Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1911)
- Date
- 1911-02-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Der Israelit. 2. Februar 1911. Sette iS. Nr. 5 hinein zu tragen, jüdisch religiöses. Leben, in Kreise, wo der Sinn für Religiosität nahezu erstreben ist und die Kinder sollen ja die Stufen bilden, über welche die Religion von der Schule in das Elternhaus hinüberschreitet. Ich halte es deshalb auch von unschätzbarem Wert, wenn der Lehrer das eine oder das andere Kind aus jenen Familien an der Feier des Freitagabend oder des Seders im eigenenen Hause teilnehmen, oder auch gesetzestreue Familien veranlaßt, Kindern befreundeter neologer Familien einen solchen Genuß zu bereiten. Höher als Chanuckah und Sukkoh steht der S a bbath. Mit ihm steht und fällt das Judentum. Weil nun seine Heilighaltung nur unter Auferlegung der schwersten Opfer zu ermöglichen ist, muß das Kind mit seinen Vorschriften ganz besonders vertraut gemacht werden, und hier ist der Ort, wo wir auf die größte Schwierigkeit, die dem Wirken des gesetzestreuen Lehrers entgegensieht, Hinweisen müsien; es ist der Gegensatz zwischen Lehre und Leben. Das Kind sieht Vater und Mutter am Sabbat arbeiten, ja es wird vielleicht selbst dazu angehalten, den Sabbat durch Schreiben in der Schule zu verletzen. Hier hilft kein Ueberbrücken; hier bleibt nichts anderes übrig, als die Sabbatgesetze im Pentateuch eingehend zu behandeln, die darauf bezüglichen Gebote gründlich einzuprägen und sie dem kindlichen Gemüte nahezubringen. Aber nie lasse sich der Lehrer zu einer lieblosen Aeußerung über diejenigen hlnreißen, die den Sabbat verletzen, und wenn irgendwo, so verfahre er hier mit Takt und Klugheit. Aber nie versäume er auch, auf die Wichtigkeit und Heiligkeit des Sabbats hinzuweisen und auf den hohen Lohn, der dessen wartet, der das Sabbathgesetz nach Vorschrift hält: nanr in Leister wird unsere Arbeit in bezug auf die Speisegesetze sein. Unter Hinweis auf die Göttlichkeit der Thora und auf die Berpstichtung der Juden, ihre sämtlichen Gesetze zu halten als die Anordnungen eines Vaters, der nur das Beste seiner Kinder will, eines Königs, dessen Gesetze man strikten Gehorsam schuldig ist, weise die Schule auch auf die Nützlichkeit der Speisegesetze hin. Das Kind lerne erkennen, daß auch sie Ausflüsse des Willens eines liebenden Vaters sind, der den Körper und die Seele seiner Kinder vor schädlichen Einflüssen bewahren möchte. Es werde belehrt, wie durch die Speisegesetze dem jüdischen Volke eine besondere Widerstandskraft verliehen worden, die jedem einzelnen Juden noch heute zugute kommt. Man mache es aufmerksam auf die vielen Fallen, die ihm das Leben auch in dieser Richtung stellt, und vielleicht ist sogar ein Hinweis auf die Herkunft und die Bereitung mancher nichtrituellen Speisen am Platz, um dem Schüler die Ueberzeugung beizubringen, daß nicht nur sein g e i st i g e s, sondern auch sein leibliches Wohlbefinden von der Befolgung des göttlichen Willens abhängt. /Schluß folgt., Standesbewußtsein. BvL I. Leberman« in Darmstadt. DaS Jahr 1910 zeitigte, soweit man die jüdische Lehrerbewegung in den einzelnen Staaten und Gemeinden oSjrk-iv betrachtet, nur wenige erfreuliche Erscheinungen Abgesehen von dem geringen Ausstieg, der den jüdischen Elementarlkhrern in Preußen durch die Anrechnung der im Religionsschuldienst verbrachten Dienstzeit zugute kam, verblieb bei den israrütischen Rkl-gionsleyrern selbst in Stellung und Wirksamkeit alles beim alten, d. h. in den nach Abhilfe geradezu schreienden Zuständen. Das Großherzog'nm Hissen besonders, das trotz mancher vereinzelter Schl.ffung von staatlich konsolidierten Rcltgtonsschulsiellen immer noch nicht mit drn unsagbar rückständigen, Berufsfreude und Schaffenslust rühmenden, Anstellungsverhältniffen der teiaellttschen Lchrer aufgeräumt hat, hatte ,m abgelausenen Jahre der jüdischen Lehrerpresie durch einige drastische, geradezu Aufsehen erregende »Fälle" Material zur öffentlichen Beleuchtung dieser Zustände geliefert.*) *) So erst n tedcr in den jüngsten Tagen, wo fich eine ober hessische Gemeinte wegen der Umlagen zur Fürsorgrkaffe pfänden ließ. Die Reöakl on. Der „Fall" Dternhetm ist noch in aller Erinnerung. Begraben ist er noch nicht, denn die für den entlassenen Lehrer dort untergegangene Sonne begleitet ihn noch mit ihren Strahlen in seine neue Stelle, damit der Abglanz solch jüdischer und menschlicher Denkart nicht so schnell verschwinde. Das Nachspiel wird die Oeffentltchkett dank den Biernheimer Bemühungen noch wiederholt beschäftigen. Doch nicht von diesem typischen, aus den bestehenden Zuständen erklärlichen Verhalten einer Gemeinde will ich heute rede«'. Drn schwersten Wofstngang muß ich wagen gegen Kollegen selbst, gegen unser Fleisch und Blut, das leider so bedenkliche Auswüchse zeigt und den Nährboden für Fortwucherung der bedauerlichen Zustände zum Nachteile des Standes, der Schule und der jüdischen @oi,e geradezu vergrößert. Ich bin mir bewußt, in ein Wespennest zu greisen, aber f.ommt es zu schweigen, wenn alle Bemühungen zur Besserung des jüdischen Lehrerloses, wenn alle Schritte in Wort und Tat zur Abhilfe solcher Zustände von Kollegen s e l b st untergraben werden und einfach wirkungslos bleiben durch deren unkollegiales, standeSunwürdigeS, ja gestnnungntedriges Verhalten. Die ganze Größe des Frevels aus dem eigenen Lager erbfsnete fich mir in der Aeußerung des Leiters des hessischen Schulwesens, welche derselbe dieser Tage bei der Besprechung der unliebsamen Verhältnisse machte: „Was helfen alle Maßnahmen, wenn Ihre Kollegen nicht mehr Standesbewußtsein zeigen und sich immer wieder aus solche Stellen melden, oder wie eS in der letzten Zeit vorgekommen ist, sich bet Uebernahme von Filtal st eilen einander unterbieten. Die Lehrer müßten solidarisch Vorgehen, bann könnte es durch sie selb st besser werden!" Nie habe ich die Wahrheit des verzweifelten Ausrufes unseres größten Lehrers 1H1J pK tn feiner berechtigten Anw.ndung auf unsere hessischen Lehrerzustände bitterer empfunden als in diesem Augenblicke. Daß es Elemente in unseren Rethen gibt, die geschäftsmäßig „Religion" lehren und in würdiger Konkurrenz Kollegen selbst in den Rücken fallen, die in unfairer Spekulation auf die Sparsucht einzelner Gemeinden marktisch feilschend sich zu „billigerem Pcet e" anbieten und den seitherigen Kvllegeir einfach hinausdrängen, wie es bedauerlicherweise vor einiger Zeit in Auerbach a. d. Bergstraße durch einen benachbarten Herrn, sowie m den letzten Tagen im Büdmger Bezirk vorgekommen ist, davon wtffen Lehrerdersammlungen mehr als genug zu erzählen, davon künden viele Briefe der Betroffenen, und in den Kummer über manche herbe Erfahrung im Berufsleben mifd t sich bet manchem Kollegen bitteres Leid über den Niedergang des Idealismus unter Lehrern selbst, über solch unkollegiales — wie unwürdiges, dem Druck und TerrortSmus Vorschub leistendes Gebühren einzelner als Kollegen auftretender Herren. Wir haben bisher geschwiegen, weil wir zauderten, der Okffentlichkeit ein trauriges Blld innerer Zerrissenheit und skrupelloser, matertaltsttscher Denkart in oen eigenen Reihen zu liefern. Nachdem aver die oberste Schulbehörde eines Landes staunend und ernstlich mahnend solche Mtßstände registrie.t, muß jedes Bedenken verstummen, m ssen wir rücksichtslos das Mksser ansetzen zur Ausmerzung schadhafter Gebilde in unseren Rethen zu uns rer eigenen Ehre, tm Interesse braver und würdiger Kollegen, aber auch tm Interesse der Erreichung unserer anerkannt berechtigten Forderungrn. Wenn im Falle „Viernheim", von dem ein Reichstags- und Landragsabgerdneter, der dem Berwaltungsrat der Fürs rgekaffe angehört, wörtlich bemerkte: „Wir im Verwalrungsrar waren alle starr wegen eines solchen unmenschlichen Verlangens einer Gemeinde, wegen einer Lappalie von 150 Dik.", der isr. Lehreroerern die Kollegen öffentlich bittet, vor der Bewerbung sich mit drn berufenen Vertretern zu verbinden, und wenn nun ein Herr, trotzdem er offiziell und telephvms h die Zu,:ände aufs deurltchfle ersuyr, trotzdem er selbst die Entlassung des Lehrers als „tief traurig" bezcichneie, stehenden FußeS die gezeichnete Stelle dennoch annrmmt, dann müssen wir beschämt gestehen: „Wir haben mit allen Maßnahmen zum Schutze eines b. drängten Kollegen und zur Abweyr eines betlagenswertcn TerrortSmus schmählich Schiffbruch gelitten!" Mas bedeutet der Beschluß beider israelitischen hessischen Lehrer- Vereine, den würdigen Herrn nicht als Mttgttei» aufzunehmen! Die bisherige Zuversicht, daß vereint auch der Schwache mächtig ist, daß w.r Lehrer koaliert auch eine Macht bilden, vre aus Mangel an gesetzliche Handhabe Neghast etntrllt ^.egen Mißbrauch gemeindlicher Macht, gegen jeden in unmenschlichem und ur jüdischem Empfindrn geführten Streich auf Kollegenextstenzen — sie ist leider dahrn! Man höre nur dte Bennrlungen unserer Gegner, vernehme nur den Triumphruf des siegenden Teils ob unserer etilen Schritte, man bedenke nur dte Konsequenzen für andere in gleich leicvoller Lage befindlichen Kollegen! WaS nützen Eure intellektuellen W ffen, was helfen Eure Bersamm ungen, wenn Ihr nicht Treue im Beruf, Treue g^gen den eigenen Stanv mitnehmet! Was vermögen Eure Füh ec mit allen Bestrebungen zur Er rtngung von Achtung und Wi.kangsfrrihrit, von Licht und Lust, wenn sie Offiziere bletbcn ohne ein begeistertes Heer! Wos haben sozial niedrigere Stände erz'e t durch etc Macht ter Koalition! Wären wohl jene wichtigen und segensreichen Gesetze zum Schutze der Arbeiter so schnell zustande gekommen, ohne eine geschloffene, innerlich geeinte Arbeiterschaft? Und wir jüdischen Lehrer, die stets für ideale Interessen etntreten, Religion lehren und leben, u"d die Jugend für Treue zur mvi begeistern, sollen die Treue gegen unseren Stand nicht kennen und üben? Nicht unnatürlichen Kompromissen und innerlich haltlosen Bereinigungen will ich das Wort reden, aber wenn es fich darum handelt, daß eine Lehrerexsstenz vernichtet wird, daß Laune und Willkür dem Lehrer jede gedeihliche Sirksamkeit verleiden, dte Interessen bss Standes in Frage stehen und dann dte Staatsregierung kopfschüttelnd die traurige Tatsache konstatiert, daß d'.e Standesgenossen selbst sich unfair bekämpfen, daß die niedrigen Regungen des Neides und der Gewinnsucht das Standesbewußtsein verdrängen, dann rufe ich alle wirklichen Kollegen ohne Unterschied zusammen auf den Boden der Standesehre, zum Kampfe gegen solche schädlichen Auswüchse, zur unnachstchtlichen Auimerzung solcher des Standes unwürdiger Elemente. Dann haben wir aus uns heraus den ersten Schritt zur Abschaffung der Mißstände unternommen. Ein reiner Ehrenschild des Standes istdie Borbedingung zum gerechten Kampf Correspondenzen n. Nachrichten. Frankfurt a. M. Tie Anregung des Herrn Kollegen T r a n s l a t e u r-Mtltenberg ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Wie wir zu unserer Freude erfahren, hat Herr Professor Dr. Berliner-Berlin in hochherziger Weise 150 Bände seiner Bibliothek dem „Bunde gesetzeslreuer jüdischer Lehrer" zur B-rfügung gestellt. Diese Werke sollen als Grundstock für dte neuzugründende Bibliothek dienen. Indem wir dem um die Wissenschaft des Judentums hochverdienten Gelehrten unseren herzlichen Dank für die Gabe aussprechen, geben wir zugleich der Hoffnung Raum, daß sein Beispiel Nachahmung finken und die Bibliothek dadurch in die Lage versetzt wird, recht b ld ihre Tätigkeit zu beginnen, eine Tätigkeit, von der nur uns recht viel Segen für die jüdische Lehrerschaft versprechen. Mchmcda«. Für unsere Unmündige«. Dreißig Geschichten aus der Bibel. Ein Lesebüchletn für die israelitischen Kleinen in Haus und Schule. Von I. Herzberg, Lehrer in Bromberg. Verlag von Friedrich Cbbecke in Bromberg. Preis 30 Pfg. Ein anspruchloses Büchlein, das aber seinen Zweck vollkommen erfüllt. Es ist bekannt, daß das LesebedÜrfnts bei unseren Kleine«, sobald sie nur die ersten Leseschwierigketten überwunden Haben, recht groß ist. Jedes bedruckte Stückchen Papier ist ihnen oft gut genug, um ihre Lesekünste daran zu probieren. Gibt es denn nun einen schöneren Lesesteff als den Inhalt unserer Bibel? Dte Kunst besteht nur darin, ihn so einfach und leichtfaßlich zu bearbeiten, daß er sich für die Unterstufe eignet. Das ist dem Verfasser voll und ganz gelungen: kurz und knapp und doch leichtfaßltch. Uever die Auswahl wollen wir mit ihm > rcht rechten - er hat wohl jede etnz lne Geschichte daraufhrn geprüft, ob sie gerade sür seinen Zweck geeignet ist. Für 0 e Richte: zeit hätten wir allerdings statt Nummer 2j: „Vom starken Simson" und Nr. 21: „Wie der starke Simson gefangen wird und wie er stiebt", die Geschichte des Richters Gideon lieber gesehen. Wie wünschen dem Werkchen best?» Ei fe lg. Briefkasten der Redaktion. Et. in H. Selbstverständlich ist dte hessische Fürsorgeksse für Kommunalbeamte und dte tn mehreren preußischen Provinzen, wie Hrffcn-Nafsau, im Rheinland/ in Westfalen bestehenden Kaffen mit ähnlichem Charakter der projektierten Koste für Privatbeamte entschieden vorzuztehe.i. Aber bei jenen ist der Beitritt für den Rcltgionslehrer nur fakultativ und bet dieser wird er obligatorisch. Die Erfahrung hat nun g. lehrt, daß bet jenen gerade die Lehrer in den kleinen Gemeinden dte geriNvste Aufsicht haben, deren Wohltaten tetlhafttg zu werden. Wir testen für Hessen eine genaue Statistik nach dieser Rcchlüng hin. Knapp die Hälfte ist bet der Fürsorgekaffe versichert und das sind durchschnittlich Beamte in leistungssählgeren Gemeinden. Aber selbst ett ige von den „Glücklichen" konnten die Emw.llrgung ihrer Gcmrt. du nur unter sehr drückenden Bedingungen erlangen. Aus allen diesen Gründen begrüße ich die kommende Retchsversicherung mit lebhafter Freute, ilnter Zrhrlfenahme unserer Lehrerkaffen we.den auch die Religionslehrer m. G. H. einer etn'germaßen gesicherteren Zukunft ins Auge ichauen können. Und wenn einst bei den letztgenannten Kaffrn der richtige soziale Geist eingeke^rt sein wird, wenn sie ncht mehr wie bisher dem mit voller Pension abgegangenen Bolksschullehrer und dem ärmsten Schlucker von ReltgtpnSlehrer denselben knapp bemrff.nen Anteil zuerkennen, dann wird dir Lage der cmrrMrtten NeligionSrchrer und ihrer Relikten vielleicht sogar besr edtgend werden. Gebe es Gott!