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Der Israelit · 1911-02-09 · Heft 6 (9.2.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 6 (9.2.1911)
Date
1911-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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s. yevnmr •. - - - - höheren „Wurschtigkeit" gegen andersmeinendes .Urteil gestimmt. Oder wie soll man's anders lesen, wenn in Umwertung alter Werte, die dem Lebenden die Kritik, dem Toten den lobenden Nachruf gönnten, hier Herrn Prof. Geiger und seiner Redaktionstätigkeit bereitwilligst alles Lob zollt, jede Schuld an etwaigen Unstimmigkeiten aber — in derselben Nummer an anderer Stelle sogar noch ein zweites Mal — dem toten K arpeles in die Schuhe schiebt? Oder ist es nicht blutiger Hohn, wenn zuerst die Zeitung offen als Organ des radikalen Liberalismus proklamiert und um ihrer Verdienste für die Sache der Reform willen in allen Tonarten gefeiert wirdoann aber der Forderung, daß demgemäß die Bezeichnung als -,unparteiisch" am Kopfe des Blattes fallen müßte, damit begegnet wird, daß „das Blatt unparteiisch dadurch geblieben ist, daß es auch von den anderen Parteien redet, Kunde gibt von dem, was in orthodoxen und zionistischen Versammlungen besprochen wird, was in den Blättern dieser Parteien zu finden ist?" Mit dieser Logik darf man es getrost wagen, die „Staatsbürgerzeitung" als Judenzeitung katex ochen zu bezeichnen - denn mehr als von ihr wird sicher in keinem zweiten Blatte von Juden und Judengenoffen berichtet! Aber, was verschlägt's?! Robustes Gewissen ist heutzutage Alleswer darüber verfügt, versteht die Forderung des Tages und darf sich über Logik, Objektivität und jede Rücksichtnahme getrost und wohlgemut hinwegsetzen. Nach diesem Rezept arbeitet unter ihrer glorreichen Redaktionsführung die A. Z. D. I., arbeitet auch der jüdische Liberalismus. Die Orthodoxie soll beileibe dieses System nicht adoptierenaber aus dieser Erkenntnis zu lernen, w i e diesem Gegner zu begegnen, das sollte sie nicht länger unterlassen. Die Wahlen für den Vorstand und zur Repräsentantenversammlung der Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Israel) haben die Bestätigung des Herrn Polizeipräsidenten erhalten, und so konnte am vorigen Sonntag die Neukonstttuierung der Versammlung erfolgen. Zum Vorsitzenden wurde durch Akklamation Herr Prof. Dr. A. Berliner, zu seinem Stellvertreter ebenso Herr Carl K n o l l e r und zum Schriftführer Herr M. S t r a u s berufen. Ebenso wurden die Kommissionen (Synagogen-Vorstand, Kaschruth Mikwah, Finanz, Statuten und Recht, Propaganda) neugewählt. Außerhalb der Tagesordnung nahm Dr. Ed. Biberfeld zu folgender Anfrage an den Vorstand das Wort: „Dem Vernehmen nach, hat in einer von dem hiesigen „Liberalen Verein" einberufenen öffentlichen Versammlung vor den Repräsentantenwahlen der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Redner behauptet, daß seit Jahr und Tag und bis in die neueste Zeit Verhandlungen mit der Adaß Jisroel zu dem Zwecke geführt wurden, um ein Aufgehen derselben in die jüdische Gemeinde herbeizuführen. Sind solche Verhandlungen, seitens des Vorstandes geführt worden oder ist dem Vorstande von solchen Verhandlungen etwas bekannt?" DteseMnsrage wurde von dem VorsitzeMij!"W Notstandes, Herrn I. Rosenblüth dahin beantwortet, daß weder der Vorstand als Kollegium noch die einzelnen Mitglieder derselben, solche Verhandlungen geführt oder von solchen Kenntnis haben- Vor etwa einem Jahrzehnt seien unverbindliche Besprechungen dieser Art zwischen Mitgliedern der beiden Gemeinden gepflogen wordendie Verwaltung habe aber auch damals sich in keiner Weise daran beteiligt. Damit dürfte dieser Mythe, die Verwirrung zu stiften bestimmt war, der Garaus bereitet sein. Katöersiadt, 6. Februar. In Aschersleben st das Schächtverbot, das längere Zeit daselbst bestanden hat, durch Beschluß des Magistrats und der Stadtverordneten aufgehoben werden. Gestevroich. Wermkircher», 16. Jan. Am 8. d. M. fanden hier die Wahlen für den Gemeindevorstand, sowie den Ausschuß der hiesigen C h ew r a Kadischa statt. Die Wogen des Wahlkampfes gingen recht hoch, zumal sich hier orthodoxe und „fortschrittliche" Parteien gegenüberstanden. Von der ersten ging die Parole aus: jeden rov 77HO aus der Liste zu streichen, während die Neologie einen erbitterten Knmpf für ihre Vertreter führte. Ein gutes Zeichen für den gesunden Geist unserer Gemeinde ist es, daß die orthodoxen Mitglieder einen vollen Sieg errangen und so wird der ausgesprochene gesetzestreue Charakter der hiesigen Kultusgemeinde auch weiter erhalten bleiben. Sowohl in die Gemeindevertretung als auch in die Chewra Kadischa ist ein gut jüdischer Geist eingezogen. Besonders erfreulich ist es, daß die stets fortschreitenden Siege der hiesigen Orthodoxie der treuen Arbeit der Jugend, die sich ganz auf unserer Seite befindet, zuzuschreiben ist. Auch der Talmud-Thora-Berein wurde von dem Kultusvorstande in Verwaltung genommen, damit demselben eine feste Grundlage geboten werde. Psrlei-IuM?. KraLarr, 3. Febr. Trotzdem die galizischen Behörden jeden Juden, der es wagt, sich bei der Volkszählung wahrheitsgemäß zur jüdischen Umgangssprache zu bekennen, in der unerhörtesten Weise drangsalieren, haben viele Tausende Juden aller Berufe die Rubrik Umgangssprache mit dem Vermerk „Jüdisch" ausgefüllt. Dem Rabbiner Gedalja Schmelkes in Przemysl, der ebenfalls „Jüdisch" als seine Umgangssprache angab, wurde deswegen eine Geldbuße von 40 Kr. auferlegt. Der Rabbiner verweigerte jedoch die Zahlung der Buße und erklärte, lieber eine Freiheitsstrafe erleiden zu wollen, als unwahre Angaben zu machen. Diesem Beispiele werden zweifellos viele Hunderte und Tausende folgen. Man wird also das merkwürdige Schauspiel erleben, daß in Galizien Tausende von Juden wegen einer nach bestem Wiffen und Gewissen abgegebenen wahrheitsgetreuen Erklärung — verhaftet werden. zvrMarrd. Neue Kräfte im jitöifdien Volksleben. (Bon unserem Korrespondenten.) Warschau, 5. Februar. Wir stehen hier seit Wochen im Zeichen des Wahlkampfes. Und nichts ist so geeignet, einen Einblick in das innerjüdische Leben unserer Gemeinde zu gewähren, als eben dieser Kampf und seine Begleiterscheinungen. Es dürften aber hier einige vorangehende Worte zur Beleuchtung unserer Gemeindeverhältnisse und der Bedingungen, unter denen sich hier die Gemeindewahlen abspielen, sehr am Platze sein. Warschau ist die einzige Gemeinde im weiten russisch-polnischen Reiche, die eine anerkannte und mit allen Machtbefugnissen einer öffentlichen Behörde ausgestattete Gemeindeverwaltung hat. Wie sehr diese Verwaltung in allem den Charakter einer Amtsstelle trägt, beweist am drastischsten der Umstand, daß jede Eingabe an den Gemeinderorstand, gleich den Gesuchen an Aemter und Gerichte, mit einer Stempelmarke versehen werden muß. Natürlich hat dieser vielmögende Vorstand ein bedeutendes Vermögen, das aus Gemeindeliegenschaften und zahlreichen Legaten besteht, zu verwalten und ebenso die Geschicke zahlreicher religiöser und philanthropischer Institutionen der Gemeinde zu leiten. Welch unermeßlicher Segen aus einer solchen weitgehenden Gemeindeautonomie allen öffentlichen Einrichtungen sowie dem religiösen und geistigen Leben in der Gemeinde ersprießen könnte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Leider aber mußte dieses Vorrecht der Warschauer Gemeinde bis jetzt zum Unsegen gereichen, da die Männer, die dank ihrem Einflüsse auf die Beamten es verstanden hüben, die Gemeindestube ganz unter ihre Herrschaft zu bringen, von der Art find, daß sie mehr von Machthunger als von jüdischem Interesse geleitet werden. Es sind zum größten Teile einflußstarke und geldmächtige Ftnanzleute, die im Verein mit den unvermeidlichen Rechtsanwälten die öffentliche Meinung beherrschen und sie ganz nach ihrem Gutdünken lenken und, wenn nöttg, auch vergewaltigen. Als das beste Mittel, um die Macht in Händen zu behalten, bewährte sich das von den Herren, die am liebsten unter sich bleiben, geschaffene Wahlsystem, nach welchem nur derjenige das akttve und Passive Wahlrecht in der Gemeinde hat, der mindestens 15 Rubel jährlich Gemeindesteuer zahlt. Wer die Armut in den jüdischen Kreisen kennt, wer das Leben der tausende kleiner Handwerker und Arbeiter beobachtet, die, wenn überhaupt, höchstens einige Rubel von ihrem spärlichen Verdienste an die Gemeinde abzugeben haben, weiß, daß die große jüdische Masse bei diesem Steuermodus volkständig rechtlos ist. Die Bevorzugen aber, die in der glücklichen Lage sind, das Minimum von 15 Rubel an die Gemeindekaffe zu entrichten, rekrutteren sich zum weitaus größten Teile aus den mittelständischen Kaufleuten, die in ihrem Geschäfte von den Bankiers abhängig find, die in despotischer Weise die Alleinherrschaft über die Gemeinde üben. So war es bis vor einigen Jahren, als die Zionisten mit der Parole der Gemeindeeroberung auf den Plan traten. Die nationale Partei schlug sich sogleich auf die Seite der Opposition und machte alle Anstrengungen, die orthodoxen Massen für sich zu gewinnen. Sie suchte ihnen klar zu machen, daß es die gemeinsame jüdische Sache sei, für die sie mit vereinten Kräften gvgen die Assimilation zu kämpfen hätten. ES war aber bisher verlorene Liebesmühe, denn die Gesetzestreuen konnten sich auf keine Weise dazu entschließen, in den Nattonalen, die bei jeder Gelegenheit in Wort und Schrift das Prinzip von der absoluten Obenanstellungkdes nattonalen Momentes auf Kosten des religiösen verfechten, ihre Gesinnungsgenoffen zu erblicken. Viele Erscheinungen der letzteren Jahre haben die orthodoxen Kreise in ihrem Mißtrauen gegen ihre nationalen Umwerber noch wesentlich bestärkt und sie vor die Notwendigkeit gestellt, nach zwei Fronten zu kämpfen. Daß die Gesetzestreuen diesem Kampfe gewachsen sind, hat die Wahlkampagne mit erfreulicher Deutlichkeit bewiesen. Ohne sich von der einen Seite einschüchtern und von der andern Seite anlocken zu laffen, sind die Gesetzestreuen mit einem eigenen Wahlprogramme hervorgetreten, das in Hebräisch und Jargon an die Massen verteilt wurde, und das auch an sich ein wertvolles Dokument ist für die Klarheit des Wollens und die Unentwegtheit, die in diesen jüdischen Kreisen herrscht. Nach den klaren Ausführungen, die die Lage von allen Seiten beleuchten, stellt die hübsche 24 Seiten umfassende Broschüre 24 Thesen auf, von denen wir nur die wichtigsten hier folgen laffen: „Wir wollen, daß die Gemeindeverwaltung nicht mehr ein SammelPuffft^fM,si^e Herrscher sei und wünschen, daß durch eingerechtes demokratisches Wahlsystem ein engeres Band zwischen der Gemeinde und der Verwaltung geschaffen werde. „Wir wollen, daß in den Anstalten der Gemeinde der Sabbat streng gehalten werde, ebenso daß alle Gemeindeinstitutionen nach den Vorschriften des Religions-Gesetzes eingerichtet und gekettet werden. „Wir wünschen, daß an die Spitze der Warschauer Gemeinde ein angesehener Rabbiner trete, daß überhaupt die Lage aller Gemeinderabbiner gebessert und daß ihnen die Achtung zuteil werde, die den geistigen Führern in Arael gebührt. Besonders müsse in allen Gemeindefragen, welche das religiöse Gebiet streifen, die Meinung des Rabbiners allein entscheidend und maßgebend sein. i fi

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