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Der Israelit · 1911-03-09 · Heft 10 (9.3.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 10 (9.3.1911)
Date
1911-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 Xu 10_ Hellen Tageslichte im lebhaftesten Teile des Londoner Judenviertels ihr Fleisch als iV2, ohne auch nur Notiz davon zu nehmen, daß die Hauptstadt Englands, wie jede andere jüdische rotnp ihr „anerkanntes" Beth Din hat, das sich vor jedem anderen Beth Din der Diaspora sogar darin auSzeichnet, daß es seine entscheidende Machtbefugnis nicht nur auf eine Stadt, sondern auf ein ganzes Land, ja noch mehr, auf das ganze britische Weltreich auszudehnen sich berechtigt glaubt. Die „frevelhafte Waghalsigkeit" diesem „Eingewanderten" wird nun auch von der gebührenden Strafe ereilt. Das große, weltbeherrschende Londoner Beth-Din spricht über das Fleisch einen "DDK aus. Ein Prozeß vor den Geschworenen folgt. Die in ihrem Geschäft geschädigten Metzger der neuen Gemeinde strengen gegen deS Beth Dins vollstreckende Organe eine Verleumdungsklage an, bei der nun die Kompetenz des Londoner Beth Din in Frage kommt. Da nun jene von den Londoner Beth Din usurpierte Machtsphäre in Wirklichkeit keinerlei nachweisbare rechtliche Basis hat, so hat die zwölfgliedrige Jury die ganze Streitfrage unentschieden lasten müffen. Und ob dieser erschütterten „Weltherrschaft" dem Londoner Beth Din, dem das „eingewanderte" Element in seinem „Selbständigkeitsdrange" über den Kopf zu wachsen droht, führt vor kurzem ein Londoner Korrespondent in den Spalten dieses Blattes jammernde Klage. „WaS wird aus der Lehre in England, wenn die Disziplin geschwunden?" Das macht nun diese rein lokale Episode zu einer Frage allgemeinster Bedeutung. Denn das Verhältnis zwischen Disziplin und Lehre ist das Problem, dem sich das gesetzestreue Judentum in unserer organisationslustigen und darum disziplinsüchtigen Zeit immer wieder gegenübergestellt sieht. Die Konsistorial-Bersastungen, die in den Staaten, wo sie eingeführt, das alte Judentum entweder bereits erdrosselt haben oder es zu erdrosseln suchen, sind die traurigsten Früchte dieser modernen Disziplinierung der Lehre. Nirgends war der Begriff der Disziplin in der Religion früher zuhause, als gerade im Judentums. Hat doch schon das Gotteswort allen autoritativen Aussprüchen jüdischer Weisen von vornherein den Stempel der unbedingten Rechtskräftigkeit verliehen. (S. Pent. V 17, 11.) Allein jüdischer Geist läßt die Disziplin ungefähr in dasselbe Verhältnis zur Lehre treten, wie sich in der Körperwelt die Form zur Materie verhält. Niemals vermag der Menschengeist sich die Materie ohne Form, noch die Form ohne Materie vorzuftellen, und doch ahnen wir, daß tief verborgen in den Atomen der Materie die gottge- _Der Israeli»._ gebenen geheimen Kräfte weben, die der Materie ihre Form gebieten. Die Form mag unter verschiedenen Emsiüffen eine verschiedene sein, immer aber ist sie aus dem Mutterschoße der Materie geboren, die sie nun gestaltgebietend in allen Teilen beherrscht. Die Materie ist, die Form wird aus ihr, an ihr. Die Materie ist seiend, die Form werdend. So die Lehre. Sie ist. Unveränderlich seiend, für alle Ewigkeiten. Die Formen der Disziplin (0'a'Ol oma), die der Lehre praktische Erhaltung inmitten der mannigfaltigsten Lebensverhältniste sichern sollen, wachsen mit gesetzmäßiger Notwendigkeit aus dem Schoße der Lehre selber heraus. Erleuchteten Männern Israels war es gegeben, diese Gesetzmäßigkeit in den Tiefen der Lehre zu erlauschen und ihr praktischen Ausdruck zu verleichen. Die Lehre ist die Materie, die von Israels Weisen um sie gezogene Disziplin — der Zaun, wie sie es nennen—ist die Form, die aus dem Schoße der Lehre selber geboren. Dies die altjüdische Formel des Verhältniffes zwischen Lehre und Disziplin. Modernes Konsistorientum, und solches ist auch die „Weltherrschsucht" des Londoner Beth-Din, hat mit Nichten solche Disziplin im Auge. Wären sie an die jüdische Quelle gegangen, um von dort Form und Methode der Disziplinierung der Lehre zu schöpfen, so hätten sie es ja im ersten Spruche der Weisen, im Spruche der N71ian NV32 'P3K die noch den unmittelbaren Hauch der Propheten fühlten, finden können, daß sie nebst 3'D wy min?, nebst der „Verzäunung" der Lehre vor allem nvn DHWn ivoyn verlangten, daß für recht reichen, recht gesunden Schülernachwuchs gesorgt werde. Daß es also dem jüdischen Geiste diametral entgegengesetzt ist, alle „Fäden der Halacha" eines Reiches einer schwachen Menschenhand zu überantworten und die übrigen im Dienste der „Kirche" Stehenden zu Kaplänen des Einen zu degradieren, daß vielmehr z. B. der Chatham Sofer 7"aCT die noch immer stärker als irgendwo sonst wirksame Disziplin der Lehre in Ungarn damit begründete, daß er recht viele Rabbiner neben sich erzog und groß werden ließ, die nicht als feine Kapläne, sondern als unabhängige Rabbiner in ihren Gemeinden das jüdische Leben und das Studium der Thora zu prächtiger Blüte brachten. Gewiß hätte diese Autorität auch keinen Unterschied zwischen eingewanderten und eingeborenen Rabbinern gemacht, wie es den Wortführern des hiesigen Beth Tin so geläufig ist. Allerdings hätte Chatham Sofer, wenn man ihn zu einer parlamentarischen Kommission vorgeladen hätte, den jüdischen Standpunkt in der Ehescheidungsfrage klarzulegen _9. März 1911. verstanden, den jüd ischen Standpunkt vertreten. Nicht wie es vor einigen Wochen hier geschehen, daß das Londoner Beth Din das in England zum Staatsgesetz erhobene christliche Ehescheidungsgesetz weiter in voller Kraft zu behalten empfahl, obgleich die betreffende Kommission mit der Absicht eingesetzt worden war, das Gesetz in humaner Weise zu erweitern, also dem jüdischeit Standpunkt näher zu bringen. Hingegen hat zur selben Zeit den Herren vom Beth Din scheinbar wieder die „Disziplin" der Lehre — wie sie sie deuten — so sehr am Herzen gelegen, daß sie vor dem ungeheuren Schritt nicht zurückschreckten, vor derselben parlamentarischen Kommission in denunziatortscher Weise die „eingewanderten russischen Rabbiner" anzuklagen. Ganz spontan, ohne hierüber befragt worden zu sein, sagt der Chiesrabbi vor derselben Kommission ungefähr folgendes: „Die eingewanderten Rabbiner sind in ihrem Heimatlande an andere Ehescheidungsgesetze gewöhnt, als die hier zu Lande üblichen und üben diese heimatliche Praxis trotz wiederholter Mahnungen von meiner Seite zum großen Schaden der allgemeinen Moryl und Sittlichkeit hier weiter. Sie nehmen Ehescheidungen vor in Fällen, die das englische Staatsgesetz nicht als Scheidungsgrund anerkennen würde und vergehen sich dadurch gegen die Gesetze des Landes, wofür ich die Einführung einer strengen Strafe der Kommission sehr empfehlen möchte." So sieht wahrscheinlich der via, der „Zaun" aus, den die bischöflich-rabbinische Disziplinarordnung zum „Schutze" der Lehre vorschreibt. Kein Gesetz verbietet den Rabbinern in England Ehescheidungen vorzunehmen; nur anerkennen will der Staat diese Ehescheidungen nicht, insolange sie nicht auch zivilgesetzlich durchgeführt werden. Das Zivilehegesetz — ein mittelalterlicher Ueberrest im englischen aorxrw jaris — kennt aber nur Ehebruch als einzigen Scheidungsgrund. Weil nun diese „eingewanderten" Rabbiner dem jüdischen Gesetze entsprechend auch in anderen dringenden Fällen, z. B. eine Frau vor ewigem Wttwenstande zu retten, Ehescheidungen vornehmen, darum klagt man sie von jüdisch-offizieller Seite an und stellt sie vor den Augen der Volksvertretung als die öffentliche Moral gefährdende Verbrecher hin, die nicht hart genug bestraft werden können. Und nun wollen wir noch immer besorgen, was in England aus der Lehre werden wird, wenn diese Disziplin geschwunden? Frisches Gemeindeleben wird erblühen, Männer der Thora werden in gegenseitiger Würdigung die Schicksale der jüdischen Sache lenken, an die Stelle engherzigen Bureaukratentums wird Thoragetst schon geraume Zeit vor dem Beten die Umgebung der min bevölkerten. Eine Unruhe, die sie gar gerne unterdrücken wollten, aber doch nicht konnten. Sie machte sich bei den einen in überlautem Diskutieren, bei den anderen in der Rezitation eines einstudierten Liedes Luft. Die Diskussion der einen bewegte sich um die kritische Betrachtung des gerade gegenüber der TJöSfi min befindlichen neuen Schulgebäudes, und die Melodie der andern hatte zum Text: -yiftT JV2.1 ‘TtP- Und beides gehörte zusammen. Der Kindertag, der im Anzuge war, der den Jungen neben Ehre und Ruhm auch Wein und „Lekach"*) einzubringen versprach, war in Wirklichleit der Etnweihungstag jenes neuen Gebäudes, das zur Ergänzung des alten von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" errichtet worden war. Da Fab cs ein Rennen und Rackern, ein Scheuern und Schmücken! Die Kinder waren in ihrem Element! Fühlten sie doch, daß dieser Tag ihnen gehöre. Unter den allerlei Zurüstuugen war der Mittag herangekommen. Ein Mittag, so schön und mild, einer, der sich des menschlichen Herzens bemächtigt und es mit Heiterkeit und Frohsinn erfüllt, einer, der die ganze, lange, traurige Regenzeit, die hinter uns lag, vergessen machte. Alles stand bereits fertig da; die Eingänge prangten im Schmucke „unsere r" Blumen und Blätter; der Tisch war mit allem Guten und Schönen gedeckt. Die Schüler warteten jetzt nur auf den Ha iptspaß. dessen Beginn ihnen für Uhr nach arabischem „Zeiger", also */»2 Uhr nach unserer Uhr, angekündigt worden war, auf das Photographieren. Eine Art von symbolischer Bedeutung lag in diesem Bilde, mit dem die fpyjFl ihre" bisherigen Wirkungskreis in dem Augenblicke verewigte, in dem sie ihre Kreise weiter zog. Aber auch dieser „große" Augenblick ging vorüber. Die Kinder sammelten sich uno bald standen die verschiedenen Klassen in zwei Halbkreisen ausgestellt von dem alten Gebäude, um die Gäste zu empfangen. Inzwischen hatte sich auch der ganze Platz gefüllt; von überallher waren die Einwohner der TOtölJD zusammcngeströmt, denn so, an alle Einwohner, war die Einladung ergangen. Sollten doch die Feste, dte die mm Titten feiert, Mit Nichten nur Privatangelegenheit der Lehrer und Schüler sein. Darum waren sie alle, die N2V1Q in ihrer Gesamtheit geladen/ und dte Besten kamen. So konnte von einer geschlossenen Feier keine Rede sein. Eine vielköpfige Menge umstand den Festplatz, als Nlan um 4 Uhr begann, nn3ö zu beten. In diesem Augenblick langten auch die Gäste aus Jerusalem und Jaffa an; und wenn das Gebet die Herzen höher gestimmt halt, so erweckte der Anblick der großen Menge und der Teilnahme, die sie an diesem Feste bekundete, in jedem ein Gefühl ernster Befriedigung. Die Bedeutung dieses Festes der zu neuen Siegen schreitenden mm im Lande der mm kam einem jeden so recht zu Bewußtsein, als die Ueberraschung, die den Gästen zugedacht war, offenbar wurde. Denn nicht ohne Bedacht hatte man die Einweihungs* seier aus JTOön verlegt. Zur Feier des Tagesan dem öle Natur..Erez Israels im Bunde mit der Gesellschaft erscheint, sollten auf dem Platze zwischen den beiden Gebäuden von uns selbst junge Baume, neue Pflanzen eingesetzt werden. NVQN V2V2 war ja gekommen, er würde der neuen Sa t all jene göttlichen Kräfte und Säfte übermitteln, die die Pflanzen wachsen, die Früchte gedeihen laffen. In sichtlicher Erregung nahm als erster der Jaffaer Oberrabbiner Kuk einen Oelbaum aus der Hand des Direktors Dr. Auerbach entgegen. Anknüpsend an die Tatsache, daß ein Olivenblatt es war, das die Taube Noahs zum Zeichen, daß die Waffer zurückgetreten seien gebracht habe, sah der Redner zurück auf die Hochflut all j ner Ereignisse, dte uns Juden in den letzten Jahrzehnten mit sich zu reiß n drohten, sah sodann vorwärts >uf den Weg, den das Judentum hier betreten hat und gehen wird und senkte zum Wahrzeichen hierfür den jungen Sproß in die Erde. Die Rede war von diesem durch mehre als eine gehaltvolle Schrift als glänzenden Stilisten bekannten Gelehrten in prachtvollem Hebräisch gehalten worden, und als er schloß, war des Beifalls kein Ende. Mit dem Wunsche NVV' "IIP# ^21 legte sodann Herr Rabbiner H o r o v i tz aus Jerusalem als Vertreter der „Deutsch-holländischen Paläst i n a v e r w a l t u n g" und des Jerusalemer Bur> aus der „Freien Bereinigung" den ersten Keim zu einem Weinberg; Herr Same Sonnenfeld aus Jerusalem überbrachte die herzlichen Glückwünsche seines Vaters Rabbi Chatm Sonnenseld in Jerusalem, Herr Direktor Schlesinger aus Jaffa und Herr Dr. Engel aus Jaffa als Vertreter der befreundeten Tachkemoni Schule vervollständigten den Weinberg in der Anordnung 2311 DmtP 1332 D'TIIZ?* Noch folgten Ethrog, Dattel, Feige u.d Granatapfel, und man hatte all' die^Früchte, die die Zierde des heiligen Landes bllben, vor Äugen. *) Bäckerei.

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