Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1911)
- Date
- 1911-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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wm. ..... ärz 1911 2. März 1911 Lft-C,. ich ferner die Aufforderung des Nationallibelen Osann an die Konservativen, mit ihrer!einung zu der bekannten Aeußerung der kreuzzeitung" über die Streichung des ansemtttschen Passus aus dem konservativen rogramm jetzt offen hervorzutreten. Und ist im lch diese Forderung seitens der Konservativen cht erfüllt worden, so war doch aus der Rede s Reichsparteilers v. Oertzen deutlich heraushören, wie wenig Freude man auf der gemten Rechten an den pöbelhaften Angriffen des errn Raab hatte. 'en na« Am wichtigsten bleiben aber die Ausführungen mdlung! Kriegsministers von Heeringen, der ine me iederholt erklärte, daß er einen konfessiohbringe ellen Unterschied im Heere durchaus ndern! ißbillige. Im Gegensätze zu seinen früheren it dreitz usführungen gibt er nun unumwunden zu, imHeeaß antisemitische Regungen hier und befolgt a bewußt oder unbewußt in derArmee rband d orhanden sind. Er erklärt sich aber diesen der pol Strömungen gegenüber für machtlos, obzwar er üt beso neu nach besten Kräften entgegenarbeite. Er ,r kurze erspricht, gegen antisemitische Vorgesetzen in jenis a Falle etnzuschreiten, versichert aber gegen derui rs Recht des Ofstzierkorps, seine Mitglieder ier" l löst zu wählen, nichts ausrichten zu können! hlen ui Je weniger man an der subjektiven Aufrichtigkeit lche Pri ieser ministeriellen Erklärungen zweifeln kann?gt. nd je natürlicher die Abneigung einer vorten Ve ehmen und toleranten Natur, wie es Herr v. er wel, »erringen ist, gegenüber dem Antisemitismus chten, , scheint, umso deprimierender müssen seine Ausrer err! ihrungen auf jeden Politiker wirken, dem es des Abi >lt der sittlichen Ehre des deutschen Heeres und hen B ines Offizierskorps heiliger Ernst ist. Wir iten, to issen uns wahrlich frei von jeder Überschätzung erkte,;tx Epaulettenfrage, ja des ganzen mit so geliden ni 'altigem Pathos in Szene gesetzten Drängens rdriger ach dem Reserveosfizierspatent — uns bewegen weise u 8 Juden wahrlich ganz andere Sorgen, und Ismus Einerlei Wahlverwandtschaft zieht uns zu den t nur noch den Namen „Jude" tragenden rzierbaHöhnen unserer Millionäre, die um der geselline Re haftlichen Abrundung willen nach dem Offiziersmd sor rng lechzen. Allein grade diese nüchterne, gleichgültige tellung, die wir als religiöse Juden zu dem rnch tx« )ruck ni Gelegt roblem einnehmen, berechtigt uns, wie wir Gröb lauben, umsomehr gehört zu werden, wenn wir zieser ^klären: die jetzt geschaffene Lage ist nhaltbar, unhaltbar um der Ehre der rmee willen. Der oberste verantwortliche Leiter des Heerder Lesens erklärt feierlich, die jüdische Konfession t über recht rraus ng die ls Grund der Ausschließung vom Offizierssatze nicht gelten lasten zu wollen. Die Offiziere gehorchen, schweigen und schließen >! lal fahr cir 12 bio nicht eit Kind l des Lebe nbt", s : Hung j (1 m r kumn Beauui dient. iß an r und nstisch l das zw nur 0 Rachel ifctt ge rme S>! len T> sonst r l nicht mn bekomrn üch trän i kehrte Zimmer i wie murmej noch kö» e lcl x wenn können lausche' raeben Monde aß ich sie ernähren könnte, statt das; sie sich einim Tage an geschenktem Essen sättigen müssen, der welches Glück, daß sie diese Mahlzeiten erhali’it," sagt sie sich weiter, „und wie traurig für all ie Vater- und Mutterlosen, die täglich dort gespeist erden, und für welche es gerade so, wie für die icinigen oft das einzige ist, das sie während des ages genießen, tvenn diese Speisungen aufhören üßten!'' „Lange drückte ich mich noch vor der kleinen zerrochenen Scheibe herum, ich wollte warten, chis der; ilte heimkommen und was er mitbringen würde. i Zuletzt kam er, noch den Abglanz des Freuden? uers auf dem Antlitze, in der Tasche 2 Metalik - 10 Pfg.) zum Abendbrot. Tie Mutter ging Brot ölen für all die hungrigen Münder. Ruhig gingen iahet und ihre Schwester beiseite, holten ihre ivollene ^ecke und legten sich auf dem Fußboden zur Nachta ühe zurecht. Wozu brauchten sie die schmalen Bissen och zu schmälern? Sie hatten ja mittags eine gute iarme Suppe in der Evelina de Rothschild-Schule gessen- „Ich hatte genug gesehen. Ich schlich mich hinr eine große, schwarze Wolke und in meinem Mitüd und Schmerz drückte ich sie so, daß große Wasser- "opfen herunterfieleu, meine Tränen — sie verlöschtt die letzten Glimmer des Freudenfeuers. — Langsam nd traurig trat ich meinen Heimweg an. Ich dachte r leis' geflüsterten Morte dieser Mutter und mein eißester Wunsck mischte sich mit den ihren, daß & Knrh WttftrrJt niftnfirft sein möae. ihre ante 3 doch dieser Anstalt möglich, sein möge, ihre gute?ache weiterzuführen, und sö wenigstens etwas die tot der jüdischen Waisenkinder Jerusalems zu lindern." Im Osten begann es zu dämmern, die Sonne ich erblaßte und flüchtete. ._Der JSraelit_ schweigend weiter jeden einzelnen Juden eben seiner Konfession wegen aus. Sie dürfen es tun, aber um Himmels willen nicht sagen. Wo bleibt da die männliche Wahrhaftigkeit, der Kern aller soldatischen Tugend? Darf die Energie der preußischen Heeresverwaltung sich in stiller Resignation für besiegt erklären, wo nicht mehr der politische Ehrgeiz irgend einer sozialen Schicht, den man auf die Dauer ignorieren könnte, wo vielmehr ein ethisches Gut allerersten Ranges auf dem Spiele steht? Das Problem, das sich jetzt erhebt, kann nicht mehr zurückgeschoben, es muß g e l ö st werden. Vas ilavongeseb. In der Geschichte der russischen Judenheit wird der 24. Februar 1911 als ein denkwürdiger Tag von höchster Bedeutsamkeit verzeichnet sein. An ihm ist in der Reichsduma eine Frage zur Verhandlung gelangt, die schicksalbesttmmend für 6 Millionen unserer Brüder ist, die recht eigentiich die Judenfrage ist: die Vorlage betreffs Aushebung des Rayongesetzes. Rayongesetz! Bedarf dieses grausige Wort einer weiteren Definition? Die Quelle aller trüben Erscheinungen, aus der die ganze Flut der jüdischen Leiden und Verfolgungen ihren Ausgang nimmt: sie heißt Rayongesetz. Die darbenden, verzweifelt mit einander um Brot ringenden, der Lust und des Lichtes beraubten Millionen im russischen Ansiedlungsrayon, die anhaltenden grausamen Austreibungen im heiligen Jnnenland, sie sind der lebende Kommentar des einen Wortes: Rayongesetz. Und daß man sich gerade heute aufraffte, gegen diese unerhörte Behandlung öffentlich Protest zu erheben, wiewohl diese Beschränkungen bereits., jei^mehr als 30 Jahren anhalten und wiewohl auch, das Forum der Volksvertretung bereits seit einem halben Jahrzehnt in Rußland besteht, das liegt gewiß nicht daran, daß man die Zeit für sonderlich günstig und die dritte Duma für geeignet hält, dem Judenrechte eine Gaffe zu schaffen. Nein, man versprach sich im Gegenteil von dieser von den Verbändlern beherrschten Volksvertretung viel weniger als das, was sie in dieser Beziehung gebracht hat. Allein, „wo es Not tut, läßt sich alles wagen." Und die Not der jüdischen Bevölkerung hat in letzterer Zeit Formen angenommen, dic jedes weitere Zuwarten ausschließen mußten. Vom Jnnenlande werden anhaltend neue Masten in das beschränkte Judengebiet gehetzt, während die Abwanderung aus diesem durch die Maßnahmen der Nachbarländer und Hafenstädte immer unmöglicher gemacht wird. Damit nicht genug, haben die Verbändler mit Gottesdienst „nach Mab". Neuester Berliner Resormschniit. AuS der Stadt der Intelligenz kommt frohe Botschaft. „Es ist erreicht!" Nach langem Forschen, Prüfen, Ueberlegen und Beraten ist man dort endlich auf bas einzig richtige Mittel gekommen, wie dem seit vielen Jahrzehnten stechen Reformgottesdienst wieder Lebenskraft und neuer Lebensmut zugeführt werden könne. Und das geschah so: Am 5. Februar er. — just im Faschtng?- monat — trat (wie von unS bereits mtrgetetlt. D. Red.) die Berliner Repräsentanten-Versammlung zusammen, um den Gottesdienst zum soundsovielten Maie nach der „Moderne" zu regeln. Das war nicht leicht. Orgeln hatte man schon. Sie erzielten nicht den ..Herzensgottesbtenst". Gemischte Chöre existieren schon. Sie lockten nicht mehr allzuvtele Beter herein. Moderne Gebetbücher ohne Meffiasglaube, ohne Opfererwähnung, besitzen Tausende, sogar in Goldband. Das verwöhnte Publikum findet keinen Reiz mehr daran. Die Perlen synagogaler Poefie, zu gut deutsch „Pijuttm" genannt, hat man längst in der Gelehrtenstube abgeltesert. Sie mögen den Forscher wissenschaftlich beschäftigen. Tempel und Andachtsbuch find von ihnen „gereinigt". Prediger sprechen schon längst in meisterhaften Worten von „Reltgiöfität", von „Menschenliebe", vom. „teuren Väterglauben", von „Frieden und Milde", von „Gerechtigkeit, Wahrheit" usw. Man ängt stch darüber zu langweilen an. Was tun? DaS Repertoir ist fast erschöpft. Man steht stch verlegen an. Und doch muß man suchen, den Andächtigen wieder etwas zu „bieten". Endlich yat man's heraus. Heureka! Der Gottesdienst soll „nach Maß" angefertigt oder vielmehr abgeferttgt werden. Muster: „Neuester Berliner Reformschnitt". So etwas mutz ziehen. Es wird freudige Zustimmung finden, ja vielleicht Begeisterung erwecken. Man wirb es an den _ No. 9» Seite t gutem Erfolge auch die Bauern in Ltthauen und Polen zum wirtschaftlichen Kampf gegen die Juden aufgestachelt. Es ist tatsächlich so weit gekommen, daß in den Straßen dieses Landesghettos Kämpfe ausgefochten werden um das kärgliche Brot, welches zu erringen Hunderte nur auf einem und demselben Wege, dem des Kleinhandels, hoffen dürfen. Und zur gleichen Zeit liegen im Innern des Landes ungeheuer große, an unerschöpflichen Erwerbsmöglichkeiten reiche Gebiete brach oder schreiten rapid dem wirtschaftlichen Ruin entgegen — aus Mangel an Menschen, an Kräften, die die unermeßlichen Schätze aus dieser dunklen Erde heben und den Boden wirtschaftlich und industriell ausnutzen. Der Versuch ließ sich nicht mehr aufschieben und man hatte übrigens auch nichts mehr zu verlieren. Eine Verschlimmerung der jüdischen Lage kennte nicht mehr befürchtet werden. Und so entschloß man sich denn, einmal die Hand auf die Wunde zu legen und öffentlich ins Land hinauszurufen: Hier sitzt die Quelle alles Unglücks, für uns und in zweiter Reihe auch für euch selbst. Es helfe, was helfen mag! Ueber den Gang der Dumaverhandlung wird an anderer Stelle unserer heutigen Nummer eingehend berichtet. Der Rahmen für die Debatten war je durch Parteirichtung von vornherein gegeben und wurde auch eingehalten. Die Kadetten traten entschieden für den von ihnen unterschriebenen Antrag ein. Die Oktobristen sprachen etwas vorsichtiger und plädierten für Kommissionsüberweisung. Die Verbändler schimpften, wie es ihre Art ist, ganz allgemein auf Juden und Judentum und meinten mit rührender Offenherzigkeit, eine vornehmere Aufgabe als die Judenausrottung könne es heute für die russische Regierung nicht geben.. . Die Negierung selbst hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen. Sehr zu wünschen und zu hoffen wäre es aber, daß man sich auf der Ministerbank die Worte des Sozialdemokraten merke, der den Juden bittere Vorwürfe darüber machte, daß sie ihre Hoffnungen auf die Regierung setzen und sich bis jetzt noch nicht mit dem Proletariate gegen dieselbe verbunden hätten. . . Das paßt schlecht zum Liede von der j ü d i's ch e n Revolution, das gelegentlich auch Stolypin selbst anstimmt. Aber es entspricht vollständig den Tatsachen. So wickelte sich bei der Verhandlung fast alles programmäßig ab. Und doch brachte das Resultat eine Ueberraschung, und zwar eine freudige. Die „Kommission für persönlich e F r e i h e t t", der der Antrag überwiesen wurde, zeichnet sich durch Ernst und Arbeitsfreude aus und ist zum größten Teile aus Kastaunenden Blicken der Andächtigen ableirn Einer wird dem andern unter verwundertem Kopfschütteln zurounen: „Großartig! Wirklich raifintert, einzig!" Wie schön hört fich's schon an: Die Tempi für die Borbeter sollen genau fest gelegt werben unddieGemeinderabbtner sollen ersucht werben, die Zeit der Predigten an Sabbaten auf höchstens 20 Minuten zu beschränken. Wir leben ja im Zeitalter des elektrischen Funkens, der Autos, Luftschiffe und Aeroplan?. Dem muß auch die Audienz entsprechen, die man wöchentlich einmal seinem Herrgotte gibt: kurz und bündig. Zwar gehen wir nicht so wett wie die bezopften Bewohner des Reiches der Mitte. Sie drehen die Kurbel an einer auf der Straßenseite aufgestellten „Betmaschine" mit ein Paar kräftigen Griffen rasch um und trollen ihres Weges weiter. Die Andacht ist zu Ende. Nein! Wir Berliner haben als Allerneuestes den „Dreivtertelstundenkantor" und den „Zwanztgmtnutenpredtgrr". Boshafte Zungen hatten schon behauptet, die betreffenden Gemeindesunktionäre hätten obigen Beschluß als eigentümliche Bewertung ihrer Leistungen angesehen und etwas lange Gesichter gemacht, fintemalen ihnen kein Analogon in dem Berhmten christlicher Kirchengemeinschaften gegen deren Geistliche bekannt war. Doch habe stch das verdutzte Gesicht bald wieder geglättet zu freudigem Strahlen. Man faßte den Sinn der hochwetsen Verordnung dahin auf, daß man in Berlin in 20 Minuten und in dretvtcrtel Stunden dasselbe leistet wie anderswo in einer bezw. zwei Stunden. Darin liegt stn schweigend eine Anerkennung neuzeitlicher, insonderheit Berlmer Shnagogenfunktidnäre. Zwar haben diese in allen jüdischen Quellenschriften einmal den Satz gefundcn: o'Jijnn inSari wp mban NV1VN, wer sein Gebet zu einem exakt abzuwtckelnden Geschäft macht, dem kann es nicht ÄS eine warme Herzensbitt! > l\ H { j 4 5 t ‘ » i i -' I