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Der Israelit · 1911-02-02 · Heft 5 (2.2.1911) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 5 (2.2.1911)
Date
1911-02-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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9. Februar 1911. Ler FLraeM Sette 19 No. 6. auf der in langen Jahrzehnten erprobten Bahn rüstig voranschreiten und so von ihrer schlichten, erhabenen Stätte aus in stets wachsendem Matze die Verbreitung der Taurohkenntnis fördern wird. Als die Chewroh Talmud-Tauroh vor einem halben Jahrhundert ins Dasein trat, schwebte über ihrer Wiege das gesegnete Andenken der Großen, unter deren Leitung dos Studium der Tauroh im Mittelalter in der rheinischen Hauptstadt blühte. Heute steht ihr an der Schwelle des sechsten Jahrzehnts das Verdienst ihres unvergeßlichen Begründers zur Seite, dem es beschieden war, das Panier der Tauroh auf dem Boden wiederzuerrichten, den sie vor Jahrhunderten, verherrlicht durch den Märiyrertod vieler Getreuen, im Galuthschmerze verlassen hatte. Möge die Chrwroh-Talmud-Tauroh auf der ragenden Höhe einer solchen Vergangenheit immerdar als eine Pflanzstätte der Tauröh dastehen, im Dienste der Zukunft, die das Prophetenwort mit der Weissagung zeichnet, daß „die Erde voll geworden der Gotteserkenntnis wie die Wasser das Meeresbett decken"! ßescbicbillcbes zum rn:}n»3uMläum. Wenn eine Institution, die auf ein halbes Jahrhundert ihrer segensreichen Wirksamkeit zurückblicken darf, in ihren Annalen nur wenig Daten ihrer geschichtlichen Entwicklung findet, so bedeutet dieser Mangel einen Vorzug,- einen Vorzug darum, weil dadurch ihre Beständigkeit am besten beleuchtet wird. Sechsund dreißig Jahre lang von ihrem Gründungstag an, war die Chewroh so glücklich, ihre Leitung ein und derselben Hand anvertrauen zu dürfen. Und mit sicherer Hand wurde sie zielbewußt aber auch gewissenhaft geleitet. In den ersten dreißig Jahren des Bestehens der CKewroh glaubte es ihr Leiter mit feinem Gewissen nicht vereinbaren zu können, über Schabbos von Köln fern zu sein? Aber auch in diesen wenigen Tagen, die er sich. der Erholung meist an seinem Geburtsort gönnte, siel das allabendliche Lernen nur selten aus. Zumeist fanden sich unter den Hörern und Schülern genügend Vorgebildete, um die Stellvertretung übernehmen zu können. Auch die Berechtigung wurde niemals anerkannt, Schulferien auf den Thauroh-Unterricht auszudehnen. Vielmehr sollten die Schulferien gerade umsomehr freie Zeit und freien Kopf gewähren, dem Thauroh-Lernen sich umso lieber und ausgiebiger zu widmen. Das Einheitsziel der Chewroh, nicht Angehörige seminaristischen oder akademischen Lehrstandes, sondern gute jüdische Mitglieder des Nährstandes oder zu gut deutsch, gute Baalei Bathim auszubilden, geht am deutlichsten aus dem Rundschreiben hervor, welches auf Veranlassung des sei. H'rrn Salomon Rothschild im Schewat 5621 an die Mitglieder der Kölner Synagogengemeinde erlassen wurde und das folgenden Wortlaut hatte: „Wenn die Grundpfeiler eines Gebäudes zu modern beginnen, ist der nahe Umsturz des ganzen Gebäudes zu befürchten, wenn die Wurzeln des kräftigsten Baumes abgenagt werden, kann er den Stürmen nicht lange mehr widerstehen. Will man das Gebäude retten, so muß man mit emsiger Hand die stützenden Pfeiler ausbessern, will man den Baum erhalten, so muß man mit großer Umsicht die Insekten vertilgen, die seine Fasern verzehren und so seine Verbindung mit der Mutterbrust der Erde abschneiden. Ein solches Gebäude ist unsere heilige Religion, ihre Stütze das Studium der Thora, ein solcher Baum sind unsere heiligen Vorschriften, deren Wurzel die Kenntnis des göttlichen Wortes. Brüder! die Ihr bereit wäret mit Gut und Blut für das Göttliche Vermächtnis einzuftehen, wenn frevelnde Hände es uns entreißen wollten, Brüder! die Ihr anerkennt, daß der Allvater unsere Ahnen aus ägyptischer Knechtschaft befreit und uns auf ewige Zeiten zu seinen Dienern gestempelt hat, als welche wir die Pflicht haben, sein uns ewiges Heil verkündendes Gesetz von Geschlecht zu Geschlecht auf unsere Nachkommen zu vererben, bedenket, ob wir dieser Pflicht genügen? — Können unsere Kinder dem Strome des falschen Zeitgeistes widerstehen, ist ihr Herz gegen den Einfluß verleitender Gesellschaften gestählt, wenn wir nicht durch gründlichen Unterricht in der Gotteslehre, der sie mit dem Ziele ihres Daseins bekannt macht, eine Schutzmauer um ihr Inneres ziehen, damit der hineingepflanzte Keim von Gottesfurcht von außen nicht bedroht werde? Da es aber leider schon soweit gekommen ist, daß viele unserer Kinder Luft und Liebe zum Erlernen der Thora verloren haben, so müssen wir Eltern mit gutem Beispiel vorangehen. Wir Väter wollen uns daher allabendlich versammeln und, nachdem wir uns den ganzen Tag für das Wohl des doch so schnell hinschwindenden irdischen Lebens abgemüht, eine Stunde dem Heile unserer Seele, dem Studium der Thora, weihen. Unser Einfluß auf unsere Kinder durch eigene Tat, wird ein ganz anderer sein, als durch bloße Vorstellungen und Ermahnungen. Sie werden nicht mehr die Thora als etwas veraltetes, unserer Zeit nicht mehr angemessenes, betrachten, und werden wenn wir für einen gründlichen Unterricht und eine wahre Auffassung unserer heiligen Religion sorgen, zu einem Geschlecht gedeihen, worauf der Schöpfer sagen könnte: -'KsriK 12 -wk •nn»' In vielen größeren und kleineren Gemeinden Deutschlands bestehen bereits derartige Vereine, und da sie auch von denen unterstützt werden, welche ihnen nicht ihre persönliche Teilnahme schenken können und dennoch sich gerne beteiligen wollen an dem Gott gefälligen Werke der nun TiöSn, haben dieselben in manchen Orten in wenigen Jahren unter dem Segen Gottes einen Aufschwung genommen, daß förmliche nun "M27N-Schulen aus ihnen hervorgegangen sind. Bereits haben wir Unterzeichnete uns zu besagtem Zwecke vereinigt und bei jüngster Zusammenkunft den Beschluß gefaßt, daß allabendlich, ausgenommen Freitag und Samstag abend, von 8—9 Uhr "n, nr» Dy vvin, nrwe gelernt werden soll. Einem Jeden, der sich durch seine Unterschrift zu einem Beitrage von 12 bis 4 Thalern jährlich in vierteljährlichen Raten verpflichtet, soll die Teilnahme an den täglichen Borträgen freistehen. Ueberzeugt, daß das besagte Vorhaben Anklang in den Herzen unserer hiesigen Glaubensbrüder finden wird, versehen wir diese Zeilen mit unseren Unterschriften, indem wir uns der Hoffnung hingeben, daß recht viele wahrhafte Israeliten unserem Beispiele folgen werden. Um das Zustandekommen der Chewroh war der damalige allverehrte Rabbiner der Synagogengemeinde Herr Dr. Schwarz V'XT sehr bemüht und Herr I. M. Marx entfaltete eine eifrige Propaganda. Dieses Schriftstück ist sozusagen das einzige geschichtliche Dokument, das die Chewroh besitzt. Es befindet sich auf der ersten Seite des Protokollbuches. Auch nur wenige Protokolle über Versammlungen sind vorhanden, da nachdem die Chewroh einmal gegründet war, wenig andere Versammlungen als die zum Zwecke des Lernens stattgefunden haben. Es war eine Bereinigung rem der Sache wegen ins Leben gerufen, die für die äußeren Formen von Verwaltung und Ehrenstellen keinen Raum bot. Allerdings mochte auch die Genügsamkeit des Leiters, die aus den Protokollen über die wenigen stattgefundenen Verhandlungen hervorleuchtet, daran Schuld tragen. Hatte doch die Chewroh nicht einmal für ein eigenes Heim zu sorgen. Die einzige Abwechslung in den gleichmäßig stillen Gang des Lernens und des Lehrens brachte 5647 (1887) das Sium auf die nvon nnn 'vom, das nach 27 jährigen allsabbatlichen Vorträgen festlich begangen wurde. Allgemach hatten sich in den fiebenziger Jahren andere Institutionen in Köln gebildet. Es ist das alleinige Verdienst der Chewroh Talmud Thora, daß der Boden derart vorbereitet war, daß Korporationen in Köln Fuß fassen konnten, die im Dienste der Allgemeinheit stehen. Der persönlichen Anregung und Bemühung von Rabbi Wolf ist es zuzuschreiben, daß das Lehrerseminar, das von Düsseldorf nach Ehrenfeld verlegt war, im Jahre 1875 nach Köln kam. Der Kreis, den der verewigte Seminardirektor Rabbiner Dr. Plato V'ST um sich scharte, war von der Chewroh Talmud Thora erzogen und gebildet worden. Alsdann im Niffan-April 5556/1896 Rabbi Wolf seine irdische Laufbahn beschloß und mit klarem Bewußtsein als Jehudi, als der er gelebt, seine reine Seele aushauchte, hinterließ er eine wahrhaft jüdische Institution, die um so kleiner und unscheinbarer sie nach außen schien, um so fester in den Herzen seiner Schüler wurzelte. In den ihm gewidmeten Abschiedsworten und in der Erinnerung an ihn bezeichnete sich mancher, der inzwischen zum Mann und zum Greise herangereift war, mit Stolz als seinen Schüler, dem er sowohl selbst seine „geistige Wiedergeburt" zu danken hätte, als auch die jüdische Erziehung seiner Kinder. Die Aufgabe eines Lehrers in Israel hatte er vollkommen gelöst: er hatte sich entbehrlich gemacht. Gar mancher Mann und mancher Jüngling, der seine jüdische Kenntnis im Unterricht und in den Schiurim der Chewroh erworben hat, war und ist G. s. D. immer mehr imstande, sowohl sich selber weiter zu vervollkommnen, als auch einem größeren Kreis von Männern und Jünglingen von seinem Wissen mitzuteilen, ja in Wort und Schrift jüdisches Wissen und Wesen in weiteste Kreise zu tragen. Es war eine Lehrstätte geschaffen, die auszufüllen nicht alltägliche Ansprüche an Fähigkeiten und sonstigen Qualifikationen stellte. Und daS ist immer der beste Beweis für die Eigenart und die Leistungen des Erblassers. In der Person des Herrn Dr. N. A. Nobel wählte die Chewroh den Nachfolger ihres langjährigen ersten Leiters. Auf etwas breitere materielle Basis wie bisher mußte die Chewroh gestellt werden. Der sehr bescheidene Umfang des Erreichten darf aber nicht als Gradmesser für das Gelingen angesehen werden, die Bedeutung von Talmud Thora den Herzen nahe gebracht zu haben. Denn das ist eine alte Tatsache, daß von den Söhnen der Armen Thauro ausgeht. Die finanzielle, die extensive Größe war aber auch nie und von keinem Letter der Chewroh erstrebt wordendenn die intensive Arbeit, wissenschaftlich in die Thauro einzudringen, würde das allzu teuere Opfer darstellen. Denn wir sind in Köln noch nicht so wett, um, mit den Worten des Midrasch zu reden, die Theater und ZirkuSgebäude in Lehrhäufer umwandeln zu müssen.

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