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Der Israelit · 1911-03-09 · Heft 10 (9.3.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 10 (9.3.1911)
Date
1911-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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9. März 1911 Der Israelit No. IO. Sette 8 herein wirksam zu schützen, gibt es eben nur ein Mittel. Dieses hat uns die reichsgerichtliche Entscheidung unzweideutig gezeigt: die Feftlegrnrg eines Statutes, das die B e i s c n u u g v o n A sch enurne n in einer b est i in m te n itnb (tu dj f ü r jcb c n Staufer v o n B c gräbnisPlätzen bindendeu Weise a n s - schließ t. Eine solche klare Bestimmung wird wie aus den Perhandlungen im Falle Hamburg deutlich hervorgeht, von deu Gerichten in allen Fällen respektiert werden und sie wirk vor grundfalscher Auffassung der Stellung der gläubigen Judenheit zur Feuerbestattung, wie sie m diesem Falle obwaltete, schützen. Gerade jetzt, da ein Entwurf zur fakultativen Einsu h r u it ß bc r F e n e r befia ttun g dem Preußischen Landtag vorliegt und alle Aussicht ans Annahme hat, sollte es keine jüdische Gemeinde versäumen, durch den angeregten Schritt, ihr Recht auf Reinhaltung ihres Friedhofes zu wahren. Mit voller Deutlichkeit zeigt das reichsgerichtliche Urteil ferner, daß die Staatsbehörden und die politische Oeffeutlichkeit für subtile Unterscheidungen zwischen prinzipieller Per - w e r f u n g der Feuerbestattung und n a ch t r ä g - l i ch e r Tolerierung der Aschenreste auf dem Gemeindefriedhos nicht d a s. m i n d e st c Per - ständnis haben. Wer in der Einäscherung jüdischer Leichen eine flagrante Verletzung des min und eine Demonstration gegen npy erblickt, wird sich entschließen müssen, daraus auch die logische Konsequenz zu ziehen und nicht durch Oeffnuug der jüdischen Friedhöfe die vollzogene Gesetzesverletzuug in de n A u g e n der Welt feierlichst zu sanktionieren. Selbst diejenigen vereinzelten Stimmer, die auf Grund eines —;; bestrittenen — nfcölB ttfttrn bisher eine Verwahrung der Aschenreste durch Begraben für nötig Hielten, dürften angesichts der jetzt geschaffenen Situation anerkennen müssen, daß dies eine K7ip nn ’HKi toein von ivahrhast verhängnisvoller Tragiveite wäre, und daß nur durch eine v er st ü nd! i ck/e pud klare Ablehnung aller Bermittelungsverfnche dem Um sichgreifen der Perbreuuuugsmode eutgegcngelreten iverden kanit. Zm 90. Geburtstage des Prinzregeuten Cuifpold von Bayern. In Bayern regen sich allenthalben Tausende, um eine seltene Feier des Beherrschers dieses Landes würdig zu gestalten: Am 12. März er. vollendet der' vielgeliebte Prinzregent Luitpold sein 90. Lebensjahr. In Dorf und Stadt wetteifert man in der Bekundung von Treue, Anhänglichkeit und aufrichtiger Liebe gegen den hohen Jubilar,- alle Kreise der Bevölkerung befinden sich jetzt schon im Gefühle festlichfroher Stimmung, alle Konfessionen treffen ihre Vorbereitungen. Auch die Juden stehen nicht untätig zur Seite. Die Rabbinate haben bereits Weisungen an die Gemeinden hinausgegeben, den 12. März durch Festgottesdienst, Predigt und Gesänge feierlich zu begehen. Zum Teil sind die Hauptgedanken, um die es sich bei der sicher seltenen Feier handelt, in skizzenartiger Kürze zusammengestellt worden, damit man allenthalben der Bedeutung der Landesfeier vollauf gerecht werde. Selbstredend beteiligen sich auch die jüdischen Bürger Bayerns an der sogen. „Prinzregentenspende", die dem hohen Jubilar nach seinem bescheidenen Wunsche am 12. März zur Verfügung gestellt werden soll, recht lebhaftzum Teil gehören sie dem hierfür konstituierten Landeskomitee in leitender Stellung an. Und warum auch nicht! Ist doch im Kreise des Judentums die Ehrfurcht vor dem Greisenalter zur religiösen Pflicht gemacht! „Bor einem grauen Haupte sollst du ausstehen und ehren das Ansehen eines Greises, und du sollst dich fürchten vor deinem Gotte,' ich bin der Ewige." (3. B. M.) „Eine schmückende Krone ist das graue Haupt, auf der« Wege der Gerechtigkeit wird sie gefunden." Und mit der Achtung vor dem grauen Haare verbindet sich noch die ebenfalls religiös begründete Ehrfurcht vor dem Regenten und Landesherrn. Aber auch vom einfach menschlichen Standpunkt aus beteiligen sich die Juden Bayerns mit Mnzeül Herzen an dem 90. Wiegenfeste im1 Wittelsbacher Hause. Ist der Jubilar doch ein leuchendes Vorbild gerechter Liebe und edler, vorurteilsloser Milde all seinen Untertanen gegenüber, welchem Bekenntnis sie auch angehören wögen. 25 Jahre find dahin, seitdem Prinzregent Luitpold Bayerns Geschicke lenkt. Nicht ein einziger Fall ist bekannt, der einmal irgendwo und irgendwie auf kränkende Zurücksetzung jüdischer Bürger schließen ließe. Wohl aber das Gegenteil. Die Sonne der fürstlichen Gunst warf ihre freundlichen Strahlen allzeit auch auf die jüdischen Landeskinder, und in jedem Jahre sind es nicht wenige Juden, die sich hoher und höchster Auszeichnungen zu erfreuen haben. Zur Zeit der antisemitischen Hochflut, in den „besten" Tagen Stöckers und Konsorten, blickte man mit einer gewissen Genugtuung auf Bayern hin, wo durch einen Druck „von oben" die Giftsaat des Nordens nie recht Wurzel fassen konnte. Und Prinzregent Luitpold wandelt ganz in den Fußtapfen seines Neffen Ludwig II. So manches ist im öffentlichen Leben für die Juden Bayerns besser bestellt als für die Glaubensgenossen in Preußen. Das braucht hier nur angedeutet zu werden. Immerhin mag es gut sein, daß ein so einflußreiches Land wie Bayern, der zweitgrößte Bundesstaat des deutschen Reiches, mustergiltig für andere genannt werden kann, umso mehr) als Kaiser Wilhelm II. persönlich mit Hochschätzung und Liebe zu dem greisen Jubilar aufschaut wie einst zu seinem Großvater Wilhelm I., der 1887 ebenfalls das 90. Wiegenfest beging. Auch der Sohn des Jubilars, der Thronfolger Prinz Ludwig, bewies wiederholt seine Vorurteilslosigkeit jüdischen Landesktndern gegenüber. Erst jüngst konnte man Prinz Ludwig in eifrigem Gespräch mit Rabbiner Dr. Werner über den Maximiliansplatz in München gehen sehen. Das kann auch für die Zukunft nur das Beste hoffen lassen. Hoch war des Lebens Abendstern schon über des Prinzregenten Haupt emporgestiegen, da er durch des Schicksals Fügung zur Regierung kam. Freudig beging man den 70., stolz den 80. Geburtstag des Fürsten, und mit allgemeiner Begeisterung will man nun das 90. Wiegenfest feiern. In den lauten Jubel des Bayernvolkes mischt sich auch der heiße Wunsch der jüdischen Landeskinder: „Gott segne und schirme unfern vielgeliebten Prinzregenten, daß er noch viele Jahre in ungeschwächter Kraft und Geistesfrische sein Land regiere zum Heile all seiner Untertanen! Das walte Gott! AI. Disziplin und Leine in England. Nachklänge zum Prozeß um die Autorität des Londoner Beth Din. Es ist wirklich nicht mehr als eine kleine Episode in dem vielgestaltigen Getriebe des aufstrebenden Riesengemeinwesens der englischen Judenheit: dieser Prozeß um die Autorität des Londoner Beth Din vor dem Geschworenen- Gericht. Traurig stände es um die jüdische Sache in einem Lande, in dem des nichtjüdischen Richters oder der nichtjüdischen Geschworenen Wort von entscheidender Bedeutung für ihre, der jüdischen Sache, Zukunft sein könnte. Was ist denn vorgefallen? Einige „eingewanderte, disziplinlose russische Juden" gründen eine unabhängige Gemeinde, stellen Rabbiner und Schochet an, eröffnen Metzgerlädert unter Aufsicht ihres Rabbiners und verkaufen am GottesvolkL.selber seinem»Gott und seiner Leitung entqegenbringt. Wenn Israel selber die Sckeu vor seinem Gott vermissen läßt, wie sollte ste denn die nichlisraelittschen Völker erfüllen? Wenn Israel selber am Dasein und Eingreifen Gottes in seine Geschicke zweifelt, dann darf es nicht Wunder nehmen, wenn seine Umgebung diese Zweifel teilt und^durch seinen.Angriff auf das von seinem Beschützerverlassen gewähnte Volk die nächste Konsequenz aus diesem Zweifel zicht. Deshalb folgt auf die Gott leugnende Feage: p# CK 'irABaR „Ist Gott in unserer Mitte oder nicht?" sofort: pbtiV „Da kam Amalek." In diesem Kampf zeigt fich nun die Größe des Mannes, den sein Volk kurz zuvor steinigt n wollte und der ihnen jetzt den Sieg erringt über den von außen drohenden Frind. Er weist mir der Hand auf Gott in der Höhe, den der Kleinmut seines Volkes an^ezweifelt, gibt damit ihrem Denken und Sinnen wieder die verlorene Richtung und der Sieg ist errungen. So schwächte Josua den Feind, aber er schwächte ihn nur. Er vernichtete ihn nicht, weil er das Schwert führt, welches das verirrte Gottesvolk wieder zurückführt, wenn es die Leitung seines Gesetzes und dessen Lehrer verschmäht. 2~irt 'tb ivv nai pbtsp n« wrr t^rm „So schwächte Jehoschun Amalek und sein Volk rm Hinblick auf — das Schwert!" Dieses Schwert hatte der Urahn Amaleks, hatte Esau von sei em Vater als seinen Segen mit den Worten erhalten: T2J)J"I "pns nsvnnn “jmn bv „Auf deinem Schwert ruht dein Leben und deinem Bruder wirst du damtt^ dienen." (1. B. M. 27, 40.) Esau, .Amalek, Agag und Haman leben durch die blutigen Gewalttaten ihres Schwertes weiter. In der Geschichte der Völker, der das Schwert sein Gepräge verliehen, bilden geschlagene Schlackten bte Marksteine aller Gesckehi isse. Oft hat auch Israel dieses Schwert empsundknes wurde von ihm geschlagen, aver nie erschlagen. Sein Zücken und Schweben über den Häuptern des GotteSVolkes hat ihm, wie seine Weisen sagen, mehr gedient als seine achtundvierzig Propheten und fieben Prophetinnen, die Gott ihm erstehen ließ. Worein,« neue Vbafe in der Geschichte des GotteS- Bahn durch die brutale Gewalt des Esouschwertes eröffnet. Als Vater Jakob auf der Rückkehr" in die Heimat dort sein eigenes Haus gründen wollte, ging dieser Gründung der nächtliche Ringkampf mit dem Genius Esaus voraus. Als seine Enkel aus der ägyptischen Knechtschaft in die Freiheit des Gottesgesetzes zu ziehen im Begriffe waren, kam Amalek, der Enkel Esaus, um ihnen den Weg zu verlegen. Als ste viele Jahrhunderte später, in den Zetten, deren Gedächtnis Purim alljährlich neu belebt, außerhalb ihres Landes in ihrer Umgebung aufzugehen drohten, war es Haman, der späte Urenkel Amaleks, welcher ste daran hinderte. Und wenn in unserer Zeit fich dieselbe Tatsache vollzilht, so dürfte die Mahnung, deffen zu gedenken, was uns Amalek getan, wohl selten so am Platze gewesen sein, als gerade in unseren Taxen. Wenn Amalek kam und kommt, sobald Israel spricht: ,,Jst Gott wirklich in unserer Mitte, oder ist alles nichts?" so find es nicht Abwehr-, sondern Einkehr- und Umkehrbestrebungen, die uns heute mehr als je nottun. Leben wir doch in einer Zeit, in der viele Einzelne und ganze Gemeinden diese ttrage gar nicht mehr stellen, sondern ste durch die Tat ihres Lebens längst verneinend beantwortet haben. Angesichts der rohen Gewalt, der RechtSkränkung und des Angriffs auf unsere primitivsten Menschenrechte, fehlt es ja nicht an Stimmen in unseren eigenen Reihen, welche diese Brutalität nicht dem Abfall und religiösen Letchrstnn zuschreiben, der so erschreckende Dimensionen in unserem Kreise angenommen hat. Sie meinen im Gegenteil in dem letzten Rest von Judentum, der uns noch verblieben ist, sei die Ursache für alles Leid und Weh zu suchen, an welchem unsere Zeit für Juden und Judentum so reich ist. Demgegenüber sollten wir doch auL der Vergangenheit und ihren Gescheheniffen die Erfahrung schöpfen und beherzigen, daß uns auf diesem Wege kein Heil erblüht. Amalek und seine wahlverwandten Epigonen find fich immer gleich geblieben. An fie werden wir erinnert, auch wenn wir ihrer nicht gedenken wollten. Aber d s Vorbild unserer Ahnen müßte solchen Angriffen gegenüber die 1121 flEHS - Mahnung neu beleben CfcSntP rnS/ unsere Herzen wieder dem Willen unseres himmlischen BaterS unierzuorbnen. Das wäre die bewährteste Abwehr, mit der wir zu allen Zeiten unseren Feinden erfolgreich entgegengetreten find und die allein auch in unserer ernsten Zeit sicher zum Ziele führen wird. Aleine» Feuilleton. Die Einweihung des neuen Sebulgebäudes in Pctbacb-Gikwa. Pcihach Tikwa, 18. Cheschwau. Mit deru srühesteu Morgen ging ein eigenartig frischer Zug durch der jungen Kinder Schar, die wie gewöhnlich

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