Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1911)
- Date
- 1911-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 8. Wt, 9_ Vertretern der liberalen Partei das orthodoxe Judentum als berechtigter Faktor im Leben der Gegenwart anerkannt würde. VII. Me Anschauungen haben sich gewandelt. Die „Vereinigung sür das liberale Judentum" hat in ihrer Resolution offiziell die Berechtigung der Orthodoxie anerkannt. Sie will lediglich die Gleichberechtigung des Liberalismus erkämpfen, damit diesem, wie das jüngst ein liberaler Missionsprediger nach offiziellem Bericht poetisch ausdrückte, sein „Platz an der Sonne gegönnt werde." Gegen die Resolution erhob ein Redner der konstituierenden Versammlung geharnischten Protest und meinte, es liege keine Veranlassung vor, der Orthodoxie schon jetzt Konzessionen zu machen. Ter liberale Herr proklamierte den Grundsatz: „Qui suo [jure utitur, neminem laedit.“ Wer von feinem Rechte Gebrauch macht, schädigt keinen." Tie Versammlung machte sich diesen noblen Grundsatz der rücksichtslosen Geltendmachung seines Rechtes nicht zu eigen, sie dachte menschlicher und nahm mit allen gegen 8 Stimmen die Resolution an. Eine wahrhaft tolerante Anschauung! Auf dem Papier! Eine papierne Toleranz! Ich frage: Wie verträgt es sich mit solchen Grundsätzen, wenn liberale Propagandaschriften in Tausenden von Exemplaren über Deutschland ausgeschüttet werden, nicht etwa nur über Groß^ städte, wo jeder die Möglichkeit hät, sich die religiösen Institutionen seiner Sympathie zu wählen, sondern wenn diese Propagandaschriften und -redner auch nach Städten geschickt werden, wo nur eine Gemeinde, eine Synagoge, eine Religionsschnle, ein Rabbiner u. s. w. existiert, wenn diese Propagandaschriften an die vermögendsten, sozial höchsten, einflußreichsten Mitglieder versandt und darin Forderungen aufgestellt werden, die geeignet sind, den Kampf in die Gemeinden hineinzutragen, Zwiespalt zu erregen, die nicht liberalen Gemeindemitglieder in Konflikte zu bringen, den Gemeindebeamten ihre vielleicht ohnehin nicht ganz leichte Stellung noch mehr zu erschweren, Mißtrauen zu säen und ihre Wirksamkeit zu lähmen? Wenn aus dem Papier proklamiert wird, daß den lokalen Verhältnissen^ Rechnung zu tragen ist, warum setzt man sich zu dieser Theorie durch die Tat in Widerspruch, indem man sich mit der Propaganda nicht auf Großgemeinden beschränkt, wo doch wahrlich der religiöse Jndifferentismus groß und schreiend genug ist, daß ein unerschöpflicher Boden für eine Bearbeitung in liberalem Sinne vorhanden ist? Was soll denn die Steuerung der Toleranz und V« JLr«M.__ Gewissensfreiheit, wenn man dabei nur sich meint, nur sich im Auge hat, aber die Gewissensfreiheit der anderen nicht respektiert und in der Praxis sich zu dem brutalen Grundsatz bekannt: ,.Qui suo jure utitur neminem laedit?“ Und dann! Was soll man dazu sagen^ daß der Liberalismus, der in warmer gemütlicher Sonne sitzt, die Illusion erzeugen will, daß, er bisher Mit der ungemütlich kalten Schattenseite habe fürlieb nehmen müssen, daß er sich nun aber dazu aufraffen wolle, sich gegen seine Unterdrücker zu erheben und sich eme kümmerliche Rückenbreite Platz an der Sonne zu erkämpfen? Ist die Fiktion, in der er sich gefällt, eine angegriffene, verfolgte, unterdrückte Partei zu sein, nicht eine offenkundige Umkehrung der wirklichen Tatsachen? Es sei mir gestattet, die Situation durch ein kleines G o ethisches Gedicht zu beleuchten: „Ich begegnet' einem jungen Mann, Ich fragt' ihn um sein Gewerbe; Er sagt': Ich sorge, wie ich kann, Daß ich mir, eh' ich sterbe. Ein Bauerngütchen erwerbe. Ich sagte: Das ist sehr wohl gedacht; Und wünschte, er hält' es so weit gebracht. Da hört' ich: er habe vom lieben Papa Und ebenso von der Frau Mama Tie allerschönsten Rittergüter. Das nenn' ich doch originale Gemüter." Wissen Sie, wie dies Gedicht überschrieben ist? „Neologen." Ich frage: Braucht der Liberalismus erst um ein Besitztümchen Gleichberechtigung innerhalb des Judentums zu kämpfen? Hat er nicht schon stolze Rittergüter in Menge, hat er nicht die Macht und die Gewalt in großen Gemeinden Deutschlands? Sitzt er nicht im Regimente und tut, was ihm wohlgefällt? Man formiert eine große Kampfes Organisation gegen uns, um uns noch das Wenige, was wir haben, zu verkümmern, Mh behauptet, daß die bösen Orthodoxen die Angreifer seien, gegen die sich die schwachen Liberalen weh'ren müßten! Heißt das nicht die Tatsachen auf den Kopf stellen? Kann denn ein Zweifel darüber obwalten, daß sich die Orthodoxen in der Defensive und die Liberalen in der Offensive befinden? Kann denn ein Zweifel darüber obwalten, daß die Gefolgschaft des Liberalismus sich, aus den Potentesten und Einflußreichsten unter unseren Glaubensgenossen züsammensetzt? Man sehe sich z. B. das Verzeichnis derjenigen an, die an der konstituierenden Versammlung der „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" teilnahmen. War dort nicht die Aristokratie des G e i st e s und des Geldes vertreten? (Forts, folgt.) leine» Meuilleton. Aar der IDond erzählt Nach Andersen. Bon Sara Bondi in Jerusalem. ..Eines Abends", erzählte der Mond, „wanderte ich wieder einmal nach der heiligen Stadt. Aber ich suchte nicht die Stätte des alten Tempelplatzes auf, ich wanderte auch nicht zu den vielen Denkmälern alter, vergangener Zeiten, nicht zu den Gräbern frommer Vorfahren, nicht zu Betstätten, aber auch nicht zu Hochzeiten. Ich suchte ein ganz armseliges, verkommenes und doch noch nicht sehr altes "Viertel der Stadt aus, das Measch'orim. Tort wohnen aschkenasische Juden. Nicht oft ist es, das; ich eininal tiefer in ihre Gewohnheiten und Geheimnisse Eindringen kann, denn meist halten sie ihre Fenster und Türen geschlossen und ihre Fensterscheiben sind ganz falsche, neidische Gesellen, sie halten sich blind und undurchsichtig für Jeden unbefugten, oder selbst befugten Blick, und Staub und Spinnwebe helfen ihnen getreulich ihre vornehme Undurchdringlichkeit zu bewahren. Selbst die Lust doch sonst ein so windiger Geselle, der überall sich durchwindet, kann hier nicht hinein. . Aber an diesem Abend versuchte ich es erst gar reicht, einen meiner Strahlen durch ein, durch Unvorsichtigkeit rein gebliebenes Plätzchen schlüpfen zu lassen. Draußen im Freien bot sich für mich des Anstannenswerten genug. Was es war, wollt Ihr wissen? Ihr seid schon ganz neugierig, was Zn dem armseligen Measch^orim-Viertel nachts draußen vor sich geht? So hört denn! Ich sah eine große, große Flamme zum Himmel hinaufragen, beinahe hätte ihr Rauch auch nach armen Gesellen angeschwärzt. Und drum herum wurde getanzt. Oh, nun denkt Ihr wohl schon an nächtliche Spuckgestalten, Feen und Nixen, Elfen und Kobolde und Faune, aber Ihr seid ganz fehlgegangen. Tie, die da tanzten waren keine leichtgeschürzten Nymphen, sondern alte grauhaarige Männer, keine Gcistcrerschcinnngen, sondern wirklich Fleisch und Mut. Die, die da tanzten waren die Chasidim, die Frommen Israels, die das Lag Beaumer feierten. Und wie die Flammen bei.jedem frisch hineingewvrsenen>Holzi klotz neu aufsprühten und knisterten, faßten sich dis Alten zum wilden Ringelreihn an den Händen autö von ihren Lippen erscholl Lob und Preis dem Schöpfer, der an diesem Tage hat aufhören lassen Krankheit und Plage im Hause Israels. Wie verjüngt bewegten sich die sonst so gebeugten Gestalten, hüpften die sonst nur zu müden Schritten gebrauchten Füße. Und verklärend fiel der Schein des Frendenfeners auf die gefurchten Gesichter, ans die langen, grauen Bärte, jedes Antlitz scharszügig und markant, eine Geschichte für sich, von tiefem Denken, von häufiger Sorge, von endloser Mühe. Leise schlich ich davon." „Eine Zeit lang hielt ich mich hinter einer Wolke verborgen, dann dachte ich mir, nun habe ich die Alten beobachtet, jetzt aber möchte ich gar zu gerne einmal an diesem Abend zu den Jungen, die in Measch'arim hausen, gehn. Ich schlüpfte wieder hinter meiner Wolke hervor, und ich hatte Glück. Mein Blick fiel gerade durch eine zerbrochene Fensterscheibe in ein kleines Zimmerchen. Ein kleines Zimmerchen? Ach nein, es war ein armseliges kahles Stübchen. Auf dem kahlen Steinfußboden saß eine noch junge 9 März 1911 ich ft len $ etnui kreuz fern rogra 'ochrnrM-schav. IRilitörefaf und Judenfrage im A"' Reichstag. erm s Man f)at sich in den letzten Jahren nai Am gerade daran gewöhnt, daß die Verhandlung f K über den Militäretat im Reichstage eine me iederh oder minder erregte Judendebatte mit sich bringe eller Das ist gewiß nicht der Juden Schuld, sondern L i ßb i der Militär der wal un g, welche seit dreiß usfüh Jahren die Juden von der Beförderung im Hee a ß a nach einem ungeschriebenen, aber streng befolgt a bet Gesetze prinzipiell anschließt. Der verband d o r h a deutschen Juden", der sich dieser Frage der Po 'trömi tischen Gleichberechtigung der Juden mit beso uen r derem Jntereffe annimmt, hat erst vor kurze ersprr in einer „Das jüdische Bekenntnis a :m F' Htnderungsgrund bei derBeförderul rs R zum preußischen Reserveoffizier" MM* 5 titelten Broschüre auf Grmld von Zahlen ui Je w Daten zweifelfrei bewiesen, daß eine solche Pri eser i zipielle Ausschließung in der Tat vorliegt. nd je Die am Montag zu Ende geführten Ve ehmen Handlungen über den Militäretat, über weil eerln; wir an anderer Stelle ausführlich berichten, , Hein stalteten sich noch ganz besonders zu einer erri lhrun, ten Judendebatte durch eine Hetzrede des Abj lt der ordneten Raab von der Wirtschaftlichen B< einigung. Seine Worte an sich verdienten, li Mn der Abgeordnete K o p s ch richtig bemerkte,;lx Ep wiß keine Antwort und konnten die Juden ni 'altige treffen, „da es wohl genügt, sie niedriger ach!)e hängen, um die antisemitische Kampfesweise u f 8 * die innere Berechtigung des Antisemitismus lnerle kennzeichnen." k "in Allein ihr Gutes haben diese unqualifizierbar ^hner Ausfälle doch gehabt, indem sie noch eine Re jaftlic! von Rednern auf den Plan riesen, und for mg le die unmittelbare Beranlaffung von manch tu. Alu lichem Worte waren, das seinen Eindruck ni Tellur verfehlen dürfte. Man hat vor allem Gelegt robler heit gehabt, durch den Mund des Abg. Gröblauben den Standpunkt des Zentrums in dieser?'klären gelegenheit kennen zu lernen, der weit über nhal Militärfrage hinaus für uns insofern recht freulich ist, als sich mit Deutlichkeit daraus;s Rei gibt, wie sehr wir in allen Dingen der n^sens giösen Toleranz auf die Unterstützung die Partei rechnen können. Recht am Platze lere rme Der ls G aber abgehärmte Frau, umringt von ungefähr ein halben Dutzend Kindern, im Alter von 12 bio Jahren. Alle waren äußerst ärmlich, aber nicht r lumpt gekleidet und ihre schon 'so ernsten Kind l äugen sprechen von der früh gelernten Not des Lebe „Wie der Großvater doch so lange ansbleibt", ß müde ein sechsjähriger Junge, „ich habe Hung „Wenn er überhaupt nur einige Metallike (l m Pfg.) mitbringt," entgegnete die Mutter kumn voll, „heute in' der Aufregung der Lag Beauu i feier hat er vielleicht nicht einmal dir verdient. Ä wenigstens wärmt er sich selbst ein wenig an Freudensener". >,Ja, aber mir frieren hier und hungrig," antwortete der Sechsjährige egoistisch r Kinderart. „Weißt Du, Mutter," sagte das zw jährige' Mädchen, „wenn der Großvater nur l ganz wenig Geld initbringt, dann können Rachel id; heute sehr gut j)l)ite Abendbrot schlafen a>' Wir halten in der schule heilte gute, warme zum Mittagbrot, aber nur die, die keinen T> mehr haben, dürsten in der Schule essen, sonst r es nicht, hat man uns gesagt, und wenn nicht bald gute Menschen die Mittel gäben, .dann auch bald die Waisen kein Essen mehr bekomm Frndig über ihr gutes Herz, aber auch zugleich trau blickte die Mutter ihre Aelteste an, dann kehrte sich ab, stand ans und machte sich im Zimmer schassen. Ihre Kinder sollten nicht sehen wie heiße Zähre ihr ins Aitge trat. „Ach," murnn ihre Lippen, „wenn doch nur ihr Tatte*> noch >! tat aß ich im ber w i’it," so ie Bat erden, 'einige ages üßten „La rochene llte hei Zul uers 1V ölen st ahel n ecke ui a nhe och kö» e *; Satte heißt cknf Jargon Vater, aber wenn meine Ohren die Jargonlame verstehen können müssen sie doch gar vielartigem Geflüster lausche' kann mein breiter Mund sie nicht wiedergeben muß sie ins Deutsche übersetzen. Anm. d. Mond zu zu Harme gessen Jc r eine id unk opfen n die! tra leis' eißester doch?ache k der ind lct