Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1911)
- Date
- 1911-03-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Wu 12 Der Mraettt. 33 März 1311. Und so ist es denn neben dem formalen Prinzip der Autorität die Anerkennung, die er dem materiellen Inhalt des von der Autorität Gebotenen entgegenbringt, die seinen Willen zum Judentum erregt. Auch wo der Autoritätsglaube verblaßt ist, wird immer noch die Anerkennung, die er dem Inhalt des Judentums entgegenbringt, die Liebe, die Sympathie, die er für diesen hegt, ihre Kraft und Wirkung ausüben. Wenn der Liberalismus sagt, daß der Wille zum Judentum das Entscheidende sei, so rennt er offene Türen ein. Die Frage ist ja eben die: „Wie wird der Wille zum Judentum, wenn er geschwächt ist, belebt und gekräftigt?" Ich denke hier an eine hübsche Anekdote, die der englische Prediger Spurgeon erzählt: „Jemand sah, daß ein Kind den Anordnungen der Mutter Widerstand entgegensetzte. Und er sagte zur Mutter: „Mir scheint, Ihr Sohn hat eine große Kraft des Wollens." „O," sagte die Mutter, „mir scheint, mein Sohn hat eine große Kraft des N i ch t w o l l e n s." Wäre und bliebe in allen Juden der Wille stark und lebendig, der Mutter, dem Judentum, Gehorsam und Treue entgegenzubringen, so wäre ja jede Einwirkung auf den Willen überflüssig. Aber nicht um die, welche einen starken, sondern um die, welche einen schwachen Willen zum Judentum haben, handelt es sich ja. Der Liberalismus schließt seine Augen vor der Binsenwahrheit, daß es Gradunterschiede des Willens gibt. Wille ist nichts anderes als Liebe, Hingebung, Opferfreudigkeit für den Gegenstand der Sympathie. Wer liebt, der opfert sich. Je stärker die Liebe, desto weniger wird es ihr als ein Opfer erscheinen, sich zu opfern. Wenn wir einen Menschen lieben und einen andern nicht, so ist das deshalb, weil der eine etwas Spezifisches, etwas Besonderes hat, was der andere nicht hat. Wille zum Judentum ist Liebe zu dem Spezifischen, zu dem Besonderen des Judentums, zu dem, was das Judentum hat, und was andere nicht haben oder nicht so haben. Ich glaube, daß es sich erübrigt, viel Worte über diese . Selbstverständlichkeit zu machen. XIII. Was ist nun - das Spezifische des^.' Judentums? Der Liberalismus sagt: „Der Monotheismus und die Ethik." Ich antworte darauf: Monotheismus und Ethik 'haben auch andere, und zwar herrschende Religionen, denen anzugehören; materiell G vorteilhafter ist als dem Judentum anzugehören. Gewiß gibt es Unterschiede zwischen der Ethik des Judentums und der Ethik anderer Religionen. Wir glauben, daß die besondere Art der. Ethik des Judentums die besondere Art der Ethik anderer Religionen an Wert übertrifft. Aber diese Unterschiede herauszufinden und sich klar zu machen, ist nicht nur für die Masse, sondern auch für den gebildeten Juden, sofern er sich in diese Disziplin nicht vertieft hat, überaus schwer. Die Unterschiede sind so fein und kompliziert, daß sie dem Bewußtsein der überwiegenden Majorität der Juden nicht nahe sind. Was aber nicht im Bewußtsein ist, das kann, wenn wir von den Wirkungen des Blutes absehen, normaler Weise auch nicht im Willen sein. Das Spezifische des Judentums liegt also bei seinen Bekennern nicht in Unterschieden der Ethik, nicht in etwas kompliziert Theoretischem, sondern kann nur in etwas Schlichtem, Praktischem, Sichtbarem und Greifbarem liegen: In den besonderen Formen und Ausprägungen des Judentums, indem spezifischen jüdischen Leben, in der charakteristischen jüdischen Lebensgemeinschaft. Ich finde keine bessere und anschaulichere Formel dafür, als wenn ich sage: Der Wille zum Judentum liegt in dem Willen zur „Jüdisch reit". Es ist in jedem Juden so viel Wille zum Judentum vorhanden, als in ihm Wille und Liebe zur „Jüdischkeit" vorhanden ist, sei es auch nur als nachwirkende Kraft lieber Erinnerungen aus vergangener Jugendzeit. Wer auf den Willen zum Judentum wirken will, der muß auf den Willen zur Jüdischkeit zu wirken suchen. Wäre das Primäre des Liberalismus die Sorge um die Erhaltung des Judentums, so müßte er all sein Streben auf die Erhaltung und Förderung des spezifisch Jüdischen konzentrieren. Aber sein Streben hat gerade die entgegengesetzte Tendenz. Es geht dahin, das spezifisch Jüdische zu schwächen und so weit als möglich zurückzudrängen. Gewiß ist die „Vereinigung für das liberale Judentum" als solche nicht dafür verantwortlich zu machen, daß das spezifisch Jüdische bei einem großen Teil der deutschen Juden bereits geschwächt und zurückgedrängt ist. Sie ist nicht Ursache/ sondern Symptom. Aber sie sanktioniert und propagiert diese Schwächung und Zurückdrängung, anstatt ihr mit aller Macht entgegenzutreten. Es braucht heute nicht mehr bewiesen zu werden, sondern es ist bereits unwiderleglich durch die Geschichte bewiesen, daß das ein Weg ist, der ins Verderben führt. Die Geschichte des Hamburger Tempels beweist es, von dessen Gründern, wie Leute, die es wissen, versichern, die Nachkommen fast bis auf den letzten Nest Christen geworden sind. Die Berliner Reformgemeinde^beweist es, die unter den stolzesten und gesalbtesten Phrasen ins Leben trat. Im Jahre 1857, also 12 Jahre nach der Gründung, schrieb der Reformer S. Stern — und Grätz unterstreicht es im elften Bande seiner Geschichte der Juden —, daß von den Mitgliedern der Reformgemeinde und ihren Kindern keiner zur Kirche übergetreten sei. Und heute? Man nehme eine Statistik auf, und man wird feststellen, daß es dort kein Haus gibt Nv Dtp pK Als im Jahre 1895 das fünfzigjährige Bestehen der Reformgemeinde gefeiert wurde, hatte zwar der Festprediger den Mut, zu sagen und drucken zu lassen, daß in der jüdischen Reformgemeinde in Berlin nach Maßgabe der derzeitigen Zustände „das Gottesreich verwirklicht sei!" Er hatte auch den Mut, zu sagen und drucken zu lassen, daß die Gründung der Reformgemeinde der Untreue einen Damm entgegengesetzt habe, denn wo die Begeisterung auflodere, da sei eine Untreue, ein Abfall ausgeschlossen, es sei denn, daß man dem Zwang äußerer Verhältnisse nachgebe und sich dabet verleugne. Aber wie Viele dem Berliner Gottesreich den Rücken gekehrt und trotz der angeblichen Begeisterung „dem Zwang der äußeren Verhältnisse nachgaben", also um des Profites willen das Judentum verleugneten, darüber glitt der Festprediger geschickt hinweg. (Fortsetzung folgt.)' Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsche» 9t*Mf. LCfQ. Der ttüfsoerein 9er öeutsckien luöen (Von unserm Korrespondenten.) 7 E. B. AerN«, 21. März. Unter größerer Beteiligung als in früheren Jahren fand diesmal die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden hier in den gewohnten Räumen des Hotel „Prinz Albrecht" statt. — Der Vorsitzende T)r. James Simon ergroß und es betraf die Juden am meisten. Wieviel auch die reichen Glaubensbrüder taten, der allgemeinen Not konnten sie nicht Herr werden. Um diese Zeit besuchte Kaiser Joseph II. das Land und wollte sich mit eigenen Äugen überzengen, wie die Sachen stehen, um der Not möglichst abzuhelfen. Von Prag aus fuhr er mit seinen Begleitern, den Grafen Rosenberg und Ronnonsald, mit dem Wagen durch die kleinen Ortschaften, und da er von der kleinen indischen Gemeinde hörte, befahl er, dort se.in Kommen für oen nächsten Tag anznmelden. Man kann sich die Aufregung der armen Juden denken, als die Nachricht kam. Sie durften ja nicht aus dem Ghetto! Ter Kaiser werd zu ihnen kommen, hiest es. Tie ganze Gemeinde, an der Spitze der Vorsteher Fischt, versammelte sich bei dem Rabbi. „Ter allergnädigste Kaiser Josef kommt zu uns, Rabbi, ratet — wie sollen wir ihn würdig empiangen, den Gesegneten des Herrn? Ter Pfarrer und die christlichen Männer und Frauen gehen ihm entgegen und Ehrenpforten iverden errichtet für den geliebten Herrscher — was sollen wir tun? Ich kanns nicht wagen, ihnen den Vorschlag zu machen, daß wir mit ihnen gehen sollen — aus zwei Gründen nicht: Erstens würden sie uns zurückweisen —" „Ei", rief der Narr der Gasse dazwischen, „da könnt ihr den zweiten Grund in den Ranchsang hängen!" Arles lachte — auch der ernste Rabbi verzog den Mund. „Wenn sie es uns auch gewähren, sie werden uns doch höhnen und verspotten." „So hört denn meine Meinung", sagte endlich der Rabbi. „Tie Gemeinde versammelt sich morgen hier in Feiertagskleidern und kommt in die Synagoge. Tann werde ich weiter bestimmen." Am nächsten Morgen ging keiner der Juden mit seinem Pack über Land, denn es war großer Festtag. In der Synagoge wurden die Gesetzrollen mit Sanunet und Brokat umhüllt. Nachdem mehrere Psalmen gelungen, wurden sie den Trägern und dem Vorsteher der Gemeinde übergeben. Als erster trat der Rabbi heraus, die ganze Gemeinde hinter ihm. Die Sonne beleuchtete die Kronen auf den Gesetzesrollen und die flimmernden Sterne, mit denen sie geschmückt waren. Ti? Glocken läuteten zum Zeichen, daß der Kaiser an der Grenze angelangt war. So warteten die Juden an der Pforte des Tempels. Gegenüber, an dem Hause des Vorstehers, an der Freitreppe, waren Frauen und Mädchen versammelt, doch gedrängt, jede wollte den geliebten Kaiser sehen. Ta mit einem Male ertönte ein Jubelschrei! Der Wagen kommt herangerollt. Ter Kaiser sitzt in der Mitte seiner beiden Begleiter. Als der Rabbi seiner ansichtig wurde, stob er die Gesetzesrollen in die Höhe und sprach mit lauter Stimme: „Gelobt seiest Tu, Gott, unser Herr, König der Welt, der von seiner Majestät Teil gegeben c,at, einem Menschen von Fleisch und Blut." Ten Spruch wiederholte die ganze Gemeinde. Ter Kaiser ließ sich den Spruch, der hebräisch gesprochen wurde, übersetzen. Als diese geschehen war, nickte er zufrieden, verließ den Wagen und sprach wie folgt, zu der Gemeinde: „Ick' liebe solche Ehrenbezeugungen nicht, das muß ich ganz offen sagen, denn ich reise nicht durch mein Land, um das Volk zum Müßiggang zu verleiten, sondern vielmehr, um es bei der Arbeit zu sehen. Nun allerdings, ihr Juden, habt noch gar wenig nutzbringende Gewerbe, und man verwirft von vielen Seiten euren Kleinhandel, was übrigens ick nicht tue, denn er belebt den Verkehr. Aber wißt ihr, an was ihr euck dabei hauptsächlich, halten sollt? Ihr müßt euch eine mehr stetige, minder auf Zufall und Urberredung fußende Tätigkeit zu erwerben trachten und darin sollen euch meine Gesetze schützen. Ich kann jetzt keine Bestimmung darüber tresfen, in welcker Weise jeder selig werde, aber mein Wille ist, daß jeder nach seiner Fähigkeit glücklich werde und dafür sorge ich nach Kräften, habe auch in dieser Beziehung an euch gedacht. Viele Jahrhunderte lang stabt ihr Schmach uud Elend erduldet. Tas soll in möglichst kurzer Zeit ein Ende haben — in meinen Landen wenigstens. Ihr sollt dann aus keinen anderen Erretter hoffen, als auf den redlichen Lohn ehrlicher Arbeit." (Fortsetzung folgt.) BerliiKrPlaudereien. Ein durch seine sarkastisch humoristischen Redewendungen in jüdischen Vereinen und Versammlungen bekannter Herr, wandte sich einmal /gelegentlich einer großen Wahlversammlung mit folgenden Worten an die Zuhörer: „Es ist wirklich nicht recht von den Rednern, die wahrhaft orthodoxe Religiosität der Berliner Reformgemeinde immer und immer wieder hier anznzweiseln und ihren Sonntagsgottesdienst anzufcchten. Tie Reformgemcinde ist noch viel religiöser und in ihrem Sabbatgesetz hindertmal rigoroser als 95 Proz. aller hier Anwesenden. (Oho! oh! im Publikum.) Sie benutzt auch nur am Sonntag die polizeilich erlaubten Geschüftsstunden, aber Ähabbos hält diese Reformgemeinde streng geschlossen. Es scheint, dah die Reformaemeinde durch ihren