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Der Israelit · 1911-02-23 · Heft 8 (23.2.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 8 (23.2.1911)
Date
1911-02-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Oer Israelit. 23. Februar 1911 «Äte 9. Nr. 8 ein guter Jude, und wer ein Posche ist, das Urteil darüber wollen wir am letzten Ende Gott, dem Allwissenden, überlassen. Wir wollen hier nicht über Personen richten, sondern uns über sachliche Tinge verständigen. Ich erinnere an das Wort des Micha, „Es ward dir verkündet, o Äldensch, was gut ist/" Der Prophet sagt hier nicht, wer gut ist, sondern w a s gut ist. Wer gut ist, und we r schlecht ist, das weiß der allein, der die Herzen prüft und die Gesinnungen erforscht. Aber was gut, und was schlecht ist, das ist den: Menschen kundgetan worden. Es kann einer als Märtyrer für seinen Glauben sterben und doch von Gott verworfen sein. Und es kann einer als Verbrecher im Zuchthaus sterben, und doch Gottes geliebtes Kind sein. Und doch wissen wir, daß als Märtyrer für den Glauben sterben, etwas herrliches und etwas heiliges ist. Und als Verbrecher im Zuchthaus sterben, etwas häßliches und entsetzliches ist. Ob der liberale Jude X. oder s2). ein guter Jude ist, darüber möge er sich, wenn ihm an einem untrüglichen Urteil etwas gelegen ist, in einer andern Welt von Gott ein Urteil erbitten, ebenso wie der orthodoxe Jude X. oder Y. in diesem Falle ein gleiches tun möge. Aber was gutes Judentum ist, ob leberales oder orthodoxes, darüber ein Urteil auszufprecheu, das werden und dürfen wir uns nicht nehinen lassen. V. Ich hebe diese Selbstverständlichkeit um deswillen hervor, weil die „Bereinigung für das liberale Judentum"" uns dieses Recht abzusprechen scheint. Durch die auf der konstituierenden Ber famrnlung gehaltenen Reden und die dort gefaßte Resolution klingt etwa folgender (Hebanke hindurch: „Die Orthodoxie möge sich um ihre eigenen Angelegenheiten bekümmern. Was wir Liberale tun, das geht sie nichts an, denn alle unsere Maßnahmen betreffen lediglich das liberale Judentum. Die Orthodoxen haben kein Recht, eine andere als eine gute und' anerkennende Mci uung über den Liberalismus zu haben und auszusprechen und unsere Kreise zu stören. Wir verbitten uns jede Einmischung in unsere Interna, ebenso wie wir uns in die Interna der Ortodoxie nicht einmischen, da unser Programm nicht das orthodoxe, sondern nur das liberale Judentum betrifft."" Das ungefähr ist die Anschauung, die den offiziellen Kundgebungen des Liberalismus zu gründe liegt. Ich komme noch darauf zurück. Nur beiläufig will ich hier bemerken, daß eilte solche Anschauung sich hören ließe, wenn es die Voraussetzung des Liberalismus wäre, daß das liberale und das orthodoxe Judentum zlvei getrennte Konfessionett innerhalb des Judentums seien, wie die evangelische und die katholische Konfession innerhalb des Christentums, und wenn ferner diese Trennung in allen jüdischen Gemeinden durchgeführt wäre. Daun erst würde mau es verstehen können, wenn die Liberalen erklären würden: „Um Interna der einen Konfession hat sich die andere Konfession nicht zu kümmern/" Doch in Wirklichkeit ist diese Trennung nur iit einigen wenigen Gemeinden durchgesührt und durchführbar. Außcrdciu aber und das ist das Interessaltteste perhorresziert ja der Liberalismus den Vergleich mit den zwei christlichen Konfession nelt und Polemisiert gegen diese ich weiß es nicht toirklich oder angeblich von orthodoxer Seite ausgestellte Gleichung, die er sich jedoch kurioser Weise implicite in feinen Kundgebungen zu eigen gemacht hat. Mau kamt aber zwei Zeit ausschließende Thesen nicht zu gleicher Zeit aufftellen oder, wie der rabbinische Allsdruck lautet: Man kann einen Balken nicht gleich zeitig an beit entgegengesetzten Enden ergreifen. Der Widerspruch ist unlösbar. Wenigstens logisch. Psychologisch scheint mir allerdings die Lösultg folgende: Die Resolution ist aus dem Bodeit Frankfurts erwachsen, lvo eilte starke Separatorthodoxie nitD eine respektable Gelneiildeorthodoxie besteht,, und die Befürchtung vorliegt, daß, luemi die Gemeindeorthodoxie vom Liberalismus brüskiert tvird, sie in das Lager der Separatorthodoxie übergeht. Der Frankfurter Liberalisntus mußte also eine Formel anfstellen, die einerseits den Liberalismus vor der Kritik der Orthodoxie sichert, andererseits aber die Separation nicht fördert. Die Frankfurter Formel ist nun von der konstituierenden Bersammlung der „Vereinigung für das liberale Judentunr in Deutschland"" gur Formel für das ganze Reich erhoben worden. Wir haben also das Recht, die ossiziel len Dokumente des Liberalisinlls nicht als auf beit Frankfurter Ortsgebrauch beschränkte, soitderli als für ganz Deutschland gültige anznsprechen. (Fortsetzung folgt.) iS Kochenr««rschau Enfrethlung 9er Kleingemeirräen? Auf den 11. Juni d. Js. werden die dem G e m e i n d e b n n d angehörigeir deutschen Genkeinden zll einer außerordentlichen Tagung nach Berlin berufen, deren eigentlichen Anlaß man wohl irr der vom Vorstände offenbar als dringlich empfundenen Satzungsänderung erblicken darf. Was geändert werden soll, ist unseres Wissens offiziell bisher nicht bekanntgegeben worden, obgleich bei einem Statut, das kaum mehr als zehn oder elf Jahre alt ist, die Notwendigkeit so eiliger Aenderungen nicht gerade zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Allein auch ohne daß es ein vorige Woche erschienener hochoffiziöser Artikel verraten hätte, konnte nran vermuten, daß es sich darum handelt, d a s S t i m m r e ch t d e r k l e i n e r e n u n d mittlere u G emeinden zu Gunsten der Großgemeiuden Berlin, Frankfurt, Breslau und Köln e i n z u s ch r ä n k e n. Die Erfahrungen des letzten Gemeindetags, der zur Ueberraschung aller Beteiligten eine aus Mittel- und Kleingemeinden bestehende Mehrheit gegen den Machol'schen Gesetzentwurf ergab, haben offenbar zu dem Wunsche geführt, diese unbequemen Selbständigkeitsgelüste radikal ausznschalten und die Alleinherrschaft B e r - t i n s und der wenigen „Bruder-Großgemeinden"" wie eirren rocher de bronce zu stabilisieren. Der erwähnte offiziöse Artikel im Kölner Gemeindeblatte meint dazu: „Wurf) dem zur Zeit geltenden Paragraphen IN bestellt der Gemeindetag aus -Abgeordneten, welche die ordentlichen Mitglieder (meistens Gemeinden) aus ihrer Mitte Iväylen. Tas Stimmrecht der ordentlichen Mitglieder regelt sich derart, daß jedem Mitgliedc (o-emeinde oder Gemeindeverband) auf einen Jahresbeitrag von 50 Mt. eine Stimme zusteht, bei einem lwtzer, n Betrage aber ans je 100 Mk. des Mehrbetrages nach eine weitere Stimme. In keinem Falle stehen?tt>od; einem ordentlichen Mitgliedc mehr als 5 Stimuu'it zn. In diesen letzteren Bestimmungen liegt zweifellos eine gewisse llngerechtigkeit gegen die Großgrmeinden. (kennst mag es nicht wünschenswert erscheinen, das; einer einzelnen großen Gemeinde durch Zuerkeirnnng einer unbegrenzten Stimmenzahl je nach der Leistung, die Majorität auf einem Gemeindetage zu-- sallen könnte. Es wird z. B. auch von dein bestell' Freund? der Berliner Gemeinde nicht als wnnschensivert bezeichnet werden können, daß sie einen allein*) ausschlaggebenden Eilrfluß auf den Gemejndebnnd ansnbe. Andrerseits aber »ins; es fraglos als ein unhaltbarer Instand bezeichnet werden, wenn Großgemeinden/!) wie Berlin, Frankfurt, Brcslall, stöln bei dein jetzigen Modus der Stimmvcrteilung durch eine .Koalition kleinerer und t l e j n st e r G e in e i n d e n in a j o r i s i e r t wer - d e n k ö lt n e ii.-") Tie Begrenzung der Stimmenzahl ans f>, selbst für die größten und leistungsfähigsten (Gemeinden, für jene jüdischen Gemeinwesen, die das Meiste und Bedeutsamste sowohl in finanzielle r Einsicht wie in i n t e l t c kt ueller ii n b aut d em Arbeiisgebi e te für die Ge - f a in t h e i t d'e r d e u t s ch e n I n d e n l e i st e n, i st n n g e r e ch t u n d die Zuerkennung eines diesen Leistungen möglichst adäquaten Ltimmengewichts nur eine berechtigte Forderung/) In diesem Punkte *) Bon uns hervorgehoben. Red. Adle» «ad Labien (3n ü'bpv ntns-) Es war ein ungemein regeS Leben, das fich mit Beginn des AdarmonatS in der jüdischen Gesamtheit geltend machte, alS fie noch im heiligen Lande weilte. Der tzdar war der letzte Ausläufer der Wtnterzett, den nun in wenigen Wowen ber Frühlingsmonat ablöste. Me draußen in der Natur, sollte auch in den Geistern und Gemütern der Bann des Winters gebrochen werden. Der erste Ruf, ber dm Winterschlaf verscheucht und die Herzen mit neuem Lebenshoffen erfüllt, ist der Schekelruf. Er lautet: urm bxrw' '22 wi ns «vr\ '2 ün2 rrrr sSi nns npa2 nas •ons 1pB2 „Wmn du die Häupter der Svbne Israels nach Gezählt« aufnehmen willst, so soll jedermann Gott ein Lvsegeld für seine Person geben, indem man fie zählt, dann wird kein Sterben unter ihnen sein, wenn man sie zählt/ (2. B. SR., st. 10., B. 12.) Damit wird uns alljährlich die große Wahrheit nahe «: Wenn die Kinder Israels gezählt werden sollen, iffen fie zahlen, geben, leisten. Nur durch das, was fie zahlmd leisten, laßt sich ihre Zahl und Bedeutung sestfiellen. Wenn man nur die Köpfe zählen und nicht die leistenden Hände in Anschlag bringen, so würde das den Untergang Israels bedeuten. Wenn die bloße größere oder geringere Zahl entschiede, dann wäre Israel verloren. toPBTI 2NX, '7D DnnsTO ,/Jhr seid und bleibt die Minorität", hat der scheidende Lehrer Israel in seinen Worten zugerusen und uns damit für all?. Zeit die Tatsache hinausgegeben, daß es nicht die Autorität der Majorität war und ist, der wir Gottes Wohlgefallen veidanken. Zählt man aber nicht die Personen, sondern ihre Leistungen, ihre Hingebung, ihren Opferfinn, womit fie fich in der Geschichte der Menschheit verewigt haben, dann eröffnet fich erst die wahre Bedeutung der Gezählten. Dann überragt das zähltge Häuflein deS Gottesvolkes viele gigantische Bvlkerkolosse, mit welchen es gerungen, unter denen es gelitten und geblutet und die es trotzdem überdauert hat. Die Vereinzelten, welche gegen die übermächtige Mehrzahl Stand hielten, konnten überwältigt der brutalen Macht unterliegen. Aber sterbend blieben ste Sieger. Sie ließen fich brechen, aber nicht biegen. — Was fie der imponierenden Mehrzahl entgegenzusetzen hatten, war nur wenig, war hinfällig und scheinbar ungenügend. Es waren nur halbe Schekeln istungcn. Aber Gottes Gnade hat die unzulänglichen, hälftigen Leistungen zusammengefügt und in dieser Gemeinsamkeit haben fie den Untergang und den Tod überwunden, denen der Einzelne sicher verfallen wäre. Wir stehen heute unter dem Zeichen der Statistik, die fich an die äußere Zahl klamniert und der ganzen maierialisttschen Richtung der Zeit gemäß fich um den inneren geistigen und sittlichen Gehalt ber Gezählten wenig kümmert. Eifersüchtig zählen die bis an die Zähne bewaffneten Völker die Bataillone, Kriegsschiffe und Mordwaffen der Nachbarvölker, um eS ihnen nachzutun und fie womöglich zu Übertreffen. Wer eine größere Zahl ton Soldaten ins Feld stellen kann, gilt als der vorausfichtliche Sieger. Und doch ist die Geschichte reich an Beispielen dafür, daß daS Heldentum und die Opferfreudigkeit kleiner Staaten die trägen, großen Maffm ber Weltreiche überwand, daß nicht die Zahl, sondern die Leistung der Gezählten den Ausschlag gibt. Deshalb zählen wir nicht die Häupter unserer Lieben, sondern ihre Tatkraft und Leistungsfähigkeit, wenn wir ihre Bedeutung kennen und schätzen möchten. Nicht die Mensch nt, sondern auf Gottes Beistand zählen wir, selbst wenn wir Menschen zählen. Nicht fie zählen wir, sondern die zehn Worte: dsew omi "\r\brv ns “pni ns nrnrr -nbm nv „Hilf Deinem Volke, segne Dein Erbe. Weide und trage fie bis in Ewigkeit." Alljährlich daher, wenn wir dem Feste entgegengehen, welches daS Gedächtnis jener Zeit belebt, in welches Israel aus Mizrajim, das Haus JakobS aus dem fremdzüngigen Volke zog, alljährlich ruft der erste Herold dieses Stiftungsfestes uns die Wahrheit in die Seele: Menschen dürfen nicht gezählt, Menschen müffen gewogen werden. Unsere ägyptischen Zwinghe.ren waren an Zahl größer, an Macht imponierender als ber geknechtete Sklavenstamm- und dennoch hielt die überlegene Mehrzahl der körperlich schwachen, minberzähligen Heloten nicht stand. Auf die Seite der geächteten Sklaven trat die Herrlichkeit Gottes in ihrer ungeahnten Machtsülle und hob den Paria aus dem Staube, während seine Tyrannen im Meeresgrund ihren Untergang fanden.

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