Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1911)
- Date
- 1911-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Oer Mraeltt : c*Brg. m. w ' ' Kontrolle der „diesseitigen" Behörde steht. Der Oberrat zeigt also die rührendste Fürsorge für das Seelenheil der Orthodoxen. Daß aber dieser Grund nur ein Vorwand ist, erhellt aus der Tatsache, daß man auch einem Rabbiner — einem orthodoxen natürlich, — der als Religionslehrer dem Oberrat untersteht, den Dispens für seine Kinder verweigert hat. Und dieser Zwang wird gegen die Kinder orthodoxer Eltern angewendet, obwohl in verschiedenen Städten der offizielle Religionsunterricht von Lehrern erteilt wird, die öffentlich am Sabbat schreiben. Man erwäge, welchen Eindruck es auf das Kind machen muß, wenn der.Lehrer, der ihm in der Neligionsstunde das 4. Gebot erklärt, im Elementarunterricht selber den Sabbat entweiht, nicht zu reden von der Art, wie diese Herren die biblische Geschichte behandeln, die Wundererzählungen als Märchen hinstellen usw. Man würde aber dem Oberrate Unrecht tun, wenn man annehmen wollte, er hätte für die Verwirrung, die durch solche Dinge in den jugendlichen Köpfen angerichtet wird, kein Verständnis. Denn auch andere neologe Verwaltungen schrecken doch davor zurück, Lehrern, die in der Praxis in solcher Weise die wichtigsten Religionsgesetze mißachten, den Religionsunterricht anzuvertrauen. Es zeigen sich aber hier die verderblichen Folgen des ganzen Organisationssystems, weshalb es von Nutzen ist, darauf hinzuweisen. Der Oberrat würde wahrscheinlich keine Religionslehrer anstellen, die öffentlich den Sabbat entweihen, wenn diese Lehrer nicht zugleich Volksschullehrer wären, die kraft ihrer Stellung Religionsunterricht zu erteilen verpflichtet sind. Und man fürchtet nun (ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt), der Staat würde, falls man jenen Lehrern den Religionsunterricht entzieht, überhaupt keine jüdischen Volksschullehrer mehr anstelle«. Die Energie aber, zu verlangen, daß Lehrer, die den Sabbat streng halten, angestellt werden, besitzt der Oberrat nicht. Man will also unter allen Umständen dafür sorgen, daß die Parität gewahrt werde, und daß jüdische Lehrer an staatlichen Anstalten wirken, mag darüber auch die Religion den größten Schaden leiden. Die Herren schielen eben immer nach außen. Das wichtigste ist ihnen die äußere Anerkennung der Juden,- die Erstarkung des Judentums nach innen, die Wahrung seiner heiligsten Güter kommt erst in zweiter Linie. Und darin liegt der Krebsschaden einer Organisation, bei welcher die Neologie die Herrschaft ausübt. Die Organisation als solche könnte mit ihren staatlichen Machtmitteln viel Gutes stiften: sie könnte die Sabbatheiligung fördern, könnte für die Kräftigung des religiösen Lebens wirken, die altüberlieferten Gemeindeinstitutionen zu erhalten suchen. Stimmte und Reformtempel. (3nm Wochenabschnitt.) Zwischen dem ersten Gottesheiligtum auf Erden, wie cs in den vorwöchentlichen Abschnitten vor unserem Geistesauge erstanden und im heutigen durch die seine Weihe bekommt und den modernen Tempeln des Repormjudentums. tas sich heutzutage das liberale nennt, gähnt eure jähe Kluft, die sich mit wenigen Worten dahin präzisieren läßt: „Im Judentum sind geheiligte Stätten der Gottesverehrung nur Mittel zum Zweck, dem abgeblaßten Schattenjubentum unserer Tage sind sie ausschließlich Selb st zweck." Das Judentum ist nun einmal keine feiertägliche Kirchenreligion, die sich mit einigen andächtig im Tempel erbrachten Stunden zusriedenstellen läßt. Daher ist der immernde Glanz, der unsere liberalen Andachtsstätten Aber unsere Neologen haben andere Aufgaben. Sie treiben durch den Schutzmann orthodoxe Kinder in den liberalen Religionsunterricht, damit nach außen hin der Schein der „Einheit des Bekenntnisses" gewahrt bleibt. Von Wichtigkeit ist es deshalb, daß in der Synode diese Momente ausgiebig beleuchtet werden, und daß dem Oberrat klar gemacht wird, wie wenig seine Praxis mit der Förderung des Judentums zu tun hat Zuerst gilt es, daß der religiöse Sinn der Jugend nicht untergraben und daß in die jugendliche Seele nicht Zweifel und Verwirrung getragen wird. Wir hoffen, daß für diese Forderung, die eine Forderung der Gewissensfreiheit ist, nicht nur die Orthodoxen, sondern auch die wahrhaft Liberalen eintreten werden. TV//TV^ KochmruuWait. moderne Pietät. Wie mehrfach erwähnt, hat die Bewegung zugunsten der Feuerbestattung durch die entgegenkommende Haltung des Ministers des Innern starken Antrieb erhalten. Bekanntlich hat die Regierung selbst einen Entwurf eingebracht, nach dem unter gewissen Bedingungen und bei Einhaltung bestimmter Kautelen die Feuerbestattung, wenn sie' von Verstorbeiten bei Lebzeiten ausdrücklich gewünscht wurde, zulässig sein soll. Entgegen der mit Schärfe vertretenen Auffassung der Konservativen und des Zentrums glaubte der Minister in seiner Begründung der Vorlage, in der Landtagssitzung vom 23. März, daß die juristischen und kriminalistischen Bedenken gegen die Leichen Verbrennung durch die im Entwürfe vorgesehenen Bestimmungen beseitigt seien. Als Hauptgrund für die Einbringung der Vorlage bezeichnete er aber die Absicht, eine Art Toleranz denen gegenüber zu üben, die anderer Ueberzeugung sind, wiewohl er, der Minister, diese Ueberzeugung nicht für die richtige hält. Was Wunder, daß bei dieser für sie so günstigen Sachlage, den Extremen, die in der Verbrennung den Gipfelpunkt aller Freiheit sehen, der Kamm anschwillt. Und nun kommt der sozialdemokratische Abgeordnete Hoffmann — es ist der gleiche sozialistisch-antisemitische Hoffumfließt, daher wären selbst zahlreichere feierliche Besucher kein Gradmesser für daS jüdische Leben, das in der Gemeinde quillt. 221112 WWl ttPrptt Wl- Sie sollen mtr ein Heiligtum bauen, damit ich unter ihnen wohne, tvar das Gotteswort, welches in der Wüste das eriite jüdische Heiligtum schuf. Als dieses Heiligtum vollende, war und Moscheh, das Ganze überschauend, das Volk segnete, sind es die Worte: -bs'T ntrr&s rrrstr rmntr pan \t „Möge es der Wille Gottes sein, daß Seine Herrlichkeit auf dem Tun euerer Hände ruhe," mit welchen dieser Segen einlettet. Im Hochgefühl der Freude über ken Besitz einer Stätte, in welcher nun Gottes Herrlichkeit weilen wollte, war zu allererst diese Mahnung am Platze, damit nicht der unglückliche Wahn Platz greife, durch den Besitz eines Heiligtums wäre Gottes Nähe nun für alle Zeiten gesichert. Eine solche Stätte sei gar ein Freibrief für tas ganze Tun unserer Hände, man könne sie in den Schoß legen, man könne sie sogar zu jedem Attentat gegen Gott und sein Gesetz erheben, und Gott wäre befriedigt, wenn nur die äußeren Shmbole seiner Gegenwart unversehrt erhalten blieben. So nicht. Gottes Schechina ruht nicht auf euerem Heiligtum, wenn fie nicht auf dem Tun euerer Hände ruhen kann! Die Heiligkeit des Gotteshauses kann nicht die Heiligkeit des eigenen Lebens ersetzen, sie soll ja im Gegenteil die Heiligung des Einzelnen anrcgen, steigern, wieder erwirken, wo sie verloren gegangen. Nicht also weil Gott im Tempel ivohnt, könne er auf das tätige, tägliche Leben verzichten, sondern umgekehrt: Weil Gott inmitten deines Lagers wohnt, muß dein Lager heilig fein, darf er an dir keine Blöße sehen, sonst weicht er z rück. mann, der im Berliner Magistrat für ein Schächtverbot plädierte und wegen seiner besonderen Vorliebe für biblische Zitate sich den Namen Zehngebote-Hoffmann erworben hat — und „weist nach", daß selbst im Alten Testamente Fälle von Leichenverbrennung verzeichnet seien. Es-erübrigt sich nach allem, was wir bereits früher über diesen Punkt angeführt haben, die Gelehrsamkeit des bibelfesten Genossen einerernsten Kritik. zu unterziehen. In der wiederholt von uns zitierten jüdischen Literatur findet man die Scheinargumente für die Leichenverbrennung in allen Einzelheiten zur Genüge widerlegt. In diesem Zusammenhang soll aber einer Aeußerung des Professors E. Högg, Direktors des Gewerbemuseums in Bremen, Erwähnung getan werden, die wieder einmal so recht die Ueberlegenheit der altjüdischen Konsequenz über die moderne Konzessionssucht zeigt. In einem Vortrag auf der Allgemeinelt Städtebau-Ausstellung in Berlin übte der genannte Gelehrte eine scharfe Kritik an dem sogenannten Turnussystem auf den kommunalen Friedhöfen und sagt u. a.: „Der Turnus wechselt je noch der Bodenbeschoffenheil und der Knauserigkeit der Gemeinden zwischen 15 und 30 Johren. Am häufigsten trifft man den 25jährigen Turnus, d. h., wenn eine Grabstelle nicht mit unverhäll nismäßigen Kosten für eine längere Belegungszeit oder gar aus Friedhofsdauer gemietet ist, so stiegen die Knochen des bisherigen Bewohners einer solchen sogenannten „letzten Ruhestätte" hinaus ilnd kommen ins Beinerhaus, feiner ausgedrückt: Offarium, oder in Sammelgruben oder werdeit im Kalzinierofen verbrannt — also eine nachträgliche Einäscherung wider Willen. An diese Behandlung unserer Toten sind wir so gewöhnt, daß wir sie ganz in der Ordnung finden. Und doch ist das Turnusversahren eine Pietätlosigkeit so abscheulicher Art, daß wir allen Grund haben, uns vor den sogenannten Barbaren und Heiden aufrichtig zu schä men. Hat doch der „Kilnstwart" unlängst darauf ausmerksani gemacht, das; man die ehrwürdigen Stringentste des Johnnnisfriedbofs in Nürnberg ausräunU, um je einen modernen Nürnberger zu dein alten hineinzulegen, was alsdann dllrch eine glänzende Marnrortafel auf dem Steinsarkophag bekanntgegeben wird." Natürlich werden diese Worte von der politisch liberalen Presse gegen das Festhalten an der Erdbestattung und für die Leichenverbrennung ausgespielt — siehe „Frankfurter Zeitung" vom 26. März. — Und doch sind es goldene Worte, aus denen auch manche jüdische Gemeinde etwas lernen könnte. Das jüdische Gesetz, das den heidnischen Brauch der Leichenverbrennung ablehnt, wendet sich auch in gleichem Maße gegen das Turnusverfahren auf dem Friedhofe. Das jüdische Grab ist ein heiliges Gut und muß als letzte Ruhestätte des Verstorbenen von jüdischer Liebe und Pietät erhalten werden. Daran wnp “pna rrnr^pna mpa 'n ’s •-pnKü 2wi ‘■an nnp "p n^n*1 kSi Wo diese Anschauung geschwunden ist, wird das Heiligtum selber zur Krücke für den Abfall, den es verhindern und sühnen sollte. Dieser unglückselige Wahn hat unseren Staat, hat unsere nationalen Heiligtümer in Trümmer gelegt, fast zwei Jahrtausende leiden wir unter diesem verhängnisvollen Irrtum und das liberale Judentum unterer Tage arbeitet in seiner ganzen Blindheit darauf hin, diesen Jammer aufs neue heraufzubeschwören und ihn zu verewigen. So wie s ch die Katastrophe vor unseren Augen heute vollzieht, warm die Zustände doch nicht, deren Schil erung wir aus unseren prophetischen Büchern kennen. Gab es auch damals Zeiten, in welchen „Israel seinen Schöpfer vergaß und Tempel baute," mutte auch damals Gottes Wott an Jtrmijohu ergehen: „Stelle dich in das Tor des Gotteshauses und sprich: Höret Gottes Wort gmz Jehuda, das durch diese Pforte geht, sich vor Gott zu bücken. So hat Gott Zebaot gesprochen, bessert eueren Wcg und euere Taten, dann will ich bei euch bleiben an diesem Ort. Verlaßt euch doch nicht aus die Lügenrcden, welche (immer) sagen: Gottes Tempel, Gottes Tempel! — Gottes Tempel sollen sie selber sein!" war es somit dieselbe falsche Vergötterung des Gottestempels, die stch damals wie heute geltend macht, so lügt doch ein tie gehender Unterschied zwichen Einst und Jetzt. Weil der Tempel mit einem Dienste das gottentfremdete Leben sühnen sollte, war nran wenigstens konsequent genug, Tempel und Tempeldienst unanKtastet zu lassen. Je rücksichtsloser man sich im Leben -von GvU und seinem Willen emanzipierte, je kecker Marx Sem Gottesdienst des Lebens den Rücken kehrlch deskö chigvrvser