Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1911)
- Date
- 1911-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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euilleton. ■'.*?.?*->^r * -1' l>?: ^rV Die Sescdicdte zweier Leicdensleine. SFon Arthur Kahn. „Das hätte Daniel Erfurter bei Lebzeiten Wissen muffen, — er hätte sein ganzes Leben anders gestaltet." Moses Lion sah starr durchs Fenster und wartete darauf, was der ältere Mann, der gedankenvoll Len Rauchwolken seiner Pfeife nachsah, jetzt sagen werde. Endlich begann dieser: . „Ich glaub' kaum, daß Erfurter, wenn er hatte wiffen können, wie seine lachenden Erben mal mit seinem Geld verfahren, anders gelebt und anders gehandelt hätte Die Menschen sind nun einmal unbelehrbarwenigstens in neunundneunzig unter hundert Fällen. Und Erfurter, er ruhe in Frieden, wie auch seine sonst so lebensklug gewesene Frau, gehörten zu den neunundneunzig. Sie hätten beide wiffen können, daß ihr Geld, das sie fünfunddreißig Jahre lang zusammengearbeitet und erspart haben, ihr Andenken nicht über ein einziges Menschenalter hinaus erhalten werde." „Die Advokaten werden ihr Andenken schon in Segen erhalten", warf Lion lachend ein. „Sie sehen dochweil der eine Neffe von der Frau Seite, dreitausend Taler weniger vermacht bekam, hat er das Testament angefochten. Der Brudersohn Erfurters, der vermögende Geschäftsmann und Hausbesitzer wiederum, der das meiste geerbt hat, läßt dem toten Onkel nicht mal Kaddtsch nacksagen. Da haben Sie die erbende Mischpoche." „Ja, beawaunes ist es mal so", bestätigte seufzend der alte Weilbacher. „Die Menschen haben keine Emune und kein Dankgefühl mehr - 's ist arg geworden bet uns Jehudtm." „Und was meinen Sie, lieber Wellbacher", nahm Moses wieder das Wort, „wie's noch mit der Mazeiwe gehen wird? Wenns nicht im Testament steht, — ich hin heut schon orew dafür, daß Erfurters Grab in ein paar Jahr verloren und vergeffen wird. Die beiden, die Frau und er, sind zu kurz aus einander gefolgt und er hat ganz und gar den Kopf verloren." „Es steht aber im Testament, wie ich als Zeuge bei der Eröffnung zugehört habe", teilte nun Weilbacher dem aufhorchenden Moses Lion kyit, „daß für die Gräber hundert Taler verwendet werden sollen und zwar für die Steine. So hat er in einem eigenhändigen Codizill bestimmt." Die Unterhaltung von Tod, Gräbern und Leichensteinen paßte zu dem stürmischen Regenwetter draußen sehr wohl. In der Stube herrschte bereits die Dämmerung des trüben Novembernachmittags. Die beiden Männer saßen dann stumm beisammen, um das Anbrechen der Nacht abzuwarten, der Zeit in der das Nächtgebet gemeinsam in bcr kleinen Synagoge am andern Straßen ende verrichtet wurde. „Ja, ja, wirMenschen sind doch rechtdumm", Hub Moses Lion bald wieder an. Er liebte keine großen Pausen des Schweigens, philosophierte aber sehr gern und quälte sich und andere mit der Frage, warum man geboren werde, untz^ westn man doch wieder sterben muß,. so erzlkch Wenig vom Leben hübe und umso weniger avon genieße, jemehr man habe. Am Allerschlimmsten für die Menschen war nach Moses LionS Ansicht, daß die Vermögenden wie . ganz Arme, ja noch weniger als diese, für die ganz Besitzlosen nichts übrig hätten. „Und die ganz Reichen tun stets am Allerwenigsten. Daß Keiner ans Sterben henken mag und alles läßt und tut, als öb ihm sein Ende erst zehn Jahre vorher ganz besonders erst angekündigt würde- bis auf den Tag und die Stunde." „Ja, ja, 's ist wahr, Moses, wir Menschen sind nicht gescheit zu machen. Tagtäglich sehen wir, wie schnell es zu Ende geht, wie dumm und nutzlos all unser Tun und Lasten ist und doch tun wir so wenig richtig Kluges, besonders so wenig Gutes und die nach uns kommen, machen wieder dieselben Torheiten: Geschäfte, verdienen, sammeln, sparen, dann und wann mal eine besondere Mtzwe- und wie sehen unsere Mizwes aus! Man greift in die Tasche, holt's Portmonnaie heraus, und gibt den Schekeleine, zwei, fünf, oder zehn Mark und Wenns eine besonders große Sache ist, auch mal hundert! Da muß man aber schon meohAlofim auf der Bank haben, sonst nicht so leicht." „Dann spart man's aber wieder an anderen und bei ändern Gelegenheiten", ergänzte Lion. „Das Beste dabet ist noch, daß Jeder immer beim bischen Geben am andern kritisiert, nicht an sich selber. Denken Sie nur mal an Maier Heimbacher. Sie wlsftn.' bSm .tote er sagt? „Erst muß ich soviel .0 h n e Ge-' schüft mal so leben kaW, meinem Geschäftdann geb ich äüch, aber vorläufig muß Rothschild, soll Bleichröder oder der Banderbtlt geben." Nimmt manchmal 'neu armen Mann mit nach Haus und hält sich für fromm und freigiebig, wett einer mal ein Stück Fisch, einen Teller Supp' und ein Stück Fleisch bei ihm abkriegt." ... „Nun, ist das nicht auch schon was?" warf Weilbacher ironisch ein. „Was? auch schon was?" rief Lion erregt, „auch schon was? weil's andere überhaupt nicht mehr tun? Nennen Sie das Jüdischkeit?" „Was schreien Sie so? Sehen Sie sich lieber mal in unserm Kahal um, wieviele arme Leut' überhaupt noch Jemand mit in sein Haus nimmt . . . na? also ..." „Bleiben wir mal bei Daniel Erfurter stehen", lenkte Moses Lion das Gespräch wieder auf den Ausgangspunkt zurück. „Er war doch alles in Allem ein sehr poscheter*) Mensch.oder nicht?" „O, doch", bestätigte Weilbacher zögernd. „Ich, als Sekretär aller hiesigen Vereine weiß das am besten. Er hat allen Vereinen angehört und an die fünfzig Mark Beiträge jährlich gezahlt, hat sich an allen Wohltätigkettsversantwjungen beteiligt, beim Aufrufen an towim gespendet, auch aus freier HäE München' Taler gegeben. Mehr darf man heutigen Tages von einem braven Jehudi nicht verlangen. Kinder hat er nicht gehabt, Geschäft nicht mehr betrieben und Böses hat er nicht getan." „Also, ein ganz moderner Zaddick", Hub Moses Lion von Neuem an. „Das Hachnosas Kallo — ist heutzutage auch nicht mehr angebracht. Die Mädchen verdienen sich selber Geld, gehen in die Geschäfte, werden Buchhalterinnen, Verkäuferinnen, nächstens auch Reisende, oder Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen. In jedem Falle werden sie so unjüdisch wie möglich, so unhäuslich wie genußsüchtig und wenn sie am Ende nicht noch eines Tages ein Schekez heiraten, kann man den Eltern nur gratulieren und die danken Gott dafür noch im Stillen . . . Und Bickur Cholim hat ja auch *) einfacher. keinen Zweck Mehr. Die Juden zieh«: von allen Seiten her und-hin, man kennt einander nicht mehr und alle Mizwes, die sonst in Todesfällen von unfern Ellern ansaeübt worden sind . . „Sie kommen schon wieder in ein anderes Thema, .... übrigens ist's Zeit zum Schulgehen ..." Die beiden Männer betraten wenige Minuten darSuf den kleinen Betraum, in dem an Wochentagen im Winter der kurze Gottesdienst abgehalten wurde. Leise stüsternd unterhielten sich die Männer, die in geringer Zahl anwesend waren. Früher war es hier laut hergegangen vor Beginn des gemeinsamen Betens. Die Leute sprachen und lachten laut, als befänden, sie sich an einer Straßenecke oder in einer Wirtschaft und unterhielten sich von Dingen, die keine würdige Vorbereitung zu einer innern Sammlung sein konnten und gegen die Heiligkeit des Ortes schwer sündigten. Erst als in dem judenfeindlichen „Lokalanzeiger" über die Profanation der Gebetsstätte der Juden ein höchst beleidigender Artikel erschienen, daraufhin der Vorstand zusammen getreten war und der Rabbiner von der Kanzel herab, dieses gegen den wahren Geist der Religion und gegen jede Wohlanständigkeit verstoßende Gebühren in erregten Worten gerügt hatte, benahmen sich die Besucher ruhig und würdig. Soeben hatte sich ein jüngerer Mann umgedreht, um den hinter ihm stehenden Nachbar recht hörbar zu fragen: „ob heut Abend bei dem bösen Wetter Heinz Erfurter wohl Schulen komme, um für den Onkel Kaddifch zu sagen?" als ein kräftiges Scht', Weilbacher eine Fortführung dieser unwürdigen Unterhaltung abschnitt. Moses Lion saß grübelnd in seinem Betstuhl. Er mußte ständig an Daniel Erfurter denken, der doch ein braver und sehr kluger Mann war und jetzt, wenige Wochen nach seinem Tode schon der Vergessenheit anheim gefallen wäre, wenn nicht der in Sicht kommende Erbschaftsprozeß seinen Namen in Erinnerung der Leute erhalten hätte. Und dabei verblaßte doch schon die körperliche Persönlichkeit dieses Mannes mehr und mehr, und fein Name ward allmählich nur noch zum Beqnff von rein leblosen aber bedeutungsvollen Dingen, Geld, Mobilien und Liegenschaften. War der Prozeß erst einmal beendet, dann gab es nichts mehr, was an Daniel Erfurts leibliche Erscheinung erinnerte. Solche Betrachtungen konnten Moses Lion stundenlang beschäftigen und sein ohnehin zum Pessimismus neigendes Naturell fand hierin eine gewiffe Befriedigung. Er war vom Schicksal zu solcher Lebensanschauung erzogen worden; fehlgeschlagene Unternehmungen, Krankheiten und Todesfälle vor dem natürlichen Lebensablauf,! schlinrme Erfahrungen hatten den kleinen Mann mKMm lebhaften Geist zum Philosophen ver- WtjitdektH-7-,Sobald ein Geschäftsmann anfängt zu Wlöföphieren ist er entweder schon mechulle oder auf dem Weg dahin", pflegte Moses zu meditieren, weil er aus Erfahrung sprach. „Nun,'sehen Sie", redet er Weilbacher ans dem Nachhauseweg an, „nun? haben Sie gesehen? Wells ein bischen regnet und windig ist, kommt der feine Herr Erfurter nicht zum Kaddisch, jetzt schon in den Schlauschim." „Er wird noch öfter fehlen, 'eh das Oweljahr rum ist", prophezeite Weilbacher. „So oft soll Gott uns ein einzigtausend Thaler bescheren", mischte sich hier der Schammes, der die beiden eingeholt hatte, ins Gespräch. Es kam allmählich, nein, es kam sehr bald, so wie Weilbacher und Moses Lion in der Unterhaltung vorausgesagt hatten. (Fortsetzung folgt.)