Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1911)
- Date
- 1911-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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II.—II) ■■■ A-- H >,»»» »1 MH)Wt w «.WHII Tone AU sprechen, den ein wahrhaft gebildeter Mensch nicht einmal gegenüber den Religionsgebräuchen der wilden indianischen Stämme anwenden wird. Ben Jehuda operiert nicht mit Beweisen oder mit den Waffen der Logik in seinem Kampfe gegen die heilige Ueberlieferung unseres Volkes, sondern sucht sie mit nichtssagenden witzelnden Worten abzutun, als hätten nicht unsere Väter für diese Ueberlieferung in vielen Jahrhunderten ihr Leben gelassen. Aus diesem Milieu heraus erklären sich Artikel vonder Art des Herrn« Brenner ohne weiteres." — — So ifts! Der „N7VN" hat hier in der Tat den Sumpf gezeigt, aus dem Giftpflanzen von der bezeichneten Art mit Naturnotwendigkeit erblühen müssen, und wir sind in der Lage, mit einem Beleg aus der geistigen Werkstatt des Herrn Ben Jehuda zu dienen, von dem scheinbar der Mitarbeiter des „nWn" noch keine Kenntnis hatte. Im „tikh" (so lautet der neuste Titel des Ben Jehudaschen Blattes) vom 4. Tebeth, ist ein Artikel enthalten aus der Feder des vielversprechenden Sohnes des Herausgebers ('"2K p), der sich diesmal nicht wie sonst gegen einzelne Anstalten, Gemeindeeinrichtungen oder Personen in Jerusalem richtet, sondern als eine. Art Bombe gegen das Judentum schlechterdings gedacht ist. Der Artikel hat die bezeichnende Überschrift: hr\“l D'-n,T 107 (Wären wir doch Juden!). Nachdem Man sich in die verworrrenen Gedankengänge des jungen Skribenten und in seine eigenartige von fremd anmutenden Neubildungen strotzende Sprache, natürlich erst mit Hilfe des Wörterbuches seines Vaters, hineingearbettet hat, wtrv man sich nach und nach dessen klar, daß der Artikel aus folgenden Fragen basiert: „Wer kann wohl die klare uno feststehende Tatsache hinwegdisputieren, daß das Judentum stets unser Verderben war? Wer von uns verflucht wohl nicht sein Judentum wegen der Sünden, die es an ihm begangen hat?" Und die Antwort? „Es gibt ein Judentum, ein reales, glänzendes, welches wir nicht zu verfluchen brächten, das Judentum von Debora und Barak, von Saul, David, Salomon und — Achab. Aber unser Judentum, das kranke und faule, das fluchwürdige, das Exiljudentum" usw. Es muß dem Sohne zugute gehalten werden, daß er in wenig pietätvoller Wertung der Geistesarbeit des Vaters zum angekränkelten und durchaus verachtungswürdigen Judentum auch das der neuhebräischen und der heutigen Jargonliteratur zählt. An Stelle dieses Judentums möchte aber der, wie es scheint, nicht so ganz bibelfeste Artikelschreiber u. a. das Judentum Achabs setzen. Nun also!-Fragt Männer, Weiber, Kinder sind auf den Beinen, dnrchwühlen den heiligen Boden, schänden mit Zank und Geschrei die stille Stätte. Man weiß nun, daß des Totengräbers armer Trottel nicht allzuviel gefunden, aber vergessen hatte, wo der .Hund begraben liegt. Nun entstand in jedem ehrlichen Sucher Her Wahn, dort könnte noch mehr liegen, darum treibt einen ganzen großen Menschenhaufen die Gier nach Gold ruhelos und rücksichtslos durch das nächtliche Totenland. Also wissen wir cs: die unwiderstehliche Geldgier der Juden dramatisiert. Aberglaube uub Ditteulofigkeit bei Asch, Habsucht und Raubgier, die vor Gräberentweihung nicht zurückschreckt, bei Pinski. Auch Pinfkr darf, wie es seinerzeit bei Asch der Fall war, aus eine höchst freundliche Ausnahme in den Kreisen der „Staatsbürgerzeitung" rechnen. Von jüdischer Seite loird aber darauf hingewiesen werden müssen, dag auch dieses Stück, dessen Kunstwert übrigens von der Kritik nicht gerade hoch cingeschätzt wird, trotz seiner jüdischen Zerrbilder ein jüdisches Stück n i ch t ist. (Jüdische Briefe aus dem Jahre 1619.) Tie „Bossische Zeitung" berichtet über interessante Privatbriefe aus dem Jahre 1619. Im K. und K. Hos- und Staatsarchiv in Wien liegt ein Päckchen mit 47 Privatbriefen in jüdischer Kursivschrift, die sämtlich an einem Tage, und zwar Freitag, 22. November des Jahres 1619,'in Prag geschrieben und nach Wien gerichtet sind. Tiefe Briefe wurden den Adressaten nickt zugestellt. Ter Postbeutel, in dem sie aufbcwahrt waren, ging vermutlich aus dem Wege verloren und wurde von vorbeiziehenden Soldaten nach Wien gebracht. Hier lagen die Briese seit drei Jahrhunderten unbeachtet und vergessen in einem Archivsuy um nvry, wercyes von veioenzur Zerr ruyaos angebeteten Götzenbilder, der Baal oder die Aftarte vom Hause Ben Jehudas der jüdischen Renaissance wird empfohlen werden!- Doch genug von dieser hebräischen Schundliteratur, die in letzterer Zeit in steigendem Maße den Boden des heiligen Landes mit Schmutz bewirft. Ein Wort nur noch an die Adresse der anständigen nationalen Presse, als deren vornehmster Vertreter wohl der "N7VN„ hingestellt werden darf. Diese Monatsschrift ist bekanntlich von Achad Haam gegründet worden und wird heute noch ganz in seinem Geiste geleitet. Der Grundgedanke dieses hebräisch-nationalen Umwerters, der heute noch aus den meisten Artikeln der Zeitschrift durchsickert und füglich als das Programm derselben angesehen werden darf, der Grundgedanke Achad Haams lehrt, daß der nationale Jude unbeschadet seines inneren jüdisch-nationalen Bewußtseins im Prinzipe wie in der Praxis alle religiösen Grundlehren des Judentums negieren kann. Das nationale Moment stehe vor dem religiösen, und dieses sei es, das einzig den Juden zum Juden mache. Auf diese Formel brachte die Achad Haamsche Richtung die jüdisch-nationale Idee, und dieser Formel wird auch in seinem Organe seit Jahren, allerdings, wie ohne weiteres zugegeben ist, in sehr sachlicher und anständiger Weise, das Wort geredet. Und wir glauben somit nicht, daß es das Recht hat, sich so sehr darüber zu entrüsten, wenn junge Himmelsstürmer, denen Takt und Pietät und der letzte Rest von Liebe zum Judentum abgeht, einmal den gleichen Gedanken weiter zu Ende denken und ihm in ihrer rückhaltlosen, wildbrausenden Weise kräftigen Ausdruck verleihen. Es würde unseres Erachtens der nationalhebräischen Presse weit besser anstehen, aus diesen Attacken gegen das Judentum zu ersehen, wohin ihre Theorien geführt haben und einen anderen Kurs einzuschlagen, einen solchen, der nicht aus dem Judentum hinausfühtt und so der jüdischen Sache aus eigener Mitte grimmige Feinde entstehen läßt. ver russische NangwerkewerbanS unö Oie jüdische Rechtslage. Nun hat auch der dieser Tage in Petersburg tagende Kongreß des Russischen Handwerkerverbandes Stellung zur Judenfrage genommen und sein Votum über die bekannten für die Juden geradezu schicksalbestimmenden Anträge, die zur Zeit der Duma zur Entscheidung vorliegen, abgegeben. Der Kongreß hat auf fache, bis sie, durch einen Zufall aufgestöbert, im Aufträge der historischen Kommission der Wiener israelitischen Kultttsgeineinde von den Historikern Tr. Alfred Landan und Tr. Bernhard Wachstein bei Wilh Braumüller in Wien vollinhaltlich sowohl in jüdischer Schrift als auch in deutscher Uebersetzung reproduziert wurden. Tie Zeit, in der die Briefe geschrieben wurden, war für die Juden reich an Fährnissen jeder Art. So hören wir, daß Samuel Waterstein Nikolsburg ausgcplündert wurde und „naket un blos mit mer ein Hemd un altes Kleidet" nach Prag gekommen ist. Ter Bote Löb Justmenitz wurde auf dem Wege von Wien nach Prag von Soldaten gefangen genommen, und die Prager Gemeinde inußte für ihn ein Lösegeld bezahlen. Es war vor Beginn des dreißigjährigen Krieges, und die Briefschreiber haben schon eine Vorahnung von den heranrückenden Schrecknissen. In Kriegszeilen war es Regel, die Briefschaften abzufangen und nach politischen Briefen zu suchen. Tie Absender sind auch immer in Sorge, daß die Briefe nicht ankommen. Ein Briefschreiber bittet seine Schwester, daß sie ihm mit einem verläßlichen Boten die „Geheimschrift", deren Abschrift ihm verloren gegangen ist, einschicke, „den man kan nit also ales taisch über Felo schreiben, besonders in der Lage, as itzund die Länder sten." Tie Briefe,, die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren, gewähren uns einen Einblick in das Privatleben der Briefschreiber. Stark war das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Inden jener Zeit. Kam ein Jude in eine fremde Stadt, so fand er einen Halt bei den Glaubensgenossen. Tie Gebildeten waren hochgeachtet und ein reicher Mann setzte seinen Ehrgeiz darein, einen gelehrten Schwiegersohn zu bekommen. Ta wurde nach Rang und Familie wenig gefragt. Es ist charakteristisch, daß im Handelsverkehr Bücher an Zahlungs- Berlangen verschtedener Handwerkergruppen, natürlich gegen die stürmischen Proteste der Berbändler, erstens beschlossen, sich im Interesse einer freien Entwicklung des Handwerks für die Aufhebung des jüdischen Ansiedelungsrayons zu erklären, und er hat sich dann auch in der Frage der Sonntagsruhe, gemäß dem Antrag des vorbereitenden Komitees, für Aufrechterhaltung des Status quo ausgesprochen, nach welchem der Sonntag als offizieller Ruhetag gilt, den kommunalen Selbstverwaltungsbehörden aber das Recht zusteht, den lokalen Verhältnissen entsprechend eventuell einen anderen Ruhetag als den Sonntag festzusetzen. Wie an anderer Stelle unserer heutigen Nummer mitgeteilt wird, nehmen ca. 75 jüdische Delegierte aus verschiedenen Städten des Ansiedelungsrayons am Kongresse teil. Nachdem die Regierung seinerzeit die Erlaubnis zur Abhaltung einer Konferenz jüdischer Handwerker mit dem Hinweis aus den bevorstehenden allgemeinen Handwerkerkongreß, wo „die jüdischen Handwerker auch ihre speziellen jüdischen Interessen würden vertreten können", abgelehnt hatte, sah man sich nun in jüdischen Handwerkerkreisen veranlaßt, an dem allgemeinen Handwerkerkongreß teilzunehmen. Nach großen Schwierigkeiten gelang es, für die jüdischen Kongreßdelegierten das Aufenthaltsrecht in Petersburg für die Dauer des Kongresses, freilich unter recht lästigen und umständlichen Bedingungen, zu erwirken. Und es muß anerkannt werden, daß die jüdischen Delegierten mit Energie und Geschick die Interessen des jüdischen Handwerkerstandes vertraten. Der Kongreß hat wieder einmal dokumentiert, wie wenig schwer es ist, bei zielbewußter Arbeit die weiten Schichten des Volkes darüber auszuklären, daß von einer gerechten Lösung der Judenfrage nicht allein die Geschicke der Juden, fanden in gleichem Maße auch die der Gesamtbevölkerung abhängen. Besonders gilt dieses vom Rayongesetz. Die größten Gefahren drohen aber derzeit dem jüdischen Leben in Rußland, wie schon wiederholt hier bemerkt, vom Sonntagsruhegesetze. Sie können nur dann n"ys abgewendet werden, wenn von einsichtiger Seite unaufhörlich aus die Tatsache htngewiesen wird, daß unter diesem Gesetze in seiner drakonischen Form mit den Juden auch der gesamte Mittelstand schwer zu leiden haben wird und daß vor allem Handwerk, Handel und Industrie und nicht zuletzt der Staat die Kosten desselben zu tragen haben werden. statt genommen würden. Man mußte Handel treibetr, aber die Gelehrsamkeit ging über alles. So sehen wir, daß ein Kaufmann seine!» Sohne Vorwürfe macht, »veil er, gleich nach der Verheiratung, Geldgeschäfte rnacht, anstatt sich mit den heiligen Büchern zu befassen. Tie Briefe beginnen alle mit einer Formel, wie: „Gar vil guter, seliger jar, die solen dir weren war." Tie vielen Sprüche und Zitate aus der heiligen Schrift gehören oft gar nicht zur Sache. Es fehlt aber auch nicht an drolligen Stellen. So stellt eine Frau an ihre Tochter die Frage: „Libes Herz, warum bis ja eso ein Kuh?" Eine Frau schreibt an ihren Schwiegersohn, der ihr seinen Jungen aufgehalst hat: „Josef leb fregt imerzu: hat dir der tet ken gelt geschickt? er inecht gern schreiben, er kan nebich nit, wen du im Werst gelt schicken, wert ers lernen." — — Etwas weiter in diesem Franenbriefe heißt es: „... as du schreibst, hast aso lang kein Briw von mir gehat, was ken ich berfir; ich schreib mir ineine Augen ans un erst fumeit sie nicht an." -- Tie Herausgeber haben den Briefen eine umfangreiche Einleitung voransgeschickt, in der sie Form und Stil der Briefe wie auch das kulturhistorische Moment ausführlich und erschöpfend behandeln. (Ein Bereinsjnbilaum.) Ter „Hilfsverein für kranke russische Israeliten" in Königsberg begeht in diesen Tagen sein 40 jähriges Stiftungsfest. Ueber die Geschichte des bedeutsamen Vereines entnehmen wir einem Feuilleton der „Königsbcrger Hartungschen Zeitung" folgendes: Aus der „Geschichte der Königsberger Ehewra Kaddifcha" wissen wir, daß schon .um die Mitte des 18. Jahrhunderts Kranke aus Polen in sehr großer