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Der Israelit · 1911-03-16 · Heft 11 (16.3.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 11 (16.3.1911)
Date
1911-03-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Zum ersten Zadrreiisiage Dr. B. Plato* ym. (25. Ador.) Im vorigen Jahre, als der Lenz seinen Einzug zu halten sich vorbereitete, haben wir ihn verloren, den herrlichen Lehrer, den väterlichen Freund, den treuen Berater, den Fürsten der Ta uro und des Friedens. Stolz waren die Zöglingr des Kölner Lehrerseminars, den Meister der Halachah, der auch in den gesetzeskundigsten Kreisen der Diaspora als Gaon geachtet und geehrt war, den ihrigen nennen zu dürfen. Dankbare Schülerpflicht regte daher auch die ehemaligen Kölner an, mit Genehmigung der Familie ihrem Dr. Plato die zu setzen, um dem Wanderer, der auch den ältesten Teil des PP2 o?1p der Colonia Agrippina betritt, zu künden: „Noch sind dankbare Erkenntlichkeit und Liebe bis über den Tod nicht ausgestorben". Der Text der Mazewoh-Jnschrift soll später veröffentlicht werden. Hier möge in kurzen Zügen nochmals der Lebenslauf des großen Heimgegangenen kurz geschildert werden: Als Sproß einer Familie, welche ihren Stammbaum auf M. R. Moses Jfferles, den zurückführte, am 23. August 1822 in Halberstadt geboren, empfing er dort, zugleich mit seinem gkeichalterigen, in innigster Freundschaft ihm verbunden gebliebenen Heimatgenoffen Israel Hildesheimer?"xr, in der HaschaarathZewi- Schule einen über das Mittelmäßige weit hinaus gehenden Unterricht in den hebräischen und in den profanen Fächern. Den srommen Eltern stand es fest, den einzigen Sohn einer Talmudhochschule zuzllführen. Preßbyrg wurde erwählt. Man mußte es den Verklärten, selbst erzählen hören, wie dieser Plan mittM^guf der beschwerlichen, langen Reife aufgegeben wurde und der'jugendltche Knabe von der ihn begleitenden Mutter Abschied nahm, um in Braunschweig zu lernen. Dort wirkte damals R. Sawel Eg er V'ST, eine der bedeutendsten rabbinischen Autoritäten jener Zeit, Verfasser scharfsinniger Novellen zu mehreren Talmudtraktaten. Der Greis war erblindet, und nach antiker Weise erzog er den Knaben zu seinem Famulus, der beständig um ihn war, ihm „vorlernte" und bas ganze geistige Leben des Meisters teilte. Hier legte der Jugendliche die Grundlage zu seinem umfassenden, talmudischen Wiffen, das mit nimmer rastendem Fleiß ein langes Menschenleben hindurch aufgebaut, entwickelt und verliest, den Heimgegangenen zu einem wahrhaften Gaon, zu einer Autorität in allen halachischen Fragen machte, als welche er schon früher allgemein anerkannt war. Aber auch in weiterer Hinsicht wurde der Braunschweiger Aufenthalt entscheidend und richtunggebend für sein Leben: Die Neuerungsbestrebungen, diedamals schon in Braunschweia sich regten, haben in dem empfänglichen Gemüte des hochbegabten Jünglings als Reaktion eine unerschütterliche Festigkeit, ein seelisches Festsaugen an dem Born aller Kraft und Größe unseres Volkes, eine unauslöschliche Ehrfurcht vor dem geschichtlichen Judentum ausgelöst. Diese Lehrjahre mit iMr Wtspmkeit gedankenhafter Arbeit trugen -dtzM bei).Ms Eigentümliche seiner Wesensart ä.iT'eHfastH! Mp zur Reife zu bringen, jenen vornehmen,, Aristokratischen Zug auszubtlden, der dem Entschlafenen zeitlebens eignete. Nachdem er seine Gymnasial- und dann in Jena seine Universitätsstudien im Jahre 1853 beendet hatte, trat er 2 Jahre später als Lehrer in die neubegründete Realschule der Israelitischen Reltgionsgesellschaft zu Frankjurt a. M. ein, wo er mit einer Arbeit über „Machiavelli's religiöse und politische Gesinnung" literarisch debütierte. Hier ward ihm das größte Glück seines Lebens zuteil: die ebenbürtige Tochter Samson Raphael Hirsch?//2Cf als Gattin heimzuführen, die als sein guter Genius ihm das tiefste Verständnis entgegenbrachte, als Priesterin der Menschenliebe an seiner Seite wirkte und noch lange wirken möge. Dr. Plato wäre sicherlich, wie kaum einer, berufen gewesen, als religiöses Oberhaupt an die Spitze der größten Gemeinde zu treten; aber in richtiger Erkenntnis der Forderung der Zeit zog er es vor, Jugend bi ld ner zu sein und zu erziehen. Als er die Entscheidung über seinen künftigen Beruf zu treffen hatte, tagte in Braunschwetg jene famose Rabbinerversammlung, die sich sakrilegisch vermaß, an die i Stelltz.hes^ Judentums, wie es den Sturm der jJahrtausende überdauert hatte, ein willkür-!lich. e*geltes Machwerk des Menschengeistes setzen zu wollen, die den lächerlichen Gedanken hegte, durch Orgelklang und ähnliche armselige Mittelchen die Krankheit der Zeit heilen zu können. Angesichts dieser Zerstörungsorgien mochte in manchen die sorgenvolle bange Frage sich regen, wie es mit der Zukunft des Judentums in Deutschland bestellt sein würde. Dr.Plato war einer jener einsichtsvollen Männer, die diese Frage rechtzeitig sich stellten, und seiner inneren Anlage gemäß beantwortete er sie so, wie nach einem bekannten Berichte des Talmuds R. Chija einst die Frage, was geschehen müsse, wenn in den Tagen des Verfalls die Thora vergessen werden könnte, geantwortet hat: „Ich werde . . * dorthin gehen, wo es an Kinderlehrern fehlt und selbst den Unterricht der Jugend übernehmen." Bon diesem Verlangen beseelt, gründete der Heimgegangene in Weinheim (Baden) eine Knabenerziehungsanstalt und gliederte derselben unter namhaften finanziellen Opfern ein Lehrerseminar an, dessen Leistungen in den behördlichen Prüfungsbescheiden höchstes Lob fanden. Im Jahre 1861 folgte er dem Rufe an daS von Rabbiner Dr. Feilchenfeld begründete jüdische Lehrerseminar in Düsseldorf, welches später, nachdem Dr. Plato die Leitung übernommen hatte, nach Ehrenfeld und dann im Jahre 1877 nach Köln verlegt wurde. „Die Herren Dr. Plato und Schwarzs chtld", so heißt es in einem Prüfungsbefcheid, „sind Schulmeister In des Wortes herrlichster Bedeutung". Hier gründete der Entschlafene mit wenigen gefinnungstüchtiaen Männern eine Religionsgesells ch a f t, die heute so kräftig erstarkte Synagogengemeinde „A d a ß I e s ch u r u n" und den segensreich wirkenden Wohltätigkeitsver,in „Koßnaus Or". Als Frucht langjähriger Geistesarbeit veröffentlichte er im Jahre 1882 sein pD'*Wp D^töttp, ein Jahr darauf das Werk n’iAP'a DL D-^np, deren Reinertrag der Errichtung eines Hospitals in Jerusalem zugewandt wurde. War bisher der Entschlafene als gottbegnadeter Pädagoge allgemein bekannt geworden, so gesellte sich jetzt dazu sein Ruhm als scharfsinniger Meister auf den verschlungensten Gebieten der Halachah. Als Ende der Achtzigerjahre die Agitation gegen das Schächten mit verstärkter Heftigkeit einsetzte, trat er der von ihren Wortführern verlangten Betäubung nach dem Schächtschnitt mit seinem größten Werke, dem Din nyinn D^tonp entgegen, dem 450 Rabbiner Deutschlands, Oesterreich- Ungarns, Rußlands re. zustimmten. Diese literarische Tätigkeit rang er seinen ausgedehnten unmittelbaren Berufspflichten ab. Wie er diesen Pflichten oblag, läßt sich nicht schildern. Ob er talmudische Probleme oder synagogale Poesie, Schillers Dramen oder die geheimnisvollen Bahnen der Kometen behandelte, stets bewunderten seine Schüler den regen Geist, das immense Wissen, die stoische Ruhe, die Hillelsche Geduld, den pädagogischen Scharfblick, die eiserne Energie, das untrügliche Gedächtnis des vielbewunderten Meisters. Und über alle diese reichen Gaben des Geistes war der ganze überwältigende Zauber eines goldenen Herzens, eines zartfühlenden Gemütes gebreitet. Wie manche verstohlene Träne rann über das milde Antlitz, wenn wir Schüler an seinem Geburtstage einige hebräische und weltliche Gesänge zum Vortrag brachten. Unvergeßlich ist uns allen geblieben, wie er für seine Jünger, die seinem prüfenden Blick standgehalten hatten, für seine Lehrer, die er als bewährt erkannt, sich einsetzte! Wehe dem, der es wagte, ohne triftige Gründe feinen Schülern oder Beamten zu nahe zu treten! Nicht nur wir, sondern alle, die des Glückes seines Umganges gewürdigt waren, fühlten sich von dem Hauche

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