Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1911)
- Date
- 1911-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s. März 1911. treten, der sich dann formen wird die Disziplin aus der Lehre. di. (Wir kommen unsererseits auf die in mehr als einer Richtung über das lokale Interesse weit hinausreichenden Londoner Vorgänge, deren Ursachen recht tief liegen, zurück, sobald die Ergebnisse der m* Leeds tagenden Konferenz der orthodoxen Rabbiner bekannt sind. Red. d. Jsr.) r.vd-«<. orrespondenzen und Machrichten. Deutsches Molch. Berlin, 1. Marz. Wie die hiesigen Blätter übereinstimmend berichten, nimmt die Massenausweisung von Juden inTschernigow immer größere Dimensionen an. Es wurden nluerdings insgesamt 2000 Personen, meist jüdische Getreidehändler, ausgewiesen. Das dortige Börsenkomitee petitionierte bei Stolypin um Aufhebung der Ausweisungsbefehle, doch hatte die Petition keinen Erfolg. Aus Rußland angekommene jüdische Familien berichten von grauenhaften Szenen, die sich im Gouvernement Tschernigow bei den neuerlichen Judenausweisungen ereigneten. Der Gouverneur hat an alle Behörden die Weisung ergehen lassen, sämtliche Juden, die weniger als zehn Jahre dort wohnen, unverzüglich auszuweisen. Demgemäß gingen die Behörden mit rücksichtsloser Strenge vor. Kranke und Greise werden aufs Pflaster geworfen. Der Getreidehändler Kopalewski bekam den Befehl, binnen 24 Stunden den Ort mit Weib und Kind zu verlassen. Da aber die Frau erst seit 6 Tagen Wöchnerin ist, bat er um einen Aufschub, wurde aber abgewiesen, und nach 24 Stunden erschien die Polizei, um die Familie gewaltsam zu entfernen. Die Wöchnerin erlitt einen Ohnmachtsanfall und wurde in das Spital transportiert, wo Der JSrarM. sie an einer Lungenentzündung die sie sich durch oen Transport zugezogen hat, starb. Auch aus Mo hi lew wurden mehr als 100 jüdische Familien ausgewiesen. Dabei kam es zu einem blutigen Kampf zwischen den Polizisten und den ausgewiesenen Juden, wobei beiderseits Revolverschüffe abgegeben und acht Personen tötlich verletzt wurden. Der Teil der jüdischen Bevölkerung, der die Mittel zur Reise hat, flüchtet aus Furcht vor Pogromen über die Grenze nach Rumänien. -9 Ikertirr, 26. Februar. Nach einer vom Norddeutschen Telegraphen- und Korrespondenz- Bureau für Schiffahrt un.d Kolonisation in Berlin den Zeitungen zugehenden Nachricht hat der nordamerikanische Staatssekretär für Handel und Gewerbe, Dr. Nagel, sich durchaus für die von der jüdischen Wohlfahrtsvereinigung, insbesondere von dem „Hilfsverein der deutschen Juden", sowie von der russischen I t o unternommenen planmäßigen Ueberleitung jüdischerAuswanderernach arbeiter- und handwerkerbedürftigen Staaten des Südens, vornehmlich Texas, ausgesprochen, wobei die Regierung der Vereinigten Staaten die Arbeit obiger Vereine als zweckmäßig und patriotisch bezeichnet. Berlin- 23. Februar. Ein der Bnei-Brith- Loge'» nahestehender Berichterstatter schreibt uns: Der Preßkamps für und gegen die Juden wird lustig weitergeführt. Gottlob wütet der Antisemitismus nicht mehr in der Leib und Leben gefährdenden Form wie vor dreißig Jahren, da noch Judenverprügelungen zum Sport der Studenten und Leuten ähnlichen Bildungskalibers gehörten. Man ist seitdem entschieden gesitteter geworden, wenigstens korrekter tn der äußeren Form. Man haut die Juden nicht mehr mit Faust und Stöcken, sondern nimmt fein säuberlich die Feder in die Hand — und schreibt höfliche Artikel. Sind nun diese Artikel auch nicht immer besonders logisch, so doch sicher oft recht geschickt verfaßt. Für den konservativen Teil der Juden ist es höchst schmeichelhaft, daß, bei allen zum Fenster hinausgesprochenen Aufforderungen, sich doch endlich zu assimilieren ur:d aufzugeben, die Verfasser stets nur an das liberale Judentum appellieren. Und wie ein Leitmottv klingt es durch alle diese Elaborate: „Euch ist ja das Judentum doch nur eine durch Geburtszufall zugefügte Kränkunginnerlich seid Ihr ja doch schon abgefallen, Ihr seid für das eigentliche Judentum, dessen erste und letzte Kraft im Bibelglauben, in Traditionen und Zeremonien verankert ist, ganz und Ett. iv. «et» 5 gar wertlos. Seid doch konsequent ünd macht euch, da es ja zwischen „aufgeklärten" Christen und „aufgeklärten" Juden gar keine religiösen Differenzpunkte geben kann, das Leben nicht sauer. Hier die Bruderhand!" Bereits seit zwei Monaten dauert das Geplänkel zwischen dem beknnnten Geheimrat Köhler einer- und Professor Maybaum, Kirchenrat Mayer, Walter Rathenau andererseits. Und erst dieser Tage hat der letztgenannte.wieder im „Tag" den Kampf ausgenommen. Es ist wittkltch Pech für die liberalen Herren, daß die christlichen Mahner ihnen erst die Augen darüber öffnen müssen, daß dieser schrankenlose Liberalismus gar nicht anders verstanden und aufgefaßt werden kann, als der schrittweise Untergang und Uebergang ins Christentum. Die christliche Logik ist hier viel, viel klarer als die jüdischliberale, und während die „liberalen" Juden die wahre Situation noch nicht einmal richtig erfaßt haben, vermochten christliche Augen bereits die letzten Konsequenzen kommen zu sehen: den langsamen Auflösungs- und Uebergangsprozeß. Der jüdische Liberalismus erscheint ihnen fallreif. Es kann aber noch anders kommen,- und es scheint, daß es wirklich anders kommen sollte. Und gerade Berlin scheint von der Vorsehung dazu auserkoren, die Regenerierungsstätte des Judentums in Deutschland zu werden. Dasselbe Berlin, in dem die Kinder Moses Mendelssohns das Signal zum Abfall und zu Massentaufen gaben} dasselbe Berlin, das den wahnwitzigen Einfall Holdheims, durch die Sabbaiverlegung dem Judentum den Todesstoß zu versetzen, zur Tat werden sah. Ein wirklicher Treppenwitz der Geschichte. Was sich im „Tiergartenhof", einem großen Saalbau, an der Grenze zwischen Berlin und Charlottenburg, in den letzten Wochen zugetragen hat, zeigt die ersten Symptome der RekonvaleScenz des kranken Judentums. Man muß dabei gewesen sein, wie da die jugendlichen Geister aufeinander losplatzten. Wohl zwölfhundert nicht ganz junge Leute teilten, sich da in zwei, drei, vielleicht auch noch mehr Lager. Auch ein „liberaler Jugendverein,, (?) trat hier, zum erftenmale wohl, in die Arena/ zunächst gegen die überall anzutreffenden Zionisten, die mit ihren Gegnern ziemlich leichtes Spiel hatten. Man brauchte aber gar nicht erst Partei für oder gegen die eine oder andere Gruppe zu nehmen, um dennoch die Freude empfinden zu können, wie in allen diesen jugendlichen Brauseköpfen in ihrem dunklen Drange ein freudiger Wille zum Judentum lebte. Junge Bürschchen von kaum sechzehn Jahren, Studenten, Kaufleute, auch zahlreiche Mädchen und Frauen, kurzum alle Altersgrade und Beruft taten forsch mit. Und wie auch das Durch das Spalter der Kleinen hindurch, vorbei an dem Halbkreis, den die größeren Klaffen vor dem Eingang gebildet hatte, bewegte sich die Schar der Gäste dem neuen Schulgebäude zu. Nachdem hier d^r Direktor, Herr Dr. Auerbach mit bewegter Stimme 13"nrN& rim3 gemacht und daran einige Worte deS mutigen Ausblickes auf die Zukunft geknüpft hatte, übergab er unter dem anmutigen Gesänge des Chors, der unter der Leitung des Kantors drr Gemeind; ppsn DSUn "VtP *Ylö7ö intonirrte, die Schlüssel zum Gebäude Herrn Oberrabbiner K u k. Als die Stimmen der jungen Sänger verhallt waren, öffnete diescr mit den Worten inPQ D’JIOK HDlff pHX ’,U KTl die Türe. Bon allen Seiten, durch Fenster und Türen strömte nvn die Menge ins Zimmer, das allerdings nur einen kleinen Teil derselben fassen konnte. Die meisten mußten sich von draußen bemühen, den Ausführungen -;u folgen, die Herr Rabbiner Horowicz aus Jrrusalem in seiner feurigen, ron innerster Begeisterung gltragenen Festrede machte. Anknüpfend an die 13'NNV rD'”0 des Direktors sieht t er Redner in der Dreiteilung der Brochv: OTHIP, UO’pl' eine Andeutung der drei Entwicklungsstadien des Palästtna-Schulwerkes der „Freien Bereini- S’. Ob auch alles b sher Geleistete nur ein schöner, .rheißender Anfang sei, so zieme es doch, derer dankbar zu gedenken, die bisher mitgeh. lfen, vor allem der Rabbonim tn Jerusalem, Rabbi Chajim Berlin, R. Chajim S o n n e n f e l d, R. Serach Bravermann, des Jaffaer Oberrabbiners Kuk, der Mitglieder des Schulkomitees dah er, des in stiller vorbildlicher Unermüdlichkeit -waltenden Direktors Dr. Auerbach und des gesamien Lehrkörpers der verschiedenen Schulen. Mit einem 'pp! auf den Borfitzenden der „Freien Bereinigung", Rabbiner Dr Breuer, auf den Vorsitzenden und die Mitglieder der Nalästinakommisston, insbesondere ihren geistigen Berater, den bewährten Forscher, Rabbiner Isaak Halevy, sowie auf Pekidim und Amarkalim in Amsterdam, schloß der Redner unter enthufiastischen 'N'- Rufen der Versammlung seine Ausführungen. Schon drängte die Menge dem alten Gebäude zu, woselbst bereits seit Mittag der Tisch gedeckt war, da meldeten stch, unter freiem Himmel, n. ch zwei zum Wort, zwei, die in erster Linie den Anspruch darauf hatten, gehört zu werden: zwei Schüler/ der eine als Vertreter der K lrinsten, der Sprecher der unteren Klaffen, die ganz von uns abhän^en, denen unser kühnstes Hoffen und Wünschen gilt. Und der zweite als einer der Ael, testen, die bald hinaustreten werben aus der Schule und uns noch danken dafür, daß sie vor chrem Scheiden den Weg vorgezeichnet bekamen, dem sie ihr junges Leben weihen müffen. Nicht endenwollender Beifall umtoste die jugendlichen Bolksredner, die m Gewühle der sie umgebenden Menge untertauchten und zu verschwinden suchten. Bald faß man bei Tisch, und der nun folgende Festteil bi deir den Glanzpunkt des Abends, der nicht nur innen durch zahlreich; Lampen, sondern auch außen durch einen Kranz von Lampions festlich erleuchtet war. Wenn die frisch n Stimmen des Schulchors, der unter der Leitung des Herrn Rastowsky Wunderschönes leistete, schwieg, dann würzte sogleich einer der Anwesenden durch min nm das Mahl. Als einer der ersten sprach Herr Slatiabkh im Namen des Schulkomitees üeffen Dank und Freude aus. Im Namen der Lehrer sprach Herr S ch a p i x o temperamentvoll und formvollendet zugleich. Mt einem Rückblick auf feine eigene Tätigkeit inmitten der hiesigen Jugend begann Herr Rabbiner Frumktn seine inhaltvolle Rede, in deren Verlauf er bedauerte, daß so viele seiner früheren Schüler das Land, das ihnen zum Glück und zum Segen hätte werden sollen, nicht lieben wollten; sie alle seien in fernen Landen tn fremde Kultur untergetaucht und — untergegangen für's Judentum. Die gemütvolle Rede endete mit der Hoffnung, seine schönsten Ideale in den Händen der jetzigen Erzieher nicht umsonst gepflegt zu sehen. Rcch Maariw sprach noch der Jaffaer Raw, Herr Oberrabbiner Kuk. Wohl hatte er vor, hebräisch zu sprechen, aber auf den dringenden Wunsch des Publikums sprach er , jüdisch-deutschum desto größerem Berständniffe zu begegnen. Bon dem im Herb st eröffneten /V|32^ P'2 sprach er, und von den großen herrlichen Hoffnungen, die sich daran knüpfen, deren Erfüllung er von der Tätigkeit der Mädchenschule erwartete. Und wie er ernst und nachdrücklich darauf hinwies, daß die ganze Aufgabe des Jehudi nicht, wie so manche glauben, auf die alten, hinfälligen Greise warte, sondern vor allem alle Jungen »an Boro" rufe, die es noch nicht gelernt haben, ihrem jüdischen Willen, Herzen und Geist die Schranken zu ziehen, die das Alter errichtet; — da glänzten die Augen der Jugend. An Schüler und Schülerinnen wendeten sich noch Herr Direktor Dr. Auerbach und Herr Lehrer Jakobsohn in vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenorn Worten. So neigte der denkwürdige Einwechungstag des neuen Schulgebäudes der mm seinem Ende zu. Und nachdenr sich bereits alle Gäste entfernt hatten, saß lange noch, bis spät in die Nacht hinein, ein kleiner Kreis von Männern beisammen, die unter Erinnerungen und Ausblicken in die Zukunft dem verflossenen Tag ein