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Der Israelit · 1911-02-02 · Heft 5 (2.2.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 5 (2.2.1911)
Date
1911-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8. Nr. 5 Der JSraeltt. S. Fevruar 1S11 Lemberg, ist gleichfalls der Ansicht, daß der in den jüdischen Bevölkerungsschichten um sich greifende Pauverismus die ernsteste Beachtung verdiene. Er führt eine Reihe von statistischen Taten an, wonach kaum ein Drittel der jüdischen Familien in galizischen Städten sich mit einem Existenzminimum auszuweisen vermöge, wogegen zwei Drittel den Gemeinden, von denen sie Unterstützung erhalten, zur Last fallen. In einzelnen Ortschaften können 50 Prozent der jüdischen Einwohner nur dank der öffentlichen Mildtätigkeit ihr Dasein fristen. In Stan isla u gebe es 3700 christliche und 7200 jüdische Arme, wobei die christliche Bevölkerung 53,6, die jüdische 46,6 Prozent ausmache. Die Ursachen der Verarmung der galizischen Juden seien sehr verschieden. Als besonders schwerwiegend erscheine es, daß die Juden aus gewissen Berufs- und Erwerbszweigen verdrängt wurden und zu anderen überhaupt gar nicht zugelaffen werden. Dann inrolviere auch das Hausiergesetz, das Gesetz über die Sonntagsruhe und einzelne Bestimmungen des Beterin ärgesetzes eine überaus empfindliche Beeinträchtigung der Erwerbsmöglichkeiten für die Juden. Abg. Dr. Adolf Groß sagt, daß es den Juden trotz ihrer Bemühungen unmöglich gemacht werde, sich verschiedenen Berufen, die sonst den Nichtjuden offen stehen, zu widmen. Er beruft sich auf mehrfache Präzedenzfälle, die in Krakau vorgekommen seien. Abg. Dr. Diamant behauptet, daß für diese Zustände die Regierung und die Landesverwaltung allein verantwortlich zu machen seien und Direktor Dr. S k o r s k i bezeichnet den Mangel einer Großindustrie in Galizien als einen wesentlichen Grund der Verarmung und des wirtschaftlichen Niederganges der Bevölkerung. Gewerbeinspektor Navratil spricht die Ansicht aus, daß die christliche Bevölkerung schlechter daran sei als die jüdische. Statthaltereirat Dr. Brückner stellt in Abrede, daß bei der letzten Vergebung von Schankkonzessionen in Galizien viele Tausende jüdischer Familien um ihr Brot gebracht wurden. Abg. Dr. Ko lisch er konstatiert, daß in Galizien die Juden auf vielen Gebieten und sogar in der Landwirtschaft in erheblichem Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes betgetragen haben. Es sei daher auch ein Glbot der Notwendigkeit, die jüdische Jugend für den künftigen Beruf in geeigneteren Weise als bisher vorzuoereiten. Es sprachen noch der Krakauer Bürgermeister Dr. Leo, Handelssekretär Dr. B e n i s und mehrere andere, worauf die Verhandlung abgebrochen und auf morgen vertagt wurde. Bei Fortsetzung der Enquete erklärt Gewerbe - Instruktor Tr. Schönett, daß die Nichtzulassung der Juden zu gewissen Innungen und Korporationen in Krakau auf die geschichtliche Grundlage der betreffenden Jnnungsorganisation zurückzuführen sei. Abg. Dr. Adolf Groß stellt fest, daß die galizischen Juden vor schwerer physischer Arbeit nicht zurückschrecken. Sie erheben keineswegs Anspruch auf eine spezielle Hilfsaktion, sie streben bloß ihre Anerkennung als gleichberechtigte Bürger an. An der Duldung der jüdischen Winkelschulen (?) tragen auch die galizischen Behörden Schuld, weil sie nicht für die Errichtung geeigneter Lehranstalten und für die Heranbildung solcher jüdischer Lehrkräfte, die für die geistige Entwicklung der jüdischen Jugend geeignet erscheinen, Sorge tragen. In Galizien, das nach der Bukowina die numerisch größte jüdische Bevölkerung ausweist, sei die Zahl der jüdischen Lehrer verhältnismäßig gering. Redner verweist darauf, daß die landwirtschaftlichen Gauverbände in Galizien es sich zur Aufgabe machen, die Juden aus den Dorfgemeinden hinauszudrängen. Hierdurch werden nicht nur die Juden materiell, sondern beide Teile moralisch geschädigt, denn in dieser Weise breite sich auf der einen Seite der Antisemitismus, auf der anderen Seite der jüdische Separatismus (?) aus. Die jüdische Bevölkerung, die sich in den Städten zusammendrängt, werde durch das Steuersystem empfindlicher als das Landvolk betroffen, was ihre wirtschaftliche Lage ebenfalls beeinträchtigt. Abg. Dr. Diamant sagt, daß in der Petroleumindustrie im BoryUawer Rohölgebiete sich die Juden in hervorragender Weise betätigen. Bei Brandkatastrophen in den Naphthaschächten leisten die jüdischen Arbeiter bedeutende Dienste, was einen Beweis dafür liefere, daß die Juden schwere physische Arbeit nicht scheuen und sich bei derselben verwendbar erweisen. Der Direktor der Galizischen Hypothekenbank Dr. Fruchtmann vertritt die Ansicht, daß die Juden eine Besserung ihrer Lage nur bet völliger und unbedingter Durchführung ihrer Gleichberechtigung zu erhoffen haben. Allerdings werden sich die hier bestehenden Vorurteile erst nach langer Zeit beseitigen lassen. Bor allem sollte man für die Schaffung neuer, ausgedehnterer Arbeitsgebiete Sorge tragen. Es wäre an gezeigt, die arbeitswilligen jüdischen Elemente in größerer Zahl der Landwirtschaft zuzuführen und diese bet der Parzellierung von Gütern ebenfalls zu berücksichtigen. Wenn in Argentinien 25000 Juden im Ackerbau beschäftigt werden, so könne dies wohl auch in Galizien geschehen. Die Heranziehung der Juden zu verschiedenen Gewerbefächern wäre zur Verringerung des jüdischen Jntelligenzproletariats umso notwendiger, als ein bedeutender Teil der jüdischen Juristen keine Beschäftigung findet. In der Sitzung vom 25. führte Vizebürgermeister Dr. Aschkenase unter den Maßregeln zur Besserung der Lage folgendes an: Anstellung von Juden in den Aemtern, genaue Durchführung des Schulzwanges unter den jüdischen Kindern, Unterstützung der gewerblichen Genossenschaften, Handelsorganisationen und der Hausindustrie, Errichtung gewerblicher Lehranstalten und Schaffung eines ständigen Organs für die Statistik der Juden. Der Präsident der Krakauer Handelskammer, Dattner, beschwert sich darüber, daß von den bisherigen Schankwirten nur ein Teil wieder zur Ausübung des Gewerb.s zugelassen wurde und daß die Erhebung übermäßig hoher Schankgebühren den völligen Ruin dieses Gewerbes herbeiführe. Abg. Stand spricht den Wunsch aus, es möge auf eine Aenderung der die jüdischen Händler und Krämer besonders schädigenden Bestimmungen des Hausiergesetzes sowie des Gesetzes über die Sonntagsruhe und des Veterinärgesetzes hingewirkt werden. Mehrere Redner stimmten darin überein, daß ein positives Ergebnis der Enquete nicht zu erwarten sei, zumal die meisten ihr vorgelegten Fragen weder mit Ja noch mit Nein beantwortet werden können. Damit schloß die Enquete nach dreitägiger Verhandlung. Der Vorsitzende Landmarschall Graf Badeni betonte in seiner Schlußrede nochmals, daß der Landtag durch feinen Beschluß, die Enquete einzuberufen, den Beweis erbracht habe, daß er ernstlich gewillt sei, alle Maßregeln zu ergreifen, die geeignet seien, die Notlage der jüdischen Volksmassen zu erleichtern. Im Namen der Mitglieder der Enquete dankte der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, Tr. Simon Schaff, dem Landtage und besonders dem Landmarschall Grafen Badeni für ihre Arbeit und den guten Willen, den sie durch die Einberufung der Enquete bewiesen haben. Lemverg, 34. Jan. Aus dem statistischen Materiale, welches der Landesausschuß den Teilnehmern an der „Enquete über die Notlage der Juden in Galizien" zur Verfügung gestellt hat, geht die Tatsache hervor, daß die Zahl der Juden in Galizien in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Da andererseits die Zahl der Geburten diejenige der Todesfälle bei Juden erheblich übersteigt, so ergibt sich das Faktum daß der Ausfall ausschließlich der massenhaften Auswanderung der Juden aus Galizien zuzuschreiben ist. Dies dürfte auch der Beweggrund sein, weshalb die Veranstalter der Enquete auch die Regulierung der Emigration unter die Beratungsgegenstände aufzunehmen gedachten. # -jf * Am 12. Februar d. I. soll eine aus 2000 Personen bestehende Massendeputation der jüdidischen Schänker Galiziens unter Führung der Abgeordneten Stand und Bretter im Reichsrat erscheinen, um bei der Regierung Protest einzulegen gegen die Verfügungen der galizischen Stadthalterei in der Propinattonsfrage, durch die viele tausende jüdische Schänkersamilien Galiziens brotlos geworden sind. Ungarn. Segen Sie taufe — Beredte Wahlen. Arrdapest, 23. Januar. Die Anregung des Wiener Oberrabbiners Güdemann, eine Liga gegen die Taufezu gründen, wurde hier in Ungarn mit recht gemischten Gefühlen ausgenommen. Auch in Budapest wurde bereits ein solcher Gedanke angeregt. Diesem Plan gegenüber äußerte sich Dr. Weinmann, der Präsident der Budapester Kultusgemeinde, dahin, daß eine solche Liga nicht zweckmäsig sei, und zwar deshalb nicht, weil ja aus innerer Ueberzeugung noch kein Jude zu einer anderen Religion übergetreten ist. Dagegen aber, daß die ungarische Liga eine Filiale der österreichischen sei oder mit ihr überhaupt eine Verbindung aufrechterhalte, müsse er (wohl aus patriotischen Gründen? Die Red.) sogar protestieren. Es sei bereits wiederholt von österreichischer Seite an ihn die Aufforderung gerichtet worden, auf ein Zusammenwirken in dieser Frage hinzuarbeiten. Doch habe er jedesmal abgelehnt. Hofrat Julius Winterberg Präsident der Pester Chewra Kadischa, begrüßte diese Idee einer Ligagründung mit Freude, dagegen fand sie der Präsident der ungarischen israelitischen Landeskanzlei Dr. Moritz M e z e i „lächerlich". Denn wenn die Mitglieder und Gründer dieser Liga überzeugungstreue Juden sind, werden sie ohnehin niemals daran denken, ihren Glauben zu verlassen. Der neologe Oberrabbiner von Budapest Dr. Simon Hevesi erklärte ausdrücklich, daß eine solche Liga in Ungarn überflüssig sei, da man gegen den Abfall vom Judentum nur mit gründlicher religiöser Erziehung aufkommen könnte. Wahrlich ein schönes, treffendes Wort, wenn man nicht dabei mit Hinblick auf die ganze Geist srichtung, der Hevesi angehört, an jenes fatale: „Handelt nach meinen Worten . ... „ denken müßte! . . . Wie sehr übrigens auch in Ungarn Taufe und Mischehe verhängsvoll wirken, zeigen folgende dem eben erschienenen amtlichen statistischen Ausweise für 1909 entnommene Zahlen: Nach diesem authentischen Bericht beträgt die Zahl der Juden in Ungarn 950352. Die Zahl der jüdischen Eheschließungen erreichte 1909 7140. Die Zahl der Mischehen zwischen Juden und Christen stieg auf 658. Es ist dies die höchste Ziffer, die die Mischehe bei den ungarischen Juden bisher aufzuweisen hatte. Von diesen 658 Fällen gehörte die Braut in 340, der Bräutigam in 318 Füllen dem Christentume an. Die Zahl der jüdischen Neugeborenen belief sich auf 56123, welche 3,91°/« aller Geburten entspricht. Zieht man noch in Betracht, daß die Judenhett 4,9°/» der gesummten Einwohnerschaft des Landes bildet, so ergibt sich, daß die Geburtenzahl wesentlich geringer ist, als bet der übrigen Bevölkerung. Es muß leider auch hier konstatiert werden, daß die Abnahme der Geburten mit dem Schwinden des religiösen Geistes in den jüdischen Kreisen im engen Zusammenhang steht. Die Zahl der Totesfälle betrug im Jahre 1909 bei

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