Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1911)
- Date
- 1911-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- **< qwmwv «. Wt-'T - ■ Ungarn. ünoaristher Brief- (Von unserem Korrespondenten.) Z. B. A. Budapest, 29. Jan. Die erste Periode des Kalenderjahres steht ganz im Zeichen der Soziologie. Berufene und unberufene Bolkswiffenschaftler werfen sich mit beneidenswertem Eifer auf das aufgespeicherte Material der jüngsten Volkszählung und suchen je nach der Konfession das tiefe Mysterium der Zahlen zu deuten und Ordnung in das Tohuwabohu der Ziffern zu projizieren. Wir machen uns die Sache nicht zu schwer. Für uns bedeutet die Zahl nicht alles. Wir konstatieren aber mit Freude, daß sich die ungarische Judenheit, dank der ihr innewohnenden unverwüstlichen Urkraft, erheblich vermehrt hat. Trotz der unverhältnismäßigen Abnahme der Geburten, die mit 3,9 Proz. weit hinter der Erwartung zurückbleibt, hat unsere Seelenzahl doch die imponierende Höhe von 950352 erreicht. Ursache davon — das wird allgemein zugegeben — ist die unverhältnismäßig kleine Sterblichkeit, die mit 13606 Todesfällen nur 2,9 Proz. ausmacht, was aber den letzten Grund hat in der sprichwörtlichen Nüchternheit, Reinlichkeit und wie wir fest überzeugt sind, in dem genauen Befolgen der Gesetze unserer heiligen Tauroh, die für uns das Leben und die Länge unserer Tage bedeutet. Eheschließungen gab es im letzten Jahr 7140 und davon 658 Mischehen, was einer Rekordzahl auf diesem Gebiete gleichkommt. Das gibt zu denken, da diese Zahl in stetiger Zunahme begriffen ist. Nun wird — es ist nicht zu leugnen — auf allen Seiten mit Hochdruck dem Abfall entgegengesteuert. Die Brüder von der linken Hand arbeiten mit Volldampf, um zu retten, was zu retten ist. Ob aber ihre Aktion den gewünschten Erfolg haben wird, ja haben kann, ist mehr als zweifelhaft, da ihnen jede positive Basis fehlt, auf der sie ihre Asyle fundieren. In punkto Religion pendeln sie zwischen zuckerwäfse tigern Pietismus und limoniös pietistischem Theismus hin und her. Ja es gibt bei ihnen Vereine, wie zum Exempel, der „zur Förderung des Ackerbaues und Handwerks bei den Juden", die nur demjenigen unter die Arme greifen, der sich apriori verpflichtet, auf Schabbos und Speisegesetze kleinmütig zu verzichten. Die Magyaromanie, die Sucht sich möglichst der autochtonen Bevölkerung anzubtedern, geht bis zur bewußten Rückgratverkrüppelung. Das klassische Beispiel dafür ist der wissenschaftliche Dr. Venetianer, Seelenhirt von Neupest und Mitglied des Kuratoriums des ungarischen Rabbinerseminars. In einer Vorlesung des „I. M. I. T." (Ung. israel. Literatur-Verein) löst er mit einigen logischen Luftsprüngen spielend das für einen Neölogen so jammerschwere Problem: Ob wir Juden Semiten sind? — Natürlich kommt er, der staatlich diplomierte rotweißgrüne Rabbi zum verblüffenden Resultat: „Nein, wir sind es nicht, gehören vielmehr der Rasse nach der selben Wurzel ivie die Magyaren an. Deshalb erfreuen wir uns seit einem Jahrtausend der unzerstörbaren Liebe der stammverwandten Ungarn und vielleicht liegt hier die psychologische Begründung für die grenzenlos aufopfernde Anhänglichkeit, die wir den Ungarn entgegen bringen. Wir werden uns mit stolzem Selbstbewußtsein fürderhin für jüdische Ungarn halten und glücklich sein, daß wir als Magyaren jüdischer Konfession unseren menschlichen Pflichten entsprechen können ..." Ist es dann nicht wunderlich, daß man trotzdem im Parlament und nicht zuletzt von der Seite der regierungsfähigen Partei der „Nationalen, Arbeit" mit Verbalinjurien gegen die Kohns und Schmuls herumfuchtelt, daß es eine Lust ist zu sehen, wie sich unsere jüdischen Volksväter hinter der Tünche des magyarischen Namens verstecken und sich nicht zu erkennen sieben. Geschieht es aber doch einmal, daß sich einer von den 23 zu einem Zwischenruf ausrafft, dann muß man unwillkürlich an das Sprichwort aus der Kamtschatka denken: „Ißt ein Jid Huhn, dann ift's bitter/ denn entweder er oder das Huhn ist krank." Und das war der Fall bei der jüngsten Interpellation des Antisemiten KarlHussar, der „aus einem Buche Franz Mezeys", eines der führenden Männer der neologen Judenheit zitiert, „daß die galizlschen Juden für ehrliche Arbeit nicht zu haben seien." Die Flut der Kazaren dringe unaufhaltsam vor und auch hier in der Hauptstadt sei die Zahl der galizischen Juden bereits eine so große, daß selbst die israelitische Kultusgemeinde schon an Schutzmaßnahmen gegen diese Einwanderer denkt, damit nicht noch auch der sehr bedeutende Wohltätigkeitsfond in die Hände der „Kazaren" — dieser leibhaftigen Geschwisterkinder der Exmagyaren — falle. Er fordert wiederholt Ausnahmegesetze gegen diese Eindringlinge und bittet den Minister zur Unterdrückung der Einwanderung aus „Kazaren". Wie von einer Tarantel gestochen springt der jüdische Ablegat Paul Tor kos in die Höhe, um in persönlicher Bemerkung zu beweisen, daß er sich beim Schreiben seines Buches, das sich mit der Kazarenfrage „ernst" befaßt, nicht vom konfessionellen Gesichtspunkte habe leiten laffen. Er muß aber zugeben, daß er, der gute Jude, es gewesen sei, der dem Antisemiten die Daten lieferte, die er, obendrein dem kollegialen Volkspater persönlich übergeben hat, damit jener den erwähnten Antrag stellen könne .... „Ein Abgeordneter und Jude — meinte Rakowsky — liefert die Waffen zur Aufreizung gegen seine Konfession." Torkos, geborner Wolfer, ist nicht der erste Jude, der sich als solcher mit Feuereifer auf das soziologische Gebiet der Kazarenfrage verirrt, um für das Massenelend der degenerierten Ruthenen der Grenzkomitate die Juden verantwortlich zu machen. Das ist aber von der Wahrheit, wie Feinzes gründlich nachweist, weiter entfernt als der Himmel von der Erde. Sind doch die Juden in jener Gegend der gleichen Not und dem drückendsten Elend unterworfen und leben, seit der Aufforstung des dortigen Waldgebiets, wie die Luftmenschen ohne jede positive Existenz. Daß sie ihre Hünenhaftigkeit nicht eingebüßt und sich den graden Rücken erhalten haben, das danken sie der Nüchternheit, Genügsamkeit, Reinlichkeit und nicht zuletzt der Befolgung der heiligen Gebote, die die Thorah ihnen vorschreibt. Die armen Kazaren sind bei der schwersten Arbeit zu treffen. Sie sind Straßenkehrer, Steinklopfer, Kutscher, Bauarbeiter, Schnitter, Flößentreiber, Lastträger und auch Schänker. Soll nun auch bei uns, wie es Szell will, ein neues Schankgesetz eingeführt werden, stehen sie fast existenzlos da. Und es droht für die nächste Zukunft das Sonntagsruhegesetz. Der Landesverband der ungarischen Spezereihändler hat sich mit der bevorstehenden Vorlage am 15. Januar bereits befaßt. Für den toleranten Geist, mit dem sie diese tief einschneidende Frage behandeln, ist der Ton charakteristisch, mit dem die Herren den Antrag des orthodoxen Kaufmanns Schläuger, im Interesse der gesetzestreuen, schabboshaltenden Juden des Landes etwas tun zu wollen, behandelten. „Wir wollen, schrien sie im Chorus, nicht den Peesgetst in die Politik hineintragen". Und das waren lauter Juden. Stuftlanb. Orters»«»«, 4. Fibr. Ueber das Schicksal der Baron Günzburgschen Bibliothek herrscht noch immer Ungewißheit. Gegenüber verschie-. denen Zeitungsmeldungen über den angeblichen Verkauf des wertvollen Bücherschatzes wirdaus den der Familie nahestehenden Kreisen erklärt, daß von einem Verkaufe der Bibliothek dermalen noch nicht gesprochen werden könne. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß die Famlie sich schließlich doch zum Verkaufe der Bibliothek entschließen werde. Dies werde jedoch erst dann geschehen können, wenn eine vollständig verläßdie Hand seiner guten Mama und sieht mit offenem Mündchen vom Becher zu der Kerze und von der Kerze zu der Besomimbüchse. Er wartet geduldig, bis die Büchse irr seine kleinen Hände wandert, dann aber freilich möchte er sie nimmer lassen. Cr steckt sein kleines Naschen tief und tiefer in die Mischung duftender Spezereien, und wenn ich ehrlich sein will muß ich bekennen, das; es zuweilen einen träilenvvlken Kampf gibt beim Abschiednehmen von der Besvmim büchse, oder - bleiben wir dabei — von den Oinen- ..jer^dtot Echt erfinderisch. An einem schönen Mittag. Mr"der kleine Einige allein ans dem Fußboden des Kinderzimmers. Es ist ganz still und sein Schwesterchen schläft. In der einen Hand hält er ein kleines Töpfchen, lind ein Blöckchen Holz in der anderen. Und er rührt sich nicht. Ta geht die Tür aus. Was nlachst dir denn da mein guter Junge? fragt seine Mama. „ £ m e n s a ch e n!“ „ O nt en - fachen?", sagt der kleine Habdolum-Manii und sieht glückselig ans seine beiden kleinen Hände. (Ter Schah von Persien und der Rabbi von Lugansk.) Tie russische Zeitung „Tonez Kaja Schisnj" enthält die folgende interessante Mitteilung: Ter Erzieher des jugendlichen Schah von Persien, Herr K. 2 m i r n 0 w, wandte sich dieser Tage an den Rabbi von Lugansk mit dem Ersuchen, ihm eine Nummer der in der Redaktion des genannten Rabbiners erscheinenden hebräischen Kinderzritung „Perachim" einzusenden. Rabbiner Lewner sandte dein Herrn Smirnow diejenige Nummer, in welcher eine Biographie des jungen Schah samt dessen Bildnis erschienen war. In seinen; Begleitschreiben bat Rabbiner Lewner den Erzieher des Schah, seinem kaiserlichen Zögling nach Möglichkeit den Samen der Menschenliebe ohne Unterschied der Nation und der Konfession und der Gerechtigkeit gegenüber den Juden einzupslanzen. Als Antwort ans dieses Schreiben erhielt Rabbiner Lewner von Herrn Sinirnow einen Brief, in welchen! er ihm für die. iiebersenvung des Blattes, wie auch für den Briet dankt. Ter junge Schah — schrieb Herr smirnow - nehme vorläufig an der Führung der Staatsgeschüste noch keinen aktiven Anteil, er werde jedoch im Geiste der lveitestgehenden Toleranz gegen alle Völker ohne Ausnahme erzogen. Mit dem Brief sandte Herr Lniirnow auch einem Aufsatz über die gegenwärtige Lage der Juden in Persien, in welchem er u. A. schreibt: „Tie 86 000 Juden in Persien sind durchaus nicht schutzlos und genießen alle Rechte der persischen Bürger. Im Medschilis haben die Inden einen Teputierten sitzen. Verleumdungen ans Inden kommen jetzt fast niemals vor und die Beziehungen zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung sind norrnale. (?) Tie persischen Juden sprechen persisch, schreiben auch in derselben Sprache, nur bedienen sie sich hierbei der hebräischen Schristzeichen. Im Jahre 1884 begannen englische Missionäre ihre „Arbeit" unter den persischen Inden. Sie errichteten mit großen Opfern Schulen für jüdische Kinder, gründeten unter dem Titel „Zeidiar" eine „jüdische Zeitung" in persischer Sprache.. Tie Anstrengungen und Getdvpfer der- Missionäre hatten jedoch unter den persischen Inden keine» nennenswerieil Erfolg, denn die Zahl der Inden, die sich taufen ließen, ist bis jetzt eine verschwindend kleine." (Das deutschsprachige Judentum im Ausland.) Unter diesem Titel bringt das letzte Bierteljahrshest des „Vereins für das Teutschtum im Ausland" einen Artikels der nachweist, daß von den annähernd 12h2 Millionen Jude,! der ganzen Welt volle 11 Millionen deutschsprachig sind. Zwar ist das von den Juden des Auslands gesprochene Idiom, znm größten Teil das sogenannte Juden deutsch, ober es ist doch dem Teutschen eben so gut verständlich, wie viele deutsche Mundarten, die aus dem deutschen Sprachbereich anszuschalten niemandem einfallen würde. Zudem ist auch die Zahl der mehr oder weniger r e i n e s T e n t s ch sprechenden Juden im Ausland bedeutend. Rach Trietsch zählt Rußland 5380000 deutschsprachige Juden, dann folgt Oesterreich- Ungarn mit 2 150 000. In Amerika hat Groß- New-Pork allein 120Ü 000,■ dentMPrachigeJuden; R u m ä n i e n zählt deren 275B00/En g lü n d 250 ÖOO und Frankreich, hauptsächlich 'Ptrns, 100 000. In der europäischen und asiatischen Türkei sind neben 100 000 Spaniolen 100 000 deutschsprachige Juden nach-- znweisen. Jerusalem, das bei 100 000 Einwohnern eine ZweidritteUnehrheit von Juden hat, ist durch diese eine überwiegend deutschsprachige Stadt. Auffallend ist im Orient die starke Beteiligung auch des nicht deutschsprachigen Judentums am deutschen Schulrvesen. So haben die deutschen Schulen in Jassy, A U st s ch 111, Ph i l i p tz 0 p e l, K 0 nstantin 0 Pel, Sal 0 nit und Beirut jüdische Ziffern von 33 bis 11 v. H. In Kle i na sien und No rdafrika ist allerdings der Einfluß der „Alliance" bisher wesentlich zugunsten der französischen Sprache wirksam gewesen. lUnt deutlichsten tritt das in Marokko hervor, von wo ans das Judentum als kaufmännischer Vermittler bis zu den entlegensten Oasen der Sahara, dank der umfassenden Tätigkeit der französischen Allianecschulen, im Dienste französischer Handelsansbreitung tätig ist.