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Der Israelit · 1911-02-16 · Heft 7 (16.2.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 7 (16.2.1911)
Date
1911-02-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ED.-C.. euilleton. fln$ einer verborgenen Kielt. ChaMdische Geschichte«. 9irtcf) der Zusammenstellung eines galizischen Chassld bearbeitet von Sch. Des „öaööifts“ Debet Fortsetzung.) Auch die Sterne an der nachtblauen Himmelsdecke sangen hell und laut . . . Rabbi Binjomin schloß noch fester die Lider. Und nun sah er zwischen den Sternenreihen in die offene Himmelspforte. In einem Meere von blendendem Lichte stand, ganz in Farbenpracht prangend, der Gottesthron, ganz umringt von Schaaren der Engel, die sich im Reigen drehten und Preislieder singend, Perlen von nie geahntem Glanze in Gottes Krone streuten. Mitten im Kreise unzähliger leuchtender Heiligen stand von den anderen abgesondert eine Gruppe weißgekleideter Frommen, die mit unverwandtem Blicke nach dem Throne, sich in der Thora unterhielten. Er lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihren Worten und alles, was sein Herz je bedrückt, löste sich und schmolz, wie weicher Schnee vor Sonnenstrahlenalles, was ihm in der Schrift und im Leben je dunkel war, lag jetzt klar und tagehell vor seinen Augen. Wie ein offenes Buch lag die Welt der Erscheinungen vor ihm ausgebreitet und alle Rätsel des Daseins waren gelöst. Die Sonne stand bereits am rotgeränderten Himmel des schönen Spätsommermorgens, als Rabbi Binjomin jäh aus dem himmlischen Traum gerüttelt wurde. Bor ihm hielt ein Reitersmann auf schäumendem Gaule, ein wild aussehender Geselle in grauer Kosakenuniform. „Auf Jud'!" schrie der Soldat, „zeig' mir den Weg, der nach Korbin führt!" Bon jähem Schrecken gepackt, erhob sich Rabbi Binjomin und deutete stumm nach dem schräg Pfad. Eine Begegnung war in diesen unruhigen eine angenehme Ueber- Binjomin zitterte am ganzen Körper. Der Soldat schien aber nichts Schilde" zu führen. Mit kurzem Gruße trabte er davon. Aus den Büschen kam jetzt auch ein ganzes Dutzend Reiter gesprengt, die alle den bezeichneten Weg durch den Wald nahmen. Wie der Freitagabend, so verlief auch der Sabbat lichtarm und freudlos im Hause des Seilers. Das Esten der Leute war dürftig und karg zugemessen. Gleichwohl konnte der Fremde ein seltsames Strahlen auf den Gesichtern des Ehepaares merken. Der Seiler kauerte still und verschlossen in einer Ecke und schlief oder murmelte etwas Unverständliches, von Rabbi Binjomin aber in all feinen Bewegungen unausgesetzt und peinlichst beobachtet. Als der Sabbat zu Ende war, zog der Seiler, nachdem er die Gebete hastig heruntergemurmelt hatte, wieder seine Bauernjacke an, nahm das Reiserbund auf den Rücken und die Pfeife in den Mund und schickte sich an, zu gehen. waldwärts führenden mit reitenden Kosaken Zeiten nicht immer raschung, und Rabbi <r zu Nr. 7 des „)sraM^ 11 ü Da trat ihm Rabbi Binjomin in den Weg. „Rabbi! ..." Der Seiler erblaßte. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und sprach mit bebender Stimme: „Wo kommt Ihr her und wer schickt Euch zu mir?" „Der Rabbi aus Berditschew! ... daß Ihr uns helfelt, für uns betet, denn wir sind in großer Not."-- „Weiß schon, weiß schon," fiel ihm der Seiler ins Wort und sein Ton hatte einen seltsam weichen Klang. Die Röte war von seinem Gesichte gewichen und er sah voller Milde und Güte dem Fremden offen ins Auge. „Also," fing der Seiler nach einer Weile geheimnisvollen Schweigens wieder an, „weiß der Rabbi von Berditschew auch schon meiner. Aber, höret Freund, es ist um meine Seele, um mein Leben getan, wenn noch ein Dritter von der Sache erfährt und aufhört, in mir den einfachen, ungelehrten Waldmann zu sehen. Darum bitte ich Euch, über das, was Ihr hier gesehen und gehört, strengstes Schweigen zu beobachten. Was aber Eure Sache betrifft, so zieht in Frieden heim. Gott hat unser Flehen erhört und in letzter Nacht das Urteil gefällt. Die Gefahr ist abgewendet." —-.... * * * Noch in derselben Nacht trat Rabbi Binjomin den Heimweg an. Er wanderte die ganze Nacht hindurch und kam in den ersten Morgenstunden im Städtchen an. Dort empfingen ihn aufgeregte Scharen, die ihm voller Freuden die große Begebenheit des Tages erzählten. Am letzten Sabbatmorgen sei russisches Militär in das Schloß eingedrungen. Der Graf sei als Anhänger der polnischen Verschwörung unter starker Bewachung nach der Residenz verbracht worden, das Schloß sei gesperrt und bewacht. Und dies alles war am Tage vor der geplanten Austreibung oder Verhaftung der Juden geschehen. „Des ,Zaddiks^ Gebet!" dachte Rabbi Binjomin. Aber er ließ kein Wort über seine Wanderschaft und Erlebnisse verlauten. * * * Lange Zeit hörte man nichts vom Schicksal des Grafen und vom Gang der Sache. Die Juden des Städtchen lebten noch in einiger Unruhe und bangten vor der ungewissen Zukunft. Da wurde nach vielen Monaten der Vorsteher der Gemeinde, Rabbi Binjomin, eines Tages aufs Gouvernementsamt in die Stadt bestellt. Dort wurde ihm eröffnet, daß der Graf Upinski, wie viele andere Verschwörer, zum Tode verurteilt sei und daß alle seine Güter dem Gesetze entsprechend dem Staate zusallen. Was aber den Stadtgrund von Karbin betreffe, so sollen die Häuser, die die Juden seit vielen Jahrzehnten inne haben, mitsamt den zu denselben gehörenden Grundstücken von nun an als Eigentum ihrer Bewohner angesehen werden. Den Grund für dieses ungewohnte Wohlwollen seitens der russischen Behörden erfuhr man erst später und zufällig. Unter den beschlagnahmten Akten des Grafen befand sich nämlich ein Brief, der an einen Gesinnungsfreund gerichtet war und in dem der Graf diesem mitteilte, daß er nach einer Unterredung mit einem angesehenen Judenrabbi die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß die Juden treu zu den Russen hielten und sich weder durch Drohungen noch Verlockungen von dieser ihrer Stellung würden abbringen laffen. Die drei Söfitifc Ein reicher hochmchesehener Kaufmann aus der Gegend von Berditschew kam zum Rabbi mit seinen drei Söhnen an der Hanh und-sprach: „Gott hat mich mit GüternDMiWet und dementsprechend nach, der WeiM Spruch mit Sorgen belastet. Doch, aller Särgen größte ist die um die Kinder. JhreWeserrsart ist Perschieden wie ihre Neigungen, aber aste fstttzße gleichunbändig und störrigen Sinnes. So sie Sen Weg des Rechtes finden/ ob sie den Lockungen des vielgestaltigen Lebens widerstehen werden / ob sie in der Welt der Ereignisse und Erscheinungen, in die es sie gewaltig, drängt, Liebe und Treue zum heiligen Vatererbe bewahren werden? Hilf großer Rabbi! Laß Deine Meinung Und deinen Rat hören und dein allezeit wirksames Gebet für ihr geistiges Wohl ergehen. Denn sieh, ich kann ihnen nur totes Gut, gleißendes Gold, mit ins Leben geben. Thora und Gottesfurcht gehören jedoch nicht zu der Menschen ewigem Erb besitze." Der Rabbi hörte still des Mannes sorgenschwere Rede. Dann ließ er die Söhne in sein geheimes Gemach kommen und einzeln vor sich treten. Er nahm jeden so scharf ins Auge, daß, sie sich bis aufs innerste und verborgenste Herzenskämmerlein durchschaut fühlten und sprach dann auf jeden in eigener Art ein. Zum Abschiede gab er dem ersten einen kleinen Pentateuch, dem zweiten ein Psalmbüchlein, dem dritten ein Andachtsbuch, in dem die Gebete für den Versöhnun gstag enthalten waren./' Uno zum besorgten Vater sprach dann der Rabbi: „Deine Sorge ist nicht unbegründet. Wie in einem gährenden Faß sieht es in der Seele der Jünglinge aus. Doch wiffe: Einer bleibt dir erhalten, der andere kehrt wieder heim, vom dritten droht dir Kummer und Leid, daö aber bald vorüberzieht. Und alle werden sie, ihren Vätern gleich, rein in die ewige Heimat einziehen und dort ihren Platz im Paradiese neben Dir und Deinen Ahnen finden." Ermutigt durch diese Worte, die, wiewohl dunkel, wie heilender Balsam in des Vaters betrübte Herz stoffen, kehrte der Kaufmann mit seinen drei Söhnen heim, deren Erziehung er nach den Anweisungen des Rabbi weiter zu letten, sich vornahm. Der Aelteste — Elckanan hieß er — war nach der Unterredung mit dem Rabbi wie umgewandelt. Sein Verstand wurde zusehends schärfer und sein Gemüt mit jedem Tage weicher und zärter. Es war als hätte der Rabbi seinem Geiste Lebensernst gegeben und in sein Wesen Milde und Sanftmut gegossen. Das heilige Büchlein, das er vom Rabbi erhielt, ließ er nicht aus der Hand und er las darin in jeder freien Minute, die er der Arbeit des Tages und derRuhe, der Nacht abstählen konnte. V'* ' Der zweite — er hiesig Melchern — zeigte keine wesentliche Aenderung bei der Heimkehr. Ihn lockte nach wie vor mehr die freie grüne Natur als die ernste Arbeit oder das Studium der Thora. In Wald und Wiese verbrachte er den größten Teil des Tages, nicht immer in der besten Gesellschaft und selten bet nützlicher Betätigung. Eine unwiderstehlige Liebe bekundete Menachem für Musik. Und in Stunden, da er nicht von schlechten Kameraden zu dummen Streichen verleitet wurde, zimmerte er sich allerlei Instrumente, aus denen er Töne herausbrächte, die aller Bewunderung erregten. Des Rabbi Geschenk, das Psalmbuch, hielt er in Ehren, aber er bekümmerte sich um dessen Inhalt nicht. Er nähte es vielmehr in sein Gewand ein und beschloß, es immer auf sich zu tragen, da er darin ein glückbringendes Amulet sah. (Ztzrtsetzwrs MM _j, >.r M ML

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