Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1911)
- Date
- 1911-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Israeli*. Sette 4 Nr. 11 ab8nrcknm geführt, wie man es auf misrachisttscher Seite wohl selbst kaum erwartet hatte. Ein unerfreuliches, wenn auch zur Klärung der Begriffe außerordentlich geeignetes Gegenstück zu der anerkennenswerten Haltung des Odeffaer Komitees bringt die neueste Nummer der Zeitschrift „Liberales Judentum." Dort veröffentlicht der Reformrabbiner von Oppeln, Dr. G o l d m a n n, zur Zeit eine Artikelserie über das Thema „Zionismus oder Liberalismus", in deren Verlauf er sich darüber beschwert, daß der bekannte Verfasser des „Judendentums am Scheidewege" der nationaljüdische „Theologe", Rabbiner Dr. Joseph in Stolp, beharrlich die Antwort auf eine von dem Oppelner Rabbiner an Joseph gerichtete öffentliche Frage verweigere. Die Frage lautet: „Kann man ein guter Nationaljude und dabet ein guter Christ oder ein überzeugungstreuer Atheist sein?" Joseph steht sich nun veranlaßt, die Frage aus seiner nationaljüdischen Theologie heraus wie folot zu beantworten: „Hätte ich mich entschließen können, bi? Diskussion weiter fortzuführen, dann würde ich obige Frage, der Goldmann eigentümlicherweise eine grundsätzliche und entscheidende Bedeutung beilegt, mit der größten Seelenruhe in bejahendem Sinne beantwortet haben. Ich würde keinesfalls gefürchtet haben, daßdarüber die Welt, die jiwifche Welt, die jüdisch-religiöse Welt, Zusammenstürzen oder umgekehrt den» Zionismus der Todesstoß verseht werden würde. Implicite war mein Standpunkt in dieser Frage schon in der fängst abgegebenen Erilärung enthalten, daß für die Bestimmung des Begriffes „Jude" das religiöse Moment nickt als ausschlaggebend in Betracht kömmt." Hierzu bemerkt der liberale Dr. Goldmann: „Am wichtigsten und traurigsten ist in der obigen Erwiderung die Tatsache, daß ein de u t s ch e r zionistisch e r R a b b i n e r ganz off e n z n g e - g e b e n hat, in a n k ö n u c e i n g ll t e r W ativn a l j tl d e ll n d dabei ein guter Christ oder ein ii b e r z c u g u n g s t r e u e r Athei st sein. Ties fei hiermit fcstgcstellt. Ich bedauere im Interesse unseres Gescnntjndentums diese unendlich schwerwiegende Meinungsäußerung aus tiefstem Herzen. Fällt sie doch nnS allen, die wir in der Beküinpsimg der Taufe eine der wichtigsten Seiten unserer öffentlichen Tätigkeit erblichen, in einer liocti nickt zu übersehenden Weise in den Rücken, lvährend sie den Taufland-dateu eine furchtbare Waffe iu die Hand gibt, sodaß sie uns i» uuscrem mühevollen Kampfe gegen Abfall und Trelllosigkeit unübersehbare Schwierigkeiten in deu Weg legen wird. Das einzige Cr freu licke in dieser trüben Angelegenheit besteht darin, daß d u r ch d i e Erklärst« g d e s H e r r n Tr. I o s e p h die S a ch l a g e w e n i g st e n s d n r ch a n s g e - klärt i st." Für uns als Juden alten Schlages ist an dem Josephfchen Bekenntnis, das weniger durch Neuheit als durch Präzision auffällt, der nationaljüdische Atheismus natürlich weit bemerkenswerter als das „nationaljüdische" Christenlands erst vor einigen Jahren gesehen, darstellt. Tas Bild spricht so sehr zum Gewissen der Meuschh'N, daß cs nicht allein in Rußland, sondern auch in einigen Städten Deutschlands verboten wurde . . . So weit hat cs das Tfchirikowsche Trama, welches seht allabendlich im Frankfurter »oniödienhanse gegeben wird, nicht gebracht. ES ist nur in Rußland verboten, in den anderen Ländern Europas tan» es ungestört über dje Bühne gehen, llnd doch sollte man glauben, daß dieses Trama weit. mehr als das genannte Bild den russischen Machthabern Sorgen bereiten und der Kulturwelt zu denken geben müßte. Tenn wir haben hier einen N a 1 n r a » s s ch n i t t, ein Bild der Schrecken, wie es uns durch Protokolle, Taten und Zahlen nie geboten werden kann und bisher auch ans der Leinwand noch nicht festgehalten wurde. Tschiriww kommt cs aber nicht etwa darauf an, durch eine reale Schilderung der Lchreckcnsszeneu unsere Nerven zu erschüttern, als vielmehr, uns das ganze Milieu zn zeigen, .das jüdische Leben mit all de» politischen und religiösen Problemen, die es bewegen, kurzum den Kampf zwischen den alten und neuen Ideen, die gewaltig aneinanderstoßen und sich erst dann zu einem gemeinsamen Aufschrei vereinigen, wenn die Menschenbestie von außen bereits altes niederreißend ins Haus gedrungen ist. Tschirikow tennt, tute kaum ein zweiter nichtjndischer Dichter, den alten Juden, der in seiner Religion wurzelt und ans ihr die ganze Fülle seines Glückes, seiner Lebensweihe, seiner Widerstandskraft, schöpft. Sein Reb Leiser Fraenlel ist ein Typus, wie man ihn in Rußland, in Polen, in Galizien zu — 'man darf cs getrost sagen — Millionen findet. Ter alte Uhrmacher, ganz seinem ehrlichen Handwerke zugetan, steht, obzwar mit den modernen kulturellen Strömungen nicht vertraut, auf tum. Letzteres ist aus vielen Gründen vorläufig eine reine Theorie, die lediglich als methodisches Mittel zur klaren Herausarbeitung der Begriffe dienen kann, aber derzeit keine praktische Bedeutung hat. Bon verhängnisvoller, eminent praktischer Wirkung ist dagegen die Anerkennung des Atheismus auf dem Boden des Judentums, wie siebeispielsweise in der Vergötterung Nordaus und gesinnungsverwandter Elemente zutage tritt, und wie sie sich als logische Konsequenz aus der vom nationalen Judentum vollzogenen Umwertung der überlieferten jüdischen Werte leider mit Notwendigkeit ergibt Dieser Konsequenz kann nur der entgehen, der den Mut hat, prinzipiell intolerant zu sein und offen zu erklären: dt<Treue zu Gesetz und Lehre ist das konstituierende Merkmal des Begriffes „Judentum" überhaupt. Das tun leider weder Goldmann noch Joseph, weder Odeffaer Komitee noch Poel Hazair. Liberales Judentum. Ein Bortrag von Rabbiner Dr. Kaair in Zabrze. X. Wir müssen Ulks daher darüber klar werden : Was ist das Primäre der liberalen Partei? Nun, das Primäre war ja wohil, was nicht bestritten werden kann, die Absicht, ein Gegengewicht, eine Gegenbcwcgung gegen die Orthodoxie zu schaffen. Das schliefst ja an sich freilich nicht aus, daß neben diesem äußern Prinzip noch ein inneres vorhanden ist. Tenn man könnte sich gedrungen fühlen, Stellung zu nehmen gegen die Orthodoxie, weil man ihre Bestrebungen als schädliche ansieht, und zwar aus dem innere n Prinzip, dem Motiv der E r h n l t ll n g des Judentums, heraus, aus der Ueberzeugung des Herzens: „Das Judentum wird liberal sein, oder es wird nicht sein." Der letzte Satz ist ein Zitat aus einer Rede, und zwar aus einer stilistisch vollendeten Rede, die ans der konstituierenden Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum von einem Rabbiner gehalten wurde. Der Redner polemisierte tu seinen Aussühruttgen nament lich gegen die Orthodoxie und erhob entschiedenen Einspruch dagegen, daß die Orthodoxie gegen das liberale Judentum protestiere. Cr rief aus: „Glauben diejenigen, die so laut gegen liberales Judentum protestieren, wirtlich, daß uns das Judentum nicht ebenso teuer ist wie ihnen? Wären wir bequem, tvir ließen die -Tinge gehen, wie sie eben gehen. Wären wir gleichgültig, wir kämen nicht zusammen, nm dem Judentum die Jugend, und der Jugend das Judentum zu erhalten. Gerade wir Liberalen nehmen für uns das Wort „konservativ", „erhaltend" in Anspruch. Wir, die wir einer sittlichen und geistigen Höhe, z» der nicht allein seine wilde slavische Umgebung, sondern auch höhere Kultursck ichten im Westen sich noch tauge nicht emvorgernngen haben, llnd die Quelle dieser sittlichen Macht ist die R e l i g i o n , das I u d e n t » >» , das alte, sich imnier gleich bleibende Illd.mtuul, wie es unsere Lehrer gelehrt und unsere Pater seit Jahrtausenden betätigt, das Indentiini, das keine hochötnenden Phrasen macht und nicht mit großer Gebärde von nationalem Selbstbewußtsein llsw. spricht, sondern int Still« u das gesäurte jüdische Pflichtgesetz erfüllt, ans ihm die Reinheit des Lebens schöpft, im Stillen duldet lind hofft . . . Ein .Vertreter dieses alten Judentums ist eben Reb Leiser. Und ihm zur Seite steht sein treuer Geselle, S ckr l o i m e. Zu diesem Milieu gehören auch A r o n, der Bruder des Reb Leiser, irrkd seine Frai« C h a n n e. Wie unsympathisch und von vornherein abstoßend, wiewohl der Dichter seinerseits sich jeden Wortes der Kritik über ihr Gebaren enthält, berühren uns doch hingegen die Vertreter der anderen neue» jüdischen Welt. Es sind die Kindcr deS Reb Leiser, sein Sohn Boruch and seine Tochter L i j a. Beide waren sie aus der kleinen düsteren Nhrmacherwerkstätte in die große Welt hinausgegangen. „Ich dachte," so tlagt der Alte wiederholt, „sie sollen studieren, damit sich ihnen die Welt, die inir verschlossen bleibt, öffne." Tein ivar aber »rnt’i' so. Sie wurde» als Jade» nur der Teilnahm.' an Unruhen verdächtigt, ans der Universität ausgeschlossen und kamen doch wieder in die düstere W>erkstätte, »vo sie mit ihren sozialistischen Ideen zu den altjüdischen Allüren des Uhrmachers und deni ewigen monotonen Ticken der Uhren nicht mehr recht paßten. Tes Alten größter Kummer ist es aber, daß diese Kinder ihm in der großen Welt auch geistig verloren gingen. Sie schwatzen mit der gan- __ 16. März 19H das Judentum mit allen Mitteln für unS, für unser? Gebildeten, für die kommenden Generationen erhalten wollen, sind die eminent konservative Partei in, Judentum. Wir wollen nicht auflösen, sondern er halten. Wir wollen nicht niederreißen, sondern auf baueü." Hier ist der springende Punkt. Hier ist das tliema probandum rund und reinlich herausgearbeitet. Hier ist die Frage berührt, die ich oben ausgeworfen habe, die Frage nach dem ober sten Prinzip des Liberalismus. Hier ist mit Nach druck betont, sein oberstes Prinzip fei die E r Haltung des Judentums. Ten Beweis freilich hat sich der Redner herzlich leicht gemacht, wenn er meint, es sei schon ein ausreichender Beweis hierfür der Um stand, daß der Liberalismus liberale Versamm lungeir eirrberuse, liberale Reden halten lasse, liberale Schriften herausgebe. Das beweise klar und deutlich, daß der Liberalismus das Judentum erhalten wolle, denn sonst ließe er ja die Dinge gehen, wie sie eben geheit, und würde sich um die jüdische Religion überhaupt nicht kümmern, sondern würde sie ruhig in sich zer fallen lassen. Nun, ich glaube. Sie fühlen es alle, daß dieser Beweis kein Beweis ist. Er beweist mei nes Erachtens nur das Eine, daß der Redner entweder das Thenla nicht erfaßt hat oder beflissen war, es zu verschieben. Ich tvill das durch ein Beispiel aus der biblischen Geschichte ganz anschaulich und klar zu machen suchen: Die falsche u Propheten, von denen die heilige Schrift uns meldet, ließen die Dinge nicht gehen, ivie sie eben gingen, denn sonst hätten sie sich ja um die Dinge nicht zu kümmern brauchen. Sie traten vielmehr redend und Han delnd aus und betätigten sich in öffentlicher Wirksamkeit. Aber in dieser öffentlichen W i r k s a m k e i t ließen sie die Tinge gehen, wie sie eben gingen, indem sie die gottvergessene Ge sinnung des Volkes sanktionierten, den Großen und Mächtigen nach dem Munde redeten, die. Schuld nicht enthüllten, sondern zudeckten, die geborstene Mauer mit Tünche verklebten und Frieden, Friedetr riefen, wo kein Frieden war. Im Gegensatz hierzu ließen die wahren Propheten iu ihrer öffentlichen Wirksamkeit die Dinge nicht gehen, ivie sie eben gingell, foit dern stelltelt sich den verblendeten Anschauungen des Volkes und der Großen entgegen und wurden nicht müde, Jakob seine Missetat zu verkünden und Israel seine Sünden, damit es umkehre und lebe. Tie falschen Propheten glichen Lehre und Leben aus, indem sie sagten: „So, wie ihr lebt, lebt ihr nach der Lehre, lebt ihr Gott wohl gefällig. Ihr braucht euch nicht zu bessern." Tie wahren Prophetelt glichen Leben und Lehre zen Aufgeblasenheit der in Rußland so beliebte» Phraseologie, von e i n e r w e l t u m fass e n d e n Liebe. Inden »ird Iudelkleid kennen sie nicht. P r oletariat, B o urgeoisi e »md K a v i t a l i s m u s sind die Schtagworte, mit denen s i e operieren, und die der Alte nicht verstehen kann. Lija, di? Tochter, nimmt keinen Anstand, ein Liebesverhältnis mit dem christlichen Freund ihres Bruders, dem Studenten Berefin, einzugehen. Ter Vater bricht, da er dp.'s erfährt, vollends zusammen. „Ei» Wind kam", so zitiert er wiederholt aus dem Buch? Hiob, „von Gott und fegte alles hinweg," alles, Glüc! und Gut und Kinder. Noch.ein Vertreter modern jüdiscker Ideen im Osten nimmt im Stücke eine groß? Rolle ein: Nnchmann, citt begeisterter Zionist, dec altes Heil für die körperlichen und seelischen Leide» seines Volkes von der Verwirklichung des zionistische» Ideals erwartet und dieser Hoffnung mit großem Pathos auf der Bühne Ausdruck gibt. Ihn wolle» natürlich die jungen wildbrausenden sozialistische Assi milanten nicht verstehen. Ter Alte versteht ihn aber so weit, als er die zionistischen Ideen Nachmanns mit seinen eigenen religiösen Vorstellungen, mit dem Zionsideal, wie es in seiner Brust lebt, vereinige» kann. Auch, der Vertreter der breiten indifferenten Masse, der seine Sache aus das religiösee und ideelle Nichts gestellt und sich dabei sehr satt und wolü fühlt, tritt uns in der Gestalt des Arztes, Tr. F u h i in a n n, entgegen. Nun schreitet das Unglück rasch heran. In den Nachbarstädten wütet der Pogrom und er kommt auch in das Städtchen gezogen, düster pnd drohend, um das stille jüdische Glück der Alien zu vernichten und das ganze Phantasiegebäude der Jungen wie ein Kartenhaus über den Haufen zu Wersen. Schon im zweiten Akt melden sich die Vorboten der Schrecken. Im dritten Akte haben wir dann den