betriebenen Verdrängung des Judentums aus dem Gotteshaus, zu dieser offiziell und systematisch betriebenen Etnschmugglung nichtjüdlscher gottesdienü sicher Formen kommt noch die Razfta, die von der Kanzel gegen die noch etwa unversehrt gebliebene letzte jüdische Fahne eröffnet wird. Es kommt dazu noch ferner die Propaganda, die man in Schule und Haus, in Vereinen und Keilschriften für Verflachung und Fälschung des alten Judentums macht So find gerade bie N1D22 TD/ die Stätten, von deren Ernst und Heiligkeit man sonst die Besinnung und Sammlung auch aus den schwersten Irrungen erwarten durfte, die greifbaren Zeugen, die Herolde des unerhörten Verrats an unserer heit-gen jüdischen Sache eeworüen. Dem treuen Juden, dem dieser Jammer iW^geht, bleibt nichts übrig, als solche Stätten zu meiK8^ Er weiß, daß die Acht seiner Weisen und Lehrer auf diesen Prunktempeln ruht und auf jedem, der ihre Sanktion fördert, indem er den Fuß über ihre Schwelle setzt. Ihm wiegt die formvollendete Architektonik dieser Gotteshäuser ihre Entweihung nicht auß weil er steht, wie dieser unjüdische Prunk die letzte Spur jüdischer Gesinnung schon im Keime erstickt und den Fluch des heidnischen Sänger.? aus sich la'et, der die Schönheit unserer Tempel rühmte, um die Stätten der Gottesderehrung zu vernichten. na*? nnx vvn mix bw rrronna pnv 'an nax to unb in1 x*?tp noi^ trpa oba nvr na npr T^nx ima na tnna toi nraaa (n"p pnnjD) Als Israel seinen Gott vor dem Bilde eines Gras fressenden Tieres verleugnet hatte, gab ihm Gottes Gnade durch Errichtung eines Gottesheittgtunw Mittel und W.ge an die Hand, das schwere Unrecht wieder zu sühnen. Was soll aber fü c die Verkehrhcit einer Zeit sühnend eintreten, die die Stätte der Gottesverehrung selber der Verehrung ihrer Zdole weiht und so der einzige Ort, an dem wir noch als T! 'X ,32 erscheinen könnten, er scheinen müßten, laut und unabwendbar bezeigt: ui ik ay Was würde jener jüdische Weife, der sich darüber wundert, daß Israel gibt und spendet, ohne Rücksicht auf die Löbsichke t oder Verwerft chkeit des Zwrcks, was würde er erst sagen, wenn er en Mißbrauch geißeln wollt«', den unsere Zeit mit ihren Gotteshäusern treibt: „Fordert man sie zum Egel auf, so spenden sie, fordert man sie zum Mischkan auß so spenden sie wieder," lautete da. Wort, in welches sich seine Verwunderung kleidet, daß man die Eigenart dieses Volkes nicht ergrnndrn könne Unsere Zeit spendet angeblich für s Mischkan, tatsächlich dient ab.r die Spende denk Kult s der Zeiudealc. Die Gotteshäuser und die Art ihres Go teSdienstes sind daher mit Fug und Rccht dasSchibbosit, das unterscheidende Kriterium geworden, welches jüdische Gemeinden von liberalen Reformgemeinden urterscheidet So schmerzlich dieser Zwiespalt auch das jüdische Herz berührt, es braustt vor einem A. sgang nicht zu bangen. Zuversichtlich darf es bea alten Verheißungen vertrauen: nTinn^ NLIO flOWn D'22 npl^Ha (X"' 'S nail JHX“pn 'Da)- Ter S:reit, der unseren Gotteshäusern gisi, wird, wo man ihn nur mit rein n änden kämpft, dazu führen, daß die „Schranken und Zäune", die zum Schutz: des Gotteshauses gezogen find, wieder die alte Würdigung und Anerkennung erlangen werden.

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