Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-03-23 · Heft 12 (23.3.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 12 (23.3.1911)
Date
1911-03-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448816--66412-2494572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

euilleldn. Cb.rC., Mi'; Dk Sezchicdte zweier Ceicbensteltte. . Bon Arthur Kahn. «Fortsetzung.) Das Testament enthielt Lücken. Vielleicht waren es nur kleine juristische Riffe, aber die Advokaten erweiterten sie zu breit klaffenden Spalten, zwischen denen die rauschenden Wasser rhetorischer Spitzfindigkeiten in den Gerichtssälen dahinwirbelten und mit ihren Fluten beträchtliche Summen aus dem ansehnlichen Nachlaß Ersurters in die Schatullen der Gerichte und ' Anwälte wälzte. Der bevorzugte Erbe bestritt die Pflicht, die Sorge für ein dauerndes Jahrgedächtnis, für zwei Grabsteine und Pflege der Grabstätten aus seinem Erbteil übernehmen zu müssen. Der Vorschlag des Richters, die paar tausend Mark, welche die Gemeindeverwaltung verlangte um für ,-ewige Zetten" die Fürsorge und das Gedächtüisgebet an den zwei Sterbetagen zu übernehmen, aus dem gemeinsamen Erbe zu entnehmen stieß auf beftigen Widerstand bei jenen. Erbbedachten, denen nur ein geringerer Betrag vermacht worden war. Der Haupterbe aber be- ' harrte, von seinem „Rechts"beistand bestärkt, gegenüber dem Verlangen diese Summe ganz allein auf „seine Karte" nehmen zu sollen, auf seinem ablehnenden „Standpunkt". Warum sollen die Erben und Verwandten der Frau nicht selber für die Grabstätten und Jahrzeiten sorgen? Hatte die Nichte der Frau Erfurter das schöne Dtamantencollter nur deshalb als Persönliches „Andenken" erhalten, um aller Pflichten los und ledig zu bleiben? Und wenn der andere Neffe und dessen Frau ' das gesamte Silber und Weißzeug außer den zweitausendfünfhundert Talern erbte, warum sollte der Vetter Erfurters, der die Möbel und schönen Bilder erbte, die mit sechstausend Talern gegen Feuerschaden versichert waren, gar nichts fiir die toten Erblasser tun? Ja, wenn es gerecht hergegangen wäre, dann hätte man Möbel, Bilder, Teppiche, Silber und sonstigen Hausrat abtaxieren lassen und darauf untereinander geteilt. Das wäre eine Idee gewesen. In diesem Falle wäre man sogar generös zu einander gewesen. Im Salon Erfurters hingen lebensgroß und lebenswahr die Bilder der Verstorbenen. Jeder der erbenden Verwandten hatte im Stillen schon beschlossen, großmütig zugunsten eines andern Verwandten auf beide Bilder, trotz deren kostbaren Umrahmungen zu verzichten. Die Worte „Prinzipien", „Grundsätze", „Standpunkt" spielten bei diesem Erbschastsstreit eine große Rolle. Plötzlich hatten alle Verwandten und Erben ihre „eigene Meinung" und ^verlangten nur Gerechtigkeit/ die ihnen nie zuvor so wichtig erschienen war, als gegenwärtig, wo sie' sich in ihren materiellen Interessen beeinträchtigt glaubten und auf die im Testament be? vorzugtdn Verwandten/einen wachsenden' Groll empfanden. Der' Rabbiner der Gemeinde empfand mit aufrichtiger Betrübnis den Zwiespalt, der durch den Erbschaftsstreit unter den Verwandten Erfurters entstanden war. Er war mit dem verstorbenen Ehepaar Jahrzehnte lang befreundet' gewesen und machte sich sttzt oft Vorwürfe, daß er die beiden sonst. so zugänglichen Leute Nichts öfter und. nachdrücklicher gemahnt hatte,, an ihren Namen eine Dauertat zu knüpfen, die sie du^ch kommende Generationen hindurch als edle Stifter im Lichte schütter Menschlichkeit und echte/ Jüdischketk in den Annalen der Gemeinde lebendig erhalten hätte. Wie häufig war er mit dem Ehepaar.Erfurter ein wenig spazieren gegangen, ihm in. Gesellschaften begegnet oder zu ihm" ins Haus gekommen. Einmal allerdings hatte, er. ziemlich durchsichtig davon gesprochen, daß. man, selbst wenn.man selber Nachkommenschaft habe, dennoch von seinem Besitztum einen Teil an den „Klall"zu geben, als Jude verpflichtet 'sei. Der Rabbiner hatte aber den deutlichen Eindruck gewonnen, als ob Erfurter . ihn habe nich^ verstehen wollen. Dadurch abgeschreckt, vermied er von dieser Zeit an, auf Erfurter etnzWoirken. Dann war Erfurter einmal schwer erkrankt undhatte wochenlang in Lebensgefahr geschwebt. Damals hatte der Rabbiner, den Erfurter zu sich hatte bitten lassen, ganz bestimmt erwartet, der Rekonvaleszent wollte irgend ein Legat, eine Stiftung, etwa zum Anden«« an seine Eltern, die gottesfürchtia und wohltätig gewirkt, errichten. Da hatte ihm Erfurter ein Goldstück, ganze sechs'Taler und zwanzig Silbergroschen überreicht, der Rabbiner möge diese bescheidene Summe an Arme verteilen. Als dann wenige Wochen darauf ein entsetzlicher Unglücksfall einem Vater von acht unmündigen Kindern das Leben gekostet hatte und eine Sammlung für die mittellose Familie veranstaltet worden und Erfurter hierzu fünfzig Taler beigesteuert, da glaubte der Rabbiner von weiteren Anregungen absehen zu müssen. Aber aufgeschoben sollte nicht aufgehoben sein. Roschaschono nahte und am Neujahrsmorgen erging sich der Rabbiner in die dem Tag und der Stunde angemessenen Betrachtungen, über die Nichtigkeit des Daseins. Tiefe Stille herrschte in dem dichtgefüllten Raume der Synagoge, wo Männer und Frauen, von Andachtsschauern durchbebt, der Predigt lauschten: „. % . . Doch wenn unser Leben schon nichtig, unser Dasein so flüchtig ist, so darf es deshalb nicht unnütz und ungenützt ablaufen. Aber was ist nützlich und vernünftig angesichts der Vergänglichkeit aller Geschöpfe und aller Dinge? Was ist weise und klug getan angesichts des Todes?? Und warum nur in dieser einen kurzen Stunde an unsere Hinfälligkeit mahnen, wenn wir bereits draußen vor den Türen des Gotteshauses, alles vergessend, was uns diese Stunde und der Inhalt unserer heutigen Gebete lehrt, wieder dasselbe Leben führen, als wäre diese Stunde überhaupt nicht gewesen? .'. Gute Vorsätze? Ach solche fassen die Menschen nur in Zetten der Drangsale und Gefahr, ooer wenn große Erwartungen uns erfüllen. Sind diese vorüber, dann gedenken wir ihrer kaum noch/ man verschiebt sie von heute auf morgen. Doch was ist denn das Morgen? 7 «ein Vielleicht. Wer kaun auf das Morgen zählen? Liegt nicht eine Nacht mit tausend Minuten, deren jede uns den Tod dringen kann, dazwischen? Wer kann sich vermessen von uns und sagen, herüe-übers Jahr? Ueber ein Jahr! Da fitzen vielleicht manche nicht mehr hier und andere stillen vielleicht die Räume dieses Gotteshauses.... Bedeutet nicht schon die nächste Stunde für jeden Sterblichen eine Schicksalswende? Kann nicht jeder Tag, der heraufleuchtet, unser Lebensende abschließen? Usfchllwo, usstllo, uzdoko . . . . Jaandächtige Versammelten! Alles, alles kann, alles darf man' eher verschieben als Zdoko! Wer gute Taten verschiebt, nimmt ihnen ihren Wert, vermindert ihr Verdienst .... und warum alles erst verwirklichen, wenn man nicht mehr selber dabei sein kann? Du sollst dich deines Besitzes ja nicht entkleiden/ aber gib von. dem! UeheHluß bei Lebzeiten, gib mit warmen! Händen, wenn dein Herz noch schlägt und mit-! empfindet, deine noch sehenden Augen nochI selber sich./erfreuen mögen an deinen Hand-I lungen. Streue Liebe aus, so lang du sttber noch! lieben, selber noch verzeihen kannst. Gib, liebe,! erfreue und verzeihe, so lange noch auf Erden! die neben dir wallen und du neben ihnen, und! empfangen und zurückgeben uns im Lichte des! Lebens vergönnt ist.! O, lieb so lang, du lieben kannst, I O, lieb so lang du lieben magst,! Die Stunde kommt, die Stunde naht, I Wo du an Gräbern weinst und klagst..I In tiefer Ergriffenheit verharrten die Zu-1 Hörer, als der Rabbiner die Kanzel verließ.! Frau Erfurter schien in Tränen aufgelöst und! ihr Ehegatte schneuzte kräftig, was bei Männern! oft unterdrückte Rührung bedeutet. Mancher! Vorsatz mochte bei den verschiedenen Zuhörern! während der Predigt gereift sein/ vielleicht auch! bei Erfurter. Die erwartete Großtat aber blieb aus. I In der Bußwoche verkaufte Erfurter ein! großes vor der Stadt gelegenes Grundstück und! verdiente eine große Summe daran. Daraufhin! sagte Moses Lion, angeregt durch die Predigt! des Rabbiners, zu Erfurter: „Hören Sie mal, Herr Erfurter! Machen Sie doch vom Maßer ein Dower tof.*) Dreißigtausend Taler, so höre! ich, haben Sie bei dem Geschäft verdient..." I „ . . . . aber zwanzig Jahre mein Kapital zinslos drin stecken gehabt", verbesserte Erfurter freundlich. „Meinetwegen", stimmte Moses nachsichtig zu, „bleiben noch fünfundzwanzigtausend Taler übrig. Davon das Maßer, find fünfundzwanzig hundert Taler, wofür Sie und Ihre Frau über hundert Jahr mal ewig Kaddisch gesagt kriegen." Moses bemerkte das ironische Lächeln Erfurters und ärgerte sich darüber. Gereizt fuhr er daher fort: „Wenn nun Chaß w'scholom Ihre Verwandten ein paar tausend Taler weniger erben?" Da wurde nun auch Erfurter ärgerlich, und die beiden gingen grollend nach verschiedenen Richtungen davon. Erfurter dachte allerdings noch einige Wochen über des Rabbiners Reu jahrspredigt und Lions Anregung nach, dann aber wuroe er durch andere geschäftliche Pläne in Anspruch genommen und vergaß beides, die Predigt und Lions Vorschlag. Kurz nach Schwuos starb nach einem schein-! bar unbedeutenden Unwohlsein Frau Erfurter.! Wie vom Donner gerührt ging der überlebende Ehemann umher. Die Verwandten kamen und suchten ihn zu trösten und aufzurichten. Aus beiden Lagern der Familie boten ihm die nächsten Verwandten ihr eigenes Heim an, als er! aber dies ausschlug, stellten sie ihm, damit er! seinen Haushalt aufrecht erhalten konnte, ihre jüngeren oder älteren Töchter zum Wirtschaften zur Verfügung. Erfurter war ttef gerührt von so vieler selbstloser Liebe und gekränkt von der Zurückhaltung eines gleichalterigen Vetters, der! ganz wohl eines seiner fünf Kinder , hätte entbehren können, zumal es ihm gewiß nicht giän-! rend ging. Und dieser arme Mann anerbot ihm Niemand aus seinem Ktnderkrets. Lange brauchte Erfurter sich nicht hierüber zu ärgern und zu! verwundern. Vielleicht tat er beides nicht ein-! mal, weil er zu viel und beständig an seine! Brendtl dachte. Ging er doch täglich, auch bei' schlechtestem Wetter, auf den kleinen Bergkegel, von dem aus man in das Friedhofsinnere und auf jedes Grab blicken konnte. Auf dem Rück weg ging er an des Steinmetzen Christlieb Werkstätte vorbei, oder auch hinein und dann na^ Hause in seine still gewordene Wohnung.! _ (Fortsetzung folgt.) *) Edl« Tat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.