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Der Israelit · 1911-03-23 · Heft 12 (23.3.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 12 (23.3.1911)
Date
1911-03-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8. 9tu 12 Der JSraettt. 23. März 1911 vom jüdischen Standpunkte sehr zu verurteilen find, solle auf dem Wege einer gesunden Organisation der Rabbiner vorgegangen werden. In einem Einwanderungsstaat wie England, wo die jüdische Bevölkerung noch lange nicht stabil ist, sei Vorsicht doppelt geboten. Eine Landeszentrale im Besitze internationaler Verbindungen mit religiösen Organisationen, namentlich der Aus- und Einwanderungsgebiete könnte viel Unheil vermeiden, Mißbräuchen Vorbeugen und mit Hilfe der jüdischen Presse einen Informationsdienst einrichten, der das jämmerliche Schicksal hunderter nuuy lindern könnte, die. eine herzzerreißende Begleiterscheinung der wandernden Golusnot sind. Das glänzende Referat soll im Separatabdruck erscheinen. Ueber Assimilation referierte Rabbiner Jose, Manchester. Es wurde angeregt und von der Konferenz gebilligt, daß angesichts der traurigen Tatsache, daß viele Mischehen in der Voraussetzung geschloffen werden, die nichtjüdische Partei nachher zum Uebertritt zum Judentum zu bewegen, die Rabbiner solchen Proselyten, selbst wenn sie schon verheiratet, mit entschiedener Abweisung begegnen sollten. Man hofft, auf solche Weise wenigstens diejenigen von Mischehen abzuhalten, die eine solche nur unter Voraussetzung der nachheugen Annahme des jüdischen Glaubens Vonseiten des Andersgläubigen annehmen. Die Kaschruth-Frage bildet auch eine blutende Wunde am Körper des englischen Judentumes. Die Rabbiner in den Provinzstädten haben bis nun keine unbedingte Kontrolle selbst über die Kaschruthangelegenheiten ihrer eigenen Stadt. Die Zentralisierungsbestrebung des Londoner Beth-Din hat die D’önw der Aufsicht des lokalen Rabbiners entzogen, da die Q'önw vor allem der Jurisdiktion des Londoner Beth-Din unterstehen, das seinerseits alles anwendet, um die seine Competenz bedrohenden Rabbiner zu schwächen, andererseits aber selbst jbeim besten Willen nicht fähig wäre, über die Kaschruth-Angelegenheiten einer viele Stunden weit entfernten Stadt auch nur annähernd befriedigende Aufsicht zu üben. Jeder der anwesenden Rabbiner hatte ein besonderes Klagelied von den Zuständen seiner Stadt zu singen und die Nnhaltbarkeit des gegenwärtigen Zustandes zeigte sich in krassester Beleuchtung. All diesen Gebrechen des englischen Judentums soll nun die Landesorganisation der Gesetzestreuen Englands zu steuern versuchen. Das Referat über diese Frage war in den Händen des Hrn. Rabbiners V. Schönfeld aus London. oit seinem Vor trage wies derselbe aus Grund historischer Tatsachen nach, durch welche Umstände die gegenwärtige Zcntraloersassung d s englischen Judentums entstanden. Wie ursprünglich, vor noch nicht tanger (seit, die einzige, wirklich jüdische Gemeinde des Landes die Londoner war, wie durch den Strom oer Einwanderung die Provinzgemcinden parallel mit London rapid angewachscn und wie unter den, von Grund aus geänderten Verhältnissen das alte System der 'Zentralisierung nur zum großen Schaden der jüdischen Sache ausrecht zu erhalten wäre. T^e jüdischen Kvusistvrialversassungen haben in allen Ländern, wo sie eingrsührt wäre», das Judentum entweder erwürgt oder cs zu erwürgen gedroht. Auf Antrag des Referenten wird die Landesorganisation der Gesetzestreuen für gegründet erklärt und ein neungliedriges Exekutiv Komitee gewählt (5 Rabbiner, 4 Laien). In geheimer Abstimmung wurden gewählt die Herren Rabbiner Bloch (Birnngham), D a i ch e s (Leeds), H i l m.a n (Glasgow), H u r w i tz (Sunderland), Schönfeld (London), und die Herren Halp e r it* (Manchester), Preis (Liverpool), Rose n b e r g (Leeds), S u w a l s k h (London). Eine harte Arbeit wartet der Führer. Schon tönt aus den Lagern der alten Machthaber Kriegsgeschrei. „Die Fremden, denen man freundliches Gastrecht gewährte, wagen gegen alteingesessene Ordnung die Hand zu heben." ^Der Sturm naht. Jeder empfindet, daß gründliche Wechsel in den hiesigen jüdischen Verhältnissen die Frage einer ganz kurzen Zeit sei. Das alte System, hat sich überlebt. Es hat keinen Mann zu erziehen gewußt, der nach dem Rücktritt Dr. Adlers auch nur annähernd in Betracht käme, die religiöse Führerschaft des Landes zu verkörpern. Der Verband der Gesetzestreuen wird hoffentlich die Autorität sein, in deren Händen das Schicksal des zukünftigen englischen Judentums ruht. Wenn sie's besonnen, ehrlich und ernst wollen, gehört ihnen der Sieg. Valästtna. 3ur Krife in lerufaiem Jerusalem, 5. Mürz Die Talmud-Thora und Jeschiwa cpn bekanntlich'.die hervorragendste, älteste min Lehr- Anstalt der heiligen Stadt, die von beinahe 1000 Kindern und über 200 o^vina besucht wird, hat es, trotzdem sie seit drei Monaten aufs Schwerste zu kämpfen hat, bisher unterlassen, die Oeffentlichseit anzurufen. Tie Verwaltung ersucht uns jetzt, die Maßnahmen bekannt zu geben, die sie gezwungen war, zur Aufrechterhaltüng des finanziellen Gleichgewichts zu treffen. Es gehören dahin vor allem die in ihren wirtschaftlichen Wirkungen überaus betrübenden Abzüge von 10, bezw. 20% der Gehaltsgclder der angeftellten Lehrer und Beamten, die Entlassung aller, die irgendwie Unterstützung von anderer Seite bekommcu, die Reduktion der Pensionen an ausgediente Lehrer aus die Hälfte, die v o l l k o m mene E i n st e l l u n g der bisher geübten Speisung von wechselweise täglich 4o Kindern, die Reduktion des in der Anstalt gereichten Mittagstisches ans trockenes Brot und die vollkommene Einstellung der Verabreichung von Kleidern. Es fei hierzu bemerkt, daß auch die übrigen größeren Anstalten, wie z. B. das „Biknr- E h o l i m - H o s p i t a l", das „D t s!' i iffs ch e W a i s e n h a u s" vor ähnlichen Schwierigkeiten stehen. Angesichts der herrschenden Kredit-Krisis müssen alle diese Jnstutionen vor allem darauf bedacht sein, ihren mit bestimmten Fälligkeitsterminen übernommenen, zum Teil kolossalen Verpflichtungen gerecht zu werden, und sind aus diese Weise gezwungen, dem laufenden Betriebe erhebliche Mittel zu entziehen. Eine kräftige Unterstützung der eingeleiteten allgemeinen Hilfsaktion ist dringend erwünscht, außerdem dürste es angemessen feilt, wenn diejenigen Spender, die, abgesehen von ihren Beiträgen zu dieser allgemeinen Aktion, e i n z e l n e A n st a l t e n unterstützen wollen, ihre Aufmerksamkeit vor allem den drei genannten Anstalten zuwendcn, die für die Gesamtbevölkerung der heiligen Stadt von der größten Bedeutung sind. Red.) llermircvter. Frankfurt a. M., 17. März. Auch in diesem Iah e ist dafür Sorge getrogen, daß die in Offenbach ansässigen armen ausländischen Glaubensgenossen ausreichend nach der Kopfzahl ihrer Familien ihren Bedarf an Mazzos ür das lammende Peffachfest gratis erhalten. München, 22. März. Xcr Münchner, beziehnngsw'isc bayerischen Orthodoxie wurde heute eine besondere Anszeichnnng von allerhöchster Sette zu Teil. Ter bayerische Thronfolger, Seine Königliche Hoheit Prinz Ludwig von Bayern, beehrte heute in Begleitung seines Hofmarschalts, des Herrn Baron von Laßberg, die orthodoxe Synagoge an der Herzvg- Rndvlsstraße mit einem längeren Besuche. An der Schwelle der Synagoge mit einer kurzen Begrüßungsansprache seitens des Herrn Rabbinatsasseffors 'Dr. Ehrcntreu empfangen, besichtigte Seine Königliche Hoheit unter Führung des Herrn Tr. Ehrentreu und der Mitglieder der Borstandschaft ans das Eingehendste die Synagoge, sowie das anstoßende Beih- Hamedrasch, wobei sich der Prinz inbesondere für die Thora-Rollen sowie für die traditionelle Vortragsweise der heiligen Schrift bei der Vorlesung in den orthodoxen Synagogen lebhaft interessierte. Bei der Verabschiedung sprach der Prinz dem Vorsitzenden der orlhodoven Vereinigung, Herrn Handelsrichter Siegm. Frnenköi gegenüber seine Befriedigung über die gewonnenen Eindrücke sowie die Hoffnng ans, daß es ncht bald gelingen werde, an Stelle des veralteten Edikts von 1813, neue, die beiden Richtungen innerhalb der bayerischen Jndenheit befriedigende gesetzliche Normen zu schaffen. München, 19. März. Bor einigen Tagen erhielt Herr Rabbiner Dr. Werner, hier, welcher als Vertreter der bayerischen Rabbiner an dem Huldtgungsatt beim 90. Geburtstage Sr. Kgl. Hoheit des Prinzregenten in der Residenz tetlgenommen, das nachstehende Handschreiben des Regenten: „Mein lieber Rabbiner Dr. Werner! Zu Meinem neunzigsten Geburtsfeste haben Mir die Rabbiner Bayerns in unwandelbarer Treue und Ergebenheit innige Segenswünsche üargebracht. Für diese loyale Kundgebung, die Mich mit Genugtuung erfüllt hat, spreche Ich Meinen aufrichtigen und herzlichen Dank aus und bitte Sie, diesen Dank den übrigen Unterzeichnern der Adresse zur Kenntnis zu bringen. Tabei verbleibe Ich mit huldvollen Gesinnungen München, den 18. März 1911. Ihr wohlgeneigter Luitpold Prinz von Bayerns Würzburg, 15. März. Anläßlich des Geburtstages des Prtnzregrmen veranstaltete die Israelische Lehrerbildungsanstalt am 12.März, vormittags 8 Uhr einen Festakt in dem großen Studiersaale des Seminars. Eingeleitet wurde die Feier durch die vom Sknünarvrchester vorgetragene Jubelouvertüre, hterauf folgte ein von dem Seminaristen des 1. Kurses Felix Hetnemann gesprochenes, selbst verfaßtes Huldtgungsgedicht: „Treu dem Regenten! Treu dem Herrscherhaus!", dem stch das „Prinzregentenlied" anschlvß. Den Mittelpunkt der Feier biloete die Festrede deS Herrn Distriktsrabbiners Bamberger, dec in markigen Worten den erhabenen Regenten als leuchtendes Vorbild zeichnete, worauf die K ö n i g s h y m n e von allen Anwesenden stehend gesungen wurde. Es folgten noch Deklamationen von Seminaristen. Mit dem Festgesang „Mein Bahernland" schloß die erhebende etnstündtge Feier. In der Synagoge war ebenfalls des Geburtstags des Prinzregenten tu würdiger Weise gedacht worden. Das vom Rabbtnate hierfür festgestellte Programm umfaßt i eun Nummern. Die Feier wurde mit einem Choral eingeieitet/ dem d e Rezitation einiger KbnigSpsalmen folgte. Hierauf schiiderle Distriktsrabbiner Bamberger das Leben und Wirken des königlichen Jubilars, in kurzen Umriffen alle Epochen seines Lebens berührend. Mit dem Bortrage des Königsgebetes und Absingung einiger Choräle schloß der sehr gelungene Festakt. Gießen, 21. März. Die heute stattgesun-ene ReichStagsftichwahl brachte eine Ueberraschung. CS wurden insgesamt 24191 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf Dr. Werner (Antisemit) 12561, auf den Sozialdemokrat n Beckmann 11622. Somit ist Wern er gewählt. Es ist klar, daß dieser antisemitische Sieg lediglich dem Umstande zu verdanken ist, daß er gegen die Sozialdemokratie errungen werden sollte. Die ländliche Bevölkerung, vor die Wahl zwischen dem A n t i s e m t t e n und dem Sozialdemokraten gestellt wählte das ihrer Meinung nach kleinere Uebel. So kam es denn, daß etwa tausend Stimmen der F o r t s ch r t t t s p a r t e t bei der Stichwahl dem Antisemiten zufielen. Auch die Nattonalltberalen wählten noch der bekannten zweiten Parteiparole antisemitisch. Marburg, 20. Marz. Das hiestge Israelitische Schülerheim steht nunmehr auf eine zehnjährige Tätigkeit zurück. Bon weitschauenden Männern in einer Zeit gegründet, als die soziale Bedrängnis in engeren Bezirken, insbesondere in kleineren Städten und auf dem flachen Lande, verhängnisvoll zu werden drohte, hat die Anstalt vortreffliche Wirkungen gezeitigt. Die Knaben, die in diesem Heime erzogen werden, sollten zugleich dem modernen und religiösen Wissen zugeführt werden. Allgemeine Bildung und vaterländische Gesinnung sollten stch m ihrem jugendlichen Geiste mit unserer religiösen Bildung zu wirkungsvoller Einheit verschmelzen. Dieses Programm ist der in stiller und geräuschloser, aber um so tntenfiverer Arbeit schaffenden Anstalt zu einem Quell reichsten Segens geworden. Aus kleinen Anfängen ist ein stattlicher Betrieb entstanden. Nahezu hundert beträgt zur Zeit die Anzahl ihrer Zöglinge. Der weitaus größere Teil brsuchr die hiesigen höheren Schulen (hunr. Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule), ein kleinerer Teil die hiesige israelitische Volksschule. Auch einige Handwerker haben bei hiesigen Meistern Stellung gefunden und empfangen im Schülerhetm sorgsame Pflege und Anleitung. Gewöhnung an ein von echt jüdischem Geiste erfülltes Leben, gediegener Unterricht im gesamten jüdischln Schrifttum (Tenach, Mischnah, Gemoro), sorgfältige Ueberwachung der Schularbeiten, Pflege des Turnens und der Jugendspiele, Anl ige eines Schulgartens und Anleitung in Garten- und Obstbaumpflege, bas find im wesentliäen die Aufgaben, die die beiden trefflichen Leiter, die Herren Oberlehrer Berget und Rabbiner Dr. Schlesinger in wärmster Hingebung und unentwegter Pflichterfüllung zu lösen bestrebt find. Glückliche Erfolge haben mit Gottes Hilfe bis jetzt di; treue Arbeit gelohnt. Ein großer Teil ehemaliger Heimzöglinge wirkt schon im praktischen Leben in akademischen, kaufmännischen und geweibttchen Berufen. Erst in diesen Tagen hat die Anstalt die Freude gehabt, daß ihre vier

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