Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1911)
- Date
- 1911-02-02
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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fft 6 Seite 80._ Herr Rabbiner Dr. Nobel zündete mit der Macht seiner Beredtsamkeit, und die engen Räume dehnten sich, wenn er im ersten Jahre seiner Wirksamkeit seine Tehillim-Vorträge hielt. Der Kreis der steten Besucher der Chewroh wurde unter seiner Amtsführung ein größerer, die Beteiligung derer, die auch ohne Buch zur Hand zu nehmen, dem Vortrag lauschen wollten, eine regere. Die bis dahin wie eine Königstochter in vornehmer Zurückgezogenheit in engerem Kreise lebende Chewroh wurde volkstümlicher und bekannter, der Geist philosophischer. Der damals einsetzenden Popularisierung „wissenschaftlicher Resultate" wurde Rechnung getragen und das positive Wissen der Thauro in wissenschaftlicher Gründlichkeit und rhetorischer Eleganz den Vermutungen und dem Scheinwissen der philosophischen Spekulation geqenübergeftellt. Nach drei und einhalbjähriger Tätigkeit verließ Herr Dr. Nobel seine erste Wirkungsstätte zum großen Bedauern der Chewroh-Mitglieder und weit über deren Kreis hinaus seiner zahlreichen Freunde und Verehrer. Seit Tischrt 5661 (Oktober 1900) steht die Chewroh, die am 4. Juli 1905 unter dem Namen „Verein zum Studium der jüdischen Gesetzeslehre" in das Vereinsregister eingetragen ist, unter der gegenwärtigen Leitung. Sie hat in den fünfzig Jahren ihres Bestehens Geschlechter kommen und gehen, Gründungen mancher Art aufblühen und vergehet! sehen — in unveränderter Form hat sie sich lebensfrisch und jugendstark erhalten. Denn das Verdienst ihrer Begründer und besonders ihres ersten Lehrers y'Xr steht ihr in seiner Reinheit zur Seite, das sie zur Bekundung der Wahrheit ausgewählt hat — so sie sich in ihrer Aufgabe nichr beirren läßt — die in den Worten unserer Weisen niedergelegt ist: „Jede Vereinigung, die zu Gottes Ehre begründet wurde, wird bestehen für alle Zeit." päSagogizcber au; der ßbewrob. Eine fünfzigjährige pädagogische Praxis, die nicht ohne einigen Erfolg geübt wurde, dürfte sür den jüdischen Unterricht wohl manchen Fingerzeig zu geben in der Lage sein. Für den jüdischen Unterricht, müssen wir allerdings sagen, nicht sür einen „Religions unterricht". Denn was man damit heute bezeichnet, das gab es in der Chewroh nicht. Dazu fehlte zunächst auch die Vorbedingung, die Schule. Die Schule schematisiert und die Tauroh will den Unterricht individualisieren. Sie saßt infolgedessen nur den häuslichen Unterricht ins Auge. Wir können nun freilich das Schulsystem heute nicht entbehren. Aber wir brauchen darum das Prinzip des häuslichen Unterrichts nicht zu verwerfen und können den Schulunterricht nach diesem Muster einrichten. In großen Klaffen läßt sich keine Tauroh lehren. Sollen doch in einer Klasse nicht mehr als 25 Schüler sitzen (Sch. Or. I. D. § 245,15). Die Klassen können nicht klein genug sein, sodaß möglichst alle Altersstufen, unbedingt aber jede Verschiedenartigkeit in der Besähkgung berücksichtigt werden. Was an Schule erinnert, kann mit Freuden entbehrt werden. Wenn die Schüler, die den jüdischen Unterricht besuchen sollen, nachdem sie oen Minden Tag die Schulbank gedrückt, unter dem Zwang des Schuldrills geseufzt haben, und, abgestumpft durch die Pedanterie des gleichen Schritts, sowie die Verständnislosigkeit für die Individualität und die eigenen geistigen Interessen befähigterer Schüler enttäuscht, gehemmt, entmutigt sind, wieder zur Schule sollen, wird der Gang beschwerlich oder — es wird Rache geschworen. Was die andere Schule verschuldet, muß die wehrlose Religionsschule büßen, und alle schlimmen Streiche werden dort verübt. Denn dort fühlen sich die Schüler als Herren der Situation. Anders wirkt der Weg zum Unterricht, wenn es zum Schiur geht, wenn schon der Raum nicht cm Schule erinnert, wenn der Empfang kein schulmäßiger ist. Im Bewußtsein, am selben Tisch, auf demselben Stuhl zu sitzen, wo heute Abend der Vater und alle die großen Herren j fitzen werden, die dann auch hier zu lernen ' _Dr< $gtocltt_ | pflegen, gibt allein schon Selbstbewußtsein. Der Schüler geht ja nicht zur Schule, er hat auch seinen Schiur, wie der Vater, der Großvater und alle anderen Erwachsenen. Er geht aber auch dorthin, wo er seinen Fähigkeiten nicht einer „Schrulle eines verknöcherten Philologen" zuliebe Gewalt antun muß, um z. B. ja keinen Ausdruck in den Aufsatz zu schreiben, der dem „Stand der Klasse nicht entspricht, sondern beim Lernen soll er ja Geist zeigen und entwickeln, und umso mehr, desto lieber. Ob das möglich ist, das ist die Frage nach dem Lehrstoff. „Religion" ist niemals in der Chewroh unterrichtet worden. Das soll ja — wenn das „Volk der Religion p»r excelience" überhaupt „Religion" hätte — Blüte des Unterrichts, nicht Gegenstand desselben sein. Man pflegt ein Saatkorn, aber nicht die Blume und nicht die Frucht. Und um Juden zu bilden, pflegt man Tauroh in ihrem Geist und ihrem Herzen. Einen Ersatz dafür gibt es nicht. Der systematische Religionsunterricht, der eine Zeit lang so sehr in Mode war und von dem man sich begeistern konnte, weil man glauben mochte, wenn das Kind die psychologische Begründung jüdischer Anschauung und jüdischen Gesetzes logisch bei Anleitung eines geschickten wissenschaftlich geschulten Lehrers selbst entwickeln könne, würde es ihm unmöglich, in der Praxis davon abzuweichen. Es war ein Irrtum. Keine Logik, keine Psychologie, nur das Bewußtsein von min D'Dttfn *p stählt für das Leben. Dieser Gedanke bildete die natürliche, stillschweigende Voraussetzung des Unterrichtes in der Tauroh. Und nur Tauroh — in ihrem ganzen Umfang der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferung braucht Gegenstand des Unterrichts zu sein. Denn das ist es, was im Leben seine Anwendung finden soll. So ist z. B. in der Chewroh in früheren Jahren nie njsn unterrichtet worden. Die Zeit, die dafür geopfert würde, fand Rabbi Wolf y'üt zu kostbar. Und wer sein troin übersetzen könne, der weiß von selbst, was er in seiner JT?sn sagt. Der Begründung könnte man noch vielleicht eine stichhaltigere hinzufügen: Wenn das Kind in seine Muttersprache überträgt, dann weiß es, was es gelesen hat. Wenn es aber die njsn mit ihren schweren philosophischen und geschichtlichen Voraussetzungen übersetzt hat, so weiß es noch lange nicht, was drin steht. Was man tun soll, kann man dem Kinde sagen, was man sein soll, nicht. Dem Ziele entsprechend, Unterricht in Tauroh bis zur Fähigkeit selbständiger Weiterarbeit, war der Lehrplan von der untersten Stufe aufgebaut. Schon früh sollten die sprachlichen Begriffe sich entwickeln — von den Buchstaben an. Erfahrungsgemäß hängt der Schaden der Lautiermethode bis ins Älter hinein nach. Denn wenn die Verschiedenheit der „S"-, „T"- und „Ch"- Laute nicht frühzeitig in Fleisch und Blut übergeqangen ist, dann lernt Hans selten mehr, was Hänschen versäumt hat. Es liegt darum der Vorzug in frühem Beginnen des Hebräischen darin, daß in dem vorschulpflichtigen Alter die Buchstabiermethode durch mehr mechanische Arbeit viel leichter als in späteren Jahren ausgenommen wird. Und es tut wirklich nichts zur Sache, wie wir lesen gelernt haben, ob mechanisch oder in logischer Zusammensetzung der Laute. Und schließlich stellt die Buchstabiermethode iogar noch größere Forderungen an den Geist, der dabei nicht nur zusammensetzen, sondern auch den Wert des Buchstabens von seinem Namen trennen muß. Diese genaue Kenntnis der Laute ist selbstredend für die Erlernung der hebräischen Sprache die erste unerläßliche Forderung. Und hebräische Sprachlehre war und ist ein wichtiger Unterrichtsstoff im Lehrplan des Jugendunterrichts der Chewroh. Soll unsere Jugend zur Selbstständigkeit geführt werden, dann darf sie nicht unüberwindlichen Sprachschwierigketten gegenüberstehen. In östlichen Gegenden, wo mehr oder weniger — wir möchten sagen — der Gebrauch der hebxäischen Sprache im Blut liegt, wo sie als Schriftsprache, nicht nur bei den Gelehrten, sondern auch bei kaufmännischer und Familienkorre- , fpondenz noch lebt, da bedarf es so gründlicher Erlernung der Sprache zum Gebrauch nicht, I __•_9. Fc-bruar 1911 wenn auch natürlich wohl zu wissenschaftlicher Forschung. Bei uns im Westen ist aber die hebräische Sprache leider als tote Sprache zu behandeln. Dürfen wir ihr da weniger Fleiß und Eifer zuwenden, können wir da nach anderer Methode arbeiten, als der Lehrplan der höheren Schulen oder das akademische Studium bei jeder anderen toten Sprache? Oder wollten wir unserer Jugend den Urtext vorenthalten? Kann z. B. etwa biblische Geschichte ersetzen, was das Tnach-Studium bieten kann? In der Chewroh wurde niemals biblische Geschichte unterrichtet. Aber Tnach wurde gelernt. Die Reden, die Handlungen, die Personen, die Verhältnisse, die Zeiten lebendig und unverkürzt, in der angemessenen Sprache der Darstellung kennen lernen, nicht als Geschichte, sondern als lebendige Gegenwart, nicht was sie waren, was sie sein sollen, nicht wann sie lebten, wie sie lebten, mit ihrer Trauer weinen, mit ihrer Freude uns heute noch erheitern — so wurde ohne Dolmetsch Geschichte gelernt. Nur mit Zuhilfenahme der Grammatik kann auch der Cbumisch Unterricht so erteilt werden, wie es in der Chewroh geschah. Es wurde niemals eine häusliche Aufgabe zur Vorbereitung neuen Stoffes gegeben. Sowohl für das Verständnis als auch sür das Gedächtnis wurde in der Stunde gearbeitet und der häuslichen Arbeit nur die Wiederholung oder eine schriftliche — aber kleine — grammatische Arbeit zugewiesen. Wegen Ueberlastung neben den Schularbeiten konnte dadurch nie eine Klage kommen. Bei der neuen Durchnahme des Stoffes aber trug nie der Lehrer zuerst etwas vor, sondern der Denktätigkeit der Schüler war alles überlassen, sei es in Tnach, sei es in Mischnah oder Gemoroh. Besonderer Wert wurde stets darauf gelegt, daß die Schüler, auch die jüngeren Kinder, — denn auch um solche, die noch nicht Barmizwoh sind, handelt es sich, wenngleich die größere Anzahl aus älteren Jahrgängen vis Operprima besteht, die Schwierigkeiten und auffallende Ausdrucksweisen im Text selbst bemerken und zu erklären suchen. Besonders dann, wenn Rajchi durchgenommen wurde, und der Grund zu Raschis Bemerkung im Text nachzuweisen bleibt. Bei dieser Inanspruchnahme des Denkens ist von der Notwendigket, disziplinarisch einzuschreiten, keine Rede. Im allgemeinen fehlte den Schülern die Zett dazu, auf andere Gedanken zu kommen, zumal sie durch die Heiterkeit des Lehrers, der sich im Kreise seiner Schüler glücklich und munter als Kind unter Kindern fühlte, genügend Abwechslung und Gelegenheit zu frohem Lachen hatten. In dieser Stimmung spricht das Herz zum Herzen und schlingt sich unvermerkt ein Band der Liebe um Lehrer und Schüler, das der gemein samen HMghaltung des Gegenstandes, bei dem man sich lieben und schätzen lernte, für das Leben zugute kommt. Lorresponaenren u. nacbritbtcn. ßöl», 5. Febr. Vom Festkomitee geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung folgende Mitteilung zu: Die Chewroh Talmud Thora, Verein zum Studium jüdischer Gesetzeslebre (E. V.) beabsichtigt, Sonntag den 31. Schwat 19. Februar d. Js. den Tag ihres fünfzigjährigen Bestehens festlich zu begehen. Zu der akademischen Feier, die aus Chorgesängen, Deklamationen und Ansprachen bestehen wird, haben die Mitglieder der Chewroh und jeder, der für Tauroh Interesse hat, freien Zutritt. Die Feierwird in den Koloniasälen, Cöln, Aachenerstraße 5 stattfinden und um 3V* Uhr ihren Anfang nehmen. Im Anschluß an diese offizielle Feier soll in denselben Räumen ein gemütliches Fest arrangiert werden, bei dem Mitglieder und Freunde Gelegenheit haben werden, in zwangloser Unterhaltung bei Reden, Liedern und Vorträgen, teils ernster, teils humoristischer Natur an besetzter Tafel einige Stunden zusammen zu bleiben. Zu diesem Teil werden besondere Karten zum Preise ä 2 Mark verausgabt, die bet Herrn Emanuel Stern, Cöln, Dasselstraße 79 erhältlich find.