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Der Israelit · 1911-03-09 · Heft 10 (9.3.1911) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 10 (9.3.1911)
Date
1911-03-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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konservative Element von einem Kulturwerk ab, das ihnen das hieniedige Leben erleichtern könnte, ohne die Ewigkeitspforten zu verrammeln. . . . Und, was das Traurigste ist, man operiert in jenem Lager mit Theodor Lessingtschen Feststellungen. Wie es dieser Cook ohne Eskimos getan, so werden auch hier Bilder aus dem „Chazarengebiet" produziert, die nur in der wuchernden Phantasie des Freizüglers leben. So will zum Exempel Laszlo Fenyes — auch ein Freidenker, der das letzte Heil in der einheitlichen Zwangsautonomie verkündet — am Freitag abend in einem Judenhaus, das im prächtigen Kerzenlicht strahlte, um den Tisch die Familie sitzen gesehen haben- Mann und Weib voran, neben ihnen die Kinder, auf ihren Köpfen — der weiße Talis! — KÜftlarrd. Swisctien Surefit und Hoffnung. Petersburg, 4. März. Wie vorauszusehen war, hat die Duma-Versammlung über das Rayon-Projekt die gesamte Berbandspresse auf den Plan gerufen: Die Ausfälle der reaktionären Blätter haben Formen angenommen, die selbst in Rußland über das Maß des Gewöhnlichen hinausgehen. Die Nowge- W rem ja speit Gift und Galle und ergeht sich in langen Tiraden gegen die Oktrobristen, die das Reich im Stich gelassen und die Staatsinteressen veraten hatten. Auch das Präsidium schneidet schlecht ab, weil es den Verbändlern oft die Möglichkeit genommen hätte, mit den wirksamsten Waffen gegen die Juden aufzutreten. Andere Verbandsbtätter drohen offen mit einem Progrome. Und alle trösten sie sich damit, daß die Kommission es nicht wagen würde, für das Gesetz zu plädiren, daß aber andernfalls das Plenum in der zweiten Lesung und auf jeden Fall die Regierung den Entwurf verwerfen würde. Die liberalen Blätter zeigen sich hingegen voller Hoffnung. Das Schicksal des Projektes hängt jetzt einzig vom Verhalten der Oktobriften ab, die allerdings nicht zu den sichersten und festesten Stützen der jüdischen Sache gezählt werden dürfen. Daß die Kommission in einem Monat ihre Arbeiten erledigen wird, daran glaubt kein Mensch, und man wird froh sein dürfen, wenn, sich nach drei Monaten die Duma mit der Sache wieder wird befassen können. Ein Vierteljahr ist für Rußland eine lange Zeit, in der sich vieles ändern und ereignen kann. Und einen guten Anfang hat diese Zeit des Kampfes, der Furcht und der Hoffnung gerade nicht genommen. Denn schlimmer als alle Faseleien und Hetzereien der Verbandspresse ist die Antwort, die die Regierung, deren Vertreter in der Duma beharrlich geschwiegen hatten, auf die Rechtsforderungen der Liberalen gibt. Die Antwort besteht in Austreibungen grausamster Art. Aus dem Gouvernement Tschernigew sind wieder Tausende Familien ausgewiesen worden. Sie sind buchstäblich durch die Polizei aus den Häusern etrieben worden, bei dreißig Grad Kälte, ei völliger Mittellosigkeit und der Unmöglichkeit, die allernöttgsten Vorbereitungen für die Reise inS Ungewisse zu treffen. Aehnliche Berichte kommen aus dem Gouvernement Mo hi lew. Auch aus Bessarabie n. Von dort gehen die Unglücklichen nach Rumänien und kommen somit vom Regen in die Traufe. An einzelnen Plätzen hat das rigorose Auftreten der Polizei auch die Gegenwehr der Unglücklichen herausgefordert und die Form eines Pogroms angenommen, — ein Poltzeipogrom. Die Anträge der Kadetten beim Ministerium, mit den Ausweisungen bis zur Erledigung der Rayonfraue abzuwarten, sind glatt abgelehnt worden. Und auch der russische Adel hat mit seiner Antwort auf das Rayon-Projekt nicht lange warten laffeu. Der rühmlichst bekannte Purischkewitsch der aus unbekannten Gründen die günstige Gelegenheit in der Duma verpaßt hat, hielt sich auf dem Adels-Kongreß (von dem in einer Spezial-Korrespondenz ausführlich berichtet wird D. Red.) — schadlos. Solche Gehässigkeiten gegen Juden und Judentum, wie sie bei diesem Kongresse der Adeligen zum Ausdrucke kamen, dürften selbst in der leidreichen Geschichte der Juden einzig dastehen. Die „edlen" Russen wollen konsequenter Weife auch von einer Bevorzugung der Ueberläufer nichts wissen und faßten den Beschluß, daß die Ausnahmestellung der Juden sich auf alle getauften Juden beziehen möge. Alles in allem ist die Lage derart, daß man schon eines unverwüstlichen Optimismus dazu bedarf, um an einen glücklichen Ausgang der Sache zu glauben. Man neigt vielmehr jetzt in den jüdischen Kreisen zu der Annahme, daß diejenigen, die die Zeit für eine Erweiterung der jüdischen Rechte als ungünstig erachten und von dem Versuche nach dieser Richtung abrieten, doch nicht ganz Unrecht hatten. Vom Hdekkongreß. 2ketersv«rg, 1. März. Eine traurige Perspektive für die Sache der jüdischen Rechte, deren sich gerade jetzt die Duma anzunehmen scheint, eröffnet der zur Zeit hier tagende Adelskongreß. Der'Kongreß'erhält eine erhöhte Bedeutung erstens durch das Telegramm des Zaren, in dem dieser sein volles Vertrauen auf den Adel und seine Wirksamkeit ausspricht und den Bestrebungen des Adels seine Unterstützung zusagt. Zweitens durch eine Erklärung des Grafen Korvin-Milewsky, daß der litha Nische Adel sich dem rujsischen anschließe und von seinen bisher verfolgten großpolnischen Tendenzen absehe. Einen Hauptpunkt der Verhandlungen bildete die Judenfrage, in der der Kongreß eine sehr schroffe Stellung einnahm. Er behauptet, daß die Juden bei der Revolutiou die führende Rolle gespielt hätten und nun die revolutionäre Propaganda noch fortsetzten. Der engere Ausschuß des Kongresses schlägt demgemäß vor, die Juden „im Hinblick auf ihre staatsfeindlichen Tendenzen" vom Heeres-, Staats¬ und Kommunaldienst, sowie von der Advokatur und der Gesetzgebung auszuschließen. Zahlreiche Redner stimmten diesem Vorschläge zu. Manche gingen sogar noch weiter und verlangten die Zurückdrängung aller Juden ohne Ausnahme in den Ansässigkeitsrayon sowie ihren Ausschluß vom ärztlichen Beruf. Die mildeste Auffassung vertrat das Reichsratsmit-' glied von Kurland, Graf Reutern-Stolken, der vor einer übereilten Beschlußfassung warnte, aber trotz seiner Zugehörigkeit zum angefeindeten Deutschtum der Oftseeprovinzen es für möglich erachtete, daß man den Ausschluß der Juden vom Heeres-, Kommunal- und Staatsdienst als unumgänglich notwendig betrachtete. Purischkewitsch verlangte den Ausschluß der Juden auch vom Lehrberufdie Juden benützten den Gerichtssaal zu revolutionärer Propaganda. In wahrhaft rasender Wut beschuldigte Markow II. die Juden aller möglichen Schandtaten und aller bisher verübten politischen Morde. Der in der Duma eingebrachte Antrag auf Aufhebung der Ansässigkeitssphäre sei verbrecherisch, da eine derartige Maßnahme zu einer furchtbaren Revolution führen müsse. Einstimmig wurde festgestellt, daß „nur der Adel imstande sei, die Juden zu bekämpfen und zu vernichten." Die Judenfrage wurde schließlich einer Kommission zwecks Formulierung der zu fassenden Resolution überwiesen. Die Tendenz dieser ganzen echtrussischen Schaustellung ist sehr durchsichtig. Es soll damit ein Druck auf die Regierung ausgeübt werden, daß sie ja dem Drängen der Duma auf eine Erweiterung der Judenrechte nicht nachgebe. Und die Befürchtung, daß die adeligen Herren ihr Ziel erreichen werden, ist leider sehr begründet. jfvankveidj. öur Lage der Juden in Hordafriha. Akaris- 2. März. Die letzte Nummer des „Pariser Journal" enthält einige sehr interessante Daten über die gegenwärtige Lage der Juden in den nordafrikanischen Provinzen Frankreichs. Die Zahl der Juden in Algier beträgt heute 60000 die fast alle französische Staats- * Bürger sind. Sie wurden es durch einen Regierungsbeschluß im Jahre 1870. Diese plötzliche Erbebung der algerischen Juden zu fteien, französischen Bürgern, hat sie förmlich in einen Wetteifer getrieben, sich die französische Kultur anzueignen, die nun bereits ihre Früchte zeitigt. Heute gibt es in Algier, besonders in den größeren Städten, fast keinen Juden mehr, der nicht perfekt französisch sprechen würde. Leider hat mit der Verbreitung der Zivilstation auch die Abnahme des religiösen Gefühls und des Studiums des hebräischen Schrifttums platzgegriffen. Blos in einzelnen Städten, in denen eine größere Zahl aus Marokko etngewandeter Juden wohnen, hat dieser rapide kulturelle Aufschwung nicht diese Berherung anzurichten vermocht. Tatsache ist, daß zwischen den Pariser Juden und den algerischen sich eine immer größere geistige Verwandtschaft herausgebildet hat und daß die algerischen Juden bereits als vollwerttge Franzosen oder zumindest doch ftanzösische Juden angesehen und behandelt werden. Ganz anders stehen die Dinge in Tunis. DaS Land ist viel kleiner als Algier und zählt inmitten seiner Bevölkerung von 2 Millionen ungefähr 120000 Juden. In der Hauptstadt Tunis selbst finden sich 50000 Juden. Tunis ist die größte Judengemeinde in Afrika und hat in der Geschichte der Juden und ihrer Wissenschaft wiederholt eine bc deutende Rolle gespielt. Auch heute wird dort noch viel jüdische Wissenschaft getrieben und die Juden, die in eigenen Vierteln wohnen, halten noch treu zu ihrem Religionsge- , setze. Allerdings macht sich auch in der jüdischen Jugend dieser Stadt allmählich ein unstillbarerDurst nach französischer Kultur fühlbar. Die Alliance- Schule in Tunis wird bereits von 4000 jüdischen Kindern beiderlei Geschlechts besucht, während weitere 2000 die ftanzösische Schule besuchen. Diese Generation wird bereits ganz in ftazöfischem Geiste erzogen und die Allianceschulen sind bekanntlich wenig darauf bedacht, sie dem Judentum zu erhalten. Aber vorläufig sind die tunesischen Juden noch keine französischen Staatsbürger und unterstehen noch der Gerichtsbarkeit des Bey, der unter dem Protektorate Frankreichs steht. Die Juden sind naturgemäß sehr erbittert darüber, daß sie unter diese barbarischen Landesgesrtze gestellt find und haben bereits alle möglichen Mittel angewandt, um ihre Lage zu verbessern, bisher jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Den Mittelpunkt dieser Emanzipationskämpfe bilden zwei jüdischftanzösische Klubs und zwei in ftanzösischer Sprache erscheinende Zeitungen. So lange aber Tunis unmittelbar unter arabischer Herrschaft steht, scheint jeder Kampf aussichtslos. Stnmanten. Heue Judenfiefie in Rumänien. Artkarest, 27. Februar. Die Parteien in Rumänien rüsten sich mit fieberhaftemEsser für die Ende dieses Monats beginnenden Parlamentswahlen, und insbesondere ist es die Regierung, die die größten Anstrengungen macht, um sich gegenüber den beiden kartellirten Oppositionsparteien, den Liberalen und den konservativen Demokraten, den Wahlsieg zu sichern. Die Wahlpropaganda nimmt hiebei Formen an, wie man sie in Rumänien bis jetzt noch nicht gekannt hat. So wurde von den Agenten der heute herrschenden konservattven Partei in den Vorstädten von Bukarest ein Wandkalender verteilt, der das Abscheulichste darftellt, was blutrünstige Phantasie auszudenken vermochte, um die Instinkte der Massen gegen die politischen Gegner aufzureizen. Der Kalender ttägt eine Illustration, die nach der Art der Bilder, wie sie seinerzeit aus Anlaß des Prozesses von Tissa-Efflar verbrettet wurden, das Märchen vom Ritualmorde veranschaulicht.

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