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Der Israelit · 1911-02-23 · Heft 8 (23.2.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 8 (23.2.1911)
Date
1911-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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23. Mbrrrar 1911 Der Israelit «o. 8. scheint in her Tat das Statut des Deutsch-Israelitischen tvemeindebuudes einer Korrektur dringend §u bedürfen." Hier wird also ganz unverh-ohlen ausgesprochen, daß den Großgemeindelt vermöge der in ihnen inearnierten Intelligenz und Finarrzkraft ein so starkes Uebergewicht verliehen werden soll, daß sie im Gemeindebund niemals überstimmt werden können. Warum dann nicht lieber gemäß dem famosen Borschlage eines süddeutschen Organisationssreundes in der „Allg. Ztg." d. Js., einen „B und der G ro ß g e m e i n d e n" griinbcn, der dann den kleineren Gemeinden, je narf> gutem oder schlechtem Betraget: mehr oder minder beträchtliche Almosen aus der gefüllten Kasse i:ach sreiein Belieben verabreichen könnte und der ganz überflüssigen Gemeindetagc ledig wäre? Die jüdischen Gemeinden aber turi gut darait, sich die offenherzigen Worte der offiziösen Mitteilung recht genau z:l merken. Ter M ach t h u it g c r unserer Großgemeinde- Borslände (denn diese und lticht die Masse der Gemeinde-Mitgileder sind es ja, die allein die Macht a u s ü b e it) wächst sich mit jebent Tage mehr zu einer uttgeheuren Gefahr für das öffentliche Leben aus. Tiefer Machthunger ist es, der den bisher geborenen verunglückten Organisations-Projekten das Gepräge gegeben und sie damit zum Tode verurteilt hat, und er ist es, der jetzt auf dem Umwege einer Satzungsänderung beim Gememdebmw die endliche gesetzliche Festlegung der Berliner Vorherrschaft im jüdischen Deutschland zu erreichen gedenkt. Ob die kleineren unb mittleren Gemeinden, die dem Gemeindebund angehören, innerlich schon so zermorscht sind, daß sie in der Tat die ihnen zugedachte Entrechtung votieren oder gleichgültig fchweigeird dulden werden, wird der Gemeindetag ja zeigen. Zweifellos werden die Gemeinde;: wiederum aufgefordert werden, ben Berliner Her n it Blanko-Vollmacht zu erteilen. Soll dies vermieden werden, dann müßte:: sieh die Mittel- und Kleingemeinden zur Wahrung ihrer Rechte unverzüglich zusammenschließen, am eigene, ihre Interessen vertretende Delegierte nach Berlin zu entsenden und den drohenden Schlag abzuwehren. Im üampke ums örot. Es war ein Schauspiel eigener Art, das sich dieser Tage dem eleganten Wiener Straßenpublikum darbot. Und der Wiener ist nicht unempfänglich für solche auf der Freilichtbühne der Straße vor sich gehenden Tragödien und weiß den Regisseuren Dank für die aparte Attraktion. 3000 jüdische Schanker, Greise, Weiber, zum Teil mit Kindern an der Hand, gedrückte und gebrochene Gestalten, ziehen durch die vornehmen Stadtviertel, ans Ministerium, an den Polenklub, an das Parlament. Sie bitten flehentlich um das, was sie, gestützt auf ihr Menschenrecht, auf den ihnen vom Staate gewährleisteten Rechtsschutz gebieterisch hätten fordern können: um Brot. Nicht in dem Sinne, daß ihnen die Regierung solches verschaffen soll, sondern daß sie ihnen das bislang ehrlich und redlich verdiente nicht rauben möchte. Und was sagt der Herr Minister, was sagen die edlen Polen, die Herren im Lande des Elends? „Die Kraft der Argumente", meinte der Handelsminister Weißkirchner, „sollte genügen und eine Unterstützung derselben durch massenhaftes Auftreten wäre nicht notwendig gewesen." Im übrigen konnte er den Betroffenen nicht den Borwurf ersparen, daß sie sich auf die neue wirtschaftliche Lage nicht eingerichtet hätten, wiewohl ihnen genügend Zeit dazu geboten war. Alle Gesichtspunkte bei der Verleihung von Konzessionen seien in humanster Weise geprüft worden.... Sicherlich werden sich viele Schänker einem anderen Berufe zuwenden müssen usw. Und dann weise Ratschläge, väterliche Zurechtweisungen, auch einige juristische Vorlesungen über die veränderte Gesetzestage. Alles, nur kein Versprechen, auch nicht das leiseste und unbestimmteste. Geradezu wie bitteren Hohn mußten es jedoch die Armen enipfinden, wenn sie der Herr Minister von der Notwendigkeit, sich anderen Berufen zuzuwenden, zu überzeugen suchte, derselbe christlich-soziale Weißkirchner, der es zu seinen Aufgaben zählt, das Hausierergewerbe und den Kleinhandel lahmzulegen. Noch bezeichnender gestaltete sich der Empfang seitens des Polenklubs. Der Obmann desselben Dr. Lazarski ärgerte sich nicht wenig über seine jüdischen Landsleute, die in Massen nach der Reichshauptstadt kommen und „dadurch den Eindruck erwecken, als würden die Juden in Galizien schlechter behandelt als die übrige Bevölkerung". Auch er, der doch die Verhältnisse in seiner galizischen Heimat besser kennen muß, als der Urwiener Herr Weißkirchner, spricht merkwürdigerweise von den vielen anderen Erwerbsmöglichkeiten für die jüdischen Schänker. Dann aber meint er, der Polenklub sei als Vertretung des ganzen Landes verpflichtet gewesen, Rücksicht auf die Gesamtinteressen zu nehmen, wobei naturgemäß einzelne leiden mußten.... Der edle Pole vergißt natürlich hinzuzufügen, daß diese „einzelnen" etwa 20,000 durchwegs jüdische Familien sind. Denn die verein - $ eiten christlichen Schankwirte dürfen neben den Gutsbesitzern, die das Propinationsrecht erhalten haben, ihre Schankkonzessionen weiter behalten. Und nun sage noch jemand, daß wie der Maffenaufzug der jüdischen Schänker fast den Anschein erwecken könnte, die Juden würden in Galizien schlechter behandelt als die anderen Bevölkerungsteile .... Wir versprachen uns nicht viel/ von dem „Spaziergange nach Wien". Und wir müssen uns sogar wundern, daß Männer wie Stand und Straucher, die doch die Lage und bic Stimmung in der Hauptstadt kennen, zu diesem wenig verheißenden Mittel griffen. Am meisten sind noch die Galizier selbst zu begreifen. Alles scheint verloren, Berus und Existenz und der Boden unter den Füßen. Düster ist die Zukunft, der tausende brot- und obdachlose Familien entgegensehen. Da rafft man sich noch einmal zu einer Kraftanstrengung auf, zu einem letzten verzweifelten Schritte. Man zieht mit seinem Elend an die Stufen des Thrones, in die Halle des Parlamentes. Mögen sie selber sehen — Vielleicht? — Wer weiß? .... ' Nun wissen sie es. War es leise Hoffnung, die ihren Schritt nach Wien beflügelte, so ist eS bittere Enttäuschung, die sie in die unwirtliche Heimat treibt. Bon Wien ist nichts zu hoffen. Sie werden, soweit sie nicht zum Wanderstabe greifen, sich nach „anderen Erwerbszweigen" Umsehen müssen, was in Galizien leider nicht überall im Bereiche der Möglichkeit liegt. An die jüdische Gesamtheit, die in solchen Fällen noch nie versagt hat, tritt nun wiederum eine heilige Pflicht heran, die Pflicht, unfern auswandernden oder im Lande bleibenden galizischen Brüdern in ihrem Kampfe ums Brot nach Kräften bei zu stehen. Die Vaake als „Kaltorfaktor. „Aus meiner Denkungsart kannst Du es Dir wohl abstrahieren, daß mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist, daß ich ihn auch symbolisch nicht wichttg achte, und daß ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stammesgenoffen mehr weihen würde. Aber denoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe.... Wir leben in einer traurigen Zeit, Schurken werden zu den Besten und die Besten müssen Schurken werden. Ich verstehe sehr gut die Worte des Psalmisten: Herr Gott, gib mir mein täglich Brot, daß ich deinen Namen nicht lästre!" Also schrieb im Jahre 1824 Heinrich Heine Diese seitdem in der Geschichte Israels unzählige Male aufS neue bestätigte Erfahrung will uns Paraschat Schekaltm alljährlich neu zum Bewußtsein bringen. Nach seinen Leistungen gezählt, erscheint Israel um so größer, je Heiner die numerische Größe ist, die es darstellt. Wenn etwas geeignet ist, uns das Haupt zu erheben, so ist es die Forderung: 127121 zu spenden, beizusteuern und zu helfen und die Art und Weise, wie wir ihr gerecht werden. Die Erklärer der Thora erinnern an die Eigentümlichkeit des Wortr s 127121/ das vorwärts wie rückwärts gelesen immer gleich laute;. Es enthält die Pflickt, die, in welcher Stellung und Loge auch immer betrachtet, stch ewig gleich bleibt, deren E fallung uns obliegt, ob es vorwärts oder rückwärts mit uns geht. Diese Pflicht und ihre Erfüllung entscheidet über den fittltchen Wert von Menschen und Völkern. Sie ist der Gradmesser für die zu treffende Bedeutung des inneren Wertes. Diese Wahrheit dürfte auch einem dunklen Ausspruch unserer Weisen zugrunde liegen, der sich im Talmud Traktat Grubin, Fol. 13, findet: 'K&v n’3 lpbm nxnai n'w vitr pan i;n *n33 *6tff oni6 6 w: anois ibbn bhn nvi a*i*6 6 mi d'~ieix ibbrn 1osstpo itvi' *6tP 0*1*6 6 ni3 1")D31 1323 X"133 *6w2 INI' *03312? VlTBin XN33VV NN1' *0333 ■TW132 nb 1'L?v!23 „Unsere Lehrer haben gelehrt: Zwei und ein halbes Jahr stritten die Schule Schammais und die Schule Hillels. Die einen sagten, es wäre für den Menschen bester, wenn er gar nicht, erschaffen wvrdm Wäre, und die anderen sagten, es ist für den Mmschm bester, daß er geschaffen worden ist. Sie zählten und kamen zu dem Beschluß, es wäre für dm Menschen bester, er Ware gar nicht geschaffen worben Jetzt, da er einmal erschaffen ist, prüfe er seine vergangenen Handlungen und nach andern seine künftigen Handlungen." Auf die Schwierigkeit dieses Ausspruchs braucht nicht erst aufmerksam gemacht zu werden. Wie ist es möglich, daß unsere großen Meister über einen Gegenstand auch nur streiten konnten, den Gottes Weisheit durch die, Tat bereits entschieden hat, und wie konnten ffe gar schließlich zu einem anderen Resultate kommen als diM jenige, das in der Existenz d r Menschen nun doch einomk als vollendete Tatsache dasteyt? Beobachtet man jedoch die Tausende und Hunderttausende von Menschen, die geboren werden, leben und sterben, ohne einer höheren Regung fähig zu fein, die ein Spielball ihrer Sinne und Leidenschaften, keine Spur eines Fortschritts und einer Vervollkommnung erkennen lasten, so möchte man wohl an der Menschheit irre werden und an ihrer Zukunst und einstigen Vollendung verzweifeln. Sieht man dagegen aus der großen Maste von Existenzen, die scheinbar ihre Bestimmung verfehlten, einzelne Geister wie Meteore aufleuchten, so söhnt uns diese Tatsache wiedlr mit der Menschheit auS. Denn solche das gewöhnliche Niveau weit überragende Gestalten zeigen trotzälledem, westen die Menschheit fähig ist unb lasst n die große, stumpfe Masse als den Stamm begreifen, besten Blüte und Frucht cben diese genialen Menschen bilden. In diesem Sinne sagen z. B. die Weisen 71VI2 X121 'D *1333 SlptT 13'3N, daß unser Lehrer Moscheh, de Sechmalhunderttausende seines Volkes aufwiegt. Menschen dürfen eben nicht gezählt, Menschen müssen gewogen werden. Nicht die Zahl, die Leistung entscheidet. Von den beiden Schulen wird dagegen berichtet: 1*1b3l 33Ö3 sie zählten (nicht dir streitcnbrnStimmen, ’ih) u» '/ 2 wie man gewöhnlich annimmt, sondern) die Menschen, deshalb kamen sie zu dem betrübenden Resultat, daß die Schöpfung deS Menschen zu beklagen sei. Der Schöpfer des Menschen aber, der seine Menschen nicht zählt, sondern wiegt, kommt zu einem anderen Resultate. — Es handelt stch somit bet dieser Untersuchung nicht um einen müsfigen Streit über Dinge, an welchen keine Diskussion mehr etwas ändern kann, sondern die Konsequenz, zu welcher diese Diskussion drängt, ist eben der Sporn, durch Metzen, was die Zahl und die ihr anhashoffen übrig lasten. Deshalb klingt die Diskussion in die Mahnung auS, die vergangene und zukünftige Tat des Lebens einer sorgfältigen Prüfling zu unterziehen, damit fie die Unzulänglichkeit und Mangelhaftigkeit der gezählten Masse suchen. Wenn daher Gottes Wort uns lehrt, die Menschen nicht nach ihrer Zahl, sondern nach ihrer Leistung zu schätzen, so sagen die Schekaltm, welche diese Leistung symbolisieren, schon durch ihren Namen — wägen), daß Menschen nicht zu zählen, sondern zu wägen find und daß ihre Tat und Leistung ben Matzstab für dasjenige gibt, was die Gezählten repräsentieren. Dieser Gedanke lehrt uns daher unsere Pflicht treu zu erfüllen und unseren Beitrag redl ch zu steuern für die Zwecke und Ziele, die Gottes heiliger Wille uns gesetzt hat. Und wenn dieser Beitrag unserer Tat auch winzig und hälftig erschiene im Bergleich zu den unS gegenüberstehenden, imponierenden Maffenauf Gottes Wage wiegt unsere unzulängliche Tat, wenn fie mit dem vollen Ausmaß uns: rer ganzen Kraft geleistet worden, schwerer als die Zahl der leistungslosen Maffen. Diese pflichttreue Tat, so klein fie auch erscheint, sie rettet-unS von dem Untergang, dem alles verfällt, was letstrmgslos in Go'.trS Welt milzählen möchte. ,/y - -'.y . ■/! w .yt,... -v;

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