Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1911)
- Date
- 1911-02-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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TJUWUl.1' * *7 ' ■* - •;;• 1 •- :f»i' .* -v u ’. j:. f . , * -* * 16. Februar 1S11 * - --. ,- ■■._ .jfc« i±? .» ■■ ---H --' liche Katalogisierung und Einschätzung der Bibliothek erfolgt sein wird, da der verstorbene Baron mit der begonnenen Katalogisierung seiner Bibliothek nicht fertig geworden ist und die Familie überhaupt auch nicht annähernd weiß, welchen Wert die Bibliothek repräsentiert. Erst nach Fertigstellung der ausführlichen Kataloge wird die Familie über den Verkauf der Bibliothek beschließen. Wilna, 18. Januar. Die Frage der Gründung einer jüdischen Hochschule in Rußland ist in ein neues Stadium getreten. Zurzeit ist in Petersburg ein Verein in Bildung begriffen, der sich die konkrete Aufgabe stellt, in Wilna ein jüdisches Polytechnikum nebstHandelshochschule zu gründen. Die Anstalt soll vier Abteilungen umfassen, nämlich je eine Abteilung für Handelswissenschaften, Architektur Mechanik und Elektrotechnik. Das Budget der neuen Anstalt ist durch zahlreiche Zuwendungen und Jahresbeiträge bereits gesichert, auch sind die hauptsächlichen Vorarbeiten beendet, so daß das Polytechnikum, falls die Regierung die nachgesuchte Genehmigung erteilt, bereits zu Beginn des nächsten Schuljahres, also im September 1911, eröffnet werden dürfte. Im ersten Jahre sollen 200 bis WO Abiturienten, die ihre Mittelschulbildung in Rußland genossen haben, Aufnahme finden. England. Die Vnlhsjählung in England. J London, 5. Febr. Am 2. April d. Js. wird in England die Volkszählung vorgenommen werden. Die Vorbereitungen hierzu werden bereits getroffen. Zu diesen zählt auch die interessante Einführung, wonach den Kindern in den Volksschulen genaue Anleitungen zur Ausfüllung der Zählbogen gegeben werden, damit diese dann ihre Eltern instruieren können. Unter den Zählkommissären befinden sich zahlreiche Juden, welche die Zählung in den jüdischen Stadtteilen vornehmen weiden. Die Regierung legt gerade jetzt großes Gewicht auf eine genaue Zählung der jüdischen Bevölkerung in England und ist bestrebt, besonders denjenigen Juden, welche der englischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind, nach Tunlichkeit entgegenzukommen, um ihnen die richtige Ausfüllung der Zählbogen zu erleichtern. So werden die Eingewanderten alle Aufklärungsvorschriften von der Regierung außer in englischer auch in jüdischer Sprache zugestellt erhalten. Ueberdies hat der „koarä of Deputies“ der jüdischen Gemeinde von London jedem Juden im Ostend gleichzeitig mit den Zuschriften der Regierung eine eigene Zuschrift in jüdischer Sprache zu senden, die fol- Jnhalt haben wird: „Gleichzeitig mit diesem Brief erhalten Sie von der Regierung einen Zählbogen, den Sie ausfüllen müssen. Wir hoffen, daß jeder Einwohner den Bogen in allen seinen Einzelheiten genau ausfüllen wird. Die Juden und hauptsächlich die eingewanderten Juden mögen daran denken, daß. sie hier vollständig Schutz und Freiheit genießen, uM-chögett dft Vorschriften der Regierung erfüllen. Wir geben Ihnen die Versicherung, daß die von Ihnen ausgefüllten Zählbogen nur zu dem Zwecke dienen, die genaue Zahl der jüdischen Bevölkerung festzustellen. — Diese Dokumente werden weder zu Steuerzwecken, noch in religiösen oder Mtlitärangelegenhetten benützt werden." Türket. Koustantinopek, 9. Febr. Die Nachricht, daß Rabbi Nahum zum Senator ernannt worden sei, bewahrheitet sich nicht und darf als Zeitungsente betrachtet werden. Alle Zeitungen hier waren von Berichten über die ehrenvolle Berufung gefüllt, ja, man las sogar, daß der Chachambaschi den Sultan gebeten habe, bis zur Wahl eines Nachfolgers religiöses Oberhaupt der türkischen Juden bleiben zu dürfen. In die _ Der tzikaeltt._ Provinzen wurden Depeschen gesandt, daß Nahum Senator geworden fei — unterzeichnet waren diese: „Jeunesse Constantinople" — wer ist diese Jugend, die sich ein solches Recht aneignete? Beim Großvezir trafen Drahtantworten ein, man möge „uns" den jetzigen Großrabbtner nicht nehmen u. dgl. — wer waren die Aufgeber? Hajim Nahum ist also nur deshalb nicht Senator geworden, weil — der Großvezir der „Vox popult" nachgeben und der Judenheit ihren geliebten Chachambaschi erhalten mußte! Die Aussicht auf die Senatorenwürde scheint Herrn Nahum den Aschkenasim gegenüber nüchterner gestimmt haben — er hat eine Annäherung zu ihnen versucht und endlich gefunden. Nachdem er den Fleischern in der Gabellah-Angelegenheit nachgegeben hatte, war der Anfang gemacht; wie verlautet, gibt der Großrabbiner nunmehr in allen strittigen Punkten nach. Der heurige Winter — hier beginnt dieser, sonst milde und kurz, erst im Januar — hat mit außerordentlicher Strenge eingesetzt. Unsere armen Glaubensgenossen in den Stadtteilen Haskeny, Balat und Galata sind übel daran und gar nicht darauf eingerichtet. Durch die leichten Bretter ihrer Holzhäuser treibt ein eisigkalter Wirbelwind den Schnee. Der Familienvater findet keine Arbeit, von Sparpfennigen ist gar keine Rede - infolge mangelhafter Zufuhr sind bereits die Kohlenpreise aus das Vierfache gestiegen. Das Elend ist groß, wozu noch kommt, daß mancher Familtenernährer Heuer erstmalig der Militärpflicht genügt. Der Sultan spendete 200 Ltg und läßt durch die Muchlare hierfür Kohlen unter die Armen und Bedürftigen verteilen. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" hat seinem hiesigen Vertreter Rabbiner Dr. Markus telegraphisch Geld für Heizmaterial angewiesen. vermirchter. Frankfurt a. M., 13. Febr. Ein T h o r a f e st, wie wir es selten erlebt haben und das allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird, war die am letzten Sonntag von der hiesigen Thoralehranstalt veranstaltete MD-Feter auf fQW rODtt* Auf die versandten Aufforderungen zur Teilnahme liefen so viele Anmeldungen ein, daß man in letzter Stunde mit Rücksicht auf den beschränkten Raum viele Thorafreunde zurückweisen mußte. Die Zuaelaffenen waren SonMag abend 6 Uhr in der Loge „Adler" in gehobener Feststtmmung, wie sie nur die echte Freude an der -Thora auslösen kann, versammelt. Rach dem durch Herrn Oberkantor Pesachowttsch in festlicher Weise verrichteten 2HVO-Gevete gruppierten fich die Nächstbeteiligten, die Teilnehmer am Neben-Schtur, um ihren Lehrer, Herrn Rabbiner Dr. Breuer, der in gewohnter genialer Tiefe und Geistesschärfe einen pTT auf die beendete hielt. Daraus ging eS zum reichen Festmahle, das vom Hotelier Ries (Hotel Ullmann) in bester Weise arrangiert war. Den Reigen der Ansprachen eröffnete Herr Jacob Rosenheim im Namen der BerwaltungSkommtfston der In Anknüpfung an e!n Wort des Wochenabschniues gab er der Hoffnung AuSd.uck, daß die Genüffe der Festtafel, dem Manna gleich, in ideale Jmpuise fich wandeln und allen Teilnehmern die Süßigkeit und stärkende Kraft deS „Lernens" zum Bewußtsein bringen möchten. Darauf ergriff Herr Rabbiner Dr. Breuer daS Wort, um einen zündenden Appell an die Versammelten zu richten, das Thorastudium zu pflegen und zu fördern. Nach dem bekannten Talmudworte Tltt^ HÜ&D obliegt jedem Juden, auch wenn er sich nicht dem rabbtntschen Stande widmet, die Pflicht, Thora zu lernen. Die beste Rüstung gegen die schädlichen Strömungen unserer Zeit bilde die Thorakennmis. Und in dieser Beziehung hat die hiesige Jeschiwoh, die einzige im deutschen Reiche, eine der höchsten jüdischen Aufgaben zu lösen. Auch als Btidungsstätte für Rabbiner, die in alter guter Weise mit der Autorität der Thora ihre Gemeinden letten, hat fich die Thoralehranstalt bewährt. Davon zeugen die früheren Schüler der Anstalt, von denen bereits 11 als Rabbiner und NtzkNIN Hltt in Deutschland, viele andere im Auslande und eine große Zahl rn den verschiedensten akademischen und kaufmännischen Berufen für die Thora wirken. Die Rede schließt mit einer Danksagung an den Vorstand der Gemeinde und öle Verwaltung der Thoralehranstalt für das warme Interesse, das der erster« der Jeschiwoh allezeit entgegenbringt und für die unermüdliche Arbeit der letzteren, die Jeschtboh auf ihrer Höhe zu erhalten. Herr RabbtuatSassessor Gerson Posen drückt dann alS ältester Schüler des Herrn Rabbiners, dem eS vergönnt fei, in der Nähe deS Meisters zu wirken, seine nt 7. Seife 7 Verehrung für denselben aus, indem er sein GlaS unter rauschend«» Beifall aller Anwesenden, die die Gelegenheit benutzten, dem Herrn Rabbiner eine spontane Ovatwn zu bereiten, auf sein Wohl erhebt. Daraus spricht Herr Kommerzienrat Feist im Namen der Gemeindeverwaltung, indem nt ebenfalls die hohe Bedeutsamkeit der Jeschiwoh hervorhebt, namentlich soweit ste der schulentlassenen Jugend der Gemeinde selbst Gelegenheit gibt, fich in der Thora fortzubllden. Auch auf diesem Gebiete habe die Anstalt glänzende Erfolge erzielt und fich dm Dank der Gemeinde verdient. Herr Gustav Kaufmann vergleicht die Schturim, die am Tage und Abends statifinüen, mit den Feuer-und Wolkensäulen, die während der Wüstenwanderung dem Bolfe bei Tag und bei Nacht voranleuchteten. Er bringt im Namen der ehemaligen Schüler der Jeschiwoh derselben seine Huldigung dar. Herr Dtstrtktsrabbtner Dr. Raphael Breuer aus Aschaffenburg schilderte ia Anknüpfung an einige Ausdrücke des Jeschtwoh-Dialekts die Bedeutung der Jeschiwoth im jüdischen Leben einst und jetzt und wendet fich in launigen, aber sehr ernst gemeinten Worten gegen das sogenannte „Tachlisreden", das der schlimmste Feind des Thorasstudtums sei. Im Osten, wo man sich noch den Idealismus bewahrt hat, ein paar Jahre seines Lebens ausschließlich dem Thorastudrum zu widmen, stehen heute noch bie^Jeschiwoth in höchster Blüte. Diesem Beispiel sollte man auch im Westen folgen, um die kommende Generatwn der Thora zu erhalten. Professor Dr. Caro erinnert an die Pläne, die den Gründern der Jeschiwoh vorgeschweby und hebt hervor, daß es gerade jetzt an der Zeit wäre, die Thoralehranstalt weiter auszubauen und auSzugeftalten, um so mehr, als die Universität Frankfurt nur noch eine Frage der Zeit fei. Es sprachen ferner die Herren Zahnarzt Ehrmann auS Berden, der besonders den tö^FT TH auf der hiesigen Jeschtboh schilderte, Aron Mojes Schwarzs ch i l b, Heinemann Birnbaum und Lehrer I. Soffer, die mit herzlichen Worten daS Wirken der Jeschtboh alS Bollwerk für die Thora in unserer Gemeinde feiern. AuS den Kreisen der Jeschiwoh-Hörer sprach Herr Adler im Namen der Bachurim den Dank der Jeschiwoh aus, die eine Wohltat für die Jugend, besonders für die Akademiker sei. Herr Samson Breuer erhebt sein GlaS auf die BerwaltungSkommtfston der Jeschiwoh, Herr Cahn auf Herrn RabbtnatSaffeffor Posen, Herr Ullmann auf Herrn Proseffor Caro. Die Herren Buttenwieser und Harry Marburg e r danken mit warmen Worten den an der Lehrtättgkeit der Jeschiwoh hervorragend beteiligten Herren Dr. Josef Breuer und I. Soffer. ES war lange nach Mitternacht, als man ausetnandergtng, in dem gehobenen Bewußtsein, einer Siegesfeier der Thora betgewohnt zu haben, deren Erinnerung noch lange Zeit als Ansporn und Ermutigung für Thoralernen und Thoraüben in uns fori leben wird. Berlin, 8. Febr. Wie schon kurz berichtet, hat fich der „Verband reisender Kaufleute Deutschlands" in einer Denkschrift an daS Auswärtige Amt in Berlin gewandt, in welcher er Stellung zu der ungerechten Behandlung nimmt, welche den jüdischen reisenden Kaufleuten Deutschlands in Rußland zuteil wird. Die Denkschrift schildert diese Sonberbehandlung im einzelnen und «etst darauf hin, daß russische Reisende mosaischen Glaubens in Deutschland solchen Beschränkungen unterworfen find. SS wird die Besetttgung aller Ausnahmebestimmungen verlangt, z. B. daß jüdische Reisende den Paß nur bei der russischen Mission oder KonsulatSbehörde visieren laffen können, die für ihren Wohnsitz zuständig ist, wodurch große Verzögerungen entstehen. Auch die Legtttmattonen find umständlich und zeitraubend. Der Aufenthaltsfchetn kann nur auf Grund oer Erlaubnis deS russischen DtmistertumS des Aeußeren und der Finanzen erlangt werden. Der Verband hebt mit Recht hervor, baß diese Ungleichhett der Behandlung deutschen Retserden gegenüber durch nichts gerechtfertigt ist und richtet das Ersuchen an daS Auswärtige Amt, rat Wege von HandelsvertragSverhandiungen Abhilfe zu schaffen. Am Schluß der Emgabe heißt es: Unser nationales Ansehen muß Rußland gegenüber finken, wenn wir eS uns bieten laffen, baß deutsche ReichSangehörtge dort mit zweierlei Maß gemessen werde». — Bchn darf gespannt sein, wie fich da» Auswärtige Amt dazu äußern wird. Berit«, 3. Febr. Im „Zentralveretn jüdischer Staatsbürger" sprach gestern Abend oer bayerische Landtagsabgeocdnete und Münchener Untverlärsprofesior Günther über die Stellung der politischen Parteien zum Judentum. Ec ging auf die geschichtliche Entwicklung zurück, insbesondere auf die Geschichte des Anttsemttismus, der aus dem chrisütchen Sozialismus Stöckers h.rvorgcgangen und der zunächst in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, dann im Parlament alS Sturmblock gegen den Liberalismus benutzt und so systematisch großg-zogen worden fet- Oann betonte er, daß die Hinneigung der großen herrschenden Parteien zum AnttsemittSmuS erst eine Erscheinung der letzten Zeit sei. Die Konservativen zeigten dtese Hinneigung insbesondere seit der Gründung des Bundes der Landwirts der ja programmäßig keinen Juden aufntmmt. Desgleichen besitzt daS Zentrum ursprünglich durchaus keinen antisemitischen Einschlag, und auch heute feien hohe katholische Geistliche, z. B. der bekannte bayerische Zentrumsführer Dr. Schäbler, ausgesprochene Gegner des Antisemitismus. Selbst die So-