Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1911)
- Date
- 1911-02-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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■imtk-m. * Der JSraeNt. 9. Fevruar 1911 „Wir wünschen, daß auf Gemeindekosten in allen Stadtteilen Ritualbäder eingerichtet werden, die sowohl allen Vorschriften der Religion wie der Hygiene entsprechen, ebenso Betyäuser und Talmud-Thoraschulen, welche letztere nur in gutjüdischem Geiste geleitet und unter Oberaufsicht der Rabbiner stehen müssen. Für nicht weniger wichtig halten wir die Errichtung von geeigneten streng rituell geleiteten und auf der Höhe ihrer Ausgabe stehenden Krankenhäuser. „Wir wünschen ferner, daß die Frage der rituellen Verpflegung der jüdischen Soldaten in möglichst befriedigender Weise gelöst wird." Die anderen Punkte beziehen sich auf Berwaltungsfragen, die bisher in nichts weniger als gerechter und gemeinnütziger Weise von den herrschsüchtigen Vorstandsherren erledigt wurden. Der ganze Appell zeugt von einem Willen zur Selbständigkeit, wie er bis jetzt kaum in den gesetzestreuen Kreisen Rußlands je zu merken war. Es ist begreiflich, daß man sowohl im Lager der Assimiianten wie in dem der Nationalen sehr aufgeregt und erstaunt tut über dieses selbständige Auftreten der so lange bevormundeten Orthodoxie, und es ist zu hoffen, daß die Angst, die man in jenen Kreisen vor dieser neuen Macht empfindet, sich als wohlbegründet zeigen wird. Die Nationalen verfilzen über die Presse, die Assimilatoren vorerst noch über die Gemeindestube, die Gesetzestreuen haben aber das Volk hinter sich, und es müßte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die geeinten und organisierten Massen in ihrem Kampfe ums Recht nicht den Steg davon tragen sollten. Türkei. Vor Sen lvaklen. — Chaiinf nahum Senator (Von unserem Korrespondenten.) Kor»st<mtirropek, 25. Jan. In der Leitung der jüdischen Angelegenheiten dahier wie in der ganzen Türkei überhaupt herrscht ein buntes Gewirre. Die jüdische Nationalversammlung, die neben dem Großrabbiner zu walten hätte, ist ja aufgelöst und die Neuwahlen finden trotz vielfacher Anstrengung des jetzigen Großrabbiners einfach nicht statt, weil dieser nach selbstgemachten Statuten die Wahlen leiten möchte. Die Bevölkerung aller Stadtteile verlangt mit Recht, daß die Zahl der Kandidaten zumindest in jedem Quartier proporttonell nach der Seelenzahl bestimmt werde, was der Chachambaschi aber nicht zugeben will, weil sonst seine Freunde und Stützen zukurz kommen könnten. Haskeny, das etwa 20,000 Juden birgt, hat definitiv Wahlbeteiligung abgelehnt- Balat hat ein gleiches Versprechen geleistet. In Galata fehlt ein Alore-dsatlira, dem allein das Recht zusteht, Wahlen anzunehmen. Der Moredeathra der Aschkenasim, Herr Rabbiner Dr. Markus, enthält sich jeder Einmischung, nachdem seine Gemeinde beschlossen hat, sich an den Wahlen zum Medschlisch nach den augenblicklichen Bestimmungen nicht zu beteiligen. In Ortakeny, dem einzigen Biettel, wo bis jetzt die Kandidaten zweiten Grades festgesetzt wurden, ist etwas Ungeheuerliches geschehen: Der Kandidat des Großrabbiners, wie seiner bedeutendsten Stützen — ist glatt und schmählich durchgefallen. Er hatte nur eine einzige Stimme für stch, man sagt, seine eigene. Am meisten scheint Herr N ah um vom Kampfe mit den Aschkenasim hergenommen zu seiner sucht nun Annäherung an die Wähler — ob mit Erfolg? Im Streit um die Gabella hat er den Fleischern nachgeben müssen — nun es standen ja Einkünfte in Gefahr. Der Chachambaschi scheint aus dem Schlafe zu erwachen - Plötzlich fühlt er, daß es anders werden muß — das Gefühl hatte er schon oft — er muß wohl bemerkt haben, daß er nicht der Mann fei, der eine halbe Million Menschen zu leiten vermag und — daß seine Tage als Oberhaupt der türkischen Juden gezählt seien. Er sah sich daher rechtzeitig nach einem andern Posten um. — Bereits vor Monaten habe ich an dieser Stelle kurz erwähnt, daß er gern Senator sein möchte und nach diesem Amt strebe. Seine Stelle als Chachambaschi, seine gute Beziehungen zu führenden Jungtürken, sein unbezweifelter Patriottsmus, den er insbesondere durch abfällige Beurteilung auswärttger jüdischer Bestrebungen klarzulegen suchte, erleichtern ihm seinen Plan: Herr Chai m Nahum wird Senator! Die Ernennung ist zwar nicht offiziell, doch sprechen die Zeitungen hier davon wie von einer vollzogenen Tatsache. Mit der Uebernahme dieser Würde muß er seinen bisherigen Posten verlassen. Der Großrabbiner äußerte sich folgendermaßen : „Es wird nicht gut angehen, daß ich mich einer ehrenhaften Ernennung zum Senator widersetze, ich werde aber S. M. den Sultan um die Erlaubnis ersuchen, das Großrabbinat bis zur Ernennung eines paffenden Nachfolgers zu verwalten." Chaim Nahum also demissioniert und läßt die Gemeinde in einem chaotischen Zustande. Gewaltig ärgert sich darüber der Leiter de- „Tiempo"- in einem großen Leitartikel legt Herr Frese o dem Entschlüsse des Großrabbiners schlimme Enttäuschungen zugrunde — glaubt aber selbst nicht, daß Nahum auf das neue Amt zugunsten des alten verzichten werde. Wie dem auch sei, Großrabbiner Chaim Nahum geht und wir stehen vor der Wahl nicht eines des Vorgängers sondern des Amtes würdigen Großrabbiners. Darüber nächstens mehr. llerewrvere«. Frankfurt a. M., 8. Febr. Die Verwaltung der Israelitischen Frauen-Krankenkasse bat anläßlich des 150jährigen Bestehens ihrer Anstalt tm städtischen historischen Museum eine Ausstellung von Grundrissen, Plänen, Anfichten, Porträt- und Orrgtnal- Gegenständen veranstaltet, die fich auf die alle Judengaste beziehen. Die Ausstellung ist im oberen Korridor des Museums (Weckmarkt) aufgestellt und vom 13. bis 28. Februar von 10 - 3 Uhr Sonntag, Dienstag, Mittivoch und Freitag unentgeltlich zu besichtigen. An den übrigen Tagen kostet der Eintritt ins Museum 50 Pfg. Karten zur jreien Berichtigung find bei Herren Kauffmann u. Cie., Börnestr. 41 zu haben. Frankfurt a. M., 8. Febr. In der „Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung" J“iin5) sp ach am letzten Mittwoch in gewohnter grünc»Ua,er un> fesselnder Weise Herr Provtnztalrabbiner Dr. Bamberger aus Hanau über die „P.ophette tm Judentum". Nach einer gründlichen De, finitton des Begriffes „Prophetie nach den Bezeichnungen der hebräischen Sprache (,1L'*7V, sllN, .18135) ging der Redner auf die Wes nSart und Aufgaben der Prophetie in Israel über. Während wir uns vom Leben und Wirken einiger Propheten wie Samuel, E l ij a h usw. ein klares Bild machen lönnen, so find es wiederum andere Propheten, wie Nathan, Gab usw., über deren Wirksamkeit uns die Schrift wenig berichtet. Am meisten bekannt und vertraut find uns die sogenannten „schriftstellernden" Propheten» die allerdings dem wahren thoratreuen Juden etwas ganz anderes find als den Anhängern der sogenannten wiffenschastlichen Btbelforschung. Wie unhaltbar die Hypothesen sein können, mit denen diese bisweilen arbeitet, beweist sehr drastisch der neueste Fund m Samarta, der bekundet, baß man schon zur Zeit Elias und. Achabs mit Time auf Paph uS geschrieben hat und das geistige Niveau der alten Hebräer uns tu einem ganz anderen Lichte zeigt, all eS von der Btbelkrttik biS jetzt angenommen wurde. Der Redner wendet fich tm weueren gegen die lächerliche Ausstellung der Reform, als hätten dte Propheten jemals gegen das Thorajudentum polemtfiert. Diese Annahme beruht auf einer völligen Verkennung der Prophetenworte und des ihnen zugrunde liegenden .Geistes. Der Inhalt der .18135 ist m allen Fällen einzig Erziehung und Ermahnung zur Thora und zwar zu der Thora, wie fie auch das rabbtnische Schrifttum späterer Zeiten aufgefaßt und geleh.t hat. AuS einigen Stellen des geht mit aller Deutlichkeit hervor, -atz die OKIM auch d en Gesetzen baS Wort geredet, dere" Codifizterung wir erst der talmudischen Literatur verdanken. Die Kette der jüdischen Tradition war, wie neuerdtngswieder der Historiker Halevy unwiderleglich nachweist, ununterbrochen von Mojes biS auf die Gegenwart. Dte belehrenden und in klarer und gefälliger Form vorgetragenen Ausführungen fanden den wohlverdienten Beifall der Zuhörer. Flavkfurt a. M., 5. Febr. «m Sonntag, dm 29. Januar fand unter guter Beteiligung dte diesjährige Generalversammlung des Ilpv-Bereiny statt. AuS dem zur Verlesung gelangenden JahreL berichte ist zu ersehen, daß sowoohl die Zahl der Mitglieder als auch der Schturim eine beträchtliche Zunahme erfahren haben. Der Mitg iederbestand, der zu Anfang des Jahres 349 betrug, beläuft sich heute auf rund 400. Der Lehrplpn erhielt eine wettere Ausgestaltung durch Aufnahme neuer Schturim. Einen Teil der Schturim hat ber Verein in dte Zeit nach dem Morgen- GotteSdienst verlegt, um somit auch im Sommer die geeignetsten Tagesstunden für das Thoralernen nutzbar zu machen, diese Schiurtm' werden tm Hörsaal ber Synagoge abgehalten, und die zahlreichen Freunde, die dte Morgenfchurim tm Kreise der Synagogenbesucher gefunden haben, beweisen, daß der für fie gewählte Zeitpunkt ein glücklicher ist, zumal dadurch manchem vielbeschäftigten Kaufmann, der sonst die Zeit dazu nicht finden würde, Gelegenheit geboten wird, vor Eintritt in die Tagesarbeit, weni^sterH eine beschränkte Frist dem ThoraNrnen zu widmen. Eine wertere Bereicherung erfuhr bas Programm durch die Aufnahme von Vorlesungen über dte Ptjutim des Machsor, dte von Herrn Dr.Jos. Breuer geleitet werden und fich großer Popularität erfreuen. Bon sonstigen B ranstaltungen ist noch zu erwähnen, ein mit großem Beifall aufgenrmmener Bortrag des Rabbiner Dr. R. Breuer aus Aschaffenburg, sowie die am v. Februar unter Leitung des Herrn Schwarzbach vorgenommene Bestchttgung des von ihm modellierten Mtfchkon in der Realschule am Tiergarten. Als ein bedeutsames Ereignis ist ferner die am 25. September erfolgte Lokalverlrgung von der Schützenstraße 2 nach Langestraße 18 zu verzeichnen. Dte Hoffnungen, dte fich an diese Tatsache knüpften, sowie dte Ursachen, dte sie veranlaßt haben, fie haben alle beredten Ausdruck gefunden bet der am Eröffnungstage im Lokal stattgehabten kleinen Feier und zwar in den Ansprachen der Herren Markus Hirsch und Julius L e w i n. Besonders durch dte günstige Lage des Lokals ist der Verein in die Möglichkeit versetzt worden, eine wettere Neueinführung zu treffen, welche in erster Riihe den daS Familienleben entbehrenden jungen Leuten unseres Kreises zugute kommen soll und die besvltders von der Jugend mtt Freuden begrüßt wird-nämlich dte Freitagabend-Zusammenkünfte. Die B.b tothek hat infolge verschiedener Neuanschaffungen eine beträchtliche Bereicherung erfahren. Auch ist eine neue Katalogtfierung vorgenommen worden. Der neue Katalog wird demnächst im Beretnslokal aufgelegt werden. Auch die Handbibliothek des Lesezimmers konnte dank einer dem Verein für BtbltothekSzwecke gewordenen Spende v n 200 Mt. entsprechend vergrößert werden. Die vorgenommenen Wahlen ergaben folgendes Resultat: Die auö dem Vorstand turnusmäßig auSgefchtcdenen Herren AnSbacher un Sfchwege wurden wtedergewählt. Anstelle des Herrn Woiff, der eine Wteberwaht ablehnte, wurde Herr Gabriel P l a u t in den Borstan) gewählt' Als Delegierte wurden die Herren Harry Hirsch und Max Meyer gewählt. Frankfurt a. M, 7. Febr. Dte „Bereinigung zur Pflege von Literatur und Geselligkeit", deren Mitglieder fich zum größten Teile aus ehemaligen Schülern ber Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft rekrutieren, lud für Sonntag abend ihre Miiglieder und Freunde zu einem „Modernen Abend" in der Frankfurt-Loge ein und konnte, wie immer bet ihren Veranstaltungen, ein volles Haus begrüßen. Auch diesmal standen dte Da bielungen der Bereinigung auf einem hoben künstlerischen Niveau. Der Abend begann mit ber Aufführung von Felix Saltens Komödie „Der Graf", dte von den Herren Fritz Lehr, Edwm Frank, Salh Rosenheimer und Fräulein A.ice Schwabacher recht flott gespielt wurde. Ernste und heitere Rezitationen, mit vollendeter Kunst vorgerraaen von den Damen Clllh Rapp, Claire Bauer, Nelly Bamberger, Else Adler, Marianne Rödel^etmer und Frau Eveltn Auerbach, bildeten dm Uebergang zu einer zweiten Aufführung und zwar Otto Erich Hardtiebens Einakter „D r e L o r e". Auch dieses Stück, das von Fräulein Nelly Bamberger und den Herren Dr. Max Heikler, Edwin Frank und Dr. Alfred Carlebach mit künstlerischem Geschick und gutem Humor gespielt wurde, fand den reichen Brifall deS HaufeS. Nürnberg, 8. Febr. Die „Penfionö und Relikten! affe bayerischer Rabbiner" hielt jüngst ihre Generalversammlung ab. AuS dem Jahresberichte ist hervorzuheben, daß nicht weniger als 4278 M. an Penfionen und Ruhegehälter jährlich zu zahlen find, ein Betrag, der im Verhältnis zu dem mgen MitgliederkreiS und dem bescheidenen Vermögen deS Vereins alS recht hoch bezeichnet werden muß. In nächster Zeit ist austrage gemäß dem Kgl. Staatsministerium ein neuer statistischer Nachweis vorzulegen, von besten Ausfall dte Fortgewährung deS GtaatSzuschusteS abbängtg gemacht wird. Durch dte starke Belastung der Kaste durste der Ausweis ein ungünstiges Bild ergeben. — ES sei dmn, daß in der Zwischenzeit dte wohlhabenden bayerischm Glaubensgenosten, denen die Penfionskaffe die moralisch ihnen obliegende Sorge für die Zukunft der ihren religiösen Jnteresten dtenendm Rabbiner und deren Familien abntmmt, in richtiger Erkenntnis der Sachlage, ihr Wohlwollen für dte Fortführung und daS Erstarken duser nunmehr seit anderthalb Jahrzehnten segensreich wirkenden Institution durch Zuwendung reichlicher Mittel bekundm. Möge der Kaffe eine große Zahl solch verständnisvoller Gönner befchteden fein, ,11171,1 1133^ und zum Ruhme der bayerischen Judenhett,