Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-02-02 · Heft 5 (2.2.1911) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 5 (2.2.1911)
Date
1911-02-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448809--66273-2494426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 18. No. 6. Der Israelit. S. Februar 1S11 strebte eifrig dahin, feine Schüler mit der Fähigkeit auszurüften, im Urtexte die natürliche Andeutung der von Raschi mitgeteilten mündlichen Ueberlieferung aufzufinden. Diese Methode hat stch im Laufe der Zeit so sehr bewährt, daß sie noch heute einen ergiebigen Bestandteil der von der Chewroh Talmud-Tauroh ausgehenden Belehrung b ldet. Sind doch Raschis Erklärungen in volkstümlicher Auswahl allen Tetlen der schriftlichen und mündlichen Lehre entlehnt. Was Wunder, wenn sie mit ihrer leichtfaßlichen Form und ihrem tiefgründigen Inhalt sowohl dem Anfänger als dem Eingeweihten Befriedigung gewähren. So ist der Raschi-Kursus der einzige, der Jung und Alt zu gleicher Zeit in der Chewroh zusammen führt. Er hat in all den Jahrzehnten in der Mittagsstunde des Sabbats stattgefunden und immer die Richtlinien befolgt, die ihm sein geistiger Schöpfer, Rabbi Wolf, vorgezeichnet. Mit welcher Meisterschaft dieser seltene Lehrer Raschis Worte den Zuhörern bis zum völligen Verständnisse Aller ins Herz redete, zeigte die zahlreiche Beteiligung, die Liebe und Anhänglich reit der Schüler zum Lehrer. Auf jeoe Frage mit wissenschaftlichem Ernste und sprichwörtlich gewordener Geduld eingehend, wartete er geradezu stets auf die Fragen der Teilnehmer und fühlte sich erst dann befriedigt, wenn seine eigene Frage, „ob niemand mehr eine Frage zu stellen habe", mit gutem Gewissen verneint werden konnte. Wenn ein solch nützliches Vorgehen sich im Prinzip weitererhalten hat und der Lehrer noch heute eine sachliche Diskussion selbst während des Vortrages liebt, so gereicht dies der Chewroh an ihrem Jubeltage zu einer Ehre, die sie mit gerechtem Stolze zu erfüllen vermag. Im Jugendunterrichte widmete Rabbi Wolf neben dem Raschistudium seine Aufmerksamkeit günz besonders der hebräischen Grammatik. Von den Kleinen, die er durch die Buchstabiermethode die ähnlich lautenden Buchstaben genau von einander unterscheiden lehrte, bis zu den Erwachsenen, denen er die Wichtigkeit einer gründlichen Kenntnis der jüdischen Grammatik für das Verständnis der Tauroh zeigte, erteilte er den Unterricht der heiligen Sprache unausgesetzt in fortschreitenden Kursen und erhob ihn in seiner anerkannten Tüchtigkeit als jüdischer Grammatiker zu einem vorbildlichen Lehrgegenstande. Hand in Hand mit alledem ging das unablässige Streben des Meisters, seine Schüler zum aufmerksamen Lesen des Taurohwortes zu erziehen und sie davon zu überzeugen, daß sich in der Tauroh kein Wort und kein Schriftzeichen zu viel und zu wenig und keine bedeutungslose Abweichung von der Regel findet. Durch eine solch gründliche Belehrung verlieh er ihnen das Rüstzeug zur selbständigen Weiterbildung auf dem Gebiete der Tauroh, und alle, die mit Ernst dem Beispiele des Lehrers folgten, zogen aus dem Unterrichte einen unschätzbaren Gewinn fürs ganze Leben. Sehr viel trugen dozu die gediegenen Auslegungen bei, durch welche Rabbi Wolf Auffälligkeiten, an denen der oberflächliche Leser ahnungslos vorübergeht, mit seltener Treffsicherheit zu erklären wußte. Die Bescheidenheit ihres Urhebers hat es veranlaßt, daß sie noch nicht in die weitere Oeffentlichkeit gedrungen sind. Doch können wir bei dieser Gelegenheit nicht mit dem Ausdrucke des Wunsches zurückhalten, daß sie recht bald den Weg zur jüdischen Leserwelt finden mögen. Eme dankbare Aufnahme ist ihnen dort sicher. Die Erklärungen verraten gleichzeitig die Sachkenntnis, das klare Denken und die tiefe Empfindung des Meisters. In ihrem Endziel fürs Leben berechnet, geleiten sie jeden, der sie bewußivoll in sich aufnimmt, belehrend und veredelnd durchs Leben. Vollends allen, denen das Glück beschieden war, sie aus dem Munde Rabbi Wolfs zu vernehmen, sind sie in Fleisch und Blut übergegangen und bleiben in ihrer immer frischen Ursprünglichkeit und mit ihrer nachhaltigen Befriedigung beständig in ihrer Erinnerung. So fällt auch auf diese Erklärungen, die sich würdig den Deutungen der großen Lehrer in Israel anreihen, ein Strahl des Jubeltages, zumal sich die zuversichtliche Erwartung verwirklicht hat, die Rabbi Wolf wenige Tage vor seinem Heimgänge in seinem letzten'öffentlichen Sabbat- Lernen unter Tränen in die Worte kleidete, er sei dessen gewiß, daß eine Anzahl feiner Schüler seine Erläuterungen nach seinem Weggange im Herzen behalten werde. Der Vertiefung in die Propheten und heiligen Schriften gilt der Sonntagabend-Kursus. Durch ihn haben im Ablaufe der Jahrzehnte zahlreiche Besucher ihre jüdische Gesinnung befestigt. Sei es, daß der Meister in regem Gedankenaustausche mit den Teilnehmern sprachliche Untersuchungen anstellte, geographische oder geschichtliche Momente besprach, stets legte er den Nachdruck auf den geistigen und sittlichen Wert der heiligen Schriften. Wer je Gelegenheit hatte, einem solchen Kursus beizuwohnen, wird nie den Eindruck aus dem Gedächtnisse verlieren, daß Rabbi Wolf den Inhalt der Propheten miterlebte. Gefühlvoll nahm er ihn auf, und gefühlvoll gab er ihn wieder. Er trauerte mit den Propheten über den Niedergang der Sittlichkeit und lebte bei ihren trostreichen Ausblicken in die einstige Zukunft frohbewegt auf. So bot er aus tiefer Ueberzeugung den Lehrgegenstand im Lichte der Erziehungsweisheit als Ansporn zur Meidung des Schlechten und Uebung zum Guten dar. — Gegenwärtig findet im Sonntagabend-Kursus eine Besprechung des Buckes Jesaias statt. Die Teilnehmer erfahren die Wort- und Sinnbedeutung des Textes, werden mit der in Betracht kommenden jüdischen und allgemeinen Geschichte bekannt und lernen aus den Reden des Propheten die Aufgabe Israels und seine menschliche Teilnahme an der Wohlfahrt aller Nationen verstehen. Die aus der Feder Samson Raphael Hirschs set. A. über das Buch Jesaias erschienenen Aufsätze verwertet der Vortragende mit Vorliebe zur Schilderung der geschichtlichen und sittlichen Gesichtspunkte des Prophetenwortes und sucht dasselbe durch Hinweise auf die Literatur anderer Völker in seinem unvergleichlich höheren Werte darzustellen. Auch das Studium der Mischnoh und Gemoro vollzieht sich noch heute in der von Rabbi Wolf erprobten Weise. Zur Erklärung der Mischnoh dient im allgemeinen der Kommentar des Rabb. Obadjah aus Bertinoro, zu dessen Ergänzung gelegentlich die Ausführungen anderer Erklärer hinzutreten. Die Anlehnung der Mischnoh an das Taurohwort kommt zur Sprache, die Grundsätze, nach welchen sich die Ansichten der Mischnohlehrer bestimmen, werden erörtert, alles dies mit Hervorhebung der bei vorliegenden Meinungsverschiedenheiten für die Praxis festgelegten gesetzlichen Entscheidung. Die Auseinandersetzung der Begriffe, mit welchen die Mischnoh arbeitet, ruft häufig eine lebhafte Aussprache bervor, die den Lehrgegenstand zu größerer Klarheit bringt und nicht selten neue Momente zutage fördert. Vertritt ein Mischnohlehrer an mehreren Stellen eine seinen Genossen entgegengesetzte Ansicht, so gilt es, zu zeigen, daß er überall ein und denselben Grundsatz befolgt. Scheint es nun auf den oberflächlichen Blick, daß in den an verschiedenen Stellen mitgeteilten Aeußerungen eines Miscknohlehrers ein Widerspruch besteht, so heißt es, aus allen Stellen den einheitlichen Kern als den sich stets gleich bleibenden Grundsatz zu entwickeln und festzustellen, daß die Verschiedenheit nur durch die jeweilig anders gearteten äußeren Umstände der einzelnen Fälle veranlaßt ist. Es ist klar, daß eine derartige, dem Borbilde der Grmoro entlehnte Art des Mischnohlernens dem aufmerksamen Zuhörer für das Verständnis der Gemoro die Hand bietet, und so entspricht der von der Chewroh veranstaltete Gemoro-Kursus seiner eigentlichen Bestimmung, indem er eine Vollendung des Mischnohstudiums bildet. Im Gemoro-Kursus hielt sich Rabbi Wolf streng an den Gang der in der Gemoro ausgezeichneten Abhandlung und legte den Hauptwerk auf die Herstellung des sich aus derselben einfach | und natürlich ergebenden halachischen Begriffes. Mit der Erklärung Raschis verband er die Einsichtnahme in die wichtigsten Auseinandersetzungen der Toffaphoth und verstand es durch seine vortreffliche Mitteilungsgabe, selbst dieses schwierige Gebiet den Teilnehmern zu erschließen. Nie verließ er eine Gemoroftelle, wenn nur einer im Saale sie nicht begriffen hatte und verweilte mitunter mehrere Wochen bei einem Abschnitte, falls ihm wegen des schwierigen Inhalts desselben dieser Zeitraum im Jntereffe Aller geboten schien. Seine Geduld setzte ihn dabei in den Stand, auch innerhalb einer Stunde den Lehrstoff mehrmals darzulegen, so daß von demselben auch die während des Vortrags Erschienenen Kenntnis erhielten. Seine Belesenheit im Talmud und die Folgerichtigkeit des Denkens verhaften ihm meist zu einer sofortigen Beantwortung selbst wohlerwogener Fragen und zu einer sachdienlichen Leitung der Diskussion. Wenn sich in der Chewroh das Gemorostudium nach dem Heimgange Rabbi Wolfs in derselben ernsthaften, gediegenen Weise fortgepflanzt hat, so setz? es dem 50jährigen segensreichen Wirken der Vereinigung die Krone auf. Diese Lehrgegenstände der schriftlichen und mündlichen Tauroh, deren Behandlung wir vornehmlich an dem Beispiel der für die Erwachsenen eingerichteten Zusammenkünfte geschildert haben, finden auch im Jugendunterrichte nach Maßgabe der Altersklassen und der Verstandesreife dcr Knaben und Jünglinge ihre Pflege. Dcn Zöglingen bietet daher die Chewroh die heutzutage leider äußerst seltene Gelegenheit, von Grund auf in altjüdischem Sinne zu „lernen" und die Befähigung zum selbständigen Taurohstudium zu erlangen. Die Schüler kommen in der Regel am Tage zusammen, während der Abend die Erwachsenen vereinigt. So wird man von der Jubiläumswarte auf die zurückliegenden Jahre, Monde und Tage herabschauend, der Tatsache inne, daß zu dem Gelingen des großen Zweckes ein jeder Tag mit seinem Unterrichte einen bedeutungsvollen Anteil geliefert, von einem Tage zum anderen sich das Werk in ununterbrochener Folge fortgebaut, und man ruft mit dem Psalmisten: „Ein Tag strömt dem andern eine Rede und eine Nacht flüstert der andern ein vertieftes Wiffen zu!" Eine wesentliche Unterstützung hat diese theoretische Belehrung allezeit in dem praktischen Lebensbeispiel der Lehrer beseffen, das besonders der Jugend mustergiltig voranleuchtete. Wer blickt nicht mit Bewunderung zu der wie ideal vollendeten Persönlichkeit Rabbi Wolfs empor, wenn er der Männer gedenkt, die dem Einflüsse seiner seltenen Eigenschaften noch tm gereiften Mannesalter die Wiedergeburt ihres jüdischen Pflichtbewußtseins verdankten. Wie traten nicht in den knappen Lehrstunden so zahlreiche anziehende und nachahmungswürdige Vorzüge des Charakters in die Erscheinung! Die mit Entschiedenheit in der Pflichterfüllung gepaarte Milde des Urteils, die Freundlichkeit gegen reich und arm und alt und jung, die unverlierbare innere Heiterkeit, die ihn selbst in betagten Jahren zum verständnisvollen Jugendbildner befähigte, die Sanftmut, mit welcher er das irdische Leid ertrug, die Hilfsbereitschaft, mit der er jedem „ratend und tatend" zur Seite stand, die mit innerer Größe verbundene Einfachheit, die auch der Chewroh Talmud Tauroh ihr Gepräge verliehen, diese und ähnliche Eigenschaften des Begründers der Chewroh und seiner Nachfolger, die an ihr gewirkt, haben die Erreichung des Zieles, das sich die Bereinigung gesteckt, wesentlich gefördert. Unser Dank gilt daher allen, die je dauernd oder vertretungsweise, amtlich oder ehrenamtlich, ihre Kraft in den Dienst der Chewroh gestellt, insbesondere den HH. Rabbinern Dr. Dr. N. A. Nobel, Frankfurt a. M. und N. Cohn, Burgpreppach. Wenn wir im Bewußftein dieser Tatsache der Chewroh-Talmud-Tauroh an ihrem Ehrentage unser» Gruß entbieten, so sind wir von der festen Hoffnung beseelt, daß sie auch in Zukunft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.