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Der Israelit · 1911-03-16 · Heft 11 (16.3.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 11 (16.3.1911)
Date
1911-03-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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16. März 1911. Nr. 11. Seite 5 Der JSraeN. nicht aus, sondern, sagten: „So, wie ihir lebt, lebt ihr nicht nach der Lehre, lebt ihr nicht (tfott wohlgefällig. Ihr müßt euch bessern." ~ XI. Der Liberalismus hat die Tendenz, Lehre und Leben auszugleichen, die Lehre dem Leben unterzuordnen. Er sanktioniert die religiöse Beschaffenheit, in der sich gerade die in Frage kommenden Juden befinden, indem er zu ihnen sagt: „Ihr seid, wie ihr seid, gute Juden. Zwar ließ nach der bisherigen Anschauung des Judentums eure jüdische Lebensführung viel zu wünschen übrig. Aber wir haben die bisherige Anschauung des Judentums so geändert, daß eure Lebensführung nichts zu wünschen übrig läßt." Oder wie man nach der Antwort, die Zunz auf den oben erwähnten Brief Geigers gab, sagen kann: „Der Liberalismus reformiert das Judentum, um das Leben nicht reformieren zu müffen." Der Liberalismus beruft sich dabei auf den Talmud, in dem angeblich auch Lehre und Leben ausgeglichen werde. Diese Berufung beruht, was ich in diesem Kreise nicht erst zu beweisen brauche, auf einem Sophisma. Das Gegenteil der liberalen Behauptung ist richtig: Eine laxe Handhabung des Gesetzes seitens des Volkes führte stets zu einer Verschärfung und nicht zu einer Erleichterung oder gar zu einer Aufhebung des Gesetzes. Der Liberalismus beruft sich ferner auf die jüdischen Religionsphilofophen, z. B. auf Saadia und Maimonides, welche einen Ausgleich zwischen dem Judentum und dem Zeitbewußtsein herbeigeführt hätten. Auch diese Bemerkung ist, worauf ich ebenfalls in diesem Kreise nicht näher einzugehen brauche, durchaus irreführend. Die jüdischen Religionsphilosophen haben den Ausgleich nicht dadurch bewerkstelligt, daß sie das Judentum so veränderten und sein Gesetz so umformten, daß es dem jeweiligen Zeitgeist entsprach. Sondern sie suchten nachzuweisen, daß das Judentum, so wie es ist, mit allen seinen maßgebenden Dogmen und Gesetzen in Uebereinstimmung mit der Zeitphilosophie sei. Sie erkannten die Autorität und Verpflichtungskraft der Lehre an und suchten sie durch Vernunftgründe zu stützen und dadurch tiefer in die Herzen einzupflanzen, damit die Autorität der Lehre an Anerkennung gewinne, damit das Leben sich mit größerer Innigkeit und Freudigkeit unter die Autorität dieser Lehre stelle, also das Leben mit der Lehre ausgeglichen werde. Der Liberalismus dagegen leugnet die Autorität der' Lehre und setzt an ihre Stelle die Autorität dcs schrankenlosen Subjektivismus, die Autorität des jeweiligen Lebens, dem die Lehre unterzuordnen sei. Er will Leben und Lehre dadurch ausgleichen, daß er die Lehre aus dem Leben streicht. Das ist aber keine Versöhnung, sondern eher eine Verhöhnung der Lehre. Dieses Vorgehen nötigt ihn, um sein Tun zu sanktionieren, wichtige Teile der Lehre mit Epithetis zu belegen, die ihnen nicht zur Ehre gereichen, damit auf diejenigen Ehre falle, welche diese wichtigen Teile der Lehre nicht respektieren. Er verteilt den Schatten auf die Lehre und das Licht auf das Leben. Er entbindet die Lehre ihrer Autorität, um das Leben nicht durch Pflichten zu binden. Der Liberalismus sagt: „Wir müffen diejenigen zahlreichen, den ersten Gesellschaftskreisen angehörenden Juden, welche den Willen zum Judentum, aber nicht den Willen zur Lehre des Judentums haben, dem Judentum erhalten. Wir opfern die Lehre, um nicht diese Juden opfern zu müffen. Wir verwischen den Gegensatz zwischen Lehre und Leben zugunsten des Lebens und. zuungunsten der Lehre, damit nicht in den Seelen dieser Juden ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entstehe, der geeignet ist, ihren Willen zum Judentum zu schwächen." Auf dieses Argument, das bekanntlich zu den Hauptargumenten des Liberalismus gehört und in unendlichen Variationen wiederholt wird, antworte ich: Es ist wahr: Jude ist jeder als Jude Geborene, der den Willen zum Judentum hat. Zwar ist auch derjenige Jude ein Jude, der keinen Willen zum Judentum hat, sondern höchst mißvergnügt darüber ist, daß er von jüdischen Eltern geboren wurde, und der aus irgend welchen Motiven den Schritt aus dem Judentum heraus scheut. Aber es bleibt wahr, daß der Wille zum Judentum das entscheidende ist, daß je kräftiger der Wille zum Judentum in dem einzelnen Juden ist, desto fester und treuer das Band, das ihn mit dem Judentum verknüpft. Aber nun fragen wir: Was heißt das „Wille zum Judentum"? Dieser Wille schwebt doch nicht in der Lust, sondern muß doch an etwas gebunden sein? Es müffen doch Motive vorhanden sein, die ihn erregt haben oder erregen? Nun, das stärkste Motiv ist der Glaube an eine heilige Autorität, der das Judentum entstammt. Je inniger, ungebrochener dieser Glaube an die autoritative Verpflichtung ist, desto stärker und ungebrochener wird der Wille zum Judentum sein, desto freudiger und selbstverständlicher wird er alle Opfer für das Judentum. aus sich nehmen. (Forts, folgt.) Korrespondenzen und Wachrichten. Deutlich«« Metch. Aertin, 10. März. Als ein weithin ragendes Wahrzeichen jüdischer Dankbarkeit soll hier eine Dr. Hirsch Hildesheimer-Stiftung errichtet werden, deren Ertrag als eiserner Fonds denjenigen Gebieten zugewendet werden soll, die dem Entschlafenen besonders am Herzen lagen: der jüdischen Palästinaforschung, der Förderung der Schüler derjenigen Lehranstalt, an der er mit Hingebung unterrichtet hat, und die ihm unter seinen zahlreichen Schöpfungen am teuersten war, des Rabbinerseminars. „Wir zweifeln nicht daran, so wird im Zirkular des Komitees ausgeführt, daß jeder Jude es als eine Dankespflicht und als Herzenssache empfinden wird, seiner Verehrung für unfern hochverdienten Glaubensgenossen dadurch Ausdruck zu verleihen, daß er sich an der Errichtung der Stiftung beteiligt. Jede Gabe ist willkommen." Gefl. Geldsendungen sind an das Bankhaus Max Jaffa/ i. F. Jaffa & Levin, Berlin NW. 7, Neustädtische Kirchstraße 15 zu richten. Darmstadt, 10. März. In der Nachmittagssitzung der Zweiten Kammer am 9. d. M. brachte Abg. Schmitt (Zentrum) bei der Generaldebatte über den Etat des Ministeriums des Innern auch die Friedhofsangelegenheit der Israelitischen Religionsgeselschaft in Gießen zur Sprache. Nach dem Gesetz über das Beerdigungswesen, so führte der Redner aus, stehe den einzelnen Konfessionen das Recht zu, gesonderte Friedhöfe anzulegen. Der Israelitischen Religionsgemeinschaft sei dies abgeschlagen worden, weil auf dem allgemeinen Friedhof genügend Raum vorhanden sei. Das Kreisamt Gießen habe sich dabei auf den Artikel 5 des Gesetzes gestützt. Dadurch werde aber das in Artikel 3 aufgestellte Prinzip eingeschränkt. Darauf erwiderte der Minister des Innern v. Hombergk, daß in dieser Angelegenheit die Pogrom auf offener Bühne in all seinen Grauen, in seiner ganzen bestialisch-en Form. Klirrende Fensterscheiben, stürzende Türen, krachende Möbelstücke und vom Hintergründe das herzzerreißende 'Stöhnen der (Gemarterten, das Hohngelächter der Entmenschten. Und dazwischen Schüsse der verzweifelt um ihr Leben sich Wehrenden. Tie jungen Sozialisten, die ringen wohl im Hintergrund mit dem Proletariate, das in debe zu umarmen sie sich gewöhnt hatten. Indessen wimmert im Zimmer der 'zum Tode erschrockene Uhrmachergehilfe, kauert der alte Reb Leiser, ins Talith gehüllt, aus dem Boden, in ruhiger Todesverachtung. Er ist ruhig, er hat seine Rechnung mit der Welt und auch mit Gott abgeschlossen, denn er murmelt Cterbcgebete. . . Was hätte er noch zu verlieren? „Ein Wind kam und segle alles hinweg" schon lange bevor noch die Bestien kamen . . . Lijah aber scheint in diesen endlosen Minuten der Angst einen mächtigen Seelenlainps ansgefochten zu haben. Tenn trotz allen Mahnungcn, sich zu verbergen, ihr Leben zu retten, bleibt sie b,a und sieht dem drohenden Schicksal mutig ins Gesicht. Auch als Beresin, ihr Geliebter, kommt und sie als Christ schützen will, stößt sie ihn erbittert zurück. .Sie hat gekämpft und hat scheinbar gesiegt. . . Nun ist die wilde Horde mitten in der .Stube drin, die Uhren ticken nicht mehr. Ein wildes Johlen, Schreien, Morden und Plündern beginnt. Jetzt haben sie Lijah erblickt. „Nur keine Angst, schönes Kind, Tir tun wir ja nichts", locken die Rohen. Das Mädchen hat aber aus seiner sozialistischen Zeit, von der jetzt keine Spur mehr stbrig ist, einen Gegenstand in diese Sckreckensstunde hinübergerettet, der gute Dienste tut: einen Revolver. Mit der Waffe in der Hand verteidigt sie sich, nicht ihr Leben, sondern ihre Ehre, die geschändet werden sollte. Ein Schuß, und Lijah stirbt, ms gute, reine Jüdin, für die wohl der Alte, der wunderbarerweise am Leben bleibt, die Trauerschriften seiner Religion auf dem Boden sitzend, wird beobachten dürfen . . . Das Spiel war ausgezeichnet und »nachte wiederum der Regiekunst des Herrn Direktor K a r l h e i n z Martin alle Ehre. Wenn sich in den starken Beifall zum Schluß auch einiges Zischen mischte, so galt sicherlich diese Kritik nicht der Darstellung, sondern war vielmehr als Ablehnung des Stückes, das gewisse Ansprüche an die Nerven der Zuschauer stellt, zu nehmen. Herr Siegfried Philippi gab den alten Uhrmacher mit vollendeter Kunst. Unvergeßlich, mehr durch seine Mimik und sein ganzes Gebühren als durch Worte, wird auch der kleine hilflose, ganz angstgebrochene Uhrmachergchilfe des .Herrn Paul Graetz bleiben. Ter Zionist Nachrnann fand in W o l z o g e n einen guten Interpreten. Zur plastischen Darstellung des Milieu trug .auch nicht wenig der geschwätzig, und mit gutjüdischem Humor seiner eigenen Not spottende jüdische Zeitungsverkänfer des Herrn Ebelsbacher bei. Tie anderen Rollen waren durch Frl. Barth und die Herren Loos, S t e n d e m a n n, W erner -Kahle und M: a r st e n ebenfalls gut ausgefüllt. Lin Wort über che Herstellung m Marror. „Das Gebot des Mazzogenusses ist das einzige, das uns von allen Genußvorschriften der Thora verblieben ist. Wir haben kein Peßachlamm, keine heiligen Opfergaben, keine Terummo und Maaser Scheni mehr. Eine einzige, alljährlich wiederkehrende Mizwa ist uns nach dieser Seite hin geblieben:, sollte diese nicht umsomehr von uns in vollkommener Bollendung erfüllt werden?" Diese Worte sind einem Briefe entnommen, welchen der berühmte Preßburger Rabbiner R. Moscheh Sofer;>"XT vor 85 Jab en an die G menrde von Triest richtete, als er von der »ngenügenden Art und Weise Kunde erhielt, mit welcher damals die Mazzos dort hergestellt wurden. (Abgedruckt in den Zufällen zu den (•rxp 'd a nn n"w Ju früherer Zeit war es jedoch allgemeiner Brauch, daß jede Familie selber die Mazzos für ihren Bedarf herstellte, daß dne Familie die andere bei der Herstellung der Mazzos unterstützte u>ld sonnt jeder selber in der Lage war, den Anforderungen des Religionsgcsetzcs gerecht zu werden. Das ist heute leider vielfach anders geworden. Wie die Tinge nun einmal liegen, wären die Bäckereien, welche sich die Mazzobcrcitung zur Ausgabe gestellt haben, mit Freuden zu begrüßen, wenn sie die Vorschriften des Religionsgcsetzes wirklich unverkürzt zur Anwendung brächte»!. Bei einen» Teil derselben ist das nun auch erfreulicher Weise der Fall. Hier bedarf es weniger einer Ermahnung als einer fortwährenden sorgfältigen Beanfsichtignug. Aber leider verfährt ein großer Teil der Mazzobäckereien dabei in so unverantwortlicher Weise, daß es dringende Pflicht ist, die Aufinerksamkeit der Mazzo-Konsumenten daraus zu lenken. Ten Mazzos selbst kann »ilan es äußerlich nichr auseh.n, ob sic den Vorschriften des tzlesetzes entsprechend hergestellt sind oder nicht. Ein großer Teil des Publikums kauft dah.r gedanken- und skrupellos alles, was ihm als Mazzo angeboten wird'. Tie Unkenntnis d e einschlägigen religionsgesctz-.ichen Bestimmungen'ist d.i. so große, daß den Konsuluenten jedes Urteil über di? religionsgesetzliche Zulässigkeit dessen, was sie gls äüim

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