Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1911)
- Date
- 1911-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 10 Lrr 8-raeltt. S. März 1S11 Dieses schändliche Pamphlet wird überall in den Vorstädten verteilt und ist in allen Kneipen aufgehängt. Es wird behauptet, daß der Chef der Regierung und der konservativen Partei Peter Carp, diesen Treibereien gänzlich ferne steht. Das aber ändert nichts an der Tatsache, daß die Partei, an deren Spitze er steht, derartige Schändlichkeiten verbreiten läßt, und Leidenschaften weckt, deren Ausbruch das ganze Land mit Schmach bedecken würde. In einer großen Stadt wie Bukarest gibt es Elemente genug, die jederzeit zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten bereit sind, und wenn man diese Elemente in der Weise ermutigt, wie es heute geschieht, so können daraus die unheilvollsten Folgen erwachsen. Es ist daher kein Wunder, daß die Juden in Rumänien jetzt in unausgesetzter Angst vor solchen Ausschreitungen leben. Ilaierr. kin Kongreß Ser itaRenifchen KultusöemeinSen- Mailand, 19. Februar. (Wegen Raummangels verspätet.) Am 26. und 27. Februar dieses Jahres findet in Mailand der zweite Kongreß der israelitischen Kultusgemeinden in Italien statt. Der erste Kongreß fand im Jahre 1909, gleichfalls in Mailand statt. Zum Präsidenten des achtgliedrigen permanenten Komitees wurde Cav. Moise Fol ig n o gewählt. Die zwei wichtigsten Beratungsgegenstände des Kongresses bilden die Berichte über die moralische und finanzielle Lage der jüdischen Hochschulen in Italien, ferner die Beschlußfaffung über den Statutenentwurf für eine Federation aller jüdischen Hochschulen in Italien und die Schaffung eines Gemeindebundes mit dem Sitze in Rom. Der den Einladungen zum Kongresse beigelegte Entwurf enthält die folgenden wichtigsten Punkte: 1. Der Zentralrat des Gemeindeverbandes besteht aus neun Mitgliedern, die von der Gesamtheit der italienischen Juden gewählt werden, so, daß je auf 5000 jüdische Seelen ein Vertreter entfällt. Die Wahlen sind indirekt durch die zu schaffenden Wahlkollegien. Als Gemeinde wird jede Gruppierung von Juden zum Zwecke des jüdischen Kultus angesehen. 2. Der Zentralrat vertritt die allgemeinen Interessen der Juden bei der Zentralreaierung und wenn es nottut, auch bei den Lokalbehörden. Er schlichtet die Fragen der Hochschulen, gründet je nach Bedarf Kultusgemetnden und fördert alle Bestrebungen zur Stärkung des religiösen Ge fühles in Italien sowie in den Kolonien und erwirkt für dieselben den gesetzlichen Schutz. .-i. Die Mitglieder des Zentralrates vertreten nicht ihre Wähler, sondern die Gesamtjudenschaft Italiens. 4. Die jüdischen Gemeinden zahlen an den Zentralrat einen später genau festzustellenden Jahresbeitrag von 25—500 Lire. 5. Der Sitz des Zentralrates ist in Rom. 6. Der Zentralrat hat innerhalb eines Jahres seine gesetzliche Anerkennung zu erwirken, um die Interessen der italienischen Juden mit größerem Nachdruck zu vertreten und auch zur Erwerbung von Immobilien als berechtigt gelten zu können. Das Letztere bezieht sich hauptsächlich auf die rechtliche * Erwerbung und den Schutz alter, verlassener jüdischer Kultstätten, Friedhöfe, Tempeleinrichtungen 2c.f bte durch eine solche Verfügung vor Profanation oder Verkauf bewahrt werden sollen. Die weiteren Punkte des Entwurfes beziehen sich auf die Wahlen des Zentralrates, den Rechenschaftsbericht und andere administrative Angelegenheiten. Es ist kaum zu hoffen, daß der an Geist wie an Körper leider so siechen italienischen Judenhett durch dieses zweifelhafte Mittel der Zwangsorganisation geholfen werden kann. Türkei. nnfifemlfismus und 3ionismus in der Kammer. (Bon unserem Korrespondenten). Konstantiuopet, 2. März. Der Finanrminister Dschavid Bey legte in mehrstündiger Rede seinen Finanzplan der türkischen Kammer vor/ daß die Debatten aber einen wahren antisemitischen Furor wachrufen würden, hatte er und konnte er nicht vorausberechnen, — ihm, dem „Juden" (in Wirklichkeit ist er Dönme, d. h. nur Raffenjude) wurde von der Opposition Begünstigung seiner Srammesgenoffen bei Angeboten vorgeworfen. Der Grieche Cosmidi Eff. machte den Beginn mit den Worten: Alles geht in die Hände der von der Regierung begünstigten Juden! Der Präsident konstatierte mit Genugtuung, daß im darauf entstandenen Lärm der Redner fünfmal diese Aeußerung zurückgenommen habe. Ernster war ein erneuter Zusammenstoß. Der türkische Abgeordnete Ismail Eff. findet zwischen'der neuen türkischen Anleihe und dem Zionismus einen geheimen Zusammenhang. Er führt, wiederholt unterbrochen, etwa folgendes aus: Der Zweck der Zionisten sei, die Zahl der fremden Juden in Palästina zu erhöhen, um dortselbst. eine israelitische Negierung zu gründen. Bereits hätten die Juden in Palästina umfangreiche Ländereien erworben. Das alte Regime habe nun, um die Einwanderung zu beschränken, die „roten Pässe" (ingeführt. Kürzlich habe ein Kongreß in Berlin getagt —r wo man den beabsichtigten geheimen Zwech' mit Hilfe der Finanz und Industrie erreichen wollteselbst die Gründung der Nationalbank für' die Türket durch Sir Ernst Cassel gehöre . Öredit Foncier und die übrigen Banken der französischen Gruppe seien der Zionisten Organe. Karasso Eff. erklärte, es sei bereits eine Kommission gewählt, um die Einwanderunasfrage zu studieren, und die jüdischen Mitglieder müßten zugeben, daß es sehr mißlich sei, Emigranten in größerer Anzahl kommen zu lassen, solange man diese nicht naturalisieren könne. Die Einwanderer wollten ja türkische Untertanen sein — nicht Ausländer bleiben. HakktPascha erwiderte: Wohl jeder Mensch habe vom Zionismus gehört, dessen Absicht es sei, den verfolgten Juden eine Zuflucht zu schaffen. Die Behauptungen derjenigen, die von der Gründung eines jüdischen Staates auf Kosten der Türkei sprächen, seien nicht nur von der Mehrheit der Israeliten in Europa zurückgewiesen worden, sondern auch von sämtlichen osmanischen Juden. Die jüdische Nation sei übrigens viel zu praktisch, um sich mit derartigen Ideen abzugeben. Die Einwanderung sei die Folge der schlechten Behandlungen, die den Juden in gewissen Ländern Europas zuteil werde. Die Philantropen Hirsch und Rothschild hätten Unsummen ausgegeben, um ihre Glai^ensgxnossen in Argentinien un^GtzrWoröSnzKedrt». Mit den neuen Gesetzen nEr-mAmA HchedAewelegenheit des „roten Paß"MegMwerbÄi.Skr Einest Cassel habe der Türkei große Dienste erwiesen, und wenn israelitische Institutionen sich der Bankengruppe angeschlossen hätten, so sei dies nicht den Zionisten zu Liebe geschehen, sondern aus rein geschäftlichen Interessen. -i- * -i- Wieder ist ein von Juden bewohnter Stadtteil vom Feuer schwer heimgesucht worden. Bor etwa drei Jahren brannten in Haskeny mehrere hundert Häuser nieder — eine Htlfskaffe, die den Geschädigten damals zu Hilfe kommen sollte, ist noch immer nicht aktionsfähig. Diesmal ist Kusgüntschuk betroffen - an 150 Häuser wurden eingeäjchert. Der angerichtete Schaden trifft unsere armen Glaubensgenoffen sehr, da nur wenige ihre Habe versichert haben. Arnerikcr. New üorfter Brief- (Von unserm Korrespondenten.) Wen» Hork, 15. Febr. Die Jahreskonvention der amerikanischen Reformgemetnden hat sich in den üblichen Formen bewegt und an Selbstberäucherung alles Erdenkliche geleistet. Der Präsident des Cincinattier Predigersemtnar D r. I. Köhler sang zum so und so vielten Male das alte Lied, wonach die anfangs mit Mühe und Not hier infiltrierte. und jetzt bankerottierende deutsche Reformsucht daS ganze amerikanische Judentum repräsenttere, während die übrige, mehr als 80 Prozent bildende amerikanische Judenheit, bestehend aus den noch aus der Kolonialperiode stammenden sefardischen Gemeinden und den Massen der seit Jahr und Tag hier ansässigen osteuropäischen Glaubensbrüder nichts weiter als „Fremdlinge" sind. Nebenbei wurde auch den Zionisten als „Baterlandsverrätern" der obligate Fußtritt versetzt, was sich aber der zionistische Reformprediger Dr. Max Heller etndrtnglichst verbat. Dabei protestierte dieser angelegentlichst gegen das allzuviele Protestieren und Beteuern ihres waschreinen Amerikanertums seitens der Wortführer, wodurch wiederum die letzteren sich zu einem heftigen Proteste gegen ersteren provoziert fühlten, so daß es mit dem allseitigen Protestieren fast kein Ende zu nehmen schien. Den einzigen Lichtpunkt in dieser lächerlichen, von unfern geistlichen Reformleuchten aufgeführten Farce bildete der interessante Bortrag eines Laien, Rechtsanwalts Lucius L. Salomons, Delegierten aus San Francisco, an einem Abend während der Konvention im Tempel Emanuel abgehalten. Es wurde den Reformtheologen darin gehörig heimgeleuchtet, ihre Assimilationsbestrebungen als von der Geschichte längst gerichtet gekennzeichnet und die überhandnehmende religiöse Verwahrlosung innerhalb des amerikanischen Reformjudentums als die eigentliche Gefahr auch für das amerikanische Volkstum gebrandmarkt, der gegenüber die russisch-jüdischen Einwanderer gewiß nicht unwillkommen seien. Der Geist des alten viertausendjährigen Mosaismus sei identtsch mit dem der allerneuesten wahren Kultur, und wer jenem den Rücken kehre, tue es auch dieser. Der Bortrag wurde enthusiastisch applaudiert. * * * Die seit zwei Jahren hier gegründete sogenannte New Aorker K e h i l l a h, über die Sie bereits mehrfach berichteten, erweist sich als ein eigentümliches Zwitterwesen, von dem man nicht weiß, ob man es als Engel oder als Teufel charakterisieren soll. An der Spitze steht der bekannte I. P. Magnes, unterstützt einerseits von bekannten, zum Reformlager gehörenden Honorationen, andererseits von „konservativen promimenten Persönlichkeiten". Zweck der Kehillah ist, die allgemeinen Interessen, zunächst der New Aorker, dann aber auch der amerikanischen Judenheit überhaupt, nach rlÄW und außen zu vertreten. Indem die Ke- W^nun nach rechts dem gesetzestreuen Judentum Verbeugungen macht, nach links der Assimilatton zuzustreben scheint, ruft sie in dem unparteiischen Beobachter den Eindruck hervor, als sei sie in einen wilden geistigen Wirbeltavz hineingeraten, wobei sie die schier unmöglichsten moralischen Purzelbäume zu schlagen genöttgt ist. So bietet sich uns denn das Schauspiel dar, daß dieselben Männer, die man hier für Erhaltung des Kaschrus, Ordnung des orthodox-religiösen Kultus, Talmud-Thoraschulen und andere dem Strenggläubigen wichtigenFragen sich interessieren sieht dort jüdischen Wohltätigkeitsanstalten und tospitälern vorstehen, deren Verwaltung den peisegesetzen, der Sabbatheiligung und aller altjüdischen Sitte geradezu ins Gesicht schlagen- und zum Ueberfluß liebäugeln dieselben Leute gar mehr oder minder versteckt mit den direkt in