Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1911)
- Date
- 1911-03-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gelte 8. Nr. 10 Zeit brachte Eisenbahnen — das jüdische Lohnfuhrwerk verschwand. Produktiv- und Wirtschaftsgenoffenschaften wurden gegründet — der in den Händen der Juden befindliche Zwischenhandel verlor immer mehr an Boden. Das Land übernahm den Salzverschleiß in eigene Regie—dieJuden verloren einen Teil ihres Erwerbes. Die Sonntagsruhe wird gesetzlich normiert — dem jüdischen Gewerbetreibenden, der ohnehin den Samstac feiert, wird die Existenz empfindlich erschwert. Das Propinationsrecht wurde aufgehoben und das Schankgewerbe reformiert — tausende jüdische Familien werden brotlos. Es ist nun wahr, daß jeder Fortschritt Bestehendes vernichtet. Aber während sonst der Fortschritt, wenn er bisherige Erwerbsquellen abgräbt, gleichzeitig wieder neue erschließt, war es das tragische Geschick der Juden in Galizien, daß jeder Akt der Gesetzgebung oder Assoziation, welcher den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zum Zwecke hatte, mit einer Vernichtung wirtschaftlicher Existenzen in der Mitte der jüdischen Bevölkerung Galiziens verbunden war, ohne ihr Ersatz durch neue Erwerbsmöglichkeiten zu bieten. Unter solchen Verhältnissen nimmt jede weitere Schmälerung des Erwerbes der jüdischen Bevölkerung Galiziens den Charakter einer wirtschaftlichen Katastrophe an, und eine solche ist eben jetzt im Zuge. Mit Ablauf des Jahres 1910 ist in Galizien auf Grund des Landesgesetzes vom 30. Dez. 1875 das seit altersher bestehende Propinationsrecht erloschen und an dessen Stelle trat die Konzessionierung des Gastgewerbes durch die politische Landesbehörde. Diese Neuordnung wurde tausenden jüdischen Familien zum Verhängnis. Die gewiß löbliche Tendenz, die Trunksucht einzudämmen, in Verbindung mit einer an sie bloß äußerlich anknüpfenden, jedoch politischen Tendenzen entspringenden Agitation haben es bewirkt, daß bei der Verteilung der Schanklizenzen nicht nur die Anzahl der Ausschankberechtigten um mehr als ein Drittel reduziert wurde, sondern auch an Stelle der bisherigen jüdischen Schänker zum Teil bäuerliche Gastwirte traten. So kamen tausende jüdischer Familien, deren einziger Beruf und Erwerb bisher das Schankgewerbe war, um ihr Brot. Plötzlich, ohne Uebergang durchgeführt, wirkt auch eine sonst vielleicht zweckmäßige Maßregel verheerend. Dem durch sie hervorgerufenen Elend abzuhelfen, ist dann nicht mehr Sache der privaten Mildtätigkeit, sondern Pflicht von Staat und Land. Wie all diesem Elend abzuhelfen, wie diese Tausende erwerbsloser Existenzen dem schaffensfreudtgen Erwerb zuzuführen, das ist die Frage der Zukunft, das ist die Frage, welche auch die einberufene, nun zum Abschluß gelangte Enquete nicht beantworten konnte. Ungarn, knkeml ferribles (Bon unserem Korrespondenten.) Z. B. A. Budapest, 19. Febr. Der hundertste Geburtstag Leopold Löws bereitet seinen Epigonen gewaltiges Kopfzerbrechen. Er war es, der in der neuesten Geschichte der ungarischen Judenheit die Rolle des Reformators Geiger gespielt hat. Den Gedenktag ohne Trommelwirbel und Trompetenschall einfach vorüberrauschen zu lassen, wäre die beispielloseste Versündigung gegen den einzigen Mann, der mit seinem urwüchsigen Sturmgeist Atem in das hohle Klappergerippe der ersten Reform unseres Landes hauchte. Ohne seine brutale Kraft wäre das schwächliche Gebilde in dem seichten Gewässer Einhorn-Dannhofischer Geschwätze jämmerlich verkrüppelt. Löw wußte, was er wollte, und wollte, was er wußte. Nun macht aber eine solenne Jubiläumsfeier den toten Löw gefährlich. Denn sie lenkt die Aufmerksamkeit auf sein Lebenswerk und da rufen seine Pranken höchst ungemütliche Empfindungen bei all jenen wach, die von der alleinseligmachenden Einheitlichkeit in allen Tonarten fisteln. War er es doch, der als „Leo di Modena" schon vor vierzig Jahren _ Der Israelit._ all das mit lakonischer Schärfe präzisierte, was sich bei der Orthodoxie zu einem Grundsätze verdichtete und wovor seine schwindsüchtigen Nachfahren zittern. Er war es, der schon damals, als die Waßmanns und Hirschlers im Namen des Kongreßjudentums über das Judentum kat exochen triumphieren wollten, seine Donnerstimme gegen diese Gewissenserdroßler erhob und mit seinem Gutachten viel zur Klärung der Situation und zur Entwicklung der Dinge betgetragen hat. Ihn als große Autorität auf dem Boden der Judenreformation feiern, wäre ein eontradietio in adjecto und hieße, sich den Boden unter den Füßen wegziehen. Unsere Antipoden bringen auch dieses Kunststück zuwege. . . (was übrigens im Zeitalter der Lenkbarkeit des Luftballons, wo so viele in der Luft schweben und von der Luft leben, nicht gar zu schwer sein wird.) Aber es dämmert bereits in allen klaren Köpfen, nicht nur bei unS, sondern auch bei ihnen. Das phantastische Märchen von der suggestiven Hypnose der orthodoxen Landeskanzlei, die in egoistischer Absicht jede Meinung aus dem Volke unterdrücke, zerrinnt wie ein Nebelphantom, wenn man das orthodoxe Organ zur Hand nimmt und liest, wie tief das Gefühl der Nichtzusammengehörigkett der zwei Konfessionen die Masse durchdrungen hat. Wein-Gaspor — ein Mann aus dem Volke, einer unter Hunderttausenden, der gewiß keine Aussicht hat, auf dem Rücken seiner Konfessionsgenoffen in die Landesrepräsentanz zu gelangen — läßt in seiner lapidaren „Abrechnung" den Gedankengang widerspiegeln, der die Weltanschauung des „Orthodoxen" bestimmt: „In erster Reihe erklären wir, daß wir mit den Reformjuden nicht verhandeln. Gemäß dem Schulchan Oruch geht uns die Kompetenz ab, die durch unsere Altvordern geschaffenen Institutionen umzustürzen) es gibt für uns kein Forum, das anders als sie entscheiden könnte. Da dieses große Kollegium einmal entschieden hat, daß es zwei jüdische Konfessionen gibt und daß man von den Kongreßjuden abrücken und sich in separater Organisation als gesonderte Konfession mit gesonderter dogmatischer Grundlage zusammenschließen muß, ist die Sache ein für allemal abgetan. „Diese separate Organisation hat nunmehr eine vierzigjährige Vergangenheit, auf die das glaubenstreue Judentum stolz ist, da dadurch das Gebot unserer Großen historisches Faktum geworden ist" rc. „Die Herren sollen sich nicht anstrengen. Sie mögen keine Aerzte, Advokaten und Apotheker als neologe Apostel zu uns schicken. Ihre Krankheit ist unheilbar. Da hilft kein Doktor und keine Apotheke." „Sie haben einen verlorener Prozeßdie Gerichtskosten sind hinausgeworfen." „Sie mögen all ihre Rabbiner ausnahmlos verjagen, und ihre Bethäuser niederreißen, dann sich auf Basis des ,Schulchan Oruch^ konstituieren, vielleicht können sie dann noch glaubenstreue Juden werden. Bis dahin stehen wir ihnen keine Rede." „Wir haben abgerechnet." Ebenso klar, wenn auch nicht ganz so. kräftig, schreibt der Sekretär der Pefter Kultusgemeinde, Dr. Weißburg, im „Hitkozsigi Szemle": „Wir haben Dogmen, und es gibt genug dogmatische Unterschiede zwischen der Orthodoxie und der Neologie. So z. B. ist es die ausgesprochene Auffassung der Orthodoxie von der Bibel, daß diese im engsten Sinne des Wortes Resultat der göttlichen Offenbarung ist, während laut dem Unterricht im Rabbinerseminar manche auf die Bibel bezügliche traditionelle Auffassung vor der modernen kritischen Forschung nicht Stand hält. Die Einheit der heiligen Bücher, ihre Autorchaft, die Authenticität des Textes, die Beräßlichkeit der historischen Daten, die Einheit des Geistes der ganzen Bibel, kann zum Gegenstand kritischer Beurteilung gemacht werden —" „In der Gebetsübersetzung eines der angesehendsten Neologen rabbiner wird die auf ,Tchias HamesinL bezügliche Ausdrucksweise immer abge- __v. März 1911 stumpft." In einem approbierten Lehrbuch des gleichen Autors wird von den dreizehn Glaubensartikeln gesagt, diese Zusammenfassung bindet nicht die religiöse Denkart der verschiedenen Zeitalter, sondern ist nur ihre Grundlage." „Gegenüber der Ansicht der neologen offiziellen Presse möchte ich darauf Hinweisen, daß es außer den bedeutungslosen dogmatischen Unterschieden tief eingreifende prinzipielle Differenzen gibt, welche der Neigung der Orthodoxen zur Separierung, wenn vielleicht nicht volle Berechtigung, zumindest bemerkenswerte Nahrung bietet." „Die von neologen Gemeinden in neuerer Zeit eingeführten Ritualgebräuche sind nicht die Fortsetzung hier oder dort bestandener Minhagim, sondern bewußte neu etngeführte Aenderungen, die mit den Bestimmungen des Schulchan-Aruch im Widerspruch stehen." „Auf solche Weise müßten wir ja auch die Karaiten für Juden halten; wenn diese auch den Talmud verweisen, stimmen sie doch wenigstens mit den Orthodoxen überein, daß die Religion sich vor gar keiner äußeren Rücksicht beugen kann. Bei den Neologen kommen bald Schönheits- und Toleranz-, bald Sanitäts- und pädagogische Rücksichten zur Geltung" rc. „Ich muß demnach die Tatsache festnageln, daß der Standpunkt der Neologie ein anderer als der der Orthodoxie ist, und man kann nicht mit ,dem tiefen Brustton der Ueberzeugung^ vor der Regierung verkünden, daß es zwischen beiden keinen Unterschied gebe, daß das Judentum, trotz der Besonderheit der Minhagim, immer einheitlich gewesen." „Die Grundbedingung des ehrenhaften Friedens" — das ist sein Schluß — „kann nur die dualistische Organisation sein." Da er aber nicht radikal genug ist, um seine „dualistische Organisation" bis in die letzte Konsequenz — da er immer von einheitlicher Basis spricht — durchführen zu wollen, bleibt sein Vorschlag für uns natürlich-ein hölzernes Eisen. Seine ehrliche Offenheit hat ihm aber bei seinen Parteigängern wenig Dank gebracht. Die von Mezet können keine Gegenmeinung dulden und haben ein Kesseltreiben gegen den Sekretär der Kultusgemeinde arrangiert. Es ist aber ganz gut möglich, daß der ganze Lärm nur dazu gemacht wurde, um die öffentliche Meinung von ihrer chazarischen Exkursion abzuwenden, denn diese hat die Gesellschaft ganz gründlich bloßgestellt. Die Bundesgenossenschaft mit den Herren von der Volkspartei hat den Nimbus dieser Judentumspächter elend zerfetzt. Und es mag sein, daß der Siegelring des Feindes dem Judentum in seiner inneren Gestaltung zuträglicher war als alle die tiefgründigen Sentenzen der idealen Geister. * * Das antisemitische Organ: „Alkotmany" zitiert in seinen Hetzartikeln gegen die Juden Franz Mezeys Aufsätze im Jahrbuch der „Un garisch israelit. Literatur und Gesellschaft", wo der Sekretär der neologen Landeskanzlei und der Chewro Kadische folgendes schreibt: „In einzelnen Dörfern, sogar in Marktflecken, sieht man kaum einen anderen Menschen als in Fetzen herumstreichende Juden. Wer sie sieht, glaubt es wohl, daß sie jene Blutegel seien, welche die Wallachen und Ruthenen ausgesaugt haben. Ein solcher steht dort bei der Türe seines Gewölbes und erwartet den Gast, der für das Korn Schnaps nimmt, für Eier Essig eintauscht. Er grübelt im Talmud, aus welchem sein abgesonderter Verstand nur wenig profitiert. Die Wunderrabbis haben die Bauernarbeit zu verfolgen begonnen. Sie verkünden Verachtung gegen die Handwerker" rc. „Auch die Judenschaft verkündet schon offen" — triumphiert Alkotmany — „was bisher nrn die Antisemiten zu sagen wagten." Daß die Ziele beider verschiedene sind und der eine den Szigether Juden, der andere aber nur das Judentum erschlagen will, ändert an der Tatsache der heiligen Allianz nicht das mindeste, schreckt höchstens das zeitgeistscheue