Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1911)
- Date
- 1911-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte 4 »tu 8 Der JSraettt. 23. Februar INI. an seinen Freund Moser. Sonnte sich damals bereits in seinem jungen, täglich wachsenden Ruhme. Seine Lieder, von geschickten Komponisten beflügelt, klangen überall von den Lippen des Volkes. Von der Keckheit der „Harzreise" war ganz Deutschland überrascht und begann bereits sich selnethalben in zwei Lager zu spalten. Von den Judenchristen Berlins, die alle Salons beherrschten, mit offenen Armen ausgenommen, war er des Verkehrs der bedeutendsten Geister der Residenz gewürdigt. Nur eines fehlte ihm: das Amt, das seine Existenz ihm sichern und jenes heiter-sorglose Dichterleben ihm ermöglichen sollte, wonach seine Seele sich sehnte. Aber Preußen hatte für den Juden keinen Platz. Selbst Friedrichs freier Geist hatte nicht einmal für den „modernen Plato" die Pforten der Akademie zu öffnen sich verstanden, weil der Judensproß beharrlich im Glauben der Ahnen zu verbleiben entschloffen war. Und gar erst jetzt, wo der Freigeist auf dem Trone längst beschränkter Bigotterie, Krone und Szepter vererbt. Keine Aussicht noch Hoffnung. Und doch hatten er und seine Freunde längst das trennende Gesetz des Judentums über Bord geworfen. Hatten 1819 in Berlin einen „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" gegründet, deffen eigentltcherZweck nichts Geringeres war, als die Maffe der Juden so schnell als möglich in Westeuropas Kultur einzuführen und solchermaßen sie dem Hohn der Gasse zu entziehen. Weder die Taufe der Judenchristen, die er aufs tiefste verachtete, noch die flachköpfige Nachahmung christlicher Religionsgebräuche, wie dje Reform sie beliebte, sondern die Kultur, so träumte er, die alle umfassende und zu gleichem Streben einende Kultur, der Geist der Menschheit selber, sollte die endliche Versöhnung bringen. Den Gott des Judentums hatte man ihm längst wegphilosophiert,- das Gesetz war ihm nie vertraut geworden: Aber in seinem damals noch reinen Herzen klangen lebendig die uralt heiligen jüdischen Weisen; die historische Weihe des ewigen Volkes, die er in Sedernächten empfunden haben mag, ließ ihn als echten Stammesgenoffen sich begreifen- und so arbeitete er mit dem ganzen Eifer seiner Seele am Wohle seines Volkes, wie er es nun einmal verstand. Und doch hätte ihm die Taufe kein Gewissensopfer bedeutet. Einem Köhler ist sie wenigstens noch „ein symbolischer Akt", den er freilich jedem Gebildeten zu insinuieren vermag. Heine war sie nicht einmal das. Sie war ihm völlig gleichgültig. Ein konventioneller, in Westeuropa nun einmal üblicher Vorgang, wie etwa das Grüßen, wie etwa der Wechsel eines Rocks. Und er hatte ein Recht zu dieser Annahme, weit mehr Recht als Köhler im Zeitalter des Jrrlkhrengesetzes Hatte doch zu Heines Zeit eben die Romantik Kleine» Feuilleton. kdanulratage im deilige» QM. ll. •*; Söffrt. Weit über 5ut eigentlichen Nahmen der Schule hat die T a ch k e m o n i s ch u l e in Jaffa ihre kulturelle Aufgabe darin erblickt, ihren Jntereffenkreis lind ihren Einfluß über die gesamten geistigen Bestrebungen und Bedürfnisse der jüdischen Bevtlkerung Jaffas auszudehnen. Will sie doch die dem überlieferten Jud ntum innerlich entfremdete Jugeud dem alten H^rt der Thora wieder zurückerobern, ihr dabei die schön n Früchte und den wahren Gehalt des allgenteinen geistigen Welrfortschritts zu kosten geberr, ohne daß sie leichtfertig ihr eigenstes jüdisches Ideal preisgibt) muß doch erst das Mileu und die geistige Atmosphäre «schaffen werden für das Gelegen Der großen Aufgabe, ie die Tachkemonischule anstrebt. In dieser Hinsicht ist jetzt glücklich ein weit rer Schri t geschehen. Bei i er Ermielung eines zweiten Schullokals, das bei der stets im Wachsen begriffenen Schülerzahl notwend lg geworden war, wurde eine größere Halle dem hiesigen Jugendverein jrnnn THB zur Verfügung gestellt, um dort Abendkurse in allgemeinen und über jüdische Disziplitren abzuhalten. Weiterhin ist der Ausbau einer jüdischen Lesehalle geplant, die jed m zugänglich sein soll, und in der neben den hauptsächlichsten politischen Zeitungen die beste hebräische Journalistik ausgelegt werben soll. auch in das Christentum ihren siegreichen Einzug vollendet. „Die Religion sollte wie eine leise, gefällige Melodie das menschliche Leben umschweben, wie eine unbestimmte, aber doch wohltuende Ahnung von einer Traumwelt, in der die Seele sich genügen könne." Also lehrte Schleiermacher, der gefeierte Prediger der Hauptstadt. Eine Melodie, eine unbestimmte Ahnung. Sollte es gar so schwer sein, eine Melodie zu variieren, eine Ahnung, unbestimmt hier wie dort, nach Willkür zu lenken? Und die Stammesgenossen? Ließ sich nicht für sie noch besser, wirksamer kämpfen, wenn man in die Reihen der Großen einmal ausgenommen? Was also stand dann der Taufe im Wege? „Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich Laufen ließe." Das war es. Hier lag es mit unerbittlicher Strenge ausgesprochen. Die Ehre war tangiert, beflecktdie Würde untergraben. Die Ehre, dies empfindliche Ding, und die Würde, die nur zu leicht verloren, sie litten es nicht. Und noch bedeuteten sie dem Edlen alles. Melodie? Stimmung? Ja, wenn es nur das war, warum denn um alles in der Welt prämiierte der sonst so karge Staat Melodie und Stimmung in freigebiger Laune mit Amt und Einkommen, mit Gunst und Macht? Wo doch der Täufling nichts aufgab, das er nicht längst verloren, nichts annahm, das er nicht längst erworben? Heute noch um Laufbahn und Erfolg betrogen, von Aemtern und Ehren ausgeschlossen: was war das für eine Zaubermelodie, bei deren Klang die Mauern jahrhundertealten Vorurteils fallen, was war das für eine wundersame Stimmung, durch die alle Genüsse -es Daseins willig sich darbieten sollten? Es war klar: die Melodie, sonst nur bestimmt, „das menschliche Leben leise und gefällig zu umschweben", ward hier zur schreienden Dissonanz, die die ganze harmonische Klangfülle der Vergangenheit durchschnitt, und was nur „eine unbestimmte, aber wohltuende Ahnung von einer Traumwelt" sein sollte, wandelte sich in schlaue und wohlerwogene Spekulation auf die materiellsten Realitäten der banalen Existenz, und nicht „die Seele fand in ihr Genüge", sondern allein und ausschließlich die gröbsten Sinne und Begierden! Teilnahme an der Menschheitskultur? Was hielt denn den vom Gesetz längst nicht mehr Umzäumten ab, mit seinem ganzen Wesen in ihr aufzugehen und sich ihr vollends für immer zu weihen? Und hatte er, der Lieder ersonnen, denen die Seele des deutschen Volkes freudig In den Cyanukatagcri, den Tagen, de uns auch heute noch das Vertrauen in die endliche sieghafte Allgewalt der im Dienste des Gottesgesetzes geleisteten Arb it zu stärken verniögcn, fand die feierliche Eröffnung statt. Ter Redner des Abends war Herr Tr G r ü n h u t aus Jerusalem, der uns in ungemein fesselnder Weise und in klassischem Hebräisch Bilder aus der Entwicklung der aschkenasischen Genleinde in Jerusalenr von der Zeit ihrer Gründung bis in das letzte Jahrhundert vorführte Wir beschränken uns darauf, aus diesem überaus gehaltreichen Vortrage die folgenden Daten wicderzugeben. Die eigentliche Neubesiedelung der heil. Sradt durch die aschkenasischen Juden datiert aus den Tagen des 2 "1122^*112- Die Neueingewanderten fanden in Jerusalenr noch Reste der ursprünglichen jüdischen Einwohner vor, die nach der Zerstörung des zweiten Tempels sich j nseits des Jordans hin i eflüchtrt hatten und infolge der Bedrückungen durch die arabischen Stännne sowie der über sie hinwegfegenden Stämme der tartarischen und mongolischen Einfälle größtcnt ils aus >" ihre Urheimat wieder zurückgewandert waren. Doch hatten sich diese Juden, die unter dem gemeinsamen Namen oder MurvWkeS zuwmmcngesaßt wurden, im Denken und Fühlen vells ändig ihrer arabischen Umgebung assimiliert und begegneten ihren neu e> scheinenden westeuropäischen Brüdern mit Haß und Mißtrauen. In seinen B'pEB lY'B s!2'O Q'2r01 berichtet d r berühmte Ber fasstr des JtZH.T fiönri/ R. Israel Jfferlein, von förmlichen Verfolgungen und Verleumdungen, welchen die junge aschkenasische Gemeinde sirtens der Q'Jpf — wie sich die arabischen Juden inl Gegensatz zu den Neuaugekommenen ur Hervorkehrung ihrer größeren Würde r nd Bedeutung «zeichneten — ausgesetzt war. Wir lesen dort (l. v.): -py rorDET ÜD1 zujauchzte, nicht bereits unsterbliche Zeugniffe abgelegt, wie sehr seine geniale Kraft fast spielend es verstanden, die in vielem gegensätzliche Artung zweier Raffen harmonisch in sich zu vereinen? Judäas Ernst und die sprudelnde Heiterkeit des Rheinlands, hatten sie nicht eben erst, innig vereint, seiner Leier Töne entlockt, wie sie Deutschlands Dichterwald in solch persönlicher Wahrhaftigkeit noch nicht vernommen? Und wenn man schon jetzt anfing, seinen Namen dem Namen des größten Deutschen zuzugesellen, und in Goetheische Klänge die bestrickende Harmonie feiner Saiten sich mengte, war da nicht unwiderleglich dargetan, daß die Segnungen jüdischen Rassentums den Deutschen in vollstem Maße zuteil werden konnten, auch wenn kein Priester weihend die Rechte über sie erhoben? Was also sollte die Taufe? Aber darin gerade lag es! Weil der Jude Heine auch als Jude, d. h. unter Wahrung seiner Stammeszugehörigkeit, Deutschlands großer Sänger hatte werden können, wie er eben erst gezeigt, darum konnte die Taufe ihm nimmermehr eine Kultur tat bedeuten, darum mußte sie ihm mit so überwältigender Klarheit als das erscheinen, was sie tatsächlich war: Als elender Güterschacher, als furchtbarer Verrat an seiner rassentümlichen Vergangenheit, der er seine von ganz Deutschland bewunderte und nachgeahmte Artung zu verdanken hatte, als Preisgabe seines Stammes dem Anwurf jedes Gassenjungen, als Bestätigung all der Schmach, die sein Volk seit je erduldet. Als Preisgabe vor allem seiner selbst. Denn wer den eigenen Typus nicht bejaht, in ihm nicht freudig die Wurzeln seines Seins anerkennt, der legt erbarmungslos die Axt an den eigenen innersten Kern und geht der Bodenständigkeit auf Erden verlustig. Denn nur im Typus sind wir bodenständig. Assimilation? Vergebens appelliert Köhler in seinem neuesten, von erschreckender Verwirrung aller ethischen und ethnischen Grundbegriffe zeugenden Artikel (Deutsche Montagszeitung vom 13. Februar 1911) an ihre weltgeschichtliche, Kultur bedingende Funktion. Wohl sind die Gesetze der Differenzierung und Integrierung beherrschende Faktoren auch im sozialen Leben der Menschen. Und wohl vollzieht sich die Integration nicht anders als auf dem Wege der Assimilation. Aber wehe, dreimal wehe dem Individuum, das von den Normen der Menschheitsentwicklung auch die Normen eigenen Verhaltens ableiten wollte. Nur die Assimilation, die die Geschichte vollzieht, ist berechtigt, weil notwendig. Nur sie, nur Gott, der sie leitet und durchwaltet, darf über Völker und Rassen richten, darf sie wie im Siebe höd 12V12W EHpn ‘vrbi '22 y^vb ‘■jmbrfc D'2E*m c'2"iri2 m2 '22 de? w'2? dws D'^ma cm D'i2D*nsü onoia dwi*? minn nanp onc? a'?32trxn Dieser Zustand der Feindschaft, d.n jder Redner an einzelnen Vorkommnissen eingehend beleuchtete, hielt sehr lange Zeit an. R. Obadja Bartonora weiß ebenfalls in seinen bekannten Reisebriefen, die er von Jerusalem aus an seinen alten Vater und 2 rüder in Italien richtet, von den Streitigkeiten und haßerfüllten Verfolgungen zu erzählen. So mußte -- zufolge Brief vom *717« 'n — ein gewisser b^E? p2n |J"!2 "1 ein 2'tsr6 N2-1V1 *?j?3 2'21 n'E?j? D2N 2?1X, der sich in der heil. Stadt nüderlässen wollte, nach Aegypten fliehen D'2'2>^12N D'2p1N '2212 Ein Helles, traurig s Licht verbreiten diese Briefe über die unchrllcht-u Manipulationen, durch welche die ß^pj sich in den Besitz der sämtlichen Hal e der Eingewandrrten zu setzen wußten, ferner über die Mittel, durch welche sie das Ausland täuschten und Geld unter allerlei Vorspiegelungen für sich zu sammeln verstanden. Der grüßte Teil der neuen Einwanderer berl.eß daher nach längerer oder kürzerer Le benszeit wieder die heil. Stadt und damit überhaupt Palästina und begab sich hauptsächlich nach Aegypten, wo auf diese Weise der neue von westeuropäischen Juden en stand. Andere, wie der gelehrte Typograph des heiligen Landes THEn '"YIDDX/ der seinen Wohnsitz in ^'L'«71'2lousschlug, mied die heil'ge Stadt, den gefährlichen H rd des^endlosen Streitens. In Jerusalenr finden wir daher noch im Jahre nach dem Zeugnis des R. Jakob ben Moscheh Chaim Baruch nur 16 Aschkenasim. Im Jahre rattf mußte R.